Kapitel 10
Ich wachte vom Vogelgezwitscher auf. Ich blinzelte und wusste im ersten Moment nicht, wo ich war. Als ich neben mir ein Schnauben hörte, dämmerte es mir schlagartig und mir fielen die letzten Stunden wieder ein. Esram hatte ein zügiges Tempo vorgelegt, sodass wir nicht sehr lange brauchten. Dennoch tat mir jeder Knochen in meinem Körper von dem Ritt weh. Ich streckte mich und gähnte herzhaft.
Meine Mutter kam lächelnd angeschlendert. Ich muss unwillkürlich grinsen. Ich hatte sie lange nicht mehr so entspannt gesehen.
„Na, du", begrüßte ich sie.
„Na, du", ahmte sie mich nach und wir lachten. Es war als hätte die klare Luft hier draußen den Schmerz der letzten Jahre einfach hinfort geweht.
„Ich habe den Wald vermisst", sagte ich auf einmal und schaute mich um. Alte Bäume, die mit ihren verschlungenen Ästen versuchten den Himmel zu berühren, standen dicht an dicht. Die Sonne schien durch die Zweige und ließ alles in einem goldenen Licht aufleuchten. Unter meinen Füßen raschelte das bunte Laub, als ich mich bewegte, um zu Esram zu gelangen.
„Danke", flüsterte ich dem Tier leise ins Ohr. Wie zur Bestätigung schnaubte es leise und blies mir seinen warmen Atem ins Gesicht. Ich lächelte still.
Dann drehte ich mich zu meiner Mutter um.
„Wo bleibt Ferin?"
„Er müsste jeden Augenblick hier auftauchen", erwiderte sie und setzte sich zwischen die riesigen Wurzeln der alten Eiche.
Ich ließ meinen Blick zu dem alten Baum wandern und dann wieder zu dem Weg, der sich neben ihr her schlängelte. Schweigend starrte ich in das helle Grün und hoffte auf meinen Vater. Lange blickte ich in das Geäst.
Als ich es nicht mehr aushielt, sagte ich: „Ich suche mir mal ein stilles Örtchen." Gesagt, getan. Ich stapfte durch das tote Unterholz und berührte immer wieder Zweige und raue Stämme. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass ich endlich wieder im Wald war. Ich schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Leise fuhr der Wind durch meine Haare und die Sonne tanzte auf meinem Gesicht. Entzückt lächelte ich.
Ich wusste es tief in mir drinnen: Ich war zu Hause.
Direkt vor mir brach ein Zweig und ich riss die Augen auf. Ich starrte direkt in zwei braune Augen, die belustigt blitzten.
Mir blieb der Mund weiter offen stehen.
„Diesmal keine Begrüßung wie Oh Gott?" Cens freches Grinsen befreite mich aus meiner Starre.
„Nein, ich wüsste nicht, weshalb du so eine Anrede verdient hättest." In meiner Stimme befand sich keine Spur von der Verwunderung, die ich im Inneren verspürte. Ich wusste nur, dass ich mich nicht länger von ihm aufziehen lassen wollte. Dennoch freute ich mich insgeheim ihn zu sehen. Wieso konnte ich nicht genau sagen. Vermutlich fand ich es einfach schön endlich einige Elfen mehr um mich herum zu haben.
„Was machst du hier?"
Cen kam einige Schritte auf mich zu. Ich hob die Augenbraue und verschränkte die Arme vor meiner Brust.
Er verstand den Wink und blieb stehen.
„Ich bin dir gefolgt", meinte er leichthin.
„Was?" Nun schaute ich ihn wirklich entgeistert an. Ich konnte meine Maske nicht mehr länger aufrecht erhalten.
„Du bist mir gefolgt?", wie ein Papagei plapperte ich ihm nach, obwohl ich es nicht wollte.
„Ich sehe schon deine Auffassungsgabe ist in den letzten Tagen nicht wirklich gewachsen." Sein Grinsen vertiefte sich, bis ich das Grübchen an seiner rechten Wange sah. Es fiel mir schwer den Blick davon zu wenden. Ich blinzelte irritiert.
Diesmal zog er eine Augenbraue hoch und musterte mich neugierig. Seinen Kopf hatte er schräg gelegt und seine Augen ruhten auf mir. Er versuchte den Augenkontakt mit mir zu intensivieren.
„Ähm." Aus irgendeinem Grund fiel es mir schwer zu sprechen. Er riss erstaunt die Augen auf, sein Blick flackerte. Dann glättete sich sein Gesicht wieder und der merkwürdige Ausdruck verschwand komplett.
„Wieso bist du mir gefolgt?" Cen schaute hinter mir in die Baumkronen. Ich wusste was er tat: Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Sofort verspürte ich Unmut. Ich wünschte mir, er würde ehrlicher mit mir sein. Verdiente ich nicht ein paar Antworten? Aber vielleicht dachte er das auch von mir. Ich war schließlich nicht gerade die offenste Person gewesen und besonders nett auch nicht. Ich biss mir auf die Unterlippe und wartete einen Augenblick.
Dann fing er endlich an: „Eigentlich wollte ich nur schauen, wie es dir ging. Letztens habe ich dich vor deinem Haus gesehen. Und da du nicht so aussahst, als würdest du gleich entführt werden, bin ich ein wenig beruhigter nach Hause gegangen. Danach wollte ich dich eigentlich aus dem Gedächtnis streichen, denn ich möchte meinen Kopf nicht mit Unwichtigen belasten." Mit Unwichtigem belasten? Hatte der noch alle Sinne beisammen? Unwirsch schüttelte ich den Kopf. Cen schien es nicht zu merken. Er erzählte einfach weiter.
„Anscheinend hattest du es dir aber zur Aufgabe gemacht, meinen Gedanken keine Ruhe zu gönnen. Weißt du wie erstaunt ich war, als ich dich quasi direkt vor unserem Haus vorfand? Mit dem Mann zusammen?"
Ich erstarrte. „Du hast mich an dem Abend gesehen?" Er nickte. Ich habe laute Schritte gehört und einfach zufällig aus dem Fenster geschaut. Den dreckigen und durchlöcherten Umhang von dir habe ich sofort erkannt." Seine Augen funkelten belustigt.
„Und da dachtest du: Ach, mein Kopf ist mit so vielen wichtigen Dingen angefüllt, das Mädchen lass ich da mal im Dreck liegen. Sie sieht ja auch kaum gehetzt aus, weil sie ihren Verfolger, der nicht wirklich ein Verfolger war, nicht erkannt hatte und deswegen um ihr Leben gerannt war", ätzte ich. "Ja, wieso sollte ich ihr noch einmal helfen?"
Ich konnte nicht anders. Ich wollte nicht wie der letzte Dreck behandelt werden. Dann erinnerte ich mich an meine Gedanken von vorhin. Ich wollte doch netter sein, damit er ehrlicher mit mir wurde. Denn er verheimlichte mir wieder etwas, das spürte ich ganz deutlich und ich wurde das Gefühl nicht los, dass es wichtig war.
„Indira, ich meinte, dass ich erst einmal das Geschehen beobachtete. Mein Messer hatte ich schon griffbereit. Ich sah nicht, was er mit dir machte, also bin ich euch gefolgt bis zu eurem Haus. Als ich dann durch das Fenster spähte und bemerkte, dass ich der Wiedervereinigung einer Familie zu sah, gab ich meine Angriffshaltung auf. Ich wollte nie den Eindruck erwecken, dass ich dich verfolge, Indira, das musst du mir glauben und..." Er konnte den Satz nicht zu Ende führen, denn er wur de von der Stimme meiner Mutter unterbrochen.
„Indira, komm bitte."
Ich drehte mich um und antwortete: „Sofort."
„Ich denke, meine..." Mir blieb der Rest des Satzes im Hals stecken, als ich sah, dass Cen verschwunden war. Ich wurde aus dieser Person einfach nicht schlau.
„Indira, wo warst du denn?" Mein Vater begrüßte mich mit dieser einfachen Frage, aber ich kämpfte mit meiner Antwort. Ich entschied mich für die Halbwahrheit.
„Ich musste mal."
Einen Moment länger als nötig schaute er mir in die Augen und sagte dann: „Na gut." Ich war mir sicher, dass er es mir angehört hatte, dass ich ihm nicht alles erzählt hatte.
Er ging zu Esram und meiner Mutter, band sein Pferd los und führte es auf den Weg.
„Wir müssen noch ein kleines Stück zu Fuß laufen und dann sind wir auch bald im Lager", sagte er zu uns.
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