-Elias Naumann-
Bevor ich zum Beta ernannt wurde, wurde ich entweder in der Patrouille eingesetzt oder als Baumfäller in den Wald geschickt. Ich hatte gelernt zu erkennen, wann man Bäume fällen sollte, verschiedene Baumarten zu erkennen und mit Säge wie auch Axt Bäume unterschiedlicher Sorte und Größe zu fällen.
Auch wenn Alex Aufgabe eher eine Bestrafung sein sollte, so war ich seit langem wieder ruhig und in meinem Element. Es gab niemanden der ständig was von mir wissen wollte oder einforderte. Bloß die Ruhe des Waldes und mich. Es war schon einige Wochen her, seit ich mich das letzte Mal verwandelt hatte. Nun wieder die Nächte in Wolfsform unter freien Himmel zu verbringen, hatte etwas befreiendes. Doch ich wusste das es nach heute nicht mehr so ruhig bleiben würde.
Pascal hatte mich beunruhigend oft mit dem Funkgerät kontaktiert, wollte immer wieder einen Lagebericht und bettelte geradezu ich solle ein paar Bäume ungefällt zurücklassen. Ich war in den letzten zehn Tagen nur dreimal in der Zentrale gewesen. Und das eigentlich nur um zu duschen, da ich mich irgendwann selbst nicht mehr riechen konnte.
Pascal hatte jedes Mal auf mich gewartet, mir einen kurzen Bericht runtergerattert und sich beschwert das er nicht alleine ohne meine Zusage Entscheidungen treffen konnte. Ich hatte ihn versucht zu beruhigen. Er war kompetent genug die Zentrale und die Vorbereitungen für das Erntedankfest ohne mich zu bewältigen. Wahrscheinlich hatte er nur ein wenig Panik, weil er sich jetzt dem Gedränge des Alphapaares und der anderen Wölfe ausgesetzt fühlte.
War auch nicht meine liebste Aufgabe, doch ich hatte die letzten Jahre gelernt meine Dominanz mit Kompetenz zu ergänzen, so dass selbst die hitzigsten Wölfe im Rudel meine Worte nicht anzweifelten und ich so nervige Diskussionen vorbeugen konnte. Pascal hingegen zwang sich durch diese Diskussionen und wurde zunehmender frustrierter. Er würde mir mehr leidtun, wenn ich nicht selbst am Anfang mit sowas zu kämpfen gehabt hätte.
Ich sah hinauf zu der letzten Fichte die ich heute fällen musste. Nach dieser Fichte müssten noch zwei Buchen gefällt und zum Sägewerk gebracht werden. Danach wäre ich im Wald fertig und müsste mich mitten ins Getümmel für die Vorbereitungen stürzten. Ich seufzte tief.
Pascal kam die Tage nicht umhin mir von Williams zu berichten und mir tausende Fragen zu stellen. Ich hatte immer wieder abgeblockt. Sie hatte anscheinend auf dem Rudeltreffen und die Tage darauf nach mir gesucht. Angeblich um die Geländeerlaubnis ihrer Patienten abzuklären.
Aber Pascal und ich wussten, dass sie dafür nicht unbedingt meine Erlaubnis brauchte. Helen würde alles tun damit Williams blieb und ihr keinen Wunsch verwehren. Das sie aktiv nach mir -trotz unserer Differenzen- gefragt hatte, hatte Pascal aufhorchen lassen.
Ich konnte ihm ja schlecht erklären, dass ich mit Williams ein Streitgespräch nach Toms Unfall geführt und sie zum Weinen gebracht hatte. Er würde mich verfluchen und einen Idioten nennen, bevor er es Helen oder Alex petzen würde. Und gerade letzterer sollte aktuell so wenig Gründe wie möglich genannt bekommen, um mich weiter zu kritisieren, bevor er wieder voller ungesagter Emotionen platzen würde.
Irgendwie musste ich den richtigen Moment finden, um mit Williams zu sprechen. Sie würde bestimmt mit mir wegen unseres letzten Gesprächs sprechen wollen und ehrlich gesagt wusste ich nicht was ich sagen sollte. Natürlich war mir bewusst, dass ich mich entschuldigen sollte, doch ich erwartete eher eine Schimpftirade von der Hexe, bevor sie auf die Idee kam mir zuzuhören. Aber verdenken konnte ich ihr das nicht. Sie hätte alle Gründe, um mich laut anzuschreien und zu beschimpfen.
Ich setzte mir den Gehörschutz über meine Ohren die schon zusätzlich Ohropax drinnen hatten. Es war schneller mit der Kettensäge zu arbeiten und wesentlich sauberer. Aber für meine Ohren war es die reinste Folter ohne Schutz.
Ich setzte die Säge richtig an um den Fallkeil zu sägen und überprüfte erneut die Fallrichtung. Ich wollte so wenige junge Bäume in der Umgebung wie möglich treffen. Viele von den jüngeren Bäumen hatte ich nach dem Brand hier im Wald selbst neu gesetzt und mithilfe von Baumnymphen in Rekordzeit wachsen lassen. Der Wald hatte sich noch nicht komplett von der Katastrophe regeneriert, aber die Magie der anderen Waldbewohnern hatte geholfen den Heilungsprozess zu beschleunigen. Es wäre demnach eine Schande einen der jungen Bäume zu treffen.
Als ich den Keil in den Stamm gesägt hatte, blickte ich mich noch kurz um. Der Baum war schon über 100 Jahre alt und würde gewiss mehr als 200kg wiegen. Es war zwar um diese Uhrzeit keiner in diesem Teil des Waldes unterwegs, aber er war immer noch nah genug zum Dorf, dass es vielleicht jemand hören könnte.
Bilder aus der Nacht von Toms Unfall blitzen vor meinem inneren Auge auf. Die letzten Tage hatte ich immer vorsorglich laut gerufen das ein Baum fällt und die Kopfhörer raus getan, kurz bevor der Baum fiel. Ich ging eigentlich davon aus das jeder normale Wolf einen guten Abstand suchte, da sie von weiten die Säge hören konnten, doch selbst Tom der normalerweise sehr aufmerksam war, wurde in der Nacht von einem Baum getroffen.
Ich umrundete den Baum und setzte die Säge an, bevor ich laut in Wald vor dem fallenden Baum warnte. Als ich den Fallschnitt sägte und aus meinem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, setzte mein Herz einen Schlag aus.
„Aufpassen! Baum fällt!", rief ich erneut, bevor ich die Säge zurückzog und der Baum sich knarzend bewegte. Ich schmiss schon die Säge von mir, zog mir schnell die Kopfhörer ab und überprüfte, ob sich immer noch etwas hierher bewegte.
Als ich helle Klamotten und eine Frauengestalt sah rannte ich ohne nachzudenken los. Verdammt! Wenn ich nicht schnell genug war...Ich lief in die Richtung in die der Baum gleich fallen würde und fing die Person ab, die sich ohne der Gefahr bewusst, weiter in die Fallrichtung des Baumes bewegt hatte. Ich umklammerte ihren Oberkörper und zog sie mit mir nach links.
„Was zum...?", hörte ich es entsetzt, bevor der Baum knapp zwei Meter von uns entfernt mit einem dumpfen Knall auf dem Waldboden aufkam. Äste flogen vom gelandeten Baum ab und ich schirmte die Frau vor dem Geäst ab, die kurz voller Panik aufschrie. Als es still wurde und keine Äste mehr umherflogen, sah ich hinab. Mein Herz einen Schlag aus, als ich ihren Duft und ihre Erscheinung erkannte. Das konnte doch nur ein schlechter Wirtz sein.
Vollkommen verwirrt sah Williams mit ihren grünen Augen zu mir hinauf und zog sich ihre Kopfhörer aus den Ohren.
„Was war das?", fragte sie erschrocken, bevor ich meine Arme von ihrem Oberkörper lösen konnte. Schnell hob ich die Arme, um ihr ihren Freiraum zu lassen und atmete erleichtert aus.
„Haben Sie denn meine Warnung nicht gehört? Der Baum wäre beinah auf Sie gefallen", sagte ich ein wenig vorwurfsvoll, da ich den Schrecken noch nicht verdaut hatte. Warum musste diese Frau ausgerechnet jetzt im Wald unterwegs sein? Nach ihren hochgebundenen Haaren und den enganliegenden Sportklamotten nach zu urteilen, zum Laufen.
„Woher hätte ich das denn wissen sollen?", fragte sie aufgebracht und ich schüttelte bloß den Kopf, bevor ich mich auf meinen Knien abstützte.
„Wozu schreie ich denn in den Wald hinein und sage das ein Baum fällt?", fragte ich etwas zickiger als beabsichtigt. Williams zog ihre Brauen hoch und sah von mir zur Fichte, bevor auch sie seufzte.
„Ich war wohl in Gedanken und hatte die Kopfhörer drinnen. Tut mir leid. Hätte ich gewusst das aktuell noch Baumfällerarbeiten erledigt werden, wäre ich gar nicht erst laufen gegangen."
Kaum hatte sie das ausgesprochen, meldete sich mein schlechtes Gewissen. Williams sah vollkommen durch den Wind aus. Ich hörte ihr Herz unaufhörlich schlagen und ihr Blick wanderte immer noch zum Baum. Das ich ihr Vorwürfe machte, obwohl sie fast von einem Bam getroffen worden war, half ihr gerade bestimmt nicht.
Ich richtete mich etwas auf und strich mir die Haare aus der Stirn.
„Nein, du musst dich nicht entschuldigen. Es ist meine Schuld. Ich hätte die Ohrschützer früher abnehmen müssen, um sicher zu gehen das keiner in der Nähe ist."
Williams nickte zögerlich und nahm wohl meine Entschuldigung an, bevor ihr Blick meinen Körper hinab glitt. Es war kaum eine Überraschung für mich das sich eine leichte röte auf ihrem Gesicht bildete. Eine mir mittlerweile bekannte Reaktion von ihr, wenn ich ohne Oberteil durch die Gegend lief.
„Pass am besten das nächste Mal besser auf. Dann passiert sowas sicherlich nicht wieder", fügte ich noch warnend hinzu, damit ihr Blick wieder zu meinem Gesicht wanderte. Ich wusste das sie Freizügigkeit nicht gewohnt war, aber während ich im Wald mehrere Tage unterwegs war, sind Klamotten nicht gerade auf meiner Liste ganz oben. Ich hatte bloß eine locker sitzende Stoffhose an, da dies angenehmer beim Fällen war, aber auf den Rest hatte ich verzichtet. So hatte ich weniger in meiner Wolfsgestalt zu schleppen.
Da ich die Situation nicht noch unangenehmer gestalten wollte, drehte ich mich um und lief zurück zum Baumstumpf und der Säge. Beinah hätte ich erwartet sie würde es dabei belassen und zurück zum Dorf laufen. Doch ich hörte kurz darauf ihre Schritte die mich verfolgten.
„Warst du deshalb die ganzen Tage nicht im Dorf?", fragte sie urplötzlich und ich blieb stehen. Ich ließ meinen Kopf in den Nacken fallen. Sie wollte ernsthaft jetzt darüber sprechen? Ich hatte erwartet, dass sie sich von dem Schock erstmal erholen müsse, doch nach einem Blick zurück sah ich eine ernste und mit verschränkten Armen stehende Williams mich auffordernd ansehen.
„Was meinst du?", fragte ich frei heraus. Sie deutete auf den Baum und dann den Wald.
„Du willst mir doch nicht ernsthaft das du wegen dem Bäume fällen weg und die ganze Zeit nicht erreichbar warst?"
Ich schmunzelte nach dem sie dies so entsetzt formulierte.
„Doch. Genau so war es", sagte ich, bevor ich mich zu meiner Tasche bewegte in der all meine Werkzeuge und Sachen drinnen waren. Williams brauchte einen Moment und das Gesagte zu verstehen, denn sie sah immer noch ungläubig aus.
„Warum solltest du ausgerechnet jetzt zum Bäume fällen raus gehen? Du hast das Rudeltreffen verpasst und dein Stellvertreter muss all deine Aufgaben für das Fest übernehmen!", sagte sie vorwurfsvoll. Wahrscheinlich wollte sie nicht zugeben, dass sie die ganzen Zeit nach mir gesucht hatte und suchte deswegen Gründe um sich zu beschweren.
„Glaub mir das war nicht meine Idee, obwohl ich sagen muss das die Arbeit im Wald nicht annährend so schlimm war, wie sie gemeint war", sagte ich, bevor ich mir meine Wasserfalsche schnappte und die halbe Flasche leerte.
Williams legte ihren Kopf schräg und sah mir zu.
„Wenn es nicht deine Idee war von wem dann? Ich dachte du hättest genug Arbeiten zu erledigen und wärst unverzichtbar", sagte sie den letzten Teil etwas ironisch.
Ich legte die Flasche zurück in die Tasche.
„Ich muss dir doch nicht etwa erklären wer über mir steht und die Gewalt dazu hat mich dahin zu kommandieren, wohin er will?", fragte ich rhetorisch und Williams Brauen zogen sich zusammen. Ich schnappte mir die kleinere Axt und wollte damit anfangen die Äste der Fichte abzuschlagen, doch Williams stellte sich mir in den Weg.
„War das eine Bestrafung von Alex? Ist das etwa wegen mir?", fragte sie unverblümt. Etwas erschrocken war ich schon. Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich trauen würde mich das zu fragen. Seufzend strich ich mir übers Gesicht.
„Du kannst es so interpretieren wie du willst. Ich verstehe Alex auch nicht vollkommen. Ich schätze mal die Aktion war eine Bestrafung für mein Verhalten die ganzen letzten Wochen über", sagte ich so ehrlich wie möglich. Das war ich ihr immerhin schuldig. Verstehend nickte sie. Ich wollte weiterlaufen und das Gespräch damit beenden, doch sie fragte weiter.
„Hast du es ihm erzählt?"
Was, wollte ich beinah fragen. Es gab so viel zu erzählen. Ich drehte mich zu ihr um. Sie sah ernst zu mir herüber. Ihr Herz schlug schnell und ich bemerkte das nervöse Zittern ihrer Finger. Sie hatte wirklich Angst das ich ihm irgendwas von unserem Gespräch mitgeteilt hatte? War ihr ihre Magielosigkeit so unangenehm? Meine Gedanken ratterten und ich fühlte mich überfordert. Sie hatte sich mir gezwungenermaßen anvertraut und hatte gehofft ich würde die Klappe halten. Das war offensichtlich. Wenn ich ihr jetzt sagen würde, dass ich ihre „Schwachstelle" gegenüber Alex thematisiert hatte, würde es sie vollkommen vom Rudel distanzieren.
Ich strich mir übers Gesicht und rief mir Helens Worte ins Gedächtnis. Keine weiteren Worte zu Williams die sie aufregen könnten. Nur eine Entschuldigung und hoffen sie sieht darüber hinweg.
„Ich habe Helen und Alex nichts gesagt was, sie nicht schon längst wussten."
...
Hallo,
ich hoffe es hat euch gefreut, mal wieder Elias Sichtweise zu erleben :)
Tut mir leid wegen der Verzögerung. Es kann sein, dass dies die nächsten Wochen öfter passieren wird. Aktuell geht es jemanden in meiner Familie gesundheitlich sehr schlecht und das hat für mich Vorrang. Ich versuche, aber weiterhin wöchentlich ein Kapitel hochzuladen, kann nur nicht versprechen das es immer montags sein wird.
Liebe Grüße Myra
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