10. Dezember

Tamika saß am Esstisch und machte Hausaufgaben im Stillarbeitsbereich. Nein, das war nicht ganz richtig. Sie versuchte, Hausaufgaben zu machen. Normalerweise störte sie die Lautstärke nicht, denn die herrschte hier immer (auch wenn die Betreuer, insbesondere Elias, sie regelmäßig ermahnten, zumindest hier ruhig zu sein).

Nur nervte sie, dass das Thema des Geschnatters dasselbe wie seit Tagen war.

„Finn ist bestimmt nur abgehauen, weil er Aufmerksamkeit wollte."

„Was? Nee, der Typ ist nur arg schlecht dadrin, seine dunkle Seite zu verbergen. Falls das überhaupt eine Seite und nicht einfach sein Charakter ist."

„Was redet ihr da? Finn wurde sicher entführt." -
„Warum ist er dann zurück?" -
„Wäre ich ein Entführer, würde ich ihn nicht wollen, du etwa?"

Schon in der Schule hatten die anderen Schüler fast nur über ihn geredet. Seine Befragung, sein Verschwinden und seine Wiederkehr waren für alle von den typischen Lästerern bis hin zu den Geeks der Stoff für Witze und Gespräche. Selbst die Crackheads waren für eine Weile aus ihren außerweltlichen Sphären gekommen und hatten mit ihnen spekuliert. Nicht, dass sie nicht sonst auch über ihn redeten, doch blieb es normalerweise unter den beliebten Leuten.

Das an sich war nervig genug, um ihr die Laune zu vermiesen, aber es blieb nicht dabei.
Olivia, Taro, Louise und eine Menge anderer Mitschüler hatten sie außerdem zu ihm ausgefragt. Tamika verstand nicht, wieso. Nur weil sie in demselben Haus lebten, hieß das nicht, dass sie über jedes noch so winzige Detail seines Lebens Bescheid wusste!

„Übrigens ist es ja nicht so, als wäre ich die einzige Waisin an der Schule! Warum fragen sie nicht auch mal... Keine Ahnung, Marko Wiedemann oder so?", hatte sie sich echauffiert, als sie endlich einen ruhigen Moment hatte.

Seth hatte mit den Schultern gezuckt.

Dann hatte er vorgeschlagen: „Vielleicht, weil die anderen denken, ihr wärt zusammen. Oder zumindest, dass du auf ihn stehst."

Das kam unterwartet. Allerdings sprach Seth dermaßen selten, dass sie nicht sauer sein konnte. Wenn sie nicht alleine waren, redete er sonst kaum ein Wort.
Also hatte sie bloß gefragt, wie er darauf käme.

„Naja, alle sagen das. Du hast ja gewissermaßen seinetwegen mit Adrian Schluss gemacht. Außerdem hast du doch letztens Hausarrest bekommen, weil du mit ihm draußen warst. Da kann man schonmal denken, dass... Du weißt schon. Aber es stimmt ja eh nicht... Oder?"

Das hatte Tamikas fuchsteufelswild gebracht. Heutzutage konnte man nicht mehr für Gerechtigkeit kämpfen, ohne in Schubladen gesteckt zu werden und es machte sie krank.
Setzte sie sich für jemand anderen ein, musste immer irgendeine Intention dahinter stecken, was anderes war undenkbar.
Was war aus „Liebe deinen Nächsten", insbesondere in der Weihnachtszeit, geworden?

Noch jetzt, wären sie ihre Französischhausaufgaben machte, kochte sie vor Wut.

Als ihr Blick auf die Uhr fiel, realisierte sie allerdings, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte.

Tief atmete sie ein und aus.

„Okay, Tamika", motivierte sie sich selbst, „wenn du dich jetzt noch einen Moment auf den Subjonctif konzentrierst, hast du es bald geschafft."

Sie hatte nämlich vor, später noch mit ihren Freunden nach Weißwesen zum Bummeln zu fahren.
Eine Klassenkameradin, Clara, lebte dort und hatte angeboten, sie und ihre Freunde zum Einkaufen zu fahren, unter der Bedingung, dass Tamika ihr ein Outfit zusammen stellte, da Clara ihren Stil liebte.

Der einzige Haken an dem Plan war, dass Clara von ihrem Vater abgeholt werden würde und der nur einen Viersitzer fuhr. Doch Tamika wollte nicht bloß Louise oder Seth oder Adrian oder Olivia mitnehmen.
Okay, genau genommen wollte Sie Olivia gar nicht mitnehmen, aber das war eine andere Sache.

Also ist sie gestern ihre Betreuer fragen gegangen. Erst hatte sie sich an Elias gewandt - nicht, weil er so großzügig war - im Gegenteil: Sie hatte darauf gebaut, dass er sich darüber aufregte und laut würde.

Natürlich klappte es, Elias wurde dauernd laut, zumindest bei den älteren Kindern.

Er hatte sich beschwert, Sprit sei teuer und dauernd wollten die Kinder neue Klamotten, obwohl die alten gut passten. Darauf war erst Zhuri angesprungen, die gemeint hatte, Styles änderten sich von Zeit zu Zeit und sie wolle ebenfalls neue Kleidung kaufen.

Als nächstes waren ein paar jüngere Waisen darauf angesprungen. Sie meinten, sie wollten auch mitkommen und ein paar Weihanchtsgeschenke kaufen.

Während Elias ihnen deswegen einr Standpauke über „das liebe Geld" hielt, war Seppl ins Zimmer gekommen. Ein paar Minuten hatte er bloß zugehört und dabeigestanden. Kaum war sein Kollege aus dem Zimmer, hatte er sich aber bereit erklärt, sie zu fahren und ihnen etwas Geld zu geben.

Tamika liebte es, wenn ihre Pläne funktionierten.

Sie sah auf ihr Blatt und dann auf die Uhr. Sie war alles andere als fertig mit ihren Aufgaben, doch sie hatte nur noch 5 Minuten. Sie würde es wohl einfach später machen... oder auch nicht.

Ihre Französischsachen brachte sie in ihr Zimmer und ging dann ins Bad, um ihr Make-up noch mal aufzufrischen und auf die Toilette zu gehen.

Um Punkt 14 Uhr trat sie aus dem Haus.

Vor der Tür stand bereits der graue Kleinbus, der eigentlich Elias gehörte, den aber normalerweise Seppl fuhr. Seppl hatte nämlich kein Auto und Elias hatte zwei, deshalb erlaubte er ihm oft, es zu fahren.

Beinahe alle waren schon da, aus Tamikas Sicht fehlten eigentlich nur noch der schwarze Wagen ihrer Klassenkameraden und Olivia. Nicht, dass sie sie vermisste, aber sie hatte unbedingt mit ihnen kommen wollen. Nicht ganz heimlich hoffte sie, dass Olivia es vergessen hatte.

In diesem Moment fuhr ein prunkvoller roter Sportwagen vor. Clara stieß einen beeindruckten Laut aus, doch Tamika sah demonstrativ weg.

Dieses Auto... Sie konnte von so etwas nur träumen. Nur konnte sie das unmöglich zugeben, denn er gehörte Olivias Mutter.
Olivia machte sich ohnehin schon dauernd über ihre Armut lustig, da musste sie ihr nicht auch noch Futter für ihre Sticheleien geben.

Olivia stieg aus und kam auf sie zugelaufen. Der Wagen fuhr davon und Tamika sah dem Auto heimlich hinterher.

„Heeey, Leute!! Ich bin daahaa! Habt ihr mich schon vermisst?", begrüßte sie die Gruppe.
Louise und Adrian gab sie außerdem Küsschen auf die Wangen.

Wann immer sie das tat, konnte sich Tamika nicht entscheiden, ob sie lachen oder weinen sollte.
Seit Olivia vor ein paar Jahren für eine Woche in Frankreich im Urlaub gewesen war, hatte sie sich immer als Französin vorgestellt und als solche aufgespielt, weil ihre Eltern angeblich französische Wurzeln hätten. Tamika bezweifelte das stark; ihr Französisch klang nicht wie das einer Französin. Eher, als hätte sie zu viele escargots gegessen und jetzt sei ihr davon schlecht.

„Mon Dieu! Was ist das denn?", spottete Olivia gerade.

Tamika sah auf: ein schwarzer Wagen fuhr vor.

„Das ist das Auto meiner Familie", antwortete Clara verwundert.

Olivia schüttelte den Kopf.
„Ich weiß, was das ist: das ist ein Škoda Octavia... Bah, der ist so billig, das ist voll abstoßend."

Damit wandte sie sich an Tamika:„Und welchen Wagen fährt dein..." Sie gesikulierte mit den Händen, als fehle ihr ein Wort. „... was auch immer?"

Tamika zog die Lippen ein.

„Er ist mein Betreuer, Olivia, und er fährt den Wagen vor der Haustür."

Olivia rümpfte die Nase und presste die Lippen so zusammen, dass es aussah als hätte sie einen Punkt als Mund, wie in einem Cartoon.

„Ich fahre bei dir mit", sagte sie entschieden zu Clara.

„Ähm", machte sie, während Olivia schon auf dem Weg zum... was sagte sie? Soda Octavian? Während sie eben auf dem Weg zum Auto war.

Tamika schnaubte. Sie hasste Olivia für ihre Arroganz. Als sei sie was Besseres oder als wäre das Vermögen ihrer Familie ihr Verdienst! Ha! Sie ließ sich bestimmt selbst das Zimmer von einer Bediensteten aufräumen. Falls ich je reich werde, darf ich niemals so sein, legte Tamika für sich selbst fest. Niemals durfte sie so enden.

Dadurch, dass sie sich über Olivia aufregte, bemerkte sie nicht, wie sich die Anderen auf die beiden Autos verteilten. Tamika bekam bloß mit, dass sich der Platz vor dem Waisenhaus leerte, also steuerte sie instinktiv auf den schwarzen Wagen zu.

Eine Hand tippte ihr von hinten auf die Schulter, was sie dazu veranlasste, anzuhalten und sich umzudrehen.
Es war Adrian, der verlegen drein blickte.

Er fragte: „Würde es dir was ausmachen, im Auto deines Betreuers mitzufahren? Ansonsten bin ich mit Seth allein da und, na ja, ich kenne ihn halt nicht so gut und möchte keine peinliche Stille riskieren. Im Kleinbus wäre nämlich noch ein Sitz frei... wenn du magst, kannst du neben mir sitzen."

Besonders prickelnd war diese Idee für sie nicht. Immerhin hatte Klara sie allein eingeladen, weshalb sie erwartet hatte, bei den anderen Mädchen mitfahren zu können. Andererseits war da dieser Blick von Adrian...

Nein.
Er könnte es so auffassen, dass sie wieder an ihn interessiert sei.

Ihren erhöhten Herzschlag ignorierend, schüttelte sie deswegen den Kopf und sagte: „Ich würde eigentlich lieber bei Clara mitfahren."

Adrian verkniff sich ein Lächeln.
„Du weißt schon, dass du dann zwischen ihr und Olivia sitzen musst, oder?"

Er deutete hinter sie und fügte hinzu:„Und wie es aussieht, streiten sie sich gerade."

So landete Tamika neben Adrian, Zhuri vor und Seth hinter sich.
In dem Neunsitzer befanden sich außerdem Seppl (klar, er fuhr) und vier Kinder, so um die 11 Jahre alt, zwei davon aus dem Waisenhaus.

Beinahe die ganze Zeit unterhielten sich die beiden in den Vordersitzen leise, während die kleinen Kinder Songs grölten und in ihren Sitzen hüpften.
Adrian und Tamika versuchten unterdessen, sich ebenfalls zu unterhalten, Seth hatte wegen der Quälgeister neben und hinter ihm schon lange aufgegeben.

Aber irgendwann wurde der junge hinter Adrian zu aufgedreht und begann, im Beat gegen den Sitz zu kicken. Adrian beschwerte sich bei Seppl, der sie dann bat, aufzuhören. Als sie das nicht taten, schaltete er die Musik komplett aus und drohte, er würde sie wieder zurückfahren, würden sie jetzt nicht aufhören. Sofort halbierte sich der Geräuschpegel um mehr als die Hälfte.

Als Seth und Adrian nach einer Weile in eine Konversation über Harry Potter abdrifteten, klinkte sich Tamika aus; sie interessierte sich für kaum etwas weniger. Sie beschloss stattdessen, die Aussicht zu genießen.

„Ist das dein Ernst, Zuzu? Wer sonst ist so gut darin, dich zu nerven?", neckte er.

Überrascht hob Tamika die Brauen. Dass sie Spitznamen füreinander hatten, war ihr neu. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass sie sich so nahe standen.

Mit zusammengebissenen Zähnen erwiderte Zhuri: „Nenne mich noch einmal Zuzu und ich tue dir Dinge an, die ich momentan nicht aussprechen kann, weil uns die Kinder hören könnten." Dabei funkelte sie ihn zornig an.

Seppl lächelte.

„Und, triffst du dich mit irgendwem in Weißwesen?", überging er ihre offensichtliche Drohung nonchalant.

Skeptisch die Augen verengt, schüttelte sie den Kopf.

„Dann könnte ich dich doch begleiten, nicht?"

Zhuri setzte sich gerader hin und verschränkte die Arme.
„Nein, danke."

Mittlerweile waren sie angekommen. Seppl begann, einzuparken.

„Bist du sicher?"

Er war kaum zum Stehen gekommen, da öffnete Zhuri die Tür des Kleinbusses und sprang, den Warnton des Autos ignorierend, aus dem Wagen. Die Tür knallte sie zu und schreckte die Kinder, Seth und Adrian auf. Verdattert sahen sie alle Zhuri nach.

Seppl zog die Handbremse an. Es war wie ein Startschuss: sofort schnallten sich die Kinder und Adrian ab; Seth hatte mit seinem Gurt etwas zu kämpfen, da er den erwischt hatte, der klemmte. Tamika bemühte sich, ihm zu helfen und sich trotzdem zu beeilen.

Draußen standen Clara, Olivia und Louise schon bereit, hinter ihnen sah man den schwarzen Škoda noch wegfahren.

„Da seid ihr ja endlich", meckerte Olivia und schüttelte ihre karamellbraunen Wellen. „In der Zeit hätte ich schon zweimal zu Starbucks gehen und zurückkommen können."

Adrian verdrehte heimlich die Augen, Tamika sah es trotzdem und grinste in sich hinein. Clara schlug vor, Olivia könne sich jetzt etwas bei Starbucks holen gehen. Sie würden solange schonmal Shoppen gehen.
Die Anderen fanden das gut.
Seth und Louise gingen mit Olivia, die restlichen Drei steuerten den erstbesten Klamottenladen an.
Im Laden ging Tamika direkt ans Raussuchen.

Diese Zeit war fast perfekt für ihr Ziel: es gab noch Überbleibsel der Herbstkollektion, aber es dominierten schon die Farben blau, rot, grün und weiß, wovon etwa die Hälfte Teil ihres Stils war.

Sie ließen sich einen Gürtel zurücklegen und suchten nebenan weiter, wo die anderen Drei wieder zu ihnen stießen.
Bis sie ein komplettes Outfit zusammengestellt hatten, berieten Tamika und Adrian Clara, während Louise und Olivia selbst shoppten. Anfangs fragten sie ebenfalls Seth um Rat, er war aber leider nicht so hilfreich wie Adrian, also gaben sie das schon bald auf.

Letztendlich fanden sie ein schwarzes Hemd aus Leinen, einen dunkelblauen Poncho, eine Jeans mit hohem Bund, dazu eine hellblaue Umhängetasche und einen braunen Gürtel zum Akzentuieren.
Clara war begeistert.

Sie, Louise und Olivia wollten danach noch weitershoppen, Tamika hingegen bekam langsam Hunger.

Adrian erklärte sich bereit, mit ihr zu gehen, wofür sie dankbar war. Alleine zu essen war einsam. Sie bot Seth an, mit ihnen zu kommen, doch er lehnte ab, also brachen sie zu zweit auf.

Erst liefen sie einfach etwas herum, bis sie irgendwann eine ansprechende Pizzeria fanden. Dort aßen und redeten sie. Es war alles super, bis es ans Bezahlen ging. Wie gewohnt fragte der Kellner: Wollen Sie eine Rechnung haben oder zahlen Sie getrennt?"

Wie selbstverständlich wollte Adrian für sie beide bezahlen, doch Tamika hielt ihn gerade noch so davon ab.

Ihr gefiel es ganz und gar nicht, wenn ihre Freunde für sie bezahlten, das taten sie schon viel zu oft. Der Waisin war es peinlich, nicht genauso locker mit ihrem Geld umgehen zu können wie die anderen. Sie hatte nun mal begrenzt viel Geld, welches sie sich entweder hart erarbeiten oder von ihren Betreuern erfragen musste. Deswegen kam sie sich schon vor wie eine Goldgräberin...

Als sie die Pizzeria verließen, war es bereits lange dunkel draußen, trotzdem waren in der Ladenstraße noch viele Leute unterwegs. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie noch eine halbe Stunde hatten, bis Seppl sie abholen würde.

Die restlichen Vier, nahmen sie an, waren wohl noch irgendwo unterwegs oder schon von Claras Vater mitgenommen worden.

Als sie Adrian die Uhrzeit nannte, schien er plötzlich in Eile. Ohne zweimal darüber nachzudenken, nahm er sie bei der Hand und bog nach links ab.

Mit gerunzelter Stirn sah sie auf Adrians Hand in ihrer herab. Sie überlegte, ihre Hand wegzuziehen. Einerseits war sie schön warm und weich, andererseits wollte sie ihn nicht denken lassen, sie sei noch an ihm interessiert. Damit entschied sie sich, es dabei zu belassen. Und so schlimm war es ja nun auch wieder nicht...

Tamika nahm an, Adrian habe noch etwas zu erledigen; vielleicht, ein Weihnachtsgeschenk in einem besonderen Laden, hier in Weißwesen, zu besorgen.
An sich dachte sie jedoch nicht darüber nach, wohin sie gingen. Adrian hatte wohl seine Gründe.

Während sie schweigend nebeneinander her liefen, pfiff ihnen der Wind um die Ohren und Menschen schlenderten oder eilten an ihnen vorbei.

In den bunt geschmückten Lädenauslagen waren viele schöne Dinge zu sehen: alles von Spielzeug über teuren Schmuck und teure Klamotten bis hin zu Essen und selbstgemachten Dingen von Kleinbetrieben.

Einige Schaufenster waren nur noch spärlich beleuchtet; die Läden hatten schon geschlossen. Dadurch konnte Tamika umso besser ihre Reflexion in den Scheiben erkennen. Dort spiegelten sich nämlich Adrian und sie wieder wieder.
Sie sahen so perfekt und gleichzeitig so gegensätzlich nebeneinander aus. Klar, ihre Stile ähnelten sich auf den ersten Blick und der Größenunterschied war gering, doch da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Besah man sich ihre Klamotten genauer, erkannte man die Logos der teuren Marken auf seinen, wohingegen ihre zu Teilen noch nicht einmal lesbare Etiketten hatten, geschweige denn bekannte Logos.

Auch an ihrer Körpersprache sah man den Unterschied: Während Adrian selbst jetzt, vor sich hin grübelnd, den Kopf hoch erhoben hielt, als sei es sein Recht, dahin zu gehen, wohin er auch wollte, hielt Tamika instinktiv immer den Kopf leicht gesenkt. Selbst wenn sie auf Konfrontationskurs war, musste sie sich anstrengen, selbstbewusst zu bleiben, denn ihr sagte nie jemand, dass sie es wert war.

Sie hatte und würde auch in Zukunft vermutlich immer kämpfen müssen - sie war eine Frau, sie war schwarz und sie war arm - und das spiegelte sich ebenfalls in ihrer Körpersprache wieder. Wann immer sie nicht darüber nachdachte, ballten sich ihre Fäuste, als müsste sie das tun, um sich zu schützen.

Doch nicht Adrian, nein, seine Hände waren fast immer entspannt als sei das Leben für ihn ein Kinderspiel. Vielleicht war es das auch, Tamika wollte darüber nicht urteilen.

Nach einer Weile brach er das Schweigen: „Weißt du eben, im Restaurant, hätte ich liebend gerne für Dich gezahlt. Das macht mir nichts aus.“

Schnaubend antwortete sie: „Danke, ich kann für mich selbst sorgen.“

Hastig nickte er und versicherte:„Klar, klar, das weiß ich. Es ist nur so, dass... oh, wir sind gleich da!“
Er zog sie in eine Nebengasse und beschleunigte seine Schritte. Dabei sah er abwechselnd nach links und rechts, als suche er etwas. Tamika sah ebenfalls hin, konnte aber nichts erkennen. Sie ließ seine Hand los

„Was ist hier? Wo sind wir?“

So plötzlich, dass Tamika in ihn rein lief, blieb er stehen. Nur vereinzelt Läden waren hier noch geöffnet, weshalb das Licht fast ausschließlich von den Notbeleuchtungen kam. Es war keine Menschenseele in Sicht, nur ab und zu vereinzelte Menschen, die an der Nebengasse vorbeihuschten.
Wäre sie zum Beispiel mit Finn oder Zhuri hier, fände Tamika es gruselig, aber Adrian war ja bei ihr und so fühlte sie sich wohl.

„Was wolltest du mir zeigen?“, bohrte sie nach.

Unerwarteterweise sagte er: „Weißt du, bei einem Date bezahlt normalerweise der Mann.“

Tamika verzog das Gesicht. Darum ging es ihm also?

„Das war kein Date.“

Beschwichtigend hob er die Hände. „Hey, das dachte ich zuerst auch nicht. Das Ding ist bloß, dass du mir gemischte Signale gibst. Mal träumst du vor dich hin, während dein Blick immer gerade zufällig auf mir ruht, doch im nächsten Moment kann ich kaum Atmen, ohne von dir angesehen zu werden, als sei ich der Teufel höchstpersönlich. Ich möchte einfach nur wissen, woran ich bin. Es ist in Ordnung, wenn du nur noch mit mir befreundet sein möchtest, aber ich will endlich ein eindeutiges Zeichen.“

Es war süß, wie unsicher er jetzt vor ihr stand. Jetzt, da er sie mit seinen Welpenaugen so ansah, fragte sie sich wirklich, warum sie je mit ihm Schluss gemacht hatte. Er war perfekt.

Klar, da war die Sache mit Finn gewesen, aber warum sollte sie sich für ihn einsetzen? Als Tamika heute morgen am Frühstückstisch saß, hatte Elias Nadja erzählt, Finn sei vor Kurzem deshalb abgehauen, weil er sie alle nicht leiden könne. Da war natürlich die Frage, warum sie jemandem helfen sollte, der sie hasste.

Also schmiss sie ihre Prinzipien über Bord und trat näher zu Adrian.

„Weißt du was?“, flüsterte sie und ihr Atem bildete Wölkchen, „ich glaube, ich halte es doch ganz gut mit dir aus.“

Adrian grinste und führte mit dem Kopf eine ruckende Bewegung aus. Als sie ihn fragend ansah, drückte er sanft ihr Kinn hoch, sodass ihr Blick in den Himmel fiel.

Dort oben hing eine Wäscheleine zwischen den beiden Häuserfronten gespannt, daran hing ein Mistelzweig.

„Wie kitschig“, kommentierte Tamika, während sie lachend den Kopf wieder senkte.

„Kann schon sein, aber der Autorin ist nichts Besseres eingefallen“, sagte der winzige, versnobte Wi-

„Nein, es gefällt mir. Es hat einen magischen Vibe.“
Den fourth wall break bemerkte sie gar nicht, viel zu laut pochte ihr Herz und viel zu nah stand Adrian.

Dieser raunte: „Meinst du nicht einen Flaire?“

Tamika verdrehte die Augen. Statt einer weiteren Antwort, überbrückte sie den Abstand zwischen ihnen und küsste ihn.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top