»'I love you' is all that you can't say«
Bis Silvester hatte Sebastians Zustand sich tatsächlich deutlich verbessert. Jedenfalls wachte er nicht mehr mitten in der Nacht aus Verlangen nach Drogen auf. Seine Kopfschmerzen waren offenbar auch verschwunden und bis auf einen leicht unruhigen Schlaf, zeigte er keine Auffälligkeiten.
Jim behielt ihn dennoch im Auge.
„Ich habe von Menschen gehört, die in Indien Tiger jagen", sagte Sebastian und deutete auf den Fernsehbildschirm. „Denkst du, der Tiger-Teppich ist aus Indien?"
Just in diesem Moment stolperte James, der Butler von Miss Sophie, erneut über jenen Teppich. „Ich denke, er ist lediglich ein Mittel, um die Komödie auszuschmücken und besitzt keine weitere Hintergrundgeschichte", befand Jim. Sebastian gab einen nachdenklichen Laut von sich und legte dann den Arm um Jim.
„Bist du dir sicher, dass wir nicht in eine Bar wollen?", fragte er. Jim schüttelte den Kopf.
„Ganz sicher. So viele Menschen in Hochstimmung wecken in mir nur die Mordlust."
„Denkst du, deine Eltern ahnen etwas?"
Jim drehte seinen Kopf zu Sebastian und blickte ihn fragend an. „Was sollen sie ahnen?"
„Naja, das mit uns." Sebastian kratzte sich verlegen am Nacken. „Ich meine ja nur. Sie hatten absolut nichts dagegen, dass wir hierbleiben und haben nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als du meintest, du würdest lieber nicht mit zu dieser Party gehen, sondern mit mir hierbleiben." Tatsächlich hatten ihre Eltern, die wie jedes Jahr zu Freunden feiern gegangen waren, nichts dagegen gesagt, dass Jim und Sebastian allein im Haus blieben - denn Richard war vor zwei Tagen zu seiner Freundin gegangen, um den Rest der Ferien mit ihr zu verbringen.
Jim schnaubte. „Bild dir darauf bloß nichts ein. Ich habe sie nur so trainiert, dass sie mich in Ruhe lassen, wenn ich das will. Und zu dieser dummen Silvesterparty ihrer Freunde gehe ich schon lang nicht mehr."
Sebastian zuckte mit den Schultern. „Trotzdem. Sie haben so wissend geguckt."
„Du bist paranoid."
„Ich weiß."
Schweigend beobachteten sie, wie der Butler schwankend von Platz zu Platz ging und ein Glas Champagner nach dem anderen hinunterstürzte.
Nach einer Weile linste Jim auf die Uhr an der Wand und stöhnte laut auf. „Wir sitzen hier schon mindestens drei Stunden, wie kann es da erst elf Uhr sein?!"
„Komm schon, lass uns wenigstens etwas spazieren gehen, Jim. Das ist die letzte Gelegenheit in diesem Jahr."
Jim murrte zwar, erhob sich dann jedoch und verließ wenig später zusammen mit Sebastian das Haus.
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Es war kalt draußen und Niesel wurde von Windböen direkt in ihre Gesichter geweht, doch Sebastian schien dennoch ziemlich zufrieden zu sein. „Siehst du, das ist doch viel schöner." Jim wusste nicht, was er unter »schön« verstand - auf der Ha'penny Bridge, auf der sie standen, wimmelte es von Menschen, die auf das Feuerwerk warteten, welches über dem Wasser stattfinden sollte.
„Ich friere und werde nass", knurrte Jim zerknirscht, woraufhin Sebastian ihn lachend an sich zog.
„Dann lass mich dich wärmen." Missmutig verschränkte Jim die Arme, während Sebastian seinen Arm um Jims Taille geschlungen ließ. Das würde er vermutlich nicht tun, wären die Menschen um sie herum ihnen nicht völlig fremd.
„Komm schon, sei nicht so griesgrämig." Sebastian drückte ihn noch ein wenig näher an sich. Ausnahmsweise trug er heute keine Lederjacke, sondern einen schwarzen Mantel, den er trotz des Windes offenließ und in den er Jim nun leicht mit hinein zog. „Wir müssen lächelnd ins neue Jahr."
Jim verdrehte die Augen. „Bis dahin sind es aber noch zehn Minuten und solange kann ich so griesgrämig sein, wie ich will."
„Du bist manchmal wirklich anstrengend." Sebastian grinste zu ihm hinunter, als wäre das die höchste Art eines Kompliments.
„Sagt der Typ, der mich mitten in der Nacht bei Regen und im Winter nach draußen geschleppt hat."
„Dafür bist du der, der sich alle zehn Minuten beschwert hat, dass erst zehn Minuten um sind und dem ich nur ein wenig Ablenkung beschaffen wollte."
Jim schnaubte erneut.
„Jim?" Sebastian piekte ihn nach einer Minute des Schweigens in die Seite, woraufhin Jim leicht zusammenfuhr und ihn böse ansah. „Küsst du mich, wenn das neue Jahr beginnt?"
Jim ließ seinen Blick wieder zur Wasseroberfläche schweifen, die im Licht von Laternen und anderen angebrachten Lichtern schimmerte. „Das überleg ich mir noch."
Sebastian ließ seinen Arm sinken und gab Jim somit frei. Gerade als Jim ihn verwirrt ansehen wollte, zog Sebastian ihn vor sich und legte seine Arme von hinten um ihn. Er lachte, als Jim einen überraschten Laut von sich gab. „Das war leider die falsche Antwort", brummte er und vergrub die Nase in Jims Halsbeuge, sodass der seine warmen Atemzüge auf seiner Haut spürte. Jim bemerkte, wie er sich versteifte, als Sebastian so nah an einer so empfindlichen Stelle war. Sebastian schien das nicht mitzubekommen. Er murmelte etwas Unverständliches und Jim konnte den Schauder nicht unterdrücken, der seinen Rücken hinunterjagte.
Er wusste auch nicht, wieso, aber es war seltsam, was Sebastian tat. Nicht unangenehm, nur fremd und irgendwie... entblößend? „Was hast du gesagt?", fragte Jim nach, in der Hoffnung, dass Sebastian sich für die Antwort kurzzeitig von ihm lösen würde, damit Jim sich auf dieses unbekannte Gefühl beim nächsten Mal vorbereiten konnte.
Tatsächlich ließ Sebastian von ihm ab, ruhte stattdessen seinen Kopf auf Jims Schulter, was wenigstens ein wenig besser war, obwohl Sebastian ein wirklich spitzes Kinn hatte. „Ich habe gesagt, dass die Leute mir leidtun."
Jim runzelte die Stirn, den Blick weiterhin auf die Wasseroberfläche gerichtet, die sich im Wind kräuselte und Wellen schlug. „Warum?"
Sebastians Stimme war ungewohnt warm und sanft, als er antwortete: „Na weil sie dich nicht haben."
Jim wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Also blieb er still. Plötzlich fühlte er sich beinahe schlecht, dass Sebastians Nähe immer noch seltsam für ihn war, während sein Freund solche Sätze von sich gab. Ihm wurde bewusst, dass er Sebastian wohl nie vollends ebenbürtig sein konnte - was die Gefühle anging. Er wusste mittlerweile, dass er Sebastian brauchte. Und Sebastian brauchte ihn ebenso. Doch gleichzeitig liebte Sebastian ihn. Wirklich. Wahrhaftig.
Das war befremdlich und beinahe beängstigend, weil Jim sich nicht sicher war, ob er so etwas ebenfalls für Sebastian fühlte. Es war unfair Sebastian gegenüber.
Aber, dachte Jim, Sebastian wird es nie erfahren. Ich bekomme das hin.
Er würde alles versuchen, um Sebastian-
Jim wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als Sebastian seine Lippen vorsichtig an Jims Hals legte. Dieses Mal kämpfte er dagegen an, zu erstarren. „Denk nicht wieder zu viel nach, Jim", flüsterte Sebastian und Jim fragte gar nicht erst, woran sein Freund dies bemerkt hatte. Vermutlich war er einfach nicht so unauffällig, wie er dachte. Hoffentlich wusste Sebastian nicht auch, worüber er nachgedacht hatte.
„Wieso hast du plötzlich nichts mehr dagegen, anderen zu zeigen, dass du schwul bist?", fragte Jim völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Er konnte förmlich spüren, wie Sebastian die Stirn runzelte, obwohl er das gerade nicht sehen konnte.
Langsam brachte Sebastian ein wenig Abstand zwischen sich und Jim, sodass Letzterer sich zu ihn umdrehen konnte. „Ich weiß nicht", begann Sebastian bedächtig. „Es interessiert mich einfach nicht mehr, was die Anderen denken. Sie kennen mich nicht. Und wieso sollte ich nicht zeigen dürfen, dass ich dich liebe?" Sobald der letzte Satz seine Lippen verließ, klappte Sebastian den Mund zu, wirkte schon beinahe erschrocken.
Jim wandte sich ab und zuckte zur Antwort nur leicht mit den Schultern. Weil ihm wieder keine passende Entgegnung einfiel und weil er Recht gehabt hatte und das bedeutete, dass er vermutlich auch damit Recht hatte, was seine eigenen Gefühle für Sebastian anging.
„Das war jetzt irgendwie überstürzt", bemerkte Sebastian. „Tut mir leid, Jim, ich wollte dich nicht überrumpeln oder so. Ich-"
„Schon gut", unterbrach Jim ihn. „Hast du nicht."
„Ähm, okay. Gut." Sebastian schien darauf zu warten, dass Jim noch etwas sagte, aber er blieb still. Also setzte Sebastian noch einmal an, etwas zu sagen: „Jim, ich-"
Auf einmal fingen die Menschen um sie herum an, laut von zehn rückwärts zu zählen. Sie lachten und jubelten dabei.
9...
Jim drehte sich zu Sebastian um, lächelte ihn an. „Schon gut."
8, 7...
Sebastian erwiderte das Lächeln. Er stellte sich neben Jim an das Brückengeländer, ließ ihn dabei jedoch nicht aus den Augen.
6, 5...
„Du bist schön", wisperte Sebastian, was Jim eigentlich gar nicht hätte verstehen können. Sein Freund lächelte auf ihn hinunter und irgendwas in Jim verkrampfte sich.
4, 3...
Er weiß gar nicht, wer ich bin, dachte Jim. Er hasste sich für diesen Gedanken. Natürlich wusste Sebastian, wer er war. Er hatte ihn in seinen besten und in seinen schlimmsten Momenten erlebt.
2...
Nun ja, in schlechten Momenten. Jim betete, dass Sebastian ihn nie in den schlimmsten Momenten erleben musste.
Sebastian sah ihn so erwartungsvoll an. Da fiel es Jim wieder ein.
1...
Jim zog Sebastian zu sich hinunter und sie küssten sich just in dem Moment, in dem die Leute um sie herum zu jubeln begannen und das erste Feuerwerk des neuen Jahres gezündet wurde.
Sebastian hielt Jim fest, als wollte er ihn nie wieder loslassen. Jim versuchte, sich zu revangieren, indem er Sebastian so lang küsste, bis ihm die Luft ausging und dann noch länger, sodass seine Gedanken stumm geschaltet wurden und er einen Moment nur Sebastian und den Wind und den Regen spürte und selbst diese letzten beiden Dinge verblassten irgendwann.
Sebastian war es, der sich schließlich nach Luft schnappend aus dem Kuss löste und das war vermutlich gut so, weil Jim sonst in den nächsten Sekunden möglicherweise einfach umgekippt wäre. Sein Freund grinste so breit und glücklich auf ihn nieder, dass er beschloss, diese Benommenheit einfach hinzunehmen.
Dann trat Sebastian wieder an ihn heran und Jim dachte, er würde ihn erneut küssen, aber Sebastian legte nur seine Stirn an Jims und blickte mit funkelnden Augen in seine. „Ich liebe dich", stieß er hervor.
Wie seltsam es war, dass sie erst seit einigen Tagen offiziell zusammen waren. Doch Sebastian hatte Recht - es fühlte sich wirklich viel länger an. Vielleicht hatte es auch schon früher angefangen, als sie Beide dachten. Vielleicht war schon am Anfang deutlich gewesen, worauf das alles hinauslief.
Normalerweise hätte Jim jetzt wohl gelacht, denn immerhin klang das schon beinahe nach Schicksal, woran er da dachte. Und das gab es nicht. Aber vielleicht gab es es doch und vielleicht war es wirklich Schicksal gewesen.
Es stimmte. Sebastian brauchte ihn. Aber Jim brauchte Sebastian vielleicht noch viel mehr.
Sebastian war sein Anker. Er war es, der ihm in seinen Albträumen die Hand reichte und aus der Strömung zog und ihn vor der Dunkelheit rettete. Er war es, der die Bilder verdrängen konnte, die er nicht aus Reue, sondern als Warnung jede Nacht sehen musste. Der langsam sein Denken zu übernehmen schien, ihn aus dem Sturm seiner Gedanken rettete, blieb er zu lang darin gefangen.
Sebastian war es, für den er sich Mühe gab. Für den er sich langsam änderte; aus dem schwarzen, unförmigen Holz seiner Seele etwas schnitzte, das Sebastian tatsächlich lieben konnte.
Sebastian war es, um den er sich fürchtete. Für den er deutlich zu viel tun würde. Der ihm deutlich zu sehr ans Herz gewachsen war.
Er baumelte schon lange über einen Abgrund und nicht selten hatte er überlegt, die Seile zu kappen, die ihn hielten. Einmal hatte er es getan. Und er hatte sich kaum selbst wiedergefunden. Sebastian schien ihn langsam hinauf zu ziehen. Auf eine Ebene, auf der nicht die Dunkelheit und wispernde Stimmen regierten.
Jim wusste, dass er Sebastian um jeden Preis beschützen musste. Ohne ihn würde er den Verstand verlieren. Ohne ihn würde er sich selbst verlieren.
Soldaten wurden für den Krieg ausgebildet. Sebastian war der Soldat. Und der Krieg tobte in Jims Innerem.
Sebastian konnte ihm helfen und Jim würde im Gegenzug dazu ihm helfen. Er wusste nicht, ob Sebastian es überhaupt realisierte, ob er wusste, dass Jim ihn so sehr brauchte, dass es ihn körperlich und psychisch so abhängig machte wie Sebastian von seinen Drogen. Nur auf andere Art und Weise.
Jim wünschte sich, er könnte das alles aussprechen, es in Worte fassen. Es gab Worte, das auszudrücken. Drei Worte. Aber Jims Kehle verengte sich, dachte er auch nur darüber nach, sie zu sagen.
Also küsste er Sebastian nur erneut, hoffte, dass er damit alles auch ohne Worte ausdrücken konnte und dass es Sebastian reichte, weil er ihm bereits alles gab, was er zu geben hatte. So gut wie alles.
Sebastian war sein Halt. Seine Verankerung in der wirklichen Welt. Er konnte Jims Dämonen nicht zähmen, schaffte es jedoch, sie unter Kontrolle zu halten. Er half ihm mehr, als er wusste und mehr als er wissen sollte.
Er zeigte Jim, wie man am Leben blieb.
»«
Hey :)
Okay, ich muss zugeben, jetzt bin ich etwas niedergeschlagen, weil ich eine Pause von der Geschichte mache, da ich dieses Kapitel mag. Also... sehr mag. Es ist nicht perfekt und an einigen Stellen habe ich einfach nicht die richtigen Worte gefunden, aber es gefällt mir irgendwie.
Und der erste, der einen wichtigen Satz findet, bekommt einen Cookie. 🍪
Dies wird jetzt, wie gesagt, erst einmal das letzte Kapitel für einige Zeit bleiben. Für hoffentlich nicht allzu lange.
Ich finde ja, es hätte schlimmer kommen können. Es gibt keinen Cliffhanger oder so etwas und ich habe das Gefühl, ein wichtiger Punkt im Buch ist erreicht.
Wie auch immer, ich will euch jetzt nicht wieder volltexten. Wie immer hoffe ich, es hat euch gefallen (schreibt mir gern eure Meinungen, Vermutungen und Verbesserungsvorschläge in den Kommentaren) - ich werde jetzt erst einmal meine innere Autorin mit Stöcken pieksen bis sie sich endlich aufrafft und produktiv wird.
Wir lesen uns (hoffentlich) bald wieder!
LG
Tatze.
PS: Bin ich die Einzige, die Tracy Chapmans Stimme liebt? Ich meine, dieses Lied (oben eingefügt) ist einfach nur wunderschön.
PPS: Vielleicht gehe ich irgendwann mal zu gesitteten Zeiten ins Bett - aber sicher nicht heute!
PPS: An manchen Orten der Welt ist noch Mittwoch. Keine Ahnung, wo. Geografie. Uäh.
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