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Always wanted to be one of those people in the room
That says something and everyone puts their hand up
~Julia Michaels
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Angel kam den ganzen Tag nicht in die Schule. Ich schrieb ihr mehrmals, doch sie antwortete nicht und sie reagierte auch nicht auf meine Anrufe.
Würde ich nicht wissen, dass sie ihr Handy eigentlich immer tonlos hatte und dass sie wahrscheinlich nicht einmal wusste, wie sich ihr Klingelton anhörte, hätte ich mir echt Sorgen gemacht. Doch ich wusste es und so erklärte ich mir ihre Abwesenheit damit, dass sie etwas tat, dass ihr wichtiger als der langweilige Unterricht war und bei dem sie vergaß, auf ihr Handy zu schauen.
Ich fand es ein wenig unfair, dass Angel ausgerechnet heute nicht da war. Durchgehend verspürte ich den Drang, jemanden davon zu erzählen, dass Dorian Price mich auf seine Party eingeladen hatte, doch da Angel abwesend war gab es niemandem, mit dem ich darüber reden konnte.
Andererseits: wäre Angel da gewesen hätte Dorian mit ihr und nicht mit mir gesprochen und infolge dessen hätte er auch nicht mich sondern sie eingeladen. Zum ersten Mal seit Jahren fand ich es nicht gut, in dem Schatten meiner besten Freundin zu stehen.
Wir hatten heute lange Unterricht, weshalb ich in der Cafeteria Mittagessen musste. Ich betrat also den großen Raum durch die riesige Glastür und sofort schlug mir Stimmengewirr und Essensduft entgegen.
Okay, Essensduft war vielleicht nicht das richtige Wort. Das Essen hier war schrecklich: manchmal war es kalt, manchmal noch etwas roh, manchmal versalzen und manchmal schmeckte es, als wären es noch Reste vom letzten Monat. Außerdem roch es nicht gerade gut.
Angel fuhr oft mit ihrem Motorrad zur Schule, weshalb sie sich meistens während der Mittagspause wegschlich und zu einem Laden ganz in der Nähe fuhr, um uns etwas zu essen zu besorgen, das einem nicht das verlangen gab, sich sofort übergeben zu müssen. Wir setzten uns dann meistens in eine Stille Ecke, damit wir in Ruhe essen konnten und kein Lehrer uns sah und bemerkte, dass wir Essen hatten, dass wir eigentlich nicht haben durften. Aber weil Angel nicht da war musste ich mich wohl mit den Cafeteriafraß zufrieden geben.
Ich sah mich kurz um und entdeckte einen Tisch auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, an dem ein paar Leute saßen, die ich aus 3 meiner Kurse kannte. Da ich mich bis jetzt immer gut mit ihnen verstanden hatte und ich sie sogar als meine Freunde bezeichnen würde, würde man mich fragen, was sie für mich waren, entschloss ich mich, mich zu ihnen zu setzen, nachdem ich mir mein Essen geholt hatte.
Ich drängelte mich also zwischen den vielen Tischen hindurch und versuchte, niemanden anzurämpeln, während ich zur Essensausgabe vordrang.
Dort angekommen nahm ich mir ein Tablett und reihte mich hinter bestimmt 2 Dutzend anderen Schülern ein, die darauf warteten, ihre Teller füllen zu können. Ich seufzte resigniert. Das könnte eine Weile dauern.
Ich stellte mein gerade genommenes Tablett auf den kleinen Vorsprung vor der Glasscheibe, die mich von den verschiedenen Gerichten trennte, die angeboten wurden und seufzte.
In Momenten wie diesen musste ich immer mit Erschrecken feststellen, wie abhängig ich tatsächlich von Angel Garcia war. Sie war diejenige, die mich zu sozialen Kontakten zwang und die dafür sorgte, dass ich mich nicht in mein kleines Schneckenhaus zurück zog. Sie war es auch, die mich immer neuen Personen vorstellte und mich in Gespräche mit einbezog, wenn sie merkte, dass ich einfach nur still daneben saß.
Ich hatte schon immer Probleme damit gehabt, Freunde zu finden und auch mit Angel war ich nur befreundet, weil sie mich zuerst angesprochen hatte. Mittlerweile war das alles etwas besser geworden, da Angels Verhalten ein wenig auf mich abfärbte, trotzdem passierte es nur selten, dass jemand zu mir kam, wenn ich alleine war, da es einfach unglaublich schwer war, sich mit mir zu unterhalten, wenn ich die Person, die mit mir sprach, kaum kannte. Ich war dann einfach immer sehr vorsichtig und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Wenn ich nicht so introvertiert wäre, dachte ich mit einem Anflug von Bedauern, würde ich wahrscheinlich auch nicht immer alleine herumstehen, wenn Angel gerade nicht da war.
Und dann würde ich auch nicht alleine an der Essensausgabe stehen und mich fragen, ob es wirklich okay war, wenn ich mich zu Menschen an den Tisch setzte, bei denen ich normalerweise nie saß.
Und definitiv würde ich mir nicht immer und immer wieder den Kopf darüber zerbrechen, wie man einen Menschen anspricht, dem man näher kommen wollte (oder in meinem Fall: musste). Ich würde einfach zu ihm hin gehen und ein Gespräch beginnen. Doch meine eigene Schüchternheit hielt mich davon ab.
Als ich merkte, wohin meine Gedanken schon wieder abdrifteten, rollte ich genervt von mir selbst mit den Augen. Irgendwann würde Nathan Edwards mich noch verrückt machen und das nur, weil ich viel zu viel über ihn nachdachte.
Ich war nun endlich an dem Punkt angelangt, an dem ich niemanden mehr in der Schlange vor mir stehen hatte und ich sagte der gestressten Kantinenchefin, Miss Winchester, meine Bestellung.
Sie lud mir etwas auf meinen Teller, dass gewisse Ähnlichkeit mit Käsemakkaroni hatte, nahm mein Geld an und quittierte mein freundliches "Dankeschön" mit einem gehetzten Nicken.
Ich machte mich schnell daran, zur Seite zu gehen, damit der Schüler, der hinter mir stand, sein Essen bestellen konnte und blieb dann ein paar Meter von der Ausgabe entfernt stehen.
Mein Blick viel auf den Tisch, an den ich vorhatte, mich zu setzen und ich sah, dass noch zwei Stühle frei waren: einer zwischen Susan Santiago und Amy Cole, die in Englisch genau vor mir saßen und mit denen ich mich einmal eine halbe Stunde lang darüber unterhalten hatte, was wohl passieren würde, wenn Spider Man jemanden beißen würde, und einer zwischen Tony Forbes und Luca Greene, die mir immer wieder mal in Mathe halfen, wenn ich den Faden verlor und nur noch Bahnhof verstand.
Ich gab mir selbst einen Ruck und lief dann entschlossen auf den runden Tisch zu, an dem ich hoffentlich bald sitzen würde.
Ich steuerte auf den Platz zwischen Amy und Susan zu (Marvel schaffte größere Verbindungen als Mathe) und kam leicht nervös vor dem Tisch zum stehen.
Als die fünf Leute am Tisch mich bemerkten, unterbrachen sie ihre Unterhaltung und sahen mich neugierig an. Wie ich erleichtert feststellte lächelten sie alle freundlich, als sie mich erkannten.
"Hi.", grüßte ich sie mit einem schüchternen Lächeln, "Würde es euch etwas ausmachen, wenn ich mich zu euch setze?"
Meine unsichere, ängstliche, pessimistische Seite machte sich schonmal bereit, sich fürs Stören zu entschuldigen und dann einfach auf dem Klo zu essen, wie man es manchmal in Filmen sah, doch ich hörte auf den mutigen Teil in mir und rannte nicht sofort wie ein kleines Kind davon.
Okay, es war vielleicht ein bisschen übertrieben, wie ich mich in diese ganze Sache hinein steigerte, doch ich war nunmal kein Mensch, der viel Selbstsicherheit besaß und deswegen war das hier für mich ein einziger Horror.
"Natürlich, River, setz dich!", sagte Luca Greene augenblicklich und seine grünen Augen sahen mich freundlich an. Eine riesige Last fiel mir von den Schultern ab, die ich auf einmal ein wenig unnötig fand.
Ich stellte mein Tablett ab und setzte mich dann auf den roten Plastikstuhl, der ein leises Quitschen von sich gab, als ich näher an den Tisch heran rückte. Dankbar lächelte ich in die Runde.
"Wir haben gerade über die Party gesprochen, die Dorian Price angeblich schmeißen will, weil Adam Garcia zurück kommt.", klärte mich Susan über ihre Unterhaltung auf und ich konnte nur darüber staunen, wie schnell sich Neuigkeiten verbreiteten, wenn sie an einer High School erzählt wurden.
"Ja, davon habe ich auch schon gehört.", nickte ich und pickste mit meiner Gabel in eine Nudel hinein, die überraschend essbar aussah. Es war natürlich ein wenig untertrieben, dass ich sagte, ich hätte davon gehört, wenn ich praktisch die Erste gewesen war, die davon erfahren hatte, doch ich wollte nicht angeberisch klingen, indem ich ihnen erzählte, dass Dorian Price mich persöhnlich eingeladen hatte.
"Adam soll anscheinend von der Austauschschule geflogen sein, weil er das Auto des Direktors mit ein paar Böllern in die Luft gejagt hat. Natürlich ist das Unsinn, so einfach bringt man kein Auto zum explodieren, aber stellt euch mal vor, was wäre, wenn das stimmen würde!", brachte sich nun Tony in die Unterhaltung ein und seine Augen leuchteten bei dem Gedanken.
"Naja, Böller allein würden wahrscheinlich nicht reichen, man bräuchte auch noch ziemlich viele Feuerwerkskörper und eine ganz lange Zündschnur, damit man außer Reichweite ist, wenn das Auto in die Luft geht.", fing nun Amy an und sie und Tony fingen sofort an, über verschiedene Wege zu diskutieren, wie man Autos in die Luft jagen konnte. Das die Beiden die Jahrgangsbesten in Chemie und Physik waren, war nur schwer zu übersehen.
"Also, stimmt es?", fragte mich Luca auf einmal, nachdem wir alle eine Zeit lang Amy und Tony zugehört hatten. "Hat Adam wirklich so etwas in der Art getan?"
Natürlich war allen klar, dass ich darüber Bescheid wusste, da jeder, der mich kannte auch wusste, dass ich ziemlich viel mit der Familie Garcis und somit auch mit Adam zu tun hatte.
"Nein, ganz bestimmt nicht.", lachte ich und Amy und Tony sahen tatsächlich ein bisschen enttäuscht aus.
"Er hat ein paar Stripperinnen dafür bezahlt, in der Aula vor der gesamten Schule zu tanzen.", erzählte ich, nachdem alle mich neugierig angesehen hatten. "Und da er davor schon nicht gerade ein Musterschüler gewesen ist, haben sie ihn endgültig raus geschmissen."
"Ja, das klingt schon eher nach ihm.", nickte Luca grinsend und wir alle wussten genau, was er meinte. Adam war ein Mensch, der liebend gern Streiche spielte, doch er achtete immer sehr genau darauf, dabei niemanden zu verletzen oder irgendetwas kaputt zu machen. Sein motto war "Verwirren und nerven, nicht verletzen und zerstören".
"Also, zurück zum eigentlichen Thema", machte Amy auf sich aufmerksam, "Geht ihr auf die Party?"
"Ich nicht.", sagte Tony sofort, "Gideon und ich wollen was essen gehen und danach einen Filmabend machen, um unser Einjähriges zu feiern."
Ein verträumtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er das sagte und seine braunen Augen hatten auf einmal einen warmen Glanz in sich.
Gideon war Tonys Freund und er war Erstsemestler an einem College ganz in der Nähe, soviel wusste ich. Manch anderer hätte Tony über seine Beziehung ausgefragt, doch ich fand, dass das seine Sache war und nicht meine und solange er glücklich war, konnte er machen, was er wollte, mich ging das nichts an.
"Ich bin auch raus.", zuckte Susan mit den Schultern, "Meine Eltern sind auf irgendeine Wohltätigkeitsveranstaltung eingeladen und ich muss auf meine kleine Schwester aufpassen."
Sie fuhr sich durch die Feuerroten Korkenzieherlocken und rümpfte ihre Nase, die mit Sommersprossen übersäht war. Es war kaum zu übersehen, dass sie viel lieber auf die Party gehen wollte, als den Babysitter spielen zu müssen.
"Ich gehe auf jeden Fall!", meinte nun Amy und sie lachte vorfreudig, "Seit Angel Garcia ihren Achtzehnten Geburtstag gefeiert hat, hat niemand mehr eine richtige Party geschmissen!"
Wir alle dachten kurz an die riesige Party, die Angel ganz allein für sich selbst auf die Beine gestellt hatte und bei der wahrscheinlich die ganze Schule gewesen war. Sie hatte sogar extra eine Karaoke Anlage gemietet, die bei den vielen betrunkenen Teenagern unglaublich gut angekommen war. Lieder wie "Party In The USA", "Sweet Caroline" oder "Don't Stop Believin'" waren praktisch im 5 Minuten Takt in die Mikrofone geschmettert worden.
Ich selbst hatte nicht gesungen und Angel soweit ich wusste auch nicht, doch ich war auch schon um halb zwölf gegangen, da mir die ganzen betrunkenen Menschen, die alle Hemmungen fallen ließen, irgendwann ein bisschen zu viel geworden waren.
"Ich komme auch.", sagte Luca grinsend, "Ich will mir die Haare am Freitag Nachmittag neu färben und wenn die Party Samstag steigt kann ich es dort sofort jedem zeigen."
Er zeigte auf seine Haare, die zu einem etwas längeren Undercut geschnitten waren und die im Moment in einem tiefen rot glänzten. Seine Naturhaarfarbe - schwarz - kam jedoch langsam schon wieder zum Vorschein.
"Und du, River?", fragte mich nun Tony und alle sahen wieder mich an. Ich hatte mir gerade eine Gabel voll mit Makkaroni in den Mund geschoben und ich kaute nun etwas schneller, damit sie nicht so lang warten mussten.
"Mir bleibt irgendwie nichts anderes übrig, als hin zu gehen.", sagte ich langsam, nachdem ich die Makkaroni herunter geschluckt hatte.
"Oh, stimmt, Angel wurde natürlich eingeladen und sie schleppt dich doch immer mit, oder?", meinte Tony nun und es sollte sich wahrscheinlich gar nicht so gemein anhören, wie es geklungen hatte.
"Nein, uhm, eigentlich wurde ich eingeladen.", rückte ich nun endlich mit der Sprache heraus und alle sahen mich erstaunt an.
"Warte, was?", fragte Amy perplex, "Von wem?"
Ich war ihnen nicht böse, dass sie so überrascht waren. Ich war es ja ebenfalls. Ich war nunmal nicht die Art von Person, die von den "coolen" Leuten persöhnlich eingeladen wurde, während die anderen einfach kamen. Und ich hatte damit auch immer leben können.
"Dorian Price hat mich heute morgen gefragt, ob es stimmt, dass Adam zurück kommt und als ich ja gesagt habe, hat er gesagt, dass er eine Willkommenesparty feiern will und dass ich eingeladen bin.", erklärte ich und zuckte mit den Schultern.
"Wow", sagte Susan und ein bisschen Neid schwang in ihrer Stimme mit, "Dorian Price kennt echt deinen Namen. Das ist sowas von selten."
Ich lachte kurz auf. "Von wegen!", sagte ich und es klang ein bisschen verbitterter als beabsichtigt, "Er hat mich Riley genannt!"
Amy lachte kurz auf. "Naja", kiecherte sie, "wenigstens der Anfang war richtig."
"Ehrlich gesagt war ich selbst darüber ziemlich erstaunt.", grinste ich ein wenig zurückhaltend und meine Tischgenossen nickten zustimmend.
"Ich wohne seit ich denken kann in seiner Straße und er nennt mich immer noch Lucas!", rief Luca aus und schüttelte missbilligend den Kopf, doch man sah ihm an, dass es ihn nicht wirklich störte. An manche Dinge gewöhnte man sich eben mit der Zeit und irgendwann waren sie es nicht mehr der Mühe wert, dass man sich über sie ärgerte.
Ich lachte und schob mir eine weitere Gabel Makkaroni in den Mund, doch als es beim Kauen immer wieder laut knackte, da die Teigware noch ziemlich roh war, verging meine Freude. Ich schluckte das Essen in meinem Mund mit viel Überwindung herunter, legte dann mein Besteck zusammen und schob meinen Teller von mir weg. Ich würde garantiert keinen Bissen mehr anrühren.
"Das Zeug ist echt wiederlich.", kommentierte Susan mit gerümpfter Nase, nachdem sie einen Blick auf mein Tablett geworfen hatte.
"Das kannst du laut sagen.", brummte ich, "Normalerweise besorgt Angel immer irgendwas anderes, aber sie ist ja nicht da."
Es überraschte keinen meiner Mitschüler, dass Angel sich Mittags wegschlich und das hatte ich auch nicht erwartet. So war meine beste Freundin eben und jeder wusste, dass sie meistens ihren eigenen Kopf hatte.
"Du kannst dich echt glücklich schätzen, ihre beste Freundin zu sein.", meinte Amy und ich meinte, für einen kleinen Moment Neid in ihrer Stimme zu vernehmen. Doch dieser Moment war schnell vorbei und ich war mir sicher, dass ich mir das nur eingebildet hatte.
Trotzdem ging mir ihre Aussage gegen den Strich. Es hörte sich an, als wäre Angels Freundschaft ein Preis, den man gewinnen konnte und als hätte sie mich ausgewählt. Außerdem hörte es sich an, als könne Amy diese Entscheidung nicht ganz nachvollziehen. Und auch, wenn ich es auch nicht so richtig verstand, gefiel es mir ganz und gar nicht, dass ich anscheinend für jeden nur die glückliche war, die Angel Garcias beste Freundin sein durfte.
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Wow, ich lebe noch!
Es ist echt Monate her, dass ich mich das letzte Mal gemeldet habe und ich weiß nicht einmal, woran das genau liegt. Irgendwie war meine Motivation einfach weg. 🤷🏻♀️
Doch jetzt bin ich wieder da mit einem neuen Kapitel und ich hoffe ihr verzeiht mir die lange Pause. 😁
Stay happy
~Nora
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