Prolog
„Denkst du manchmal noch an sie?"
Eine Strähne ihres schwarzen Haares fiel ihr ins Gesicht, doch sie kümmerte sich nicht darum.
„Ich will nicht glauben, dass sie alle fort sind."
Eine Hand fuhr ihr sanft durchs Haar, doch es tröstete sie nicht, es trieb ihr nur die Tränen in die Augen.
„Ich kann nicht glauben, dass sie ihr Leben für uns riskiert haben. Für einen Plan, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt war", redete sie weiter, als er nichts erwiderte.Verzweiflung machte sich mit jedem weiteren Wort in ihr breit und sie sank kraftlos zu Boden.
„Das war alles sinnlos", murmelte sie, „Ihre Opfer waren sinnlos. Es ist zu spät. Wir hätten fliehen sollen, als wir noch Zeit dazu hatten."
„Nichts war umsonst."
Er zog sie in seine Arme und sie spürte die Geborgenheit sofort.
„Es ist noch nicht zu spät. Die anderen sind immer noch dort draußen. Wir können sie retten."
„Aber unsere Schwestern und Brüder sind tot, unsere Freunde sind fort."
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Lufthauch, doch der Mann neben ihr konnte sie verstehen.
„Wir hätten uns niemals von den Anderen trennen sollen. Es war unsere Schuld, unser vorschnelles Handeln hat die Goa'uld so mächtig gemacht."
„Aber wir haben es getan. Wir wollten kämpfen wir wollten keine leeren Versprechen mehr und nicht weitere Jahrhunderte warten, bis die Goa'uld endlich gestürzt wären."
Er seufzte leise und lehnte seinen Kopf an ihren.
„Wir hätten zusammenarbeiten müssen, uns zu trennen war falsch und das ist nun der Preis dafür. Jetzt liegt es an uns unsere Schuld zu begleichen, wir müssen sie retten und die Völker des Universums aus der Sklaverei befreien. Vielleicht können wir dann eines Tages zurück, vielleicht sind wir dann keine Ausgestoßenen mehr."
„Aber wir werden niemals dazugehören, Janosh", erwiderte sie und ließ ihren Kopf gegen seine Schulter fallen, „Wir werden immer die Ausgestoßenen sein."
„Ich weiß", war alles was der junge Tok'ra erwiderte.
Janosh's letzte Worte hallten in ihren Ohren wider und sie blinzelte um die Bilder zu vertreiben.
Als sich ihr Blick wieder klärte, überkam sie ein schwermütiges Gefühl. Einsamkeit. Wenn sie in Nadjas Erinnerungen eintauchte, fühlte sie sich ihr so nah. Es tat so weh, wenn die Erinnerungen endeten und sie erkennen musste, dass die Tok'ra es ihr niemals selbst erzählen könnte.
Misha ließ den Kopf hängen und versuchte die Tränen zurückzuhalten.
Die Fünfzehnjährige wollte nicht, dass er sie so sah. Sie wollte nicht, dass er wusste wie schlecht es ihr ging seid er studierte und sie sich seit fast zwei Monaten nicht mehr gesehen hatten.
Ein trauriges Lächeln erschien auf ihren Lippen während sie ihre Schritte beschleunigte bis sie lief.
„Sokrovishche!" Plötzlich packte sie jemand sanft am Arm und stoppte sie somit abrupt.
„Alles ok?"Ein besorgter Ausdruck trat sofort in seine Augen, als er ihre feuchten Augen sah. „Wieso bist du gerannt?"
„Ich wollte schneller zu dir", gab sie leise zurück.
„Nur dumm, dass ich hinter dir war und dich erst einholen musste." Ein sanftes Lächeln trat auf seine Lippen und er beugte sich zu ihr hinab, um sie zu küssen.
Die Schmetterlinge in ihrem Bauch erwachten aus ihrem Winterschlaf und sie schloss die Augen. Sie hatte Angst gehabt dieses Gefühl zu vergessen.
„Es tut so gut dich zu sehen." Sie schmiegte sich an ihn und er legte seine Hände um ihre Hüfte.
„Wie geht es dir?" Er lehnte seine Stirn an ihre und sie versank in seinen dunklen Augen und hoffte, dass er die Frage einfach wieder vergessen würde. Sie wollte nicht über sich reden.
Doch er runzelte die Stirn und strich ihr eine mittlerweile lange, blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.
Misha seufzte leise und löste sich von ihm. „Ich will nicht über mich reden."
Sie suchte seine Hand und er verschränkte seine Finger mit ihren, während sie langsam weitergingen.„Wie ist dein Studium?"
Nun war es an ihn zu seufzen, doch bevor er den Kopf hängen ließ konnte sie das Glitzern, das sie so sehr liebte, noch sehen. Er liebte es und sie freute sich für ihn.
„Du liebst es." Ein leichtes Lächeln trat auf ihre Lippen und er sah wieder auf. „Ich sehe es in deinen Augen, Mikush."
„Aber ich will nicht über mich reden." Sofort trat ein besorgter Ausdruck in die Augen des Achtzehnjährigen, der sie den Blick niederschlagen ließ. „Ich mach mir Sorgen um dich."
Die Fünfzehnjährige erwiderte nichts, sondern machte sich daran in ihr Baumhaus zu klettern. Es war das erste Mal seit Apophis sie entführt hatte, dass sie hier war und sie erstarrte, als eine Erinnerung vor ihren inneren Augen aufblitzte.
„Hey!" Sie spürte wie Mikush sie mit einer Hand zu sich heranzog, um sie zu stützten damit sie nicht vom Baum fiel.
„Alles ok", murmelte sie kopfschüttelnd und blinzelte die Bilder energisch weg.
„Vielleicht war es doch nicht so gut uns hier zu treffen?" Mikush zog sich neben ihr auf die Plattform und zog sie sofort ganz nah zu sich heran.„Es tut mir leid."
„Es ist ok", murmelte sie.
„Also wie geht es dir?" Seine Stimme war so sanft, sie konnte spüren wie sehr er sich sorgte, doch sie wollte ihn nicht in seiner Sorge bestätigen. Sie schüttelte also nur leicht den Kopf. „Es ist alles in Ordnung, Mikush."
Der junge Russe zog sie noch näher zu sich heran und sah ihr so tief in die Augen, dass es ihr vorkam er würde ihr direkt in die Seele sehen. Sie blinzelte um sich davon abzuhalten den Blick niederzuschlagen und brachte ihn damit zum Seufzen. „Dir geht es NICHT gut."
Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und kam ganz nah zu ihr hinab. „Du bist so dünn geworden. Du siehst aus wie ein Nachtgespenst, das zur falschen Tageszeit herumgeistert und du bist einfach nicht du. Ich merke doch, dass es dir nicht gut geht. Rede mit mir."
Tränen traten ihr in die Augen und sie blinzelte, um sie zu vertreiben.
„Sind es wieder die Träume?", hackte er leise nach. „Geistern deine Erinnerungen immer noch durch deinen hübschen Kopf?"
Misha schaffte es nicht ein Wort herauszubringen, als sie den Blick senkte und ein Weinkrampf sie erzittern ließ. Schweigend zog Mikush sie in seine Arme und sie zuckte zusammen, als er dabei ihrem linken Arm streifte.
„Was ist?" Er trat einen Schritt zurück und wollte ihre Hand in seine nehmen, doch sie zuckte zurück.
„Nichts", wollte sie ihn abwimmeln, doch er nahm trotzdem ihre Hand in seine.
„Mikush, lass das." Sie wollte sich aus seinem Griff winden, doch er hielt sie fest.
„Lass mich los, verdammt, Mikush!" Ihre Stimme wurde leicht hysterisch, weil Erinnerungen ihr die Sicht nahmen und sie erstarrte.
Ihr Freund, drückte sie sanft gegen seine Brust, bis es vorbei war, doch, als sie endlich wieder etwas sehen konnte, hatte er ihren Ärmel zurückgestreift und den Verband, der ihren Unterarm schützte freigelegt.
„Bitte sag mir, dass es nicht das ist was ich denke", hauchte er sanft, in seiner Stimme lag so viel Sorge, dass sie sich nicht zu ihm umdrehen konnte, um ihm in die Augen zu sehen.
Misha legte nur den Kopf zur Seite, doch das war Antwort genug.
„Bitte tu das nicht." Er küsste behutsam ihren verbundenen Unterarm und streifte ihr Shirt wieder darüber.
„Aber es tut gut." Sie konnte spüren, wie er hinter ihr leicht erschauderte.„Es tut mir leid."
„Nein!"Er drehte sie zu sich herum.„Du sollst mit mir reden. Es war falsch von mir fortzugehen."
„Nein."Die Fünfzehnjährige schüttelte den Kopf. „Ich habe schon damit angefangen, als du noch da warst, doch ich habe darauf geachtet, dass es keine Spuren hinterlässt. Ich... ich hab einfach nicht so tief..."
„Was kann ich tun, damit du damit aufhörst?" Mikush fuhr ihr mit den Daumen sanft über die Wange und sah sie traurig an. „Ich will dir helfen."
„Es ist alles gut", erwiderte sie leise. „Ich habe meinen Weg gefunden, damit umzugehen. Es ist das einzige, das ich wirklich steuern kann, es tut gut."
„Nein!", entgegnete er mit Nachdruck, „Es ist nicht gut und das weißt du!"
Die Fünfzehnjährige wusste es, doch sie konnte dagegen nichts ändern. Es war ein Schmerz, den sie gerne in Kauf nahm, wenn sie dadurch vergessen konnte. Es linderte den Gedanken, alledem ein Ende zu machen, endgültig zu vergessen.
„Ich weiß!", schrie sie zurück und sie merkte, dass er zusammenzuckte, doch sie riss sich trotzdem los und umklammerte ihren linken Arm, „Aber ich kann dadurch einen Gedanken vergessen, der mir noch viel mehr Angst macht!"
Mikush sah sie erschrocken an und sie wusste, dass er in ihren Blick eine Antwort suchte. Seine Augen weiteten sich noch mehr, als er zu begreifen schien.
„Oh nein, Misha, nein."Er nahm sie wieder in die Arme und sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.
„Der Gedanke ist einfach da." Schluchzte sie und zitterte am ganzen Leib. „Ich kann nichts dagegen tun. Es wäre einfach so schön nichts mehr zu spüren, nichts mehr zu denken. Ich habe es schon einmal erlebt, es ist beängstigend wenn du darüber nachdenkst aber so wunderschön wenn es passiert, es ist ein unbegreiflich friedliches Gefühl, Mikush."
Der Achtzehnjährige schwieg und hielt sie einfach nur fest.
„Ich fürchte mich vor mir selbst", murmelte sie leise und starrte mit aufgerissen Augen ins Leere.
„Du brauchst Hilfe." Er ließ sie plötzlich los und kramte in seiner Tasche nach etwas.
„Nein!" Sie wollte ihm das Handy aus der Hand reißen, doch er legte seine andere Hand auf ihre und sah sie sanft an. „Ich will, dass du bei mir bleibst, Misha. Ich will, dass sich deine Träume erfüllen. Lass mich dir helfen."
„Bitte tu das nicht." Sie fühlte sich plötzlich so schwach, dass sie zu Boden sank.
Der junge Russe kniete sich neben sie und hielt das Handy so, dass sie die Nummer lesen konnte. „Er ist vor unserer Tür aufgetaucht und hatte meine Mutter mit seiner Militäruniform erschreckt."
Er lächelte traurig bei der Erinnerung. „Dein Großvater hat mir diese Nummer gegeben, weil er geahnt hatte, dass sie dir jede Möglichkeit nehmen werden ihn anzurufen. Es ist fast so als hätte dein Großvater geahnt, dass so etwas passieren würde."
„Er versteht mich", hauchte sie, ein Schluchzen verschluckte beinahe den ganzen Satz, doch Mikush nickte.
„Er wird dir helfen." Der Achtzehnjährige hielt sein Handy an sein Ohr während sie noch mehr zusammensank und zitternd weinte.
Sie hatte gedacht, dass die Gedanken verfliegen würden, dass sie damit leben könnte, doch sie konnte einfach nicht mehr. Es klang zu wunderbar einfach zu fliehen. Der Gedanke machte ihr so sehr Angst, er machte ihr Angst, weil sie nicht wusste, wie sie ihn verdrängen sollte.Für eine kurze Zeit war alles gut gewesen, doch dann waren diese Gedanken gekommen. Die Erinnerungen hatten sie dazu getrieben.
Misha bemerkte erst, dass Mikush nicht mehr telefonierte, als es schon eine Zeit lang still war.
Sie sah auf und sah den jungen Russen auf sein Handy starren. Etwas war seltsam und als sie sah, dass er sich mit einer Hand übers Gesicht fuhr, wusste sie was es war. Er weinte und zitterte so sehr. Sie hatte ihn vorher noch nie so aufgelöst gesehen und es tat ihr so leid, vor allem, weil sie schon wieder der Grund dafür war.
„Es tut mir leid", murmelte sie, als er sie zu sich zog und es beinahe so wirkte, als müsste er sich an ihr festhalten.
Er schüttelte wild den Kopf. „Dir braucht nichts Leid zu tun."
Ein unangenehmes Schweigen entstand in dem sie beide versuchten sich zu beruhigen und sich einfach nur an dem anderen festhielten.
„Er wird dich zu sich holen", sagte Mikush leise und klang dabei so niedergeschlagen, dass es ihr das Herz zusammenzog, „Ich werde dich gehen lassen. Ich will, dass du gesund wirst."
Bei seinen Worten hob sie abrupt den Kopf.
„Ich kann zurück?" Sie wollte eigentlich was anderes sagen und sie öffnete den Mund um noch etwas zu sagen, doch ihr Freund schüttelte nur den Kopf. „Es ist gut so."
Er lächelte schwach, „Ich will, dass du deinen Traum erfüllst und das können wir nicht zusammen. Ich will das du glücklich bist, dass du lebst."
„Aber wir werden uns kaum sehen können", erwiderte sie leise.
„Ich werde jede Sekunde genießen, in der es möglich sein wird." Er stieß sie sanft mit seiner Schulter an. „So schnell wirst du mich nicht los."
„Versprochen?", hackte sie nach und wischte ihm sanft die Tränenspuren von der Wange.
„Ja, mein Sokrovishche." Er fuhr ihr sanft über die Wange und sie lächelte traurig.
Sie durfte zurück. Nach einem halben Jahr war sie endlich erlöst.
Die Gewissheit ließ sie die beängstigen Gedanken für eine kurze Zeit vergessen. Misha ließ sich zurückfallen und zog Mikush mit sich. Gemeinsam sahen sie schweigend in den Himmel und genossen, wahrscheinlich die letzte Zeit zusammen. Ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen ihn zu verlassen, doch sie wusste, dass es das einzig richtige war. Sie wollte leben, doch sie würde Hilfe dafür brauchen und ihr Großvater würde ihr helfen, genauso wie Daniel.
Seine blauen Augen tauchten vor ihren inneren auf und sie griff unwillkürlich nach ihrer Halskette, die ein Teil von ihm war. Er war ihr Schutzengel, er würde ihr helfen wieder zu leben, so wie er es schon einmal getan hatte.
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