8.2 ~ Final Destination, oder was?
♫ ♪ Realize what we're doin' here. The time is right to kill your fears. ♪♫ (INXS - Bitter Tears)
„Und nun, verehrtes Publikum, kommen wir zu unserem zweiten und letzten Showteil an diesem Abend."
Na endlich. Hoffentlich wird dieser Act besser als der erste. Die Fans des Iren waren ja total aus dem Häuschen. Im Gegensatz zu mir, denn die aufgesetzte Fröhlichkeit unseres Showmasters ist kaum zu ertragen. Ich kann mich kaum noch halten. Vor Begeisterung? Nein, eher vor Erschöpfung, nach diesem elenden Hindernislauf.
Dabei hatte ich gedacht, nach der ersten Runde mit Andrej als Partner beim Riesen-Jenga würde es unmöglich noch schlimmer kommen. Ich spoilere jetzt schon: Es konnte. Und es wurde. Wer Jenga nicht kennt... bei diesem Spiel muss man aus einem aufgebauten Turm aus Holzklötzchen nach und nach die Hölzchen von irgendwo weiter unten rausziehen und oben draufsetzen, ohne dass der Turm in sich zusammenfällt. Dreimal dürft ihr raten, bei wem der ganze Stapel als Erstes umgekippt ist.
Und als ob das nicht gereicht hätte, ging es mit dem Hochleistungssport weiter, aber erst nachdem Mr. Horan seinen Auftritt hatte.
In Gummistiefeln, Parka, Südwester, Schal und Maske durch den Schlamm, und immer wenn eine bestimmte Zahl gewürfelt wird, heißt es wieder raus aus den Klamotten. Wie bei diesem Schokoladenspiel, das wir als Kinder immer an Geburtstagen gespielt haben. Eingepackte Schokolade mit Messer und Gabel essen, und die Hände stecken in Fausthandschuhen. Jay war mir dabei auch keine Hilfe. Der feine Herr musste sich ja unbedingt den Würfel schnappen und mich die ganze Arbeit machen lassen. Lieber hätte ich weiter dem Gesang des Iren gelauscht. Obwohl...
♪ I like the way you talk, I like the things you wear I want your number tattooed on my arm in ink, I swear. 'Cause when the morning comes, I know you won't be there. Every time I turn around, you disappear. ♪
Dass mich dieser Song wieder zu meinem ersten und einzigen Speed-Dating-Versuch zurückwirft, mit Julian, der mich kaum eines Blickes gewürdigt hat - geschenkt. Jetzt aber ist er als Jay hier, und ich bete, dass er mich nicht doch noch erkennt. Erst Jess und dann ich, das wären dann doch ein paar Zufälle zu viel. Außerdem stimmt mit dem was nicht, das spüre ich ganz genau. So, wie Jess auf ihn reagiert hat, muss deren Date damals suboptimal gelaufen sein. Oder bilde ich mir das Ganze nur ein und sie ist wegen was anderem so komisch. Eigentlich erst seit heute Nachmittag... als ob sie einen Geist gesehen hätte.
Nur mal kurz telefonieren, hatte sie gesagt. Aber wenn es einen Notfall gegeben hätte, wäre sie doch bestimmt zu Margo damit gegangen. Oder? Nein, ich vermute, es hängt mit Jay zusammen. Wie Jess bei dem Wort „Tiertrainer" zusammengezuckt ist, als wir vor der ersten Spielerunde erraten sollten, womit Jay seine Brötchen verdient, um dann mit „Brauer und Mälzer" herauszuplatzen. Offenbar die falsche Antwort, und das mit Absicht. Was du kannst, liebe Jess, das kann ich auch! Also schob ich kurzerhand als Lösung den „Bodypainter" hinterher, womit der „Tiertrainer" an Tessa hängenblieb.
Tolle Taktik, Lara.
Mit der würde ich bestimmt keinen Blumentopf gewinnen. Irgendwann würden wir ein Team bilden müssen, nur dass es gleich nach dem Auftritt des Iren passierte, kam mir gar nicht gelegen. Lieber hätte ich ihn bis zur letzten Runde im Auge behalten, da es mit dem unauffälligen Beobachten bisher überhaupt nicht funktioniert hatte.
Jetzt sitze ich hier und versuche, eine günstige Strategie auszuarbeiten, doch auch das kann ich vergessen. Dank Harry, der sich lautstark bemerkbar macht: „Wer unsere Sendung kennt, weiß, dass wir nicht nur internationalen Stars eine Bühne geben, sondern auch Hobby- und Nachwuchskünstlern eine Chance..."
Ja, so viel weiß ich noch von Margos Briefing an unserem „Mädelsabend".
„... und so ist es auch heute. Wie der Zufall so will, haben wir nicht nur einen Kandidaten unter uns, der ein ganz außergewöhnliches Instrument spielt...", verkündet er, während eine der Kameras Andrejs Gesicht in Großaufnahme heranzoomt, so dass auch das Publikum im Saal im Bilde ist - um mit seiner Ankündigung vollmundig fortzufahren: „... sondern einen jungen Mann mit genau dem gleichen Instrument."
Zufall? Daran glaube ich schon lange nicht mehr; schon allein, weil Tessa ganz am Anfang nebenbei erwähnt hat, dass sie die Sendung für komplett gescriptet hält. Ein junger Mann aus Kanada betritt mit seinem Theremin die Bühne - ein Instrument, das er wie Andrej selbst zusammengebaut hat, ganz zu schweigen davon, dass er sich das Spielen ebenfalls selbst beigebracht hat. Wie gut, davon dürfen wir uns gleich darauf überzeugen, als er mit Bewegungen seiner erhobenen Arme das Wunderteil zum Singen bringt. Singen, nicht klingen? Was da an Tönen durch den Saal schwebt, klingt ganz wie das Jaulen einer geisterhaften Stimme. Nanu, diese Melodie kenne ich doch! Inspector Barnaby? Ernsthaft? Anscheinend bin ich nicht die Einzige hier, denn Tessa lauscht mit verzücktem Gesicht und auch Andrej bleibt der Mund offen stehen.
Kaum ist die Melodie verklungen, eilt Harry herbei, um McIntyre die Hand zu schütteln und belanglosen Smalltalk mit ihm zu machen. Hätte er es mal besser gelassen, denn auf die Frage, ob sein kanadischer Gast zum Schluss noch ein paar Grüße dalassen möchte, antwortet dieser in leicht holperigem Deutsch, das ich trotz starkem Akzent einwandfrei verstehen kann.
„Ja, die hab ich. Und zwar an..."
Er dreht sich zu der Kamera, die vorhin Andrejs Gesicht eingefangen hat.
„... an Dich, Andrea McAllister. Und sie ist von ihm. Ja, von ihm - du weißt schon, von wem..."
Oh mein Gott, wenn diese Sendung von Anfang bis Ende gescriptet sein soll, dann haben sie hier aber einen erstklassigen Schauspieler eingeflogen. Aber irgendwie bezweifle ich, dass dies hier gestellt ist. So, wie er besagte Andrea anfleht, nicht wegzuschalten und ihn bis zum Ende anzuhören.
„... du weißt, ich bin in sowas nicht gut. Aber glaub mir: Es tut ihm leid. Alles. Und wenn er könnte, würde er es ungeschehen machen. Bitte melde dich - wenn dir noch etwas an ihm liegt."
Plötzlich ist es so still, als hätte man allen den Ton abgedreht. Würde jetzt eine Stecknadel zu Boden fallen, könnte man das Klirren im ganzen Sender hören. Aber dazu kommt es nicht, denn kaum hat John McIntyre mit dem großen Paukenschlag die Bühne verlassen, bricht nur wenige Meter von uns entfernt das Inferno los. Was zum...
Als erstes springt Jay, bleich vor Entsetzen, auf und sprintet in einem Wahnsinnstempo über die Bühne, doch er kommt nicht weit. Wie angewurzelt bleibt er dort stehen, wo der Pool für die letzte Runde auf uns wartet, verborgen unter einer Schiebetür. Die soll sich auf Anweisung von Harry öffnen, doch der ist genauso verstummt wie der Rest der Anwesenden im Saal. Niemand rührt sich. Bis auf einen Kameramann, der mit der Kamera den auf Jay gerichteten Revolver einfängt. In Großaufnahme. Jay hat die Hosen voll und zittert dermaßen, dass man glauben könnte, die Temperatur wäre gerade um zwanzig Grad gesunken. Da will ihm wohl jemand an den Kragen oder ihn zumindest einschüchtern. Doch warum? Und wieso nimmt er dazu eine Requisite?
Ein trommelfellzerreißender Knall - meine Trance verpufft mit einem Schlag. Ungläubig folge ich der wie in Zeitlupe aus dem Lauf schnellenden Patrone, die an Jay vorbei schießt und in die Wand auf der anderen Seite der Bühne einschlägt.
Verdammt, die Waffe ist echt! Und sie löste eine Kettenreaktion vom Allerfeinsten aus. Final Destination, ist ein Kindergeburtstag dagegen. Ein lautes Knirschen, ausgelöst von einem zerreißenden Seil, dann tut sich der Boden auf. Quälend langsam und schabend, wie eine rostige Tür auf Sand, und direkt unter Jay, der seinen letzten Halt verliert.
A/N: Für dieses Kapitel habe ich mir für Laras Perspektive den Schreibplot Nummer 8 aus dem August von Weltentaenzerin_2 (Ein Fast-Unfall kommt genau im richtigen Moment, um eine unangenehme Situation zu beenden) ausgesucht.
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