7.3 ~ Hallucinate

I hallucinate when you call my name, Got stars in my eyes And they don't fade when you come my way. I'm losin' my m-m-m-mind, m-m-m-mind. ♪♫ (Dua Lipa - Hallucinate)


The wind cries Mary? Nee, Leute, der Wind pfeift Harry... und mir stehen die Haare zu Berge, selbst die feinen Härchen in meinem Nacken, so wie das hinter mir knackt. Wie in Zeitlupe, friere ich da fest, wo ich zuletzt um die Ecke und höre... Nichts!

Erstmal zumindest.

Erleichtert will ich aufatmen, da kommt es aus einer anderen Richtung. Stille. Dann wieder. Da! Diesmal aus dem Gebüsch auf der anderen Seite der Straße. Plötzlich wird der Hollerbusch, in dem eben noch die Amsel aus Leibeskräften die Straße beschallt hat, zwei Meter groß und irgendetwas funkelt darin.

Ein Schaben, ein Kratzen, dann... Schritte!

Mit wild schlagendem Herzen, bis zum Hals, setze ich einen Fuß vor den anderen und höre diesen einen Satz so laut und deutlich, als würde Benny direkt neben mir stehen.

Versuch doch einfach mal, das Positive zu sehen anstatt alles immer nur ins Lächerliche zu ziehen!

Ruckartig fahre ich herum, aber natürlich ist hier niemand außer mir. Doch was mich noch viel mehr schockt: dass es gerade jetzt ausgerechnet diese Worte sind. An anderen wäre jetzt ihr Leben wie ein Film vorbeigezogen – und in mir dröhnt Bennys Stimme mit diesem Quatsch in Dauerschleife? So laut, dass selbst die tückische Stille um mich herum darin untergeht? Diese mir auflauernde Stille...

Ganz egal, ob es in Wirklichkeit nur Minuten sind. Es spielt keine Rolle. Oder sollte es, genauso wie es mir egal wäre, dass ich von den Glockenschlägen aus der Ferne die ersten nicht mitgekriegt habe, doch jetzt...

Ich fass' es nicht, schon dreiundzwanzig Uhr: Es wäre ja was ganz Neues, wenn jetzt schon Geisterstunde wäre. Aber sag das mal einer den sich immer noch kräuselnden Härchen in meinem Nacken. Und meinen Gehörgängen. Einmal aufgeweckt, funken die nämlich einen Alarm nach dem anderen an mein Hirn und machen, dass ich mich hektisch umsehe. Das gelbe Funkeln im Gebüsch von eben macht es nicht besser. Und gleich darauf wieder dieses unheimliche Rascheln und Schaben, als würden Krallen über eine Schiefertafel schleifen. Bilde ich es mir nur ein oder schnauft da drüben tatsächlich jemand oder etwas?

Tapp. Tapp! Taaapppp!

Lauf, Harry, lauf! Sieh zu, dass du Land gewinnst und zwar hurtig. Von null auf hundert in weniger als fünf Sekunden. Usain Bolt würde blass vor Neid. So schnell war ich auf dem Weg nach Hause noch nie, und doch fühlt es sich an, als würde sich die Strecke wie Kaugummi ziehen. Klar, wenn man sich so oft umdreht wie ich, immer auf der Suche nach den gelb funkelnden Augen in der Dunkelheit, die Schauerliches verbirgt...

Die letzten Meter renne ich, als wäre der Teufel hinter mir her.

Doch damit nicht genug. Mit zitternden Händen fummele ich nach dem Schlüssel in meinem Anzug. Hoffentlich fällt mir nicht noch der ganze Bund in den nächsten Gully! Dass sich dieser Moment ins Unendliche ziehen muss! Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich ihn endlich aus der x-ten Tasche herausgefriemelt und kriege es irgendwie doch noch nach derselben Anzahl von Fehlversuchen endlich gebacken, diese verdammte Tür zu öffnen, aber nur einen Spalt breit. Durch den schiebe ich mich dann auch gleich und verrammele den Eingang. Was mich trotzdem nicht beruhigt. Im Gegenteil, Sicherheit habe ich mir auch schon anders vorgestellt.

Von einer unsichtbaren Kraft getrieben wiederhole ich das Spielchen mit meiner Wohnungstür im ersten Stock und höre erst auf, als es um mich herum wirklich vollkommen ruhig ist und ich mich mit dem Rücken an der Tür zu Boden gleiten lasse. Völlig fertig lausche ich in die Dunkelheit, doch außer dem Hämmern meines Herzens höre ich nichts. Gut. Beruhigen tut mich das zwar im Moment immer noch nicht, aber wenigstens bin ich jetzt endlich in Sicherheit.

Sicherheit? Wirklich?

So ganz traue ich dem Frieden noch nicht und bewege mich auf allen Vieren vorwärts, quer durchs Wohnzimmer und bis zum Fenster mit den vertrockneten Kakteen auf dem Sims. Staub türmt sich fingerhoch vor meiner Nase, doch das ist mir jetzt gerade sowas von Banane.

Vorsichtig und so langsam wie vorhin, schiebe ich mich nach oben. Stück für Stück. Ich muss wissen, ob mein Verfolger noch in der Nähe ist oder gar – noch schlimmer – vor meinem Haus oder den der Nachbarn herumlungert. Da muss ich aufpassen, dass ich mich nicht verrate, auch nicht durch die winzigste Bewegung.

Aber wie lautete der Spruch von früher nochmal? Wie Sie sehen, sehen Sie nichts? Abgedroschen oder nicht – stimmen tut er allemal, denn die Straße liegt wie ausgestorben unter mir. So ganz kann ich mein Glück noch nicht fassen, also tauche ich genauso zeitlupenartig wieder ab und taste mich, immer noch auf allen Vieren, vorwärts. Der Weg ist das Ziel. Der Weg zum Schrank, wo ich mein Fernglas aufbewahre. Man kann ja schließlich nie wissen, und vier Augen sehen bekanntlich mehr. So wie jetzt – meine eigenen zwei und die zwei aus Glas, die ich mir jetzt vors Gesicht halte. Nur gut, dass niemand von den Nachbarn sehen kann, was ich hier treibe. Die würden mich doch glatt für 'nen Spanner halten.

Wie ausgestorben liegt die Straße da. Motten umschwirren die gelbliche Funzel vor dem privaten Marmorpalast des Autohändlers gegenüber, der heute Abend Theaterkarten hatte und nun jeden Augenblick zurückkommen müsste. Und tatsächlich, als ich mein Fernglas nach rechts drehe, nähern sich die Lichtkegel seines brandneuen Boliden dem feudalen Anwesen. Wenn die Person am Steuer eines beherrscht, dann das Einparken ohne größeres Wenden. Ihre Fahrkünste in Ehren, aber meine Aufmerksamkeit gilt etwas ganz anderem.

Etwas entfernt sich im Schatten des sich nahenden Fahrzeugs. Etwas kleines, schwarzes... Oder bilde ich mir das nur ein? So, wie ich mir das ganze gruselige Spektakel von vorhin nur eingebildet habe? Eines steht fest: Ich sollte definitiv weniger Likörchen zwitschern und mich dafür mehr um meine Pflanzen und den Haushalt kümmern.

Wenn nur ein Platz in der Fantaklinik nicht so teuer wäre...

A/N: Nach einer längeren Pause starte ich jetzt neu durch und setze die Geschichte mit dem Schreibprompt Nr. 4 aus dem Juli von Dorotet fort: „Du bist nachts allein auf dem Heimweg und hast das Gefühl, beobachtet zu werden. Doch als du dich umsiehst, ist kein Mensch zu sehen."



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