7.1 ~ Let it go

And nobody worried about the roof being blown off. So I went farther than I'd ever gone before. ♪♫ (Alanis Morissette – Nemesis)



Böse Zungen behaupten, der Teufel stecke im Detail. Ich weiß ja nicht, wie viel an diesem Spruch dran ist, aber so langsam halte ich diesen Gedanken nicht mehr für ganz so abwegig.

Erst die Verspätung, mit der Andrej, Jay und Marcus am Sammelplatz eingetrudelt sind, dann der Baum, der irgendwo umgestürzt ist und ich deswegen den Umweg über den Hangar nehmen muss. Nicht mal mehr zwei Stunden bis zur Show – mir läuft die Zeit davon! Und jetzt das: Im unpassendsten Moment dudelt mein Handy, das mir dann auch prompt aus der Hand und unter das Bremspedal rutschen muss.

Verdammte Hacke! Ich hätte es lassen oder an die Seite fahren sollen. So viel Zeit wäre auf jeden Fall noch gewesen, auch wenn wir spät dran sind. Aber wegen meinem hektischem Gefummel nach dem blöden Ding hätte es um ein Haar geknallt! Gerade noch rechtzeitig konnte ich vom Gas gehen und dem streitenden Pärchen ausweichen und werfe trotzdem einen Blick in den Rückspiegel, nur um sicherzugehen – man weiß ja schließlich nie – und bekomme einen riesigen Schreck.

Was, zur Hölle, tut Lucy hier? Und wieso geht sie wie eine Furie auf diesen Typen in schwarzem Leder los? Am liebsten würde ich aussteigen und dazwischen gehen. Wehe, dieser Damon oder wie der Kerl heißt, ist so ein irrer Stalker, dann schwöre ich: Sollte er Lucy ungefragt auf die Pelle rücken oder anderweitig bei ihr handgreiflich werden, dann garantiere ich für nichts.

Um meine Mundwinkel zuckt der Anflug eines schadenfrohen Lächelns, als ich mit Genugtuung feststelle, dass ich wohl mittenmang durch eine Pfütze gebrettert bin und Damon geduscht habe. Soll er sich doch weiter oben beschweren, dass ich seine Boots ruiniert habe. Dann aber kommen bei mir Zweifel auf. Was, wenn das gar nicht Lucy war, sondern eine Wildfremde, die ihr ähnlich sieht. Was, wenn mir meine Sinne einen Streich gespielt haben? Auch wenn mir bei dem Gedanken ganz anders wird und ich eigentlich keinen Grund zum Lächeln habe: Nein heißt immer noch Nein – eine Lektion, die manche anscheinend erst noch lernen müssen. Und wie ich diesen Damon einschätze, war der noch nicht mal in der Vorschule, sondern höchstens auf der Baum-

Let it go, let it go...

Noch bevor ich auf den Knopf drücken und die Freisprechanlage aktivieren kann, blökt es mir auch schon verzerrt aus dem Handy entgegen.

„Houston, wir haben ein Problem!"

Probleme? Och nö, bitte nicht! Als ob ich nicht schon genug davon hätte.

Aber die Stimme am anderen Ende juckt das gar nicht. Im Gegenteil: Jetzt muss ich auch noch Bennys Job mit erledigen, weil der einen Furz quersitzen hat und ausgetickt ist. Wäre ich auch, wenn man mich mitten in den Vorbereitungen mit einer Kollegin in der Abstellkammer erwischt hätte und ich deswegen in den Senkel gestellt worden wäre. Aber ich wäre bestimmt nicht explodiert und hätte mir bei meinem Ausraster die Hand gebrochen.

Ich nicht - aber er. Und das ist nicht das einzige, was er heute verbockt hat.

Als Harrys persönlicher Assistent wäre es eigentlich Bennys Aufgabe gewesen, sich um sein Zeugs zu kümmern. Schließlich wissen alle, wie schusselig sich Harry in letzter Zeit aufführt und seinen Kram überall herumliegen lässt. Mal sind's die Schlüssel, mal sein Portemonnaie.

Jetzt ist es zur Abwechslung seine Brille. Ein Drama, das die Welt nicht braucht. Denn ohne dieses gruselige Modell ist Harry aufgeschmissen. Blind wie ein Maulwurf ist er und müsste eigentlich ständig eine Sehhilfe tragen, auch wenn er das nie zugeben würde. Kontaktlinsen verträgt er nämlich nicht, der Gute. Also muss es das Buddy-Holly-Gedächtnismodell sein, das er „aus ästhetischen Gründen" stets nur abseits der Kamera trägt und das er längst ersetzen wollte, weil es einen unschönen Kratzer an der Seite hat. Ästhetische Gründe, aha. Vielleicht kommt daher sein Verzicht auf Spickzettel in seinen Anzügen und er lernt deshalb lieber alles auswendig, bevor er vor die Kamera muss.

Ein Hoch auf die Eitelkeit! Nicht.

Das sehen auch die anderen so, nur hat von uns keiner den Mumm, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen und für das Problem eine andere Lösung zu finden; am allerwenigsten Benny, der ihm nicht nur den Rücken freihält, sondern ihn in seinem Wahn auch noch unterstützt. Nur dumm, dass uns diese Schontaktik uns jetzt allen auf die Füße zu fallen droht, wenn ich es nicht schaffe, die Ladys einzusammeln und Harry endlich die Brille zu bringen, damit er nochmal das gesamte Script durchgehen kann – und das rechtzeitig.

Nur noch wenige Meter bis zum Meetingraum, wo sie vorhin noch ihre Teambesprechung hatten und ich vermutlich fündig werde – doch was muss ich sehen?

Jess, die rücklings am Tresen lehnt, starrt mit käsebleichem Gesicht auf ihr Handy und bemerkt nicht, wie sich ihr Ärmel allmählich mit einer Flüssigkeit vollsaugt, so als würden die umgekippte Thermosflasche mit der auslaufenden Plörre gar nicht existieren. Doch die Erstarrung dauert nur wenige Sekunden, dann reißt sie sich die Brille von der Nase und schleudert sie in hohem Bogen von sich.

Oh Shit.

Eine durchdrehende Kandidatin in einem für die Show unbrauchbaren Outfit und ein beinahe zu Bruch gegangenes Paar Brillengläser, das wären drei Baustellen auf einmal. Anscheinend steckt der Teufel wirklich im Detail.

Jess zusammen mit den anderen zur Maske zu bringen, wo sich jemand geeigneteres finden würde, sie zu beruhigen, war das Eine. Der zweite Teil meiner Aufgabe jedoch hat es wirklich in sich, auch wenn nichts darauf hingedeutet hat.

Ob ich mich davon überzeugen wollte, ob das Corpus Delicti überhaupt noch funktionstüchtig ist oder ob ich Angst hatte, dass ihm unterwegs noch etwas zustoßen würde und ich deshalb fand, es wäre auf meiner Nase besser aufgehoben – für das, was nun kommt, spielen Gründe keine Rolle.

Zunächst sehe ich alles ein wenig verzerrt. Nichts ungewöhnliches, wenn man mit einer unbekannten Dioptrienzahl zu tun hat. Komisch, dass die Farben an den Wänden plötzlich ganz anders rüberkommen und auch die Maserung an der Tür zu Harrys Privatgarderobe mit einem Mal viel deutlicher zu sehen ist. Beim Eintreten fällt mein Blick auf einen nervös auf und ab tigernden Harry, der zwar „Herein" gerufen hat, aber einen abwesenden Eindruck macht. Bilde ich es mir ein oder rieche ich eine leichte Fahne? Das würde ja gerade noch fehlen, dass er sich so kurz vor der Show noch einen oder auch zwei zur Brust genommen hat.

Ratlos schaue ich mich um, lasse meine Blicke über die heute noch rauer als sonst wirkende Raufasertapete gleiten, bis sie an einem Bild hängenbleiben, das hier schon ewig hängt und noch niemals ausgetauscht wurde, obwohl sich alle einig sind, wie scheußlich sie diesen billigen Kaufhausdruck aus dem letzten Jahrhundert finden.

Eine schwarzhaarige Schönheit in gut gefüllter weißer Corsage und rotem Rock, die dem Betrachter des „Gemäldes" schmachtende Blicke zuwirft, während ihre goldenen Kreolen und ihr Armband im Sonnenlicht funkeln. Alles wie immer, eigentlich... Moment mal – kann es sein, dass an dem Bild heute irgendetwas anders ist? Irgendein Detail, auf das ich gerade nicht komme? Vielleicht ist es die Kleidung der Frau, und sie trug gestern noch ein kariertes Plaid und heute eine geblümte Stola?

Wären da nicht die wild durcheinander gepinselten Wolken im Hintergrund und das rote Kopftuch der Frau, ich hätte geschworen, dass hier gestern ein ganz anderes Bild gehangen hätte, oder zumindest ein ähnliches. Aber vielleicht bilde ich mir das Ganze auch nur ein, so wie ich die fremde Frau vorhin für Lucy gehalten habe. Doch bevor ich näher herantreten und hinsehen kann, stellt sich mir Harry in den Weg, faselt etwas von „Schicke Brille, aber ich glaube, das ist meine", um „ab dieser Stelle zu übernehmen".

Proteste oder Versuche, ihn zu warnen, sind zwecklos, denn wenn Harry Hirschheimer einmal etwas begonnen hat, dann zieht er es auch gnadenlos durch, bis zum bitteren Ende. Sollte, was ich nicht hoffe, mit dieser Brille etwas nicht stimmen, dann ist es jetzt zu spät.

A/N: Nachdem bei mir in letzter Zeit so einiges los war und sich mein Leben demnächst komplett ändern wird, hatte ich wenig Zeit und Muße, den Faden weiterzuspinnen. Aber ich habe die letzten paar freien Tage nun endlich dazu genutzt, den Faden des Plots weiterzuspinnen. Weiter geht es nun mit dem Juli und dem Schreibvorschlag Nr. 5 von KatzenBrot: „Als du dir das alte Gemälde anschaust, könntest du schwören, dass es gestern noch anders aussah".

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