Kapitel 9
Das Leben, das ich hier führte, war in vielen Dingen ganz anders als mein altes. Nicht nur das Zelt, das ich langsam tatsächlich als Zuhause ansah. Mein Tagesablauf war anders und es schien fast, als wären meine Prioritäten ebenfalls andere. Hauptsächlich arbeitete ich. Diese Routine war ziemlich schnell drin und dadurch, dass wir kaum frei hatten, blieb man auch drin. Ich haderte nicht damit, so wenig Zeit für mich zu haben, denn das war mir ja bewusst gewesen. Aber ich nutzte die wenige freie Zeit besser. Es gab kein Sofa, auf das man sich legen konnte. Es gab kein Zimmer, in dem man gänzlich ungestört war. Und zumindest bis jetzt kam ich damit erstaunlich gut klar. In der Mittagspause hatte ich mir angewöhnt, an den Strand zu gehen und eine Runde zu schwimmen, um dann ein wenig in der Sonne zu liegen. Ich fand das toll, diesen Geruch des Meeres an mir zu haben, wenn ich wieder arbeiten ging. Einmal in der Woche ging ich zum örtlichen Arzt, der sich, wie es mir schien, auf alles spezialisiert war. Das Ultraschall sah ich mir zusammen mit Oleg an, dem einzigen wahren Mann derzeit in meinem Leben. Irgendwie schien er zu spüren, dass da in mir etwas wunderbares heranwuchs, denn oft legte er seinen Kopf auf meinen Bauch oder strich sanft mit seiner Zunge darüber. Das erste Mal, dass das passiert ist, hatte ich angefangen zu weinen, weil ich einfach so gerührt von seiner beschützerischen Art war.
Abends war ich oft am Strand. Und ja, auch schon, ehe ich da diesen Mann getroffen hatte, der seither wie vom Erdboden verschluckt schien. Ich war noch ein paarmal dort gewesen, bis der Schließdienst kam, doch es waren immer nette junge Männer in grasgrünen Uniform-Shirts, die zwar ebenfalls plauderten, aber leider nicht an den Charme herankamen, den mein Unbekannter hatte. Dennoch ging ich immer wieder hin, auch wenn ich mich langsam fragte, ob ich ihn mir nur eingebildet hatte. Ich kannte mittlerweile alle, die in unserem kleinen Zeltdorf lebten, zumindest vom Sehen, und er war nicht dabei. Ich wusste inzwischen, dass es überwiegend Mitarbeiter gab, die hier in der Gegend wohnten und deshalb nicht campierten. Seinen Namen kannte ich nicht, und so konnte ich nichts tun als abzuwarten, ob er mir noch einmal über den Weg lief. Wenn ich mittags unten war am Meer, dann herrschte hier meist reger Betrieb, schon jetzt. Viele Familien mit Kleinkindern nutzten die reduzierten Preise der Vorsaison ebenso wie die Tatsache, dass es noch nicht ganz so heiß war. Abends jedoch war der Strand meist leer, abgesehen von ein paar Spaziergängern, die ihre Hunde ausführten. Dann saß ich da, Olegs Kopf auf meinem Bauch und dachte nach. Dachte an Erik und hörte in mich hinein. Seltsam, wie wenig ich ihn vermisste. Der Schmerz war noch da, aber ich bemerkte, dass er sich hauptsächlich auf den Betrug richtete, nicht auf den Verlust. Das überraschte mich selbst am meisten. Ich war immer der Meinung gewesen, dass er der Mann meines Lebens war. Vielleicht war ich da einer falschen Emotion gefolgt. Wann ist ein Mann der Mann unseres Lebens? Wenn wir nicht mehr ohne ihn sein wollen? Wenn wir nur dann ganz sind, wenn er da ist? Oder wenn wir in einem Lebensabschnitt stecken, in dem wir denken, endlich den nächsten Schritt gehen zu müssen, zu heiraten, Kinder zu bekommen, endlich eine feste, dauerhafte Beziehung zu führen? Anders ausgedrückt: Wäre Erik das gewesen, wenn ich fünf Jahre jünger wäre und das Leben noch als einzigartiges Füllhorn sah, voller Möglichkeiten, die man ausprobieren musste? Wäre er zu einem anderen Zeitpunkt gar nicht erst zu einem festen Partner geworden? Diese Frage beschäftigte mich wirklich. Müsste ich nicht viel mehr leiden, wenn Erik der Eine gewesen wäre? Ich wusste es nicht. Wann immer ich an ihn dachte, dann war da Trauer, ja, aber auch Zorn, weil ich mit seinem Kind schwanger war und, ganz hinten, das Gefühl, gerade noch einmal entkommen zu sein. Ich war keine Frau, die teilen konnte. Nicht einen Mann. Und Erik, nun ja, der war eben kein Mann, der nur Augen für eine hatte. Vielleicht hätte ich anders empfunden, wenn ich Deutschland nicht so überstürzt verlassen hätte. Wenn ich nicht plötzlich ein völlig anderes Leben geführt hätte. Ein jüngeres, cooleres Leben mit ganz neuen Aspekten, Ideen und Herausforderungen. Es war vielleicht verrückt, doch inmitten dieser jungen, unbeschwerten Menschen fühlte ich mich ebenfalls wieder jung. Nicht dass ich alt war. Ich war 24, das war ja nicht alt. Aber die anderen waren halt jünger. Die meisten von ihnen nutzten diese Zeit, ehe sie sich fest in einem Job etablierten, und an Familien dachten sie schon gar nicht. Ich hingegen hatte schon Verantwortung gehabt in meinem Beruf, schon einiges erreicht. Es war, wie noch einmal zurückzukehren in die Zeit, als man frisch seinen Schulabschluss in der Tasche hatte und einfach einen Sommer lang lebte, ehe der Ernst begann. Und die Trennung von Erik, das wurde mir klar, passte genau in diesen Abschnitt. Noch ein Band durchtrennt, noch eine Fessel abgestreift. Nur diese Schwangerschaft passte da nicht rein. Ein Kind mit einem unverantwortungsvollen Vater und einer Mutter, die momentan nicht wirklich eine rosige Lebensperspektive hatte. Doch ich glaubte an mich. Und eine Abtreibung wäre nie in den Sinn gekommen. Ich konnte noch einmal beginnen, hatte die Chance, einen fabelhaften Sommer zu erleben. Und wieder dachte ich: Ja, genau das will ich. Einen fabelhaften Sommer erleben, tun, was mir gefällt, mich nirgends rechtfertigen und einfach nur ich sein.
,,Das bist du?", Svea deutete auf den Lappen in meiner Hand und lachte. Ich hatte ihr von meinen Überlegungen erzählt, als wir heute einmal mehr zusammen Putzdienst hatten. ,,Nun, nicht nur. Allerdings finde ich es nicht so schlimm. Die Freiheit hier, verstehst du?" ,,Na, du musst ja ein ziemlich ödes Leben geführt haben. " Nein, kein ödes Leben. Aber ein Leben, in dem sich viel zu viel um andere Menschen drehte. Und in dem ich viel zu ernst gewesen war und gleichzeitig viel zu wenig teilnahm. Ich hatte neben der Arbeit und dem Tanzen kaum Zeit gefunden für etwas anderes. Erik war ein Mensch, dem man einfach viel Aufmerksamkeit schenkte, obwohl er sie nicht aktiv einforderte. Nun jedoch erkannte ich, dass ich neben ihm und ein paar gemeinsamen Freunden ziemlich wenig hatte. Keine Mädelsabende, keine verrückten Auszeiten. Nicht einmal Erinnerungen. Ich war stets das vernünftige Mädchen gewesen, das seinen Weg ging, ohne nach rechts oder links zu blicken. Schule, Abschluss, Ausbildung, Weiterbildung. Meine Schulkameradinnen hatten Interrail-Trips gemacht, als Au-pair im Ausland gelebt, sich Zeit genommen, ehe sie Studium oder Ausbildung begannen. Ich jedoch schritt unbeirrt von einem Abschnitt zum nächsten. Dann trat Erik in mein Leben und ich hatte mich ganz darauf konzentriert, ihn zu halten. Und nun, in einem Alter, in dem die anderen anfingen, zielstrebig zu werden, überkam mich der Trotz. Ich hatte noch etwas gut. Einen Sommer ohne ständig diesen Gedanken im Hinterkopf, dass ich an meiner Karriere arbeiten musste. Einen Sommer, in dem das einzig Wichtige war, genug Sonne abzubekommen, mit meinem ungeborenen Kind und meinem Hund Zeit zu verbringen und möglichst oft das Salz auf meiner Haut zu spüren.
,,Wir können gerne mal zusammen losziehen. " Meine Kollegin wedelte halbherzig den Schrank aus. ,,Hmm." ,,Nichts hmm. Wenn du es hier nicht schaffst, ein paar nette Jungs aufzureißen, dann kann dir niemand helfen." Ich versprach, darüber nachzudenken. Ende des Monats rutschte ich in ein kleines Formtief. Es kam ganz plötzlich und überraschte mich selbst wohl am meisten. Und noch mehr überraschte mich der Auslöser. Meine Mutter hatte angerufen, wie so oft, aber diesmal hatte sie nicht versucht, Verständnis für meine Auszeit zu heucheln. Zuerst ist sie ja total angetan gewesen. Aber ich wusste, dass dieser Schein nur trügte. Meine Mutter konnte manchmal so lieb zu mir sein, eine liebende und verständnisvolle Mama, wie sie sich jedes Kind wünschte. Doch meistens war sie die aufgetakelte Frau eines reichen, vielbeschäftigten Mannes, der ein absoluter Worcaholic war. Trotzdem konnte man nicht sagen meine Mutter war herzlos. Eher traurig, dass ihr Mann nicht viel Zeit für sie hatte. Meine Mutter versteckte ihre Gefühle eben hinter einer Eisdecke. Ich hieß das nicht gut.
,,Mira, es reicht jetzt. Du hattest deinen Willen, du hast uns gezeigt, dass du spontan bist und unabhängig, aber es wird Zeit, zurückzukehren." ,,Wie stellst du dir das vor? Ich habe einen Vertrag." ,,Und? Es gibt Wege. Es gibt immer Wege. Wenn du Geld brauchst, wir werden dir aushelfen." Ich schnaubte. Das war ja klar. Doch sie fuhr fort: ,,Du setzt dich jetzt in dein Auto und kommst zurück, ehe es zu spät ist." ,,Ehe was zu spät ist?" Sie holte tief Luft. ,,Ich habe gestern Abend Erik getroffen. In der Weinschenke am Berg, du kennst sie.« Jetzt war es an mir, tief Luft zu holen, denn ich kannte Erik und wie diese Geschichte ausging. Und ich kannte die Weinschenke, in der ich mein erstes Date mit ihm hatte und wir unsere jährlichen Jubiläums feierten. ,,Weiter." ,,Nun, er war nicht alleine. Und Mira, ich bin jetzt ehrlich, das sah nicht so aus, als wäre das ein unverfänglicher Abend. Die Dame", sie hüstelte, ,,nun, die junge Dame hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sie es ernst meint. Erik ist noch unschlüssig, das konnte man sehen an der Art, wie er mit ihr umging. Nicht wie mit dir. Noch nicht. Aber einen Mann wie ihn lässt man nicht zu lange warten." ,,Einen Mann wie ihn? Du meinst einen Mann, der seine schwangere Verlobte sitzen lässt?" ,,Nein. Gut aussehend, reich, erfolgreich. Mach jetzt keinen Fehler. Komm zurück." ,,Und dann? Es wird sich nichts ändern. Er wird sich nicht ändern." Wie sollte es auch? Wie sollte sich was ändern, wenn er schon nach vier Wochen mit einer anderen zusammen war? Wenn er mich wirklich gewollt hätte, würde er warten. ,,Kind, manchmal muss man sich arrangieren. Wenn der Preis es wert ist." ,,Nun, dann muss ich das nicht. Ich bin mir nämlich mehr wert." Ich war nicht so tough, wie ich tat. Die Worte meiner Mutter hatten mich tief verletzt, tiefer, als ich erwartet hätte. Es ist eines, zu wissen, dass eine Beziehung zu Ende ist. Etwas anderes allerdings, mitzuerleben, wie der andere so schnell weitermachte. Das Gespräch hatte mich jäh aus meinem kleinen Glückskokon gerissen. Nicht nur die Nachricht, sondern auch die Art, wie meine Mutter mit mir sprach und wie sie mich sah. Sie hatte recht deutlich durchklingen lassen, dass das meine Chance wäre. Aber sie meinte nicht mein Glück, sondern die Möglichkeit, doch noch in eines der besten Hotels der Stadt einzuheiraten, egal um welchen Preis.
,,Erik hat nach dir gefragt. Er hat angedeutet, dass er dich immer noch zurücknehmen würde, wenn du nur vernünftig wärst." Ich zweifelte daran, dass dies seine Worte gewesen waren, aber ich zweifelte nicht an der Botschaft, die darin steckte. Wenn ich ein wenig lockerer sein könnte mit seinen kleinen Flirts. Nur dass ich das nicht konnte, nicht einmal, wenn seine Flirts wirklich bloß Flirts wären. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich es gerade noch schaffen konnte, in den kleinen Laden zu gehen. Ich brauchte etwas, um den heutigen Abend zu retten. ,,Oleg!", schrie ich quer über den ganzen Platz und brüllte sofort ein ,,Tut mir leid!" hinterher, als ich sah wieviele sich erschrocken zu mir umgedreht hatten. Mein Hund kam jedoch freudig angerannt. Wenn wir zum Laden gingen, leinte ich ihn an, der er letztes Mal fast von einem unaufmerksamen Autofahrer erfasst worden wäre.
Eine Viertelstunde später stand ich an der Kasse und legte den Inhalt meiner Tüte auf die kleine Fläche vor der Kasse. Zwei Päckchen Chips mit Paprika-Geschmack, drei verschiedene Arten von Keksen und ein Sixpack deutsches Bier, das es hierr gottseidank auch gab. Kurz entschlossen griff ich in das Fach vor mir und packte noch zwei Schokoriegel dazu. Als Oleg kurz fröhlich bellte, drehte ich mich um. ,,Du hattest wohl keinen besonders guten Tag?" Die Stimme kannte ich, auch wenn wir nur ein paar Sätze gewechselt hatten. Hinter mir stand der geheimnisvolle Mann vom Schließdienst. In der Hand hielt er eine Tüte Orangen und einen Kopfsalat. ,,Nicht wirklich. Ich meine, nein, er war eigentlich ganz gut, bis ..." ,,Bis er es nicht mehr war." Galant reichte er mir die Schokoriegel und lachte. ,,Das kennen wir hier alle." ,,Nun, deiner war offensichtlich besser." Ich deutete auf den Salat. ,,Er war nicht schlecht." Wir traten zusammen hinaus, wo eine andere Mitarbeiterin schon emsig damit beschäftigt war, die ganzen Verkaufsregale in eine Art Garage zu rollen.
Der Laden war wirklich klein, aber man hatte draußen unter dem überdachten Gang, der zu ihm führte, eine große Fläche, auf der die ganzen Sonnenschirme, Schwimmreifen und Liegestühle angeboten wurden. Diese fahrbaren Regale wurden nun weggerollt, es war Zeit für den Feierabend. Die junge Dame nickte uns ernst zu, als wir an ihr vorbeigingen. ,,Ich hoffe, meiner wird nun auch besser." Ich wedelte trotzig mit der Tüte. Zu meinem Zorn auf meine Mutter kam nun auch noch Wut auf mich. Ich hasste es, dabei überrascht zu werden, wie ich lauter Müll kaufte. Ich gebe zu, ich habe da einen kleinen Tick. Ich sehe mir gerne die Einkaufswagen anderer Leute an und versuche mir dann ein Bild zu machen, wie sie sind. Ich weiß, das ist nicht immer fair, aber ich mache es dennoch. Und, noch schlimmer, manchmal, wenn ich dann nachgab und mir Unmengen an ungesunden Sachen kaufte, dann ging ich immer in die Obstabteilung und packte noch eine Menge gesunder Sachen dazu, nur damit die Kassiererin und die Frau hinter mir nicht in meinen Wagen sahen und denken mussten, ich sei eine arme, einsame Frau, die sich mit viel Zucker und so das Leben schönfrisst. Ich weiß, dass das blöd ist und dass es mir herzlich egal sein könnte, was andere von mir dachten, aber das war es mir nicht. ,,Ich würde gerne mithelfen, dass er besser wird." Er sah auf die Uhr. ,,Aber ich muss los ... Ich werde erwartet." Ich nickte. Klar. Zu einem leichten Abendessen mit Salat und Orangen zum Dessert. ,,Ich habe noch Dienst." Er lächelte, als hätte er meine Gedanken erraten. ,,Oh. Na, dann halte ich dich besser nicht auf." ,,Es war schön, dich wiederzusehen, Mira." ,,Es war auch schön, dich zu sehen, hm." ,,Leander" Er war bereits mit schnellen Schritten unterwegs, rief mir seinen Namen eher nachlässig zu, ehe er um die Ecke verschwand. ,,Leander", wiederholte ich. Dann griff ich in meine Tüte und zog den Erdbeer-Honig-Schokoladenriegel heraus. Schon nach einem Bissen war meine Laune deutlich besser. Manchmal musste man sich eben was gönnen.
Gewidmet: Sophiechen1098 Danke, für Deine Kommentare, die mich unglaublich motivieren. Das Kapitel wurde nur für Dich heute noch veröffentlicht. :)
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top