Kapitel 4

Als Svea mit den anderen später zurückkam, war ich schon fertig mit dem Einrichten. Viel hatte ich ja nicht, nur meine Kleider und ganz wenige persönliche Dinge, die ich bei mir haben wollte. Und das war auch gut, denn ich hätte gar nicht mehr untergebracht. Die Hänge-Organizer, die Svea mit vorhin in die Hand gedrückt hatte,  waren wirklich Gold wert, denn ich hatte so wenigstens meine Unterwäsche und einiges andere verstaut bekommen, was in dem winzigen Schrank, der von Oceanside Camping gestellt wurde, keinen Platz mehr hatte. Mein leerer Koffer passte gerade so unters Bett und ich war recht zufrieden. Es hätte schlimmer sein können, diese unbekannte Sarina, von der mir meine neue Kollegin erzählt hat, hatte mit ihrem Abbruch hier nicht nur einen Job für mich geschaffen, sondern mit ihren bunten Sachen, wie etwa der Teppich auf dem Zeltboden, auch gleich für einen schönen Willkommensgruß gesorgt.

,,Und hier ist das Team. " Svea schien immer noch voller Energie zu sein, obwohl es schon nach acht war und die heute bestimmt schon seit zehn Stunden arbeitete. Sie trug einen Stapel Pizzakartons in den Händen. ,,Das sind Magnolia aus Italien und Irina aus Weißrussland. Simon ist unser Teamleiter und wird dich gerne einweisen, was, Simon? Für dich habe ich Margherita genommen. Das isst jeder, nicht? Macht sechs Euro. " Ich nickte und nahm ihr den Karton ab, während ich meine neuen Kolleginnen musterte. Irina hatte braune, lange Locken, die sie zu einem Dutt zusammengezwirbelt hatte. Einzelne Strähnen ringelten sich dekorativ um ihr Gesicht. Sie war recht dürr gebaut, aber nicht auf die magersüchtige Art. Ihr Mund war klein und rot, jedoch war ihr Lächeln umso breiter, während sie meinen Hund streichelte. Ich möchte es, wie herzlich sie mit ihm umging.
Magnolia könnte man als italienischen Stereotyp bezeichnen: braungebrannt, kurze, glatte, schwarze Haare und eine herzliche Big-Mama-Figur.  Simon war deutlich älter als die beiden anderen. Nicht dass er alt aussah, nur eben nicht mehr wie Anfang zwanzig. Er war groß und relativ hager, hatte eine Glatze, die wunderbar zu seinem Gesicht passte.

,,Willkommen." Er reichte mir eine große, jedoch zarte Hand, die überraschend fest zupackte. ,,Unsere Teamsprache ist Englisch. Die meisten unserer Gäste kommen im Übrigen aus Britannien. Du sprichst die Sprache? " ,,Ja." ,,Können wir das beim Essen klären? " Magnolia hatte sich schon einen der beiden Stühle geschnappt und den Deckel ihres Pizzakartons geöffnet. ,,Ich habe echt Hunger. " Den hatte ich ebenfalls. Zeit zum Essen war nämlich nicht gewesen und ich hätte auch erst etwas besorgen müssen. Dankbar nahm ich ein Stück Pizza und ließ mich in den Stuhl fallen, den Svea eben aus dem Zeltinnern geholt hatte. Oleg hielt ich ebenfalls ein Stück hin. ,,Also, erst mal die Regeln ... " Simon schob den Karton zur Seite und nahm steif Platz. ,,Ohne Regeln läuft hier nichts. "

Zwei Stunden später war ich bestens gebrieft. Simon hatte das Team im Griff, aber er schien fair und relativ umgänglich zu sein. Geschäftig hatte er mir meine Arbeitszeiten erklärt – von acht bis eins, dann zwei Stunden Pause, dann wieder von drei bis sieben. Wenn viel los war und wir zu langsam waren, auch mal länger. Wir hatten einen halben Tag frei pro Woche, bei mir war das der Donnerstag, wie mir Svea heute schon eröffnet hatte. Jeder musste alles machen, also putzen, Kunden betreuen, neue Gäste begrüßen, kleinere Reparaturen und was eben sonst so anfiel. Er hatte mir auch noch einmal ausführlich erläutert, was ich sowieso schon wusste. Wir vom Oceanside Camping waren sozusagen die Exoten hier auf dem Platz. Der Campingplatz, ›Club Erodios‹, war eine große, privat geführte Fünf-Sterne-Anlage. Er umfasste ein riesengroßes Areal und um die achthundert Mietunterkünfte. Wir hatten einen kleinen Bereich im hinteren Teil des Platzes, auf dem sich Oceanside Camping eingemietet hatte. Die Gäste konnten alle Vorzüge des Platzes nutzen, wurden allerdings von uns direkt betreut. Wir arbeiteten hauptsächlich für uns, aber sollten natürlich dem Standard des Platzes gerecht werden. Die Gäste durften zwar die Vorzüge der gut organisierten und ausgestatteten Anlage nutzen, wir jedoch mussten alleine zurechtkommen. Dann hatte sie mir eine Tasche mit meiner Arbeitskleidung überreicht. Fünf Shirts, drei kurze Hosen, zwei lange, eine Fleecejacke und eine Regenjacke, wie angekündigt. ,,Waschmaschinen gibt es drüben im Sanitärhaus, Trockner auch. Du bist selbst dafür verantwortlich und musst die Kleider am Ende wieder abgeben, bitte in einem guten Zustand. Passen sollte es, denke ich." Er hatte mich kurz gemustert. Ich hatte im Vorfeld meine Größe angeben müssen, also sollte das kein Problem sein. Dann hatte er mich ausgefragt, was ich bisher gemacht hatte. Meine Erzählungen hatten ihn nur wenig beeindruckt. ,,Dann kennst du dich aus, das ist gut. Und du weißt auch, was auf dich zukommt, und rennst nicht gleich davon, weil du putzen musst, wie diese Sarina. Und dabei waren wir noch in der Vorsaison, nicht mal drei Viertel der Kapazitäten waren belegt. Nun, in ein, zwei Wochen sind wir voll, und das bleibt dann so für eine Weile. Dann haben wir Arbeit. Jetzt ist es ein Spaziergang." Ich sah, wie Magnolia den Mund verzog. ,,Klar, Spaziergang." Es sei nicht üblich, nur einen englischen Muttersprachler im Team zu haben, hatte Simon erklärt, aber es sei nun mal so, dass ich die Einzige war, die kurzfristig nachrücken konnte, und mein Englisch sei ja zum Glück ganz passabel. Ich grinste Svea zu. Es war mehr als das, doch ich widersprach nicht.

Mit der Dänin, mit der ich mein Zelt teilte, waren wir komplett. Sie war ein Sprachwunder, hatte sogar Simon zugegeben, sie sprach englisch, französisch, deutsch und spanisch fließend, italienisch ganz gut. Auch Magnolias Englischkenntnisse waren sehr gut und die Unterhaltung am Tisch kam langsam in Fahrt. Besonders, nachdem Simon sich verabschiedet hatte. »Er ist in Ordnung, ein wenig steif eben. Er hat mächtig Druck gekriegt, weil Sarina abgebrochen hat, und er muss nun wieder Pluspunkte sammeln, das macht ihn ein wenig verbissen. Er ist seit sieben Jahren Teamleiter, und das ist ihm noch nie passiert. Natürlich war Prinzessin Sarina auch zu hochwohlgeboren für den Job. " Magnolia lachte und fischte eine Tafel Schokolade aus ihrem Rucksack. ,,Ihr Papi hat sie ausgelöst. Ist nicht ganz einfach, unter der Saison aus dem Vertrag auszusteigen. Aber ich mochte sie, die Kleine, auch wenn sie vorher bestimmt noch nie eine Toilette geputzt hat. Sie war so süß in ihrer Naivität."

Svea streckte sich und stand auf. ,,Ich habe noch was vor. Wird Zeit, dass ich mich umziehe. " Sie verschwand im Zelt. Magnolia schob sich ein weiteres Stück Schokolade in den Mund. Okeh hatte sich aus dem Staub gemacht, er kam aber immer mal wieder zurück, wahrscheinlich um nach dem Rechten zu sehen. ,,Und jetzt zu dir. Wo kommst du her? Und wieso bist du so kurzfristig hier? " Ich überlegte kurz, ob ich mir etwas ausdenken sollte, aber so, wie ich mich kannte, würde ich das nicht den ganzen Sommer durchziehen können. Ich war noch nie gut darin gewesen, etwas zu verbergen oder die Tatsachen ein wenig zu korrigieren und das dann über eine längere Zeit durchzuhalten. Und diese Menschen würden nur ein paar Monate Teil meines Lebens sein, wieso sollte ich nicht sagen, wie es war. Ich erzählte also, dass ich mich von meinem Verlobten und seinem Hotel getrennt, schwanger von ihm bin und einfach der Sehnsucht nachgegeben hatte, frei zu sein, in der Sonne und einmal was ganz Verrücktes zu tun. Magnolia hörte mit aufgerissenen Augen zu. ,,So ein Arsch. Und wie süß, Du bist schwanger! Wenn Du Hilfe benötigst, kannst du immer zu mir kommen. ", sagte sie erfreut und fuhr fort: ,, Du hast es richtig gemacht. Hier kannst du es ihm heimzahlen, so viele Gelegenheiten, wie es hier gibt, kannst du gar nicht wahrnehmen." ,,Ich will es ihm nicht heimzahlen und ich will keine Gelegenheiten. " Wir waren ins Deutsche gewechselt, welches sie als Sprachkurs belegt hatte. ,,Ich will überhaupt keinen Kerl im Moment. " Magnolia lachte. ,,Warte nur ab. Hier ist alles ein wenig anders. Den Kerlen scheint die Sonne gutzutun. Morgen mach ich dich mal mit ein paar anderen bekannt. Ist ganz einfach hier, jemanden kennenzulernen. " Sie grinste Svea zu, die in diesem Moment wieder zu uns trat. Sie trug jetzt kurze Jeansshorts und ein knappes, enges Shirt. Die hellblonden Haare waren lang und glänzend und unterstrichen ihre gebräunte Haut. ,,Nicht, Svea? Hier ist alles ein wenig anders." ,,Nicht bei mir. Ich bin immer so. " Damit verschwand sie, eine Hand lässig zum Gruß erhoben. Statt ihr, kehrte Oleg wieder ins Zelt zurück und legte seinen Kopf auf meine Schulter. ,,Wie ist sie immer? ", fragte ich verwirrt.  Das letzte Stück Schokolade verschwand in Magnolias Mund. ,,Wirscht schon sehn", nuschelte sie. »,,Keine Bange."

Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf, weil Oleg bedrohlich knurrte. Jetzt hörte ich es auch. Da war etwas gewesen, etwas, das mich aufschrecken ließ. Und dann hörte ich es wieder. Ein Wimmern. Ein lautes, beängstigendes Wimmern. ,,Nein. Nein, lass das." Ich brauchte einen Moment, um die Stimme zuzuordnen. Svea. Ich fuhr hoch. ,,Nein! Nein! NEIN! " Ach du Schande. Das Wimmern nahm zu, wurde abgehackter, noch lauter, noch verzweifelter, und ich stand langsam auf. Ich musste ihr helfen, auch wenn mir gerade die Angst die Kehle zuschnürte. Svea war im Zelt, die Stimme kam eindeutig von nebenan. Und das hieß, da war noch jemand. Jemand, der sie zum Wimmern brachte und etwas tat, was sie nicht wollte. Ich sah mich um, ob es etwas gab, das ich als Waffe benutzen konnte. In meiner Hilflosigkeit griff ich nach dem kleinen Plastikstuhl und begann ganz langsam den Reißverschluss meiner Kabine zu öffnen, darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, Oleg dicht hinter mir. Ein Knurren setzte ein, tief und ohne Zweifel männlich. Und das Wimmern wurde lauter. Ich holte tief Luft, packte mit einer Hand den Stuhl an seiner kurzen Lehne und zog mit der anderen mit einem Ruck den Reißverschluss ihrer Kabine hoch. ,,Ja, da. Jetzt hast du es. Weiter, schneller, komm schon. " Das Wimmern veränderte sich, wurde kehliger und von einem Keuchen begleitet. Das Knurren nahm Fahrt auf. Und das alles in dem Moment, in dem ich mit einem Plastikstuhl über meinem Kopf die Plane zur Seite riss und ,,Svea!" schrie. Einen Moment war es ganz still. ,,Scheiße, Mira, was soll das denn? " Svea starrte mich mit erhitztem Gesicht an. Der Typ, der auf ihr lag, starrte mich mit schweißglänzendem Gesicht an. Und ich starrte die beiden an. Ach du Schande. ,,Ich dachte, du bist in Gefahr." ,,Nein, verdammt. Hey, nicht aufhören! " Der zweite Teil galt definitiv nicht mir. Mit glühenden Wangen murmelte ich eine Entschuldigung, war wie der Blitz zurück in meinem Bett und kuschelte mich schützend an Oleg. Jetzt wusste ich, was Magnolia gemeint hatte. Und ich wusste auch, was es mit Sveas Willkommensgeschenk auf sich hatte.

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