Kapitel 16

Wie ihr bestimmt gemerkt habt, sind meine Ferien zu Ende. Ich hatte meine Kommuniksprüfungen in Englisch und Spanisch und generell viel zu tun, weil ich auch noch die Abizeitung organisiere.
Trotzdem ein dickes, Fettes DANKE für 200 Reads!!!😍 Habe mich grade richtig gefreut, als ich das gesehen habe.
Und jetzt viel Spaß mit dem neuen Kapitel.

Noch drei Tage, bis wir uns wieder treffen würden, war mein erster Gedanke, als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug. Noch drei Tage, bis wir wieder miteinander sprechen, dachte ich, als ich unter der Dusche stand. Ich liebte es, hier zu duschen. Ja, es waren öffentliche Duschen und man musste jedes Mal seinen ganzen Krempel mitnehmen und sich in der Kabine anziehen, was nicht immer leicht war wegen des nassen Bodens. Dennoch liebte ich es.

Das Waschhaus war ein großes, solides Steinhaus, sandfarben wie alle öffentlichen Häuser hier. Ab und an waren große Sandsteinplatten eingelassen, auf denen, ähnlich wie auf diesen Reliefplatten im alten Ägypten, Szenen zu sehen waren. Tropische Landschaften, Palmen, Menschen. Ich betrachtete sie gerne, jedes Mal sprang mir ein neues Detail ins Auge. Große irdene Gefäße säumten den Weg zu den Duschen. Sie standen in jedem Zugang und waren mit Sand gefüllt, überdimensionale Aschenbecher, aber trotzdem wunderschön. Die Duschkabinen hatten grasgrüne Holztüren und die einzelnen Abteile waren recht großzügig. Es gab im vorderen Bereich ein breites Waschbecken, das genug Ablagefläche bot, und Haken, um seine Sachen aufzuhängen. Auch der Duschbereich, mit grauen Bodenfliesen und glänzend weißen Wänden, war groß genug, dass man sich gut bewegen konnte. Das Wasser war immer warm, egal wann man kam. Am schönsten jedoch fand ich die etwa handbreite Lücke oben zwischen der Wand und dem Holzdach mit seinen sichtbaren, braun eingelassenen Holzbalken. Dort schien die Sonne herein, eine sanfte Brise umschmeichelte den Körper und es war einfach Urlaub pur. Ich liebte das, es war fast, wie in der Natur zu duschen, nur eben mit den schützenden Wänden, damit dir nicht jeder dabei zusieht, wie du deine Beine rasierst.

Sanft strich ich über meinen Bauch. Er hatte eine deutliche Wölbung bekommen und sag ganz anders aus als vor zwei Wochen. Mittlerweile war ich im dritten Monat. Ich freute mich auf die Zeit zurück in Deutschland, wenn ich Nachmittage damit verbringen würde Babykleidung und Zubehör zu shoppen. Auf dem Rest freute ich mich nicht. Erik werde ich sagen müssen, dass diese kleine Kugel von ihm ist. Es wird sein Leben zerstören, weil er lernen muss Verantwortung zu übernehmen.

Nur noch drei Tage, dachte ich, als ich wieder zurück im Zelt meinen Wasservorrat in den Rucksack packte und zusah, wie  Svea sich noch schnell ihr Zuckerstreusel-Brot reinschob. Meine Unsicherheit war weg. Seit ich dieses Päckchen gestern Abend gefunden hatte, wusste ich, dass ich mir keine Sorgen machen musste. Und seit ich ihn gestern Abend beobachtet hatte, sowieso. Es waren genügend Frauen dagewesen, schöne, nicht so schöne und echte Hammerfrauen. Aber er hatte die ganze Zeit konzentriert auf sein Pult gesehen, hatte ab und zu die Hand zum Gruß erhoben, ein paar Worte gewechselt, doch es gab keinen Moment, in dem ich mir Sorgen gemacht hätte. Ich hatte so etwas noch nie erlebt, aber ich fand es plötzlich unglaublich romantisch. Diese Wartezeiten, in denen kein Kontakt herrschte, keine nichtssagenden Nachrichten, aus denen man dann tagelang versuchte, eine Nachricht herauszulesen, die eh nicht drin war. Keine lässig hingeworfenen Sätze, die mehr verunsicherten als beruhigten, und kein banges Warten, wie lange es dauerte, bis endlich eine Antwort kam.

Ich musste nicht stundenlang an einem Satz herumfeilen, bis er genau das richtige Maß an Unverbindlichkeit, Interesse, Coolness und Witz hatte, die man heute haben musste, natürlich ganz spontan. Man wartete und freute sich darauf, dass man sich bald wieder sah. Wir waren uns so nahe in dieser kleinen, eigenen Welt. Wir arbeiteten und lebten hier, kauften im selben kleinen Laden ein, bewegten uns jeden Tag über dieselben Wege, sahen dasselbe Meer, atmeten die gleiche salzige Luft, und dennoch sahen wir uns nicht. Da war immer dieses Prickeln, wenn ich unseren Teil des Campingplatzes verließ, wenn ich von unserem abgelegenen, orange-gelben  Oceanside Camp-Gelände hinaustrat, denn hinter jeder Biegung konnte er stehen. Aber ich hatte plötzlich nicht mehr ständig das Bedürfnis, wie ein verrücktes Teenager Mädchen auf mein Handy zu sehen, ob ich den Nachrichtenton überhört hatte, ob er sich gemeldet hatte. Seit dem Paket wusste ich, dass er so etwas nie tun würde. Es war nicht sein Stil.

Leander war anders als alle Männer, die ich kannte. Unser Kennenlernen war anders. Es war so unspektakulär, so altmodisch und dennoch oder gerade deswegen etwas ganz Besonderes.  Svea würde natürlich sagen, dass ich verrückt war. Unsere Zeit hier war begrenzt und sie würde raten, endlich mal zu Potte zu kommen. »Kom naar Potte«, das war einer ihrer Lieblingssprüche. Aber ich wollte das gar nicht. Also, ich wollte schon, irgendwie, und trotzdem nicht. Ich hatte keine Ahnung, was daraus werden würde, ob überhaupt etwas daraus werden würde, doch ich spürte, dass eine ganz eigene Magie über uns lag. Und selbst wenn wir uns in gut zwei Monaten trennen würden, ohne zu Potte gekommen zu sein, dann würde es dennoch zu einer meiner schönsten Erinnerungen werden. Ich wollte es nur nicht gewöhnlich werden lassen, eine Urlaubsliebschaft, wie es tausend andere gab. Denn das war es ganz sicher nicht. Und wenn das Band, das uns umschlang, eben keusch blieb, dann war es so, denn mein Herz blieb es nicht.

Am Sonntagabend war ich aufgeregt und glücklich. Erstens einmal war heute Joe abgereist. Er hatte seine Taschen in das schicke teure Auto geladen und war verschwunden, recht schmallippig und ohne größeres Tamtam. Er hatte ein Gecko-freies Haus hinterlassen, das ziemlich dreckig war. Ich konnte mir vorstellen, dass es ihm eine Art heimliche Befriedigung verschafft hatte, sich vorzustellen, dass wir uns nun durch den ganzen Müll hier kämpfen mussten. Mir war es egal. Ich war froh, dass er weg war, denn jeden Abend, wenn Iris mir stumm den Block mit den Nachrichten in die Hand gedrückt hatte, fürchtete ich, wieder hingehen zu müssen.

,,Weißt du was?" Ich war mit dem Bad beschäftigt, während Svea im Schlafzimmer sauber machte. ,,Ich glaube, das war ein Trick. Der hat einen Gecko gefangen und hier reingebracht, um uns zu holen. Seither war keiner mehr da, und dass es nicht Emil war, ist eindeutig. Armer Emil. Ich hoffe, es geht ihm gut, da, wo er jetzt ist." ,,Der kommt schon zurecht." Sveas Stimme klang dumpf, sie musste irgendwo unter dem Bett zu tun haben. ,,Schon. Aber das war sein Heim und ich habe ihn weggebracht und ausgesetzt wegen dem Spinner. " ,,Du spinnst doch auch. Er ist ein Gecko. " Es rumpelte und Svea fluchte herzhaft. Dann hörte ich, wie sie laut und verächtlich die Luft ausstieß. ,,Was gibt es? " Ich ging zu ihr hinüber, gespannt, was sie so aufregte. Wahrscheinlich hatte sie die Matratze hochgeklappt und den gesammelten Müll der letzten zwei Wochen gefunden. Ehrlich, was so unter den Betten lag, war keine Freude. Benutzte Taschentücher sind da noch das Netteste.

,,Hatten wir das nicht erwartet? Klarer Fall von Selbstüberschätzung. " Sie hielt eine weiß-rote Pappschachtel hoch. Kondome, aber immerhin alle noch versiegelt und unbenutzt. XXL prangte in großen roten Buchstaben auf der Verpackung. Svea öffnete sie und schüttete den Inhalt auf das Bett. ,,Acht von zehn. Scheint ja kein besonders erfolgreicher Urlaub gewesen zu sein. Willst du sie? Vielleicht bringt dich das mal dazu, ein wenig Spaß zu haben." ,,Danke, ich verzichte. "

Ich zog mich zurück ins Bad, damit sie nicht sah, wie ich rot wurde. Ich hatte vor Kurzem meinen halben freien Tag gehabt und war in den Supermarkt im nächsten Ort gefahren. Es war auf Dauer zu teuer, alles hier zu kaufen, auch wenn wir Mitarbeiterrabatt bekamen. Also hatte ich meinen Wasservorrat, Hundefutter, Obst, Nudeln und ein paar Konserven, Duschgel und all die kleinen Dinge des Alltags besorgt. Und Kondome. Ich hatte es nicht vorgehabt, doch als ich am Regal vorbeiging, griff ich spontan zu. Ich ging nicht davon aus, sie heute zu brauchen, aber wenn es denn sein sollte, würde es nicht daran scheitern, dass ich zu feige war, mir bei Svea welche zu leihen.

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