Kapitel 15
Ich melde mich mal vor dem Kapitel.
Danke für 145 Reads!!!
Ihr seid toll!
DANKE DANKE DANKE!
Dafür gibts ein extralanges Kapitel ;)
Wollt ihr, dass die Schwangerschaft mehr eingebaut wird?
Ja
Nein
Wollt ihr, dass Oleg mehr eingebaut wird?
Ja
Nein
Kurze Abstimmung: Wen findet ihr toller? (Kommentiert fleißig)
Emil
Leander
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Trotz der kurzen Nacht war ich am nächsten Morgen früh wach und bestens gelaunt. Meine Kollegin erschien mit recht kämpferischem Ausdruck zum Frühstück und ich ersparte es mir, sie auf die vergangene Nacht anzusprechen. Auf dem Weg zum Home erzählte ich dann doch die Geschichte mit Emil und dem Handtuch. Sie warf mir einen Blick zu. ,,Und? Kein Interesse?" ,,Danke, nein." Sie nickte. ,,Kann ich verstehen." ,,Ach ja?" Das überraschte mich. Normalerweise lautete ihr Credo, dass man keine Chance ungenutzt verstreichen lassen dürfte. ,,Diese Art Typen kann ich gar nicht ab. Gibt es immer mal wieder. Aber die sind ganz schnell klein, wenn ich die erwische." ,,Das heißt, wenn ich wieder dahin muss, kommst du mit?" ,,Mit dem größten Vergnügen." Ihre Augen blitzten gefährlich.
In diesem Moment hoffte ich wirklich für diesen Randy, dass er den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden hatte und keine neuen Nachrichten mehr hinterließ. Svea würde ihn vernichten in ihrer momentanen Verfassung. Sie stapfte in großen Schritten neben mir her und sah dabei von rechts nach links. Man konnte über sie sagen und denken, was man wollte, ihren Job nahm sie ernst. Sie blieb bei einem Vorgarten stehen und packte einen Einhorn-Schwimmreifen, der sich gefährlich nahe an der Straße befand. Mit Schwung beförderte sie ihn weiter nach hinten, wo er nicht Gefahr lief, unter die Räder zu kommen. ,,Ich fürchte, ich muss Magnolia zum Essen einladen." Sie sah zu dem Plastiktier und schüttelte ungläubig den Kopf. ,,Wir haben eine kleine Wette laufen. Jedes Jahr gibt es einen Hype, etwas, was alle haben, egal wie blöd es ist. Ich habe auf Donuts getippt, sie auf die Einhörner. Und ich glaube nicht, dass nun noch der große Umschwung kommt. Wir leben definitiv im Einhorn-Sommer." ,,Einhorn-Sommer", wiederholte ich. Das gefiel mir. Es hörte sich richtig nett an. ,,Letztes Jahr war es der Flamingo-Sommer. Ich war mir so sicher mit diesen Donuts ...« Sie zuckte die Achseln. Dann grinste sie. ,,Und wenn man deine ganzen Sonnenbrand-Typen dazuzählt, dann bekommt der Begriff eine ganz neue Bedeutung."
Es schien, als wäre die Emil-Auswilderung geglückt, denn als ich mich zwei Tage später beeilte, vor dem Treffen mit Leander noch in andere Klamotten zu kommen, war immer noch keine Nachricht aus Haus 10 da. Ich entschied mich für lockere Khaki-Shorts und ein schlichtes, gut geschnittenes weißes T-Shirt, welches meinen mittlerweile gut rundlichen Bauch betonte.
Bisher hatte ich jedes Mal diese unvorteilhafte Arbeitskleidung getragen, wenn wir uns sahen, und heute wollte ich unbedingt mal ein bisschen mehr ich selbst sein. Er selbst trug nie Arbeitsklamotten. Er hatte stets normale Hemden getragen, weiß, Seide, mit genau dem richtigen Maß an Knittern und Falten, und verschiedene, meist helle Jeansshorts dazu. Meine Haare kämmte ich, bis sie glänzten, und ließ sie dann offen über meine Schulter fallen. Sie waren jetzt heller als zu Beginn, die Sonne hatte goldene Strähnchen und Lichtreflexe hineingezaubert, die kein Friseur besser hinbekommen hätte. Außerdem hatte ich mittlerweile eine schöne Farbe bekommen, denn die Mittage verbrachte ich immer noch großteils am Strand, schwamm ein wenig mit Oleg, döste kurz vor mich hin und träumte mit offenen Augen davon, dass es ewig so bleiben würde.
Als ich an den Strand kam, war er schon da. Ein gestreiftes Tuch lag auf dem Boden, darauf standen zwei Gläser, eine Flasche Wein, eine Flasche Wasser und ein kleiner Bastkorb mit frischem, knusprigem Baguette. Er hatte sogar einen kleinen Wassernapf für Oleg aufgestellt, wahrscheinlich mit Süßwasser. Trauben lagen daneben, grüne und rote, und der obligatorische Käse. Auf einem großen Teller waren Muscheln arrangiert, in einem Bett aus Eis. Ich sah sie mit Unbehagen. ,,Natürlich gibt es auch einen Erdbeer-Schokoriegel. Ich weiß schließlich, was ich dir schuldig bin." Er war aufgesprungen, als ich gefolgt von Oleg die Rampe herunterkam, und lächelte mir zu. Ich fühlte, wie mein Gesicht aufleuchtete, und zog kurz die Unterlippe nach innen. Das war perfekt. Nun ja, bis auf die Muscheln. Wir setzten uns und er schenkte jedem ein Glas Wein ein. Ich nahm dazu ein paar Trauben, das reichte mir. Irgendwie war Essen nicht so wichtig, wenn er in der Nähe war. Ich beobachtete, wie er sich eine Muschel nahm. Er griff sie sich ganz unspektakulär und zog mit den Fingern das Fleisch heraus. Wir hatten einmal eine Einführung gehabt, wie man die verschiedensten Muschelsorten essen sollte, und dabei gelernt, dass man die erste mit der Gabel nahm, die weiteren dann mit der ersten Muschel, die als Zange diente. Ihm war das entweder nicht bekannt oder egal, denn er aß weiter einfach mit den Fingern. Ich hatte ihn wohl zu interessiert beobachtet, denn er stoppte plötzlich und sah mich an. ,,Willst du keine?" ,,Ähm, nein. Ich finde, sie sind etwas überbewertet." ,,Hast du sie schon einmal ganz frisch gegessen? Direkt am Meer?" ,,Nein." Ich wollte es auch nicht, eigentlich. Ich mochte einfach die Konsistenz nicht besonders. ,,Dann hast du etwas verpasst."
Er griff nach der nächsten und pulte den Inhalt heraus. Dann näherten sich seine Finger meinem Mund. Ich hatte keine Wahl und öffnete ihn langsam. Ich glaube, ich mochte die Konsistenz noch immer nicht, aber ich kann es nicht beschwören. Denn, unter uns, ich merkte gar nicht, was ich da aß. Seine Finger, die mich fütterten, dabei ganz sachte meine Lippen streiften, hätten mich dazu gebracht, alles zu essen. ,,Gut?" ,,Sehr gut." Er lachte leise.
,,Wenn man am Meer aufwächst, kann man sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die Meeresfrüchte nicht mögen." ,,Du bist hier aufgewachsen? Also wohnst du hier, ich meine, so richtig?" ,,Ja, ich wohne hier. Ich war drei Jahre in Athen an der Uni und es waren die längsten Jahre meines Lebens, weil ich nicht täglich ans Wasser konnte." ,,Was hast du studiert?" Ich nahm mir ein Stück Brot und zerpflückte es gedankenverloren. ,,Betriebswirtschaft. Ein wenig Management." Er sah hinaus auf das Meer. ,,Und was machst du nun hier? Ich meine, warum ..." Ich brach ab. Wie sollte ich das formulieren? Wieso hast du studiert und dann hier einen Job angenommen? Es hörte sich so abwertend an. ,,Alles, was anfällt. Hauptsächlich bin ich im Büro, aber wenn es irgendwo klemmt, dann springe ich ein." ,,Der perfekte Mitarbeiter." ,,Das war schon immer das Familienmotto. Sei dir nie zu schade, selbst anzupacken. Verlange nichts, was du nicht auch tun würdest." Ich war verwirrt. Ich hatte gedacht, er wäre eine Saisonkraft wie ich, doch anscheinend war das nicht der Fall. " ,,Du bist also fest angestellt?" Wieder lachte er. ,,Das trifft es ziemlich genau. Nach der Saison mache ich erst einmal Urlaub, aber dann geht es weiter. Es ist ein Job, in dem man eigentlich nie frei hat. Im Winter sind wir damit beschäftigt, zu renovieren, neues Gelände anzulegen, die nächste Saison zu planen. Natürlich gönnt man sich mehr Freizeit, mehr freie Tage, denn wenn die Gäste kommen, ist nichts mehr mit einer Fünf-Tage- oder einer Vierzig-Stunden-Woche." ,,Das glaube ich sofort. Irgendwie scheinen hier alle rund um die Uhr beschäftigt zu sein."
,,In den Wintermonaten ist in dieser Gegend nicht viel los. Die Menschen leben vom Tourismus und sie arbeiten sozusagen vor. Sobald die Campingplätze schließen, verfallen sie alle in eine Art Winterschlaf. Du kannst es dir gar nicht vorstellen, wie ruhig es hier ist. Wie in einer Geisterstadt. Aber ich mag es. Ich bin auch dann gerne am Meer, wenn es kalt und rau ist. Ich könnte nirgends anders leben als hier." Einen Moment sah er nachdenklich hinaus auf das Wasser, das silbern glitzerte und in sanften Wellen am Strand auslief. Dann ließ er sich in den Sand sinken und drehte sich, um mich anzusehen. ,,Ich gestehe allerdings, ich bin froh, dass diese Zeit nie lange dauert. Ich bin ein Sommermensch, mir kann es nicht warm und sonnig genug sein."
Ich saß da und schaute auf ihn hinab, sein leicht zerzaustes dunkles Haar, die braunen Augen, die immer ein wenig geheimnisvoll waren, und grinste. ,,Ich auch. Ich meine, mir ist der Sommer auch am liebsten." Wir blieben am Strand, bis die Sonne untergegangen war. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, heute Abend so viel wie möglich über ihn herauszufinden, aber plötzlich war das nicht mehr wichtig. Wir sprachen über die Arbeit hier, über die verrückten Dinge, die man erlebte, und die schönen Momente, die es gab. Ich konnte hören, dass er seinen Job liebte, ihn mit Herzblut und viel Engagement machte, und das gefiel mir. Es passte zu meiner eigenen Art. Überhaupt gefiel mir alles an ihm. Seine Lässigkeit, sein Kleiderstil, seine Augen, sein Lächeln. Mir gefielen seine Stimme, der warme Klang seiner Worte und die Art, wie er meinen Namen aussprach. Es klang so viel weicher und sinnlicher als im Deutschen, dass mir jedes Mal eine kleine Gänsehaut die feinen Haare auf meinen Armen aufrichtete, wenn er ihn sagte.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, so kurz nach Erik, aber ich war auf dem besten Weg, mich zu verlieben. ,,Gibt es jemanden, der in Deutschland auf dich wartet?" Er sah in den Sternenhimmel und seine Frage klang beiläufig. ,,Nein. Nein, es gibt niemanden." ,,Aber du bist schwanger?" ,,Ja. Mein Ex-Verlobter. Hat mich betrogen." ,,Das tut mir leid." Er schaute mich mitfühlend an. ,,Jetzt wird halt Oleg der Vater.", sagte ich grinsend, während Oleg seinen Kopf von meinen Beinen hob, weil er seinen Namen gehört hatte.
Ich konnte hören, dass er lächelte. Dann schloss ich die Augen und stellte die Frage, die mich ehrlich gesagt schon vom ersten Tag an interessiert hatte. ,,Und bei dir? Wartet auf dich jemand?" ,,Nein." Jetzt grinste ich auch. Es war mir zwar ein Rätsel, wie ein Mann wie er es geschafft hatte, Single zu bleiben, aber ich würde mich ganz sicher nicht darüber beschweren.
Ich bin prinzipiell ein eher gut gelaunter Mensch und ich versuche immer freundlich zu sein. Nach diesem Abend jedoch war ich so gut drauf, dass Svea misstrauisch wurde. ,,Hast du einen Kerl kennengelernt oder nimmst du kleine bunte Pillen?", raunzte sie mich an, als ich gut gelaunt Haus 237 betrat. Die Herrschaften waren heute abgereist und uns erwartete das pure Grauen. Dreckiges Geschirr in der Spüle, aufgerissene, halb geleerte Chipstüten in den Geschirrschränken, und vom Zustand des Badezimmers möchte ich lieber gar nichts sagen. Es war hier Philosophie, dass die Endreinigung von uns übernommen wurde. Die Gäste bekamen den vagen Hinweis, das Haus bitte in dem Zustand zu verlassen, in dem sie es vorgefunden hatten, aber manche scherten sich nicht darum. Sie hatten dafür bezahlt, also fühlten sie sich im Recht. Solche Häuser waren ein Problem, weil sie den Zeitplan durcheinanderbrachten und wir schneller sein mussten.
Ich hatte meiner Kollegin die Küche überlassen und mich selbst an das Badezimmer gewagt; ich wusste, dass es für sie das kleinere Übel war, halb leere Verpackungen zu entsorgen, als Haare und Dreck aus der Dusche zu putzen. ,,Wieso ekelst du dich nicht?", wollte sie wissen, als ich energisch die Duschwanne bearbeitete. Ich zuckte die Schultern und machte weiter. Ich ekelte mich nicht, weil ich gar nicht mitbekam, was ich tat. Für mich ist putzen oder bügeln etwas Meditatives. Ich kann dabei gut meine Gedanken wandern lassen, wegschweifen, Sachen durchdenken. Diese monotone, anspruchslose Arbeit war ideal, um auf Gedankenreise zu gehen. Und ich hatte vor, das heute den ganzen Tag über zu machen. Der gestrige Abend kam mir in den Sinn und genüsslich ließ ich ihn noch einmal Revue passieren.
Dieser Mann hatte mich total überwältigt. Er war so charmant gewesen, so aufmerksam, und er hatte mir deutlich gezeigt, dass er Interesse hatte, obwohl dass ich einen Hund hatte und schwanger war. Es gab diese kleinen Momente wie aus einer anderen Welt, wenn sein Arm meinen streifte oder als er mich mit diesen Muscheln fütterte. Oder als er mir in meine Augen sah. Seine Augen waren der Wahnsinn, ich weiß nicht, wie er das anstellte. Wenn Leander mir tief in die Augen sah, dann war das besser als eine Berührung, besser als ein Streicheln meiner Haut. Seine Augen hatten mein Innerstes gestreichelt, meine Seele berührt. Ich wusste nicht, wie ich das jemandem hätte beschreiben sollen, dieses Gefühl, das mich dabei überkam. Achtsam, sorgsam, und dennoch unglaublich intim, so war es. Als berührte er mich in meinen Gedanken, in seinen Gedanken auf eine Art, wie ich es noch nie erlebt hatte. Als wir endlich gingen, war es spät und ich war glücklich, glücklicher, als wenn wir uns wild geküsst hätten.
Svea hätte das nie verstanden. Er legte einen Arm um meine Schultern, als wir langsam über den Platz schlenderten. Ich fragte mich, ob er mich zu meinem Zelt bringen würde, ob er versuchen würde, noch ein wenig länger zu bleiben, aber an der Abzweigung zur Bar blieb er stehen. ,,Ich muss noch einmal nach dem Rechten sehen", sagte er mit einem tiefen Atemzug, der zeigte, dass er nicht gerade scharf darauf war, es aber auch keine Diskussion geben würde. ,,Okay." Ich rückte ein wenig von ihm ab. ,,Es war ein toller Abend. Wunderschön. Ich hoffe, dass wir das bald wiederholen können." ,,Das wäre schön.« Nun, hier im Licht und im Trubel, der herrschte, war ich ein wenig verlegen. ,,Du bist eine besondere Frau, das wusste ich sofort. Und sehr mutig." Er schwenkte seinen Korb, in dem die Reste des Abendessens und die Muschelschalen waren. Ich lachte, obwohl ich wusste, dass das nicht nur auf die Muscheln bezogen war. ,,Ich muss los. Ich melde mich, aber ich sage es lieber gleich, das war wohl eine große Ausnahme, einen ganzen Abend dienstfrei." Er sah mein Gesicht und lächelte. ,,Keine Sorge, ich lass mir was einfallen. Ein paar Stunden hier und da kann ich mir stehlen."
Dann beugte er sich vor und küsste mich wie beim letzten Mal auf beide Wangen. Aber er verharrte auf der rechten Seite ein wenig länger, als es notwendig gewesen wäre, und ich schloss einen Moment die Augen und genoss seinen Geruch, seine Wärme und das Kratzen auf meiner Haut. Den ganzen Weg zurück zu meinem Zelt hatte ich dämlich gegrinst. Ich fand es nicht schlimm, dass er mich nicht richtig geküsst hatte, überhaupt nicht. Ich fand es auch nicht schlimm, dass er nicht versucht hatte, die Stimmung unten am Meer auszunutzen. Leander war oldschool, und ich liebte es. Seine langsame Art, das vorsichtige Werben, ich fühlte mich wie eine Prinzessin. Leider fand ich drei Tage später das Ganze nicht mehr charmant und oldschool, sondern einfach nur verunsichernd. Drei Tage ohne eine Nachricht. Drei Tage ohne ein zufälliges Treffen. Und drei Tage ohne Erdbeer-Schokoriegel, weil ich Angst hatte, dass er wieder dazukam und mich erwischte, wie ich dieses ungesunde Zeug kaufte.
Ich beschränkte mich auf Obst und Gemüse, Brot, dazu einen leichten Roséwein. Ich überprüfte meinen Einkaufskorb nicht dahingehend, was ich wollte, sondern daraufhin, ob es mich in ein gutes Licht setzte. Bescheuert, ich weiß. Dann saß ich abends vor dem Zelt und plünderte schließlich Sveas Zuckerstreusel-Dose, weil ich dringend etwas brauchte, um meine Nerven zu beruhigen. Ich war jeden Abend am Meer, aber Leander war nicht da. Ich fragte mich manchmal, ob er ein Phantom war, das sich meine Fantasie zusammengesponnen hatte. Ich meine, so langsam kannte man sich und ich merkte, wie oft man sich über den Weg lief. Alejandro und Pablo zum Beispiel sah ich fast jeden Tag zufällig irgendwo auf der großen Anlage. Aber er war immer wieder wie vom Erdboden verschluckt. Das Leben war nicht fair. Wieso verschwand er ständig von der Bildfläche? Wieso konnte das Leben nicht einfach den Deppen von Haus 10 verschlucken?
Der hatte ganz offensichtlich recht gut weggesteckt, dass ich so wenig Interesse an ihm zeigte, und probierte es nun erneut. Er hatte irgendwie mitbekommen, dass ich mich abends gerne am Strand aufhielt, und tauchte plötzlich auch auf. Ich verschwand wortlos, als ich ihn kommen sah. Dann begann er wieder, Nachrichten zu hinterlassen. Ein Stuhl sei kaputt, ob man bitte vorbeikommen könnte. Ich ging widerwillig hin und schwor mir, das Haus nicht zu betreten. Tatsächlich war bei einem der Stühle die Lehne abgebrochen, genauer gesagt die Verbindung der Armlehne zur Rückenlehne, die nun wie ein gebrochener Arm nutzlos nach hinten hing. Ich versprach, im Laufe des nächsten Tages für Ersatz zu sorgen. Ich fragte nicht, wie er das geschafft hatte, war ja auch egal. Als ich es Simon sagte, das mit dem Stuhl, sah er nachdenklich aus. Es sei schon der dritte, und das mache ihm Sorgen, da unser Vorrat an diesen Lehnstühlen begrenzt war.
Am nächsten Tag war erneut eine Nachricht da. Emil war zurück, wie es schien. Ich konnte es kaum glauben. Vier Tage nach dem Auswildern war er wieder aufgetaucht, der tapfere kleine Kerl? Ich bat Svea mitzukommen, als ich mich abends auf den Weg machte. Sie stimmte mit grimmiger Begeisterung zu; ihre Laune war im Moment wirklich nicht ganz einfach und fast tat mir Randy leid. Aber nur fast. Wie der Zufall es wollte, war er wieder in der Dusche, als wir kamen. Meine Mitstreiterin schnaubte verächtlich. Der Duschtrick zog bei ihr nicht. Er kam wie beim letzten Mal lässig aus dem Minibad geschlendert, ein knappes Handtuch um die Hüften, die nassen Haare verstrubbelt, ein breites Grinsen im Gesicht. Es schwächte sich kurz ab, als er sah, dass ich nicht alleine war, dann streifte sein Blick einmal über Sveas kräftigen weiblichen Körper und ich konnte direkt sehen, wie er nachdachte. Sein Grinsen kam zurück und wieder lehnte er sich nachlässig an die Küchenzeile. ,,Da drin."
Er zeigte auf das Schlafzimmer. Svea stürmte voraus, ich hinterher. Er platzierte sich einmal mehr in der Tür wie ein Korken, der den Rückweg blockierte. Der Gecko saß an der Wand neben dem Fenster und ein Blick genügte, um zu sehen, dass er nicht Emil war. Er war deutlich kleiner und er war flinker. Im Gegensatz zu seinem Kollegen hatte er keine Lust, sich fangen zu lassen, und wir mühten uns redlich ab, ihn endlich zu fassen zu bekommen. Svea gelang das Kunststück schließlich mit einem beherzten Sprung auf das Bett. Lang ausgestreckt, packte sie das Tier, ehe es unter dem Bettgestell verschwinden konnte. Sie rappelte sich wenig elegant hoch, fluchte ungeniert und stand dann auf. Das Shirt war ihr aus der Hose gerutscht und ihre Brust hob und senkte sich heftig. Ich sah, wie die Augen unseres Gastes aufleuchteten, als er sich noch ein wenig lässiger in die Türöffnung fläzte. ,,Meinen Respekt. Ich habe das wendige kleine Biest nicht bekommen. Wirklich, ich bin begeistert." Seine Augen blitzten und seine Zungenspitze kam kurz zum Vorschein. Svea schnaubte. ,,Ich denke, dafür bin ich was schuldig. Ein Bier? Wein?" ,,Danke, nein. Wir müssen weiter.«
Ich versuchte, mich aus dem Raum zu schieben. Er war definitiv zu klein für drei Personen und trotz der Klimaanlage, die lief, war es zu heiß hier drin. ,,Ach, irgendwie muss ich mich doch erkenntlich zeigen können. Gibt es da nichts, was ich für euch tun könnte?" Sein Tonfall war jetzt genauso schmierig wie er und wie auf Kommando begann das Handtuch zu rutschen. Er stand da, mit einem siegessicheren Lächeln, und wartete darauf, dass es endlich zu Boden fiel. Ich sah weg. Es war nicht zu übersehen, dass er die ganze Situation sehr genoss und auch leider ziemlich ansprechend fand. Svea jedoch trat nicht zurück und sie sah auch nicht weg. Im Gegenteil. Sie hob kurz die Augenbrauen, dann trat sie einen Schritt nach vorne, den Blick fest auf den nackten Unterkörper gerichtet. Sie gab ein kurzes, grunzendes Geräusch von sich, dann streckte sie den Kopf noch weiter nach vorne, begutachtete mit großem Interesse seine Männlichkeit. Die Hand mit dem falschen Emil hatte sie ausgestreckt in Richtung seines besten Stückes und er begann, verunsichert nach hinten auszuweichen.
,,Hm, also, was denkst du, Mira? Höchstens eine Drei, oder? Eher sogar nur eine Zwei. Ja, definitiv eine Zwei." Sie drehte den Kopf und zwinkerte mir zu. ,,Kein Vergleich zu dem Typen letzte Woche, das war mal eine saubere Acht. Aber ich denke, wir schicken nächstens mal Magnolia, dass sie ebenfalls einen Blick darauf wirft. Obwohl, Magnolia ist ja so anspruchsvoll. Das wird nie mehr als eine Zwei." Ich nickte. Himmel, sie war der Hammer. Randy, der Hausbewohner, wich stetig nach hinten zurück und sein Lächeln war verschwunden. Seine Stimmung auch, wir konnten förmlich dabei zusehen, wie sie schrumpfte. Svea zuckte mit den Schultern. ,,Falls es noch einmal ein Problem mit einem Gecko gibt, bitte einfach Bescheid sagen. Wir schicken dann gerne jemanden." Sie lächelte, aber es war ein gefährliches Lächeln. Der Kerl nickte knapp und griff nach einem weiteren Handtuch, das auf der Sitzecke lag und nun hastig um seine Mitte gebunden wurde. ,,Wenn das alles war ..."
Wie eine Königin schritt Svea zur Tür, ich hinterher. Wir wurden nicht mehr verabschiedet und wir waren immerhin nett genug, bis zur nächsten Ecke zu warten, ehe wir in lautes Lachen ausbrachen. ,,Ehrlich, Svea, du bist der Hammer." ,,Ach was. Ich kenne diese Typen, die gibt es oft. Die verstehen es einfach nicht, wenn du Nein sagst. Das Einzige, was bei denen zieht, ist, wenn du ihr Ego so ankratzt, dass sie keine Lust mehr haben, sich noch einmal zu blamieren. Und ganz ehrlich, der hat es verdient, der Spacko. Hast du den Blick gesehen? Der dachte echt, wir schieben mal eben einen netten kleinen Dreier. Ha." Mit weit ausholenden Schritten stapfte sie davon, ich eilte hinterher. In Zukunft würde ich mir sie als Vorbild nehmen in solchen Situationen. Und heute Abend würde ich sie bekochen als Dank dafür, dass sie mich so vieles lehrte, das wirklich hilfreich war im Leben.
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