Kapitel 14
Mit Emil fest im Griff ging ich in großen, zornigen Schritten über den Platz Richtung Meer. Oleg merkte, dass etwas nicht stimmte. Er winselte leicht. Ich beruhigte ihn mit einem kurzen Blick. Der Gecko war ganz ruhig gewesen, als ich es aus dem Haus holte, nun jedoch begann es zu zappeln, als röche es den Braten. Ich ging schneller. Auf der Höhe des Ladens entwischte er mir beinahe und ich fluchte leise. Dann hob ich den Blick und sah eine vertraute Gestalt, die eben heraustrat, und zögerte kurz. Ich hatte Leander schon lange nicht mehr gesehen, obwohl ich zugeben musste, dass ich immer die Augen nach ihm offen hielt, wenn ich auf diesem Teil des Platzes war. Jetzt aber war er da und er winkte freudig in meine Richtung. Emil zappelte schon wieder und ich beschloss, dass er leider Vorrang hatte. Ich lächelte, entschuldigend, wie ich hoffte, und eilte weiter zum Meer, immer wieder leise oder auch etwas lauter fluchend, weil das Tier inzwischen richtig versuchte, auszubüchsen. Erst unten am Meer blieb ich stehen und ließ Emil frei. Er verschwand schnell in den Steinen, die den Strand zum Platz hin begrenzten, und ich winkte ihm mit einem schlechten Gewissen nach.
,,Was treibst du du denn?" Die Stimme war vertraut, auch wenn wir kaum eine Handvoll Worte gewechselt hatten. ,,Ich habe einen Gecko ausgesetzt. Er hat sich leider in den Kopf gesetzt, in einem unserer Häuser zu wohnen, und ich dachte, wenn ich ihn ein wenig weiter wegbringe, dann versteht er endlich, dass er in der Natur zu Hause ist." Leander lachte leise. ,,Das alte Problem. Es gibt immer wieder Tiere, die ständig in dasselbe Haus zurückkehren." ,,Nun hoffentlich nicht mehr." Ich atmete tief durch und ließ meinen Blick kurz über das Wasser schweifen. Vergiss ihn und vergiss den Blödmann, dachte ich. Genieße lieber den Augenblick.
,,Schlechter Tag?" Leander war die Rampe heruntergeschlendert und stand jetzt neben mir. Ich wollte den Kopf schütteln, überlegte es mir aber anders. ,,Schlechter Abschluss des Tages. Emil hat mich unwillentlich in eine blöde Situation gebracht." ,,Emil?" ,,Der Gecko." Er lachte schon wieder. ,,Was hat er denn gemacht? Eine Urlauberin in einen hysterischen Anfall versetzt?" ,,Nein. Er hat ... eigentlich nur dagesessen. Aber ich musste in das Haus, um ihn zu holen, und der Typ, der dort wohnte, dachte, wenn ich nun schon einmal da bin ..." Ich zuckte mit den Schultern, um zu zeigen, dass es mir ziemlich egal war, doch Leanders Gesicht verhärtete sich. ,,Einer von der Truppe?" ,,Ja. Aber zum Glück einer, der Angst vor Geckos UND Hunden hat. Ich kam also unbeschadet aus der Geschichte heraus. Allerdings muss Emil jetzt gehen, denn ich habe keine Lust auf eine Wiederholung." ,,Manche Typen denken, sie könnten sich alles erlauben. Lass mich raten, die Handtuch-Nummer?" ,,Du kennst dich damit aus?" Ich lachte, weil ich wollte, dass das Gespräch nicht zu ernst wurde und ich nicht wie eine Petze oder allzu jammernd rüberkam. ,,Die gibt es immer wieder. Wir haben hier klare Regeln. Es wird dokumentiert und das betreffende Haus wird nur noch zu zweit aufgesucht." ,,Ernsthaft?" ,,Natürlich. Es ist unangenehm und es ist kein Kavaliersdelikt. Ich bin der Meinung, dass man die Mitarbeiter davor schützen muss." ,,Das finde ich gut. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal Svea mitnehmen." Ich sah seinen fragenden Blick und lächelte nun wirklich. ,,Meine Kollegin. Ich denke, sie wäre der Situation besser gewachsen als ich." Er sah mich von der Seite an, mit einem seltsamen Blick, als wolle er prüfen, ob ich die Wahrheit sagte.
Dann strich er sich langsam über das Kinn. ,,Man muss sich nicht alles gefallen lassen, ich hoffe, das wird bei euch ähnlich gehandhabt. Allerdings freue ich mich, dass ich dich mal wieder getroffen habe." ,,Ich auch." Ich sah zu den Wellen und hoffte, dass ich so beiläufig klang, wie ich beabsichtigte. ,,Und heute sogar ohne Fell." Er lachte. ,,Diese Saison ist wie verhext. Wir sind voll und wir haben so viele Ausfälle wie selten. Jeden Tag gibt es eine andere Baustelle, die aufgefangen werden muss. Aber wenigstens ist der Affe wieder gesund, und das bleibt mir erspart." Er sah auf die Uhr. ,,Und ich habe sogar eine Stunde Zeit, ehe ich mich um die Technik bei der Show kümmern muss. Wenn du also nichts vorhast, könnte ich dich zu einem spontanen Picknick einladen." Er schwenkte die Plastiktüte, die an seinem Arm baumelte. ,,Gerne." Wir ließen uns im warmen Sand nieder und er holte eine Tüte gerösteter Baguettescheiben und einen Becher Frischkäse aus der Tüte. ,,Wenn ich gewusst hätte, dass ich Gesellschaft habe, hätte ich ein besseres Mahl mitgebracht. So jedoch muss ich hoffen, dich damit zufriedenstellen zu können." Er griff erneut in den Beutel und zog mit einer Geste, als wäre er ein Zauberer, der ein unglaubliches Kunststück vorführt, einen Erdbeer-Schokoriegel hervor.
,,Das ist perfekt." Ich lachte. ,,Erzähl mir was von dir." Leander sah mich interessiert an. ,,Weshalb bist du hier, wo kommst du her und vor allem, wieso tanzt du so gut?" Eine Stunde später schlenderte ich neben ihm über den Platz. Die Zeit war wie im Flug vergangen und ich wünschte mir, dass er nicht noch einmal zum Dienst musste. Ich hatte erzählt, was ich ihn wissen lassen wollte, doch ehe ich dazu kam, ihn zu befragen, war er mit einem neuerlichen Blick auf die Uhr aufgestanden. Es war dumm gewesen, diese Chance verstreichen zu lassen, aber er hatte eine Frage nach der anderen gehabt und sein Interesse hatte mir geschmeichelt, sodass ich immer weiter redete. ,,Jetzt weißt du so viel von mir, ich dagegen immer noch nichts von dir." Wir waren an der Abzweigung angekommen, an der er abbiegen musste, um zum Pool zu kommen. ,,Vielleicht liegt das daran, dass ich mehr Interesse an dir habe als du an mir?" Er lächelte, ein Lächeln, das direkt in meine Knie ging und sie ganz schwammig werden ließ. ,,Oder dass ich einen Grund haben wollte, das bald zu wiederholen. Und das nächste Mal bringe ich ein anständiges Essen mit. Wie wäre es übermorgen? Um acht, unten am Meer?" Ich nickte glücklich. ,,Abgemacht." Er beugte sich vor und küsste mich schnell auf beide Wangen, wie es hier üblich war. Nicht üblich war es, dass man dabei plötzlich total geflasht war. Zumindest war mir das noch nie passiert. Ein kurzer Augenblick, das Kratzen seiner Bartstoppeln auf meiner Wange, und kurz, ganz flüchtig, seine Lippen auf meiner Haut, und ich stand da und sah Sterne und Glitzer und merkte, dass alles weg war. Ich spürte keinen Zorn mehr, keinen Ärger, keine Müdigkeit. Der ganze Tag, ach was, die ganzen Wochen waren wie weggeblasen und alles, was noch da war, war diese warme Stelle auf meinen Wangen. Ich schloss kurz die Augen und atmete durch. Als ich sie wieder öffnete, war er schon fast verschwunden. An der Ecke blieb er noch einmal kurz stehen. Einen Augenblick stand er nur da, sah mich an, dann hob er die Hand und grüßte. Und war um die Ecke, ehe ich ebenfalls winken konnte.
Als ich zu unserem Zelt zurückkehrte, war von meiner Mitbewohnerin nichts zu sehen. Ich hatte eigentlich vorgehabt, ihr die Sache mit Haus 10 zu erzählen, aber jetzt war ich froh, dass ich es nicht musste. Ich wollte an nichts denken, das meine Glücksgefühle zerstören konnte. Ich wollte einfach nur dasitzen, ein Glas Rotwein vor mir, und selig grinsend den Abend Revue passieren lassen. ,,Vielleicht liegt es daran, dass ich mehr Interesse an dir habe als du an mir?", hatte er gesagt. Nun, mein Interesse war von Anfang an geweckt gewesen, doch heute Abend war etwas passiert. Etwas, das ich nicht beschreiben konnte, etwas Magisches. Einen kurzen Augenblick, als wir schweigend auf das Wasser gesehen hatten und er seine Beine von sich streckte und sich etwas nach hinten lehnte, aufgestützt auf seine Arme. Seine Schultern hatten meine gestreift und ich wusste in diesem Moment, dass ich ihm vertraute, vertrauen konnte. Es war, als wären wir schon ewig befreundet, eine wunderbare Ruhe hatte sich in mir ausgebreitet und das Gefühl, zu Hause zu sein. Vielleicht sollte ich ihm von meiner Schwangerschaft, also auch die ganze Geschichte mit Erik erzählen. Als Svea spät an diesem Abend zurückkehrte, war sie nicht allein. Ich hörte sie kichern und flüstern, sie sprachen Englisch, also war es nicht Pablo. Ich seufzte leise. Seit diesem Abend hielt sie ihn auf Abstand, aber ich sah, wie schwer ihr das fiel. Sie war von Natur aus kein sanfter Mensch, nun allerdings herrschte eine unterschwellige Aggression in allem, was sie tat und sagte. Sie versuchte mit aller Macht, sich zu beweisen, dass sie nichts für Pablo empfand, und sie tat es meiner Meinung nach auf die denkbar schlechteste Art. Eine Zeit lang war sie für ihre Verhältnisse recht zurückhaltend gewesen, was nächtlichen Besuch anging, doch diese Zeiten waren leider vorbei. Ich griff nach meinen Ohrstöpseln und zog mir ein Kissen über den Kopf. Viel nutzen würde es nicht. Wenn sie loslegte, brauchte man mehr als ein paar handelsübliche Schaumstoffstopfen. Normalerweise lenkte ich mich in diesen Momenten damit ab, dass ich mir selbst Lieder vorsang, mit Oleg kuschelte oder in Gedanken eine Nachricht an meine Mutter schrieb, die immer noch der Meinung war, dass ich hier mein Leben verschwendete und meine Zukunft ruinierte. Aber heute Abend funktionierte nichts davon.
Als Svea immer lauter wimmerte, schoss mir plötzlich das Bild von Leander in den Kopf. Wie er sich am Strand zurückgelehnt hatte, seine Schultern meine berührten. In meiner Fantasie drehte er seinen Oberkörper und sah mich an. Dann beugte er sich vor und begrub mich unter sich. Svea begann, wimmernd Kommandos zu geben, und ich flüchtete aus dem Zelt, Oleg mit mir, als wäre der Teufel hinter uns her. Es war eines, solche Gedanken zu haben, etwas ganz anderes dagegen, sie zu haben, während sich deine Zeltnachbarin dem Höhepunkt entgegenkämpfte. Und es sich eher nach Krieg anhörte denn nach Liebe.
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