Kapitel 13
Manchmal fragte ich mich ja echt, ob die Menschen ihre Manieren einfach zu Hause lassen, wenn sie in den Urlaub fahren. Koffer voll, was soll's, lassen wir eben die gute Kinderstube zu Hause, passt ja eh nicht mehr rein. Oder ob man sich vermeintlich deshalb mehr erlauben durfte, weil man ja dafür bezahlte. Auch im Hotel gab es diese Menschen, die sich einfach nur benahmen wie der letzte Idiot. Und hier hatten wir sie eben auch. Im Großen und Ganzen konnte ich gut damit umgehen. Wenn die Leute irrwitzige Wünsche hatten oder sich über Kleinigkeiten aufregten, versuchte ich, ruhig zu bleiben und zu helfen, soweit es in meiner Macht stand. Ich sagte mir immer wieder, dass sie das ganze Jahr auf diese Zeit hinfieberten, alle Erwartungen in den Urlaub steckten, und es eben mein Job war, diesen Urlaub so perfekt wie möglich zu machen. Ich gab Ausflugstipps, die ich selbst nur nachgelesen hatte, erklärte, wo man am besten einkaufen konnte, welche Städte einen Besuch wert waren. Ich musste mir noch öfter schlimme Sonnenbrände ansehen, aber zum Glück nur auf Rücken und Gesicht. Ich erklärte den Weg zur örtlichen Apotheke so oft, dass ich ihn im Schlaf herbeten konnte. Und ich putzte und putzte. Der Nachrichtenblock war jetzt immer gut gefüllt. Wir hatten so viel um die Ohren, dass das Home kaum noch besetzt war und ich abends dann immer noch eine Stunde damit beschäftigt war, Erledigungen zu machen oder Ratschläge zu geben, zu beruhigen oder einfach nur zuzuhören.
Emil, der Gecko, der aus irgendeinem Grund immer noch dachte, Haus 10 sei sein Heim, hielt uns auf Trab. Das Tier ließ sich leider nicht dauerhaft entfernen. In keinem anderen Haus hatten wir dieses Problem. Die letzten Gäste, eine Familie mit einem kleinen Kind, war recht gut damit zurechtgekommen und ich hoffte, dass auch der neue Bewohner keine Schwierigkeiten mit Emil hatte.
Er war heute angereist, ein Kerl Ende zwanzig. Er hatte einen sehr selbstsicheren Eindruck gemacht, als ich ihm sein Haus zeigte, und war direkt dazu übergangen, mich nach meinen Plänen für den Abend zu befragen und danach, ob ich nicht Lust hätte, ihm ein wenig die Gegend zu zeigen. Ich erklärte ihm, dass ich dazu keine Zeit hatte, aber gerne ein paar Tipps gäbe, ich selbst abends jedoch einfach meine Ruhe haben wollte, er allerdings vorne, an der Promenade, die zum Strand führte, jede Menge Bars und sogar einen Nachtclub finden würde. Und ganz sicher eine Menge junger Frauen, die sich für seinen halbseidenen Charme erwärmen würden. Das Letzte sagte ich natürlich nicht laut. Doch vom ersten Moment waren mir seine Zähne ein wenig zu weiß, sein Lächeln ein wenig zu strahlend, seine Haare ein wenig zu blond und das Hemd ein wenig zu aufgeknöpft. Er benahm sich, als wäre er überzeugt, dass die Welt ihm gehörte – und auch alles, was sich auf der Welt befand.
Schon am zweiten Abend bestätigte sich mein Verdacht, dass es mit dem Typen nicht ganz leicht werden würde. Er hatte eine Notiz hinterlassen, dass es da ein kleines Problem gäbe. Ich wusste sofort, dass er Emil meinte. Seufzend machte ich mich kurz vor sieben auf den Weg zu seinem Haus. Ich klopfte energisch an die Tür und streckte meinen Kopf hinein. Niemand zu sehen. ,,Hallo?" Meine Stimme klang fest und selbstsicher und niemand hätte meinen Widerwillen gespürt, hier zu sein. Die Tür zum kleinen Duschbad ging auf und der Mann trat heraus. Sein Haar war nass und nachlässig aus der Stirn gekämmt, sein Körper braun und ganz offensichtlich Fitness-Studio gestählt, und um seine Hüften hatte er ein kleines weißes Handtuch gebunden, das verdächtig tief und locker auf den Hüften saß. ,,Ah, Mira, nicht wahr?" Ich sah das Strahlen und nickte knapp. Ich kannte dieses Spiel nur zu gut. Auch im Hotel gab es sie immer wieder, diese Typen, die zufällig dann, wenn der Zimmerservice oder die Reinigungskraft kam, gerade aus der Dusche kamen, spärlich bekleidet, schleimig grinsend.
,,Sie haben ein Problem?« ,,Ja, ein klitzekleines." Er trat einen Schritt vor und lehnte sich lässig an die Küchenzeile, den Oberkörper leicht vorgebeugt, die Bauchmuskeln angespannt. ,,Aber wir beide können die Förmlichkeiten doch lassen. Ich bin Randy." Meine Augen waren schon auf der Suche nach Emil, um die Sache möglichst schnell zu erledigen. Randy, pah. Ich wusste, dass er Rudolph hieß, ich hatte schließlich seine Anmeldung gemacht.
,,Wie kann ich Ihnen helfen?" Es war das Beste, nicht weiter auf sein Angebot einzugehen und bei der förmlichen Art zu bleiben. Diskussionen waren in diesem Bereich noch nie erfolgreich gewesen. ,,Da gäbe es so einiges ..." Sein Grinsen wurde noch ein wenig anzüglicher. ,,Aber erst einmal habe ich hier einen Hausgast. Eine Eidechse." ,,Ein Gecko", sagte ich gedankenverloren. ,,Ich meine, hier sind es meistens Geckos." Meine Augen hatten bereits die Wand hinter dem Sofa abgesucht. Hier saß Emil am liebsten, doch es war nichts von ihm zu sehen. ,,Sie wissen nicht, wo das Tier ist?" ,,Doch." Seine Hand wies Richtung Dusche. ,,Im Bad?" Das war neu. Emil war noch nie im Bad gewesen. Langsam trat ich einen Schritt vor. Herzlichen Dank, du blödes Vieh. Nun musste ich auch noch an ihm vorbei und in diesen engen Raum. Wahrscheinlich hatte Randy ihn dorthin gejagt und bekam ihn nun nicht mehr hinaus. Tatsächlich saß Emil oben in der Ecke über dem Waschbecken. Ich würde nicht an ihn herankommen, nicht ohne einen Hocker oder so. Ich drehte mich um und prallte fast auf ihn drauf. Inzwischen stand er lässig in der Badezimmertür und versperrte mir den Weg. ,,Ich brauche den Besen" ,,Klar. " Er griff hinter sich und sein Handtuch kam gefährlich ins Rutschen. Dann reichte er mir den Besen und ich wandte mich Emil zu. Definitiv der Sympathischere hier. Es war nicht schwer, ihn einzufangen, eigentlich. Emil war es gewohnt und ich hatte den Verdacht, dass er es sogar mochte. In wenigen Augenblicken war er in Griffhöhe und ließ sich artig von der Wand pflücken. Den Besen behielt ich dennoch fest im Griff. ,,Ich werde ihn rausbringen. " Und ebenfalls verschwinden. Und ich würde ihn heute Abend zum anderen Ende des Platzes tragen, dieses dumme Tier. Schließlich war jedes Haus gleich, sollte er sich ein anderes Zuhause suchen. Ich mochte Emil, aber heute hatte er mich in eine Situation gebracht, die ich nicht noch einmal erleben wollte.
,,Du bist … toll. Wie du das gemacht hast … ich bin beeindruckt. " Randy löste sich vom Türrahmen und mit ihm das Handtuch von seinen Hüften. Ganz langsam rutschte es hinab und blieb zu seinen Füßen liegen. Das Grinsen wurde wieder anders und ich griff fester nach dem Besen. ,,Wenn ich dann bitte vorbei dürfte." Ich hob die Augenbrauen und er lachte. ,,Wenn du willst. Obwohl es schade ist, das hier zu verschwenden." Er streckte sich noch ein wenig und ich musste mich bemühen, ihm nicht eine zu scheuern. Egal wie blöd diese Typen sind, der Moment, in dem du realisierst, dass du in einem winzigen Bad feststeckst und die Tür von einem fremden, nackten Mann blockiert wird, nahm mir jedes Mal einen Moment den Atem. Und zwar nicht vor Lust, um das klarzumachen.
Jedes Mal tauchte ganz unvermittelt diese Angst auf, ob man aus dieser Situation herauskam, ohne Schaden zu nehmen. Ich streckte den Arm mit Emil vor und er wich tatsächlich ein wenig zurück. Klar, großer Macho, aber Angst vor einem Gecko. Das hatte ich gehofft. Ich marschierte entschlossen los und er trat schneller zur Seite, als ich hoffen konnte. Emil tat ihm nicht gut, ein kurzer Blick hatte genügt, um zu sehen, dass seine Stimmung, nun ja, am Abschwächen war. Ich machte mir nicht die Mühe, den Besen zurückzuräumen. An der Tür hielt er mich nochmal kurz am Arm fest. ,,Was soll ich tun wenn er wiederkommt" Es wurde mir zu bunt, das war doch grenzenlose Heuchelei. Ich Pfiff kurz und Oleg rannte von irgendwoher zu mir.Ich blickte dem jungen Mann in die Augen, die mich jetzt verängstigt ansahen . ,,Darauf wird mein Freund hier aufpassen. " Dann drehte ich mich um und beeilte mich, mit Emil zu verschwinden.
Erst als ich um die Ecke war, atmete ich auf. Auch wenn es nicht das erste Mal war, fand ich es immer wieder einfach nur widerlich, wenn ein Kerl dachte, der Anblick seines Schniedels ließ eine Frau alles vergessen und weckte nichts anderes als den brennenden Wunsch, sich jetzt und hier sofort mit ihm zu paaren. Ich packte Emil fester und machte mich auf den Weg. Sorry, mein Freund, murmelte ich entschlossen, aber du wirst jetzt leider umziehen müssen.
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