Kapitel 12
Es hatte mich sehr überrascht, dass Svea in dieser Nacht im Zelt schlief – alleine. Sie und Pablo hatten sich gut verstanden, sehr gut. Ich sah, wie sie immer näher an ihn gerückt war, und seine Blicke, mit denen er sie fast verschlang. Ich sah die Finger, die er über ihre nackten Schenkel tanzen ließ, und ihren Mund, der sich stets leicht öffnete, wenn sie ihn ansah, als erwarte sie einen wundervollen Kuss. Sie stand auf ihn, das konnte ich sehen, und er ließ keinen Zweifel daran, dass er sie am liebsten direkt am Strand vernascht hätte. Und doch war sie eine halbe Stunde nach mir da und verschwand wortlos und recht grummelig in ihrer Kabine. ,,Was war denn los gestern Abend?" Ich hatte uns einen Kaffee gekocht und war sogar schon losgegangen, um frische Croissants und Baguette zu holen. Svea ließ die Croissants liegen, nahm sich ein Stückchen Baguette und begann gedankenverloren, es mit ihren heiß geliebten Zuckerstreuseln zu überhäufen. Svea hatte eine fatale Vorliebe für diese bunten, zuckrigen Dinger. Anscheinend war das eines der Nationalgerichte ihrer Heimat. Sie kippte sie kiloweise auf ihr Brot und ich hatte lange auf sie eingeredet, das Zeug wenigstens in einer dichten Plastikdose zu lagern und nur draußen zu essen. Nachdem sie die Ameisen in ihrem Schrank entdeckt hatte, nahm sie meinen Vorschlag an. Sie bot es mir auch immer großzügig an, aber ich bekam bereits vom Anblick einen Zuckerschock. ,Also, was war mit Pablo?" Ich hatte gewartet, bis sie die erste Scheibe gegessen hatte. ,,Nichts." ,,Komm schon. Was ist schiefgelaufen?" ,,Er ist in mich verliebt." Svea klang so ehrlich entrüstet, dass ich lachen musste. ,,Ein Kapitalverbrechen." ,,Ja." Sie schrie fast, was mich nun endgültig aufhorchen ließ. ,,Aber das ist doch toll." ,,Nein, das ist es nicht. Sieh ihn dir doch an." ,,Habe ich. Er sieht sehr gut aus. Und er ist charmant und klug und ..." ,,... und arm wie eine Kirchenmaus. Was denkt er sich denn? Ich will einen erfolgreichen Mann. Einen, der sich mich leisten kann." Ich sah sie nachdenklich an. Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, war sie den Tränen nahe. ,,Ich will nicht hier hängen bleiben mit einem schlecht bezahlten Job und nie genug Geld. Ich will was erreichen." ,,Und deshalb hast du ihn zum Teufel geschickt?" Meine Stimme klang nun nicht mehr belustigt, sondern sanft und nachdenklich. Svea nickte energisch. ,,Das bringt nichts. Es tut ihm nur weh und mir … Nun, mir bringt es auch nichts." Sie kippte noch mehr Zucker auf ihr Brot. ,,Geld allein ist doch nicht alles. Willst du nicht lieben, geliebt werden?" ,,Nein." Sie stand energisch auf und ich sah schnell weg, als sie blinzelte. ,,Ich will das nicht und fertig. Wenn er nur eine Nacht gewollt hätte, dann ja, aber so, für immer, das kann ich nicht." Sie atmete kurz durch. ,,Kann ich mir vielleicht deinen Hund ausleihen? Ich brauche jetzt etwas kuscheliges, was lebt aber nicht sprechen kann" Ich nickte. Ich sah ihr nach, als sie mit viel weniger Schwung als sonst mit Oleg davon lief. Armer Pablo. Und arme Svea.
>Yoga< wurde zu einem geflügelten Wort und einem garantierten Lacher. Wenn Svea wieder einmal grummelnd versuchte, ihren großen, kräftigen Körper so weit zu verbiegen, um unter den Betten in den engen Räumen sauber machen zu können, dann hob ich vielsagend eine Augenbraue und riet ihr, es einmal damit zu versuchen. Als Magnolia stöhnend erklärte, ihr täte der Rücken weh vom vielen Putzen, empfahl Svea ihr Yoga. Die arme Magnolia war total verwirrt, weil ich mich vor Lachen nicht mehr halten konnte, und ich beeilte mich, ihr zu erklären, was es damit auf sich hatte. ,,Mit mir hat sie es auch versucht", erklärte sie. ,,Aber ich habe gesagt, dass ich das nicht mache. Sie hat sich bei Simon über mich beschwert, aber das ist mir egal. Ich gehe da doch nicht hin und sag ihm, dass alle seinen Hintern sehen können."
Magnolia war sehr entspannt seit Neuestem. Sie hatte sich verliebt, in Paul, ebenfalls aus dem Technik-Team des Platzes, und wir bekamen sie nur noch bei der Arbeit zu Gesicht. ,,Er ist unglaublich charmant. Ich glaube, das ist der Mann meines Lebens", strahlte sie. ,,Ein Hilfsarbeiter?" Svea sah sie mitleidig an. ,,Und dann wirst du den Rest deines Lebens hierbleiben und Häuser putzen? Hast du keine Ziele?" ,,Doch." Magnolia hob energisch das Kinn. ,,Glücklich zu sein. Und mit Paul bin ich das." Svea schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr. Es fiel selbst ihr schwer, sich vor diesem Strahlen zu verschließen. Ich sah, wie sich ihr Kiefer verspannte, und seufzte. Svea war so unromantisch, dass es wehtat. Es schien, als wäre ich die Einzige, die sich hier in Liebesdingen zurückhielt. Ich versuchte, an Erik zu denken. Daran, was meine Mutter gesagt hatte, was sie angedeutet hatte. Mein altes Leben kam mir so weit weg vor. Die Sonne, die ich täglich spüren durfte, hatte mein Herz schnell und erstaunlich schmerzlos geheilt. Ich hatte hier einen klareren Blick auf alles, als ob die salzige Luft alles wegblies, was störte, und nur das Echte übrig ließ. Wir beide hätten es nie geschafft und ich war froh, das nun ohne Schmerz erkennen zu können. Und dennoch wollte ich mich nicht wie meine Kolleginnen direkt ins nächste Abenteuer stürzen. Ich wollte eine Weile mit mir alleine sein und abwarten, was passierte. Soweit man hier alleine sein konnte. Die unentspannte Urlauberin von Haus 215 zum Beispiel schien nichts davon zu halten, dass ich mit mir alleine sein wollte. Sie begann, mir regelrecht aufzulauern. Jedes Mal, wenn ich auf sie traf, berichtete sie empört, dass ›der‹ sich immer noch nicht hinsetzte und schon gar nicht die Rollos schloss. Ich sah sie an, ihren verkniffenen Mund, und hätte ihr gerne geraten, sich doch einfach mal zu entspannen. Ich beteuerte, dass ich mein Möglichstes versucht hatte, aber niemandem vorschreiben konnte, wie man die Toilette zu benutzen hatte. Aber dennoch war ich froh, als sie endlich abreiste. Sie tat mir inzwischen fast leid. Da war sie hier im Paradies, Sonne, Meer, ein wunderschöner Strand, und sie vermieste es sich selbst, weil sie sich an diesem Typen aufhing. Die Menschen können sich das Leben manchmal selbst schwermachen. Ich beschloss, in Zukunft ebenfalls ein wenig lockerer zu sein. Wie vor ein paar Tagen im Supermarkt, nur dass mir gerade wieder vor Augen geführt wurde, was man damit wertvolles verlor. Man hatte schließlich die Wahl, wohin man sah, in welche Richtung man sein Augenmerk lenkte. Und sie hatte mich gelehrt, dass ich in Zukunft Richtung Sonne sehen wollte.
Aber nicht alle Gäste waren wie sie. Es gab auch richtig nette, die einem ans Herz wuchsen in der kurzen Zeit, in der sie hier waren. In Haus 240 hatten wir ein zauberhaftes junges Pärchen, das den ganzen Tag lachte und kicherte. Sie waren so was von verliebt, man konnte es richtig spüren, und ihre gute Laune war extrem ansteckend. Sie blieben nur neun Tage und sie fuhren einen alten, recht lädierten Kleinwagen. Aber als wir am Tag ihrer Abreise das Haus betraten, um es zu reinigen, lagen auf der kleinen Küchenablage zwei Muscheln und daneben zwei Schokoriegel. Ein kleiner Zettel lag daneben, aus einem Notizbuch herausgerissen, auf den ein schiefer Smiley gemalt war. Oder das ältere Ehepaar, die Petersons, die vier Wochen unsere Gäste waren. Sie waren aus Finnland und bestimmt bereits Mitte siebzig. Sie war eine kleine, schmale Person mit weißem Haar, das sie als ohrlangen Bob trug. Er war nicht viel größer als sie und hatte immer einen schon reichlich lädierten Strohhut mit einem blau-roten Band auf. Sein Bart war weiß, seine Augenbrauen ebenfalls. Seine blauen Augen waren früher einmal bestimmt strahlend gewesen, nun aber leicht getrübt von einem beginnenden grauen Star. Sie waren so herzliche, freundliche Menschen, dass man nicht anders konnte, als sie auf Anhieb zu mögen. Sie kamen Mitte Juni und blieben, was ganz ungewöhnlich war, für vier Wochen. Mit ihnen kam die große Hitze. Bisher war es warm gewesen, schön und sonnig, doch nun war es wirklich heiß. Ich begann, die Putzerei in ganz neuem Licht zu sehen. Wer putzte, hielt sich in einem der Wohncontainer auf, wo es Klimaanlagen gab, die wir nun auf der Höchststufe betrieben. Ein Vorteil, den ich sehr zu schätzen lernte. Und mit ihnen waren wir endgültig in der Hauptsaison angekommen. Wir waren komplett ausgebucht und leider waren nicht alle Gäste so nett wie die Petersons.
Ich bin im Schreibwahn gerade :D. Irgendwelche Wünsche oder Vermutungen wie die Geschichte weitergeht?
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