So I can't just let you go like this


Den ganzen Weg bis zum Lebensmittelladen sagte Minyoung kein einziges Wort. Langsam bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich einfach mit Junhyungs Geld eingekauft hatte, obwohl ich kein Recht dazu hatte. Ich kam mir vor, wie eine dieser geldgeilen Schlampen. Schwer schluckte ich und schielte kurz zu meiner besten Freundin rüber. Ihr Gesicht war wie versteinert. Keine Emotionen. Keine einzige Regung. War sie wirklich so sauer auf mich, dass sie mich ignorierte?

Minyoung beschleunigte ihre Schritte, stieß die Tür des Ladens so fest auf, dass die Frau an der Kasse uns einen verärgerten Blick zu warf. Entschuldigend sah ich sie an und eilte dann meiner Freundin hinter her. Sachte packte ich sie am Arm, zwang sie dazu, stehen zu bleiben.

„Minyoung, ich-"

„Kümmer du dich um die Getränke. Ich kümmere mich um die Lebensmittel", unterbrach sie mich kühl und schüttelte meine Hand ab. Wie erstarrt blieb ich stehen und sah ihr hinter her. Schnell verschwand Minyoung zwischen den Regalen und ließ mich alleine zurück. Mein Kopf fing an zu pochen. Seufzend legte ich meine Hand an meine Schläfe und warf den Kopf in den Nacken. Es setzte mir ja doch zu, dass Minyoung sauer auf mich war. Dazu kam noch, dass ich kaum geschlafen hatte und allgemein total fertig war. Wie sollte es nur weiter gehen? Ich musste darüber hinweg kommen, dass es mit Junhyung und mir vorbei war. Es tat mir nur selber weh, dass ich noch so an ihm hing und am liebsten zu ihm gehen würde.

Schlapp machte ich mich auf den Weg zu den Getränken. Je schneller wir den Einkauf erledigten, desto eher konnte ich mich wieder unter meine Bettdecke verkriechen.

Als ich vor den Getränken stand, kam mir erst mal in den Sinn, dass es vielleicht eine bessere Idee gewesen wäre, einen Einkaufswagen bei sich zu haben. Ich war körperlich zwar nicht total schwach, aber auch nicht so stark, dass ich einen Getränkekasten eine halbe Ewigkeit mit mir rumschleppen konnte. Nichts tuend stand ich also vor den Getränken und wartete darauf, dass Minyoung zu mir kam. Vielleicht war ihr ja eingefallen einen Einkaufswagen zu holen. Mir selbst fehlte gerade der Ansporn wieder durch den halben Laden zu laufen, um so einen dämlichen Wagen zu holen.

Die Minuten vergingen und ich starrte gedankenlos ins Leere. Meine Gedanken kreisten um meine überaus dämliche Aktion. Jetzt bereute ich es so richtig, dass ich einfach im Namen meines Exfreunds eingekauft hatte. Auf der einen Seite wollte ich es rückgängig machen, auf der anderen Seite auch wieder nicht. Ich war immer noch verletzt. Nicht nur wegen dem ganzen Hate, den ich abbekam, sondern auch, weil Junhyung zu dieser Zeit kaum bei mir gewesen war. Es war ja nicht so, dass ich kein Verständnis dafür hatte, dass er arbeiten musste. In jeder anderen Situation hätte ich auch nichts weiter gesagt. Allerdings war die Lage, in der ich mich befunden hatte und zum Teil ja immer noch befand, schrecklich gewesen. Ich war davon ausgegangen, dass er bei mir sein würde, mich trösten und aufmuntern würde. Das hatte er allerdings nicht getan. Junhyung war im Studio gewesen, auf Pressekonferenzen und hatte für Konzerte geprobt.

So sehr ich auch versuchte es zu verstehen, ich konnte nicht. Ich hatte dafür kein Verständnis. Nicht mal ein bisschen.

„Warum kommst du nicht? Willst du den ganzen Tag hier rumstehen?"

Träge drehte ich den Kopf zu meiner Freundin. Abwartend und ein wenig ungeduldig stand sie da und musterte mich. Mit dem Finger zeigte ich auf einen der Kasten.

„Ich kann ihn nicht alleine durch den ganzen Laden schleppen", gab ich zurück, woraufhin sie verständnisvoll nickte. Kurzerhand wurde mir ein Korb, in dem sich schon der Rest unsere Einkäufe befand, in die Hand gedrückt. Dann nahm sie den Kasten und bedeutete mir mit einen kurzem Nicken ihr zu folgen. Stillschweigend ging ich ihr also hinterher und versank wieder in meiner Gedankenwelt.

Minyoung war nicht mehr sauer auf mich. Ich merkte es. Natürlich war sie immer noch verärgert über meine Aktion. Verübeln konnte ich es ihr nicht. Aber immerhin hatte sich die angespannte Stimmung etwas beruhigt. Wenn man zusammen wohnte, dann war ein Streit nicht gerade von Vorteil.

„Soomin? Kannst du mir kurz helfen?"

Ich schreckte auf, sah zu meiner Freundin, welche Schwierigkeiten damit hatte den Kasten zu heben und gleichzeitig eine Flasche auf das Laufband zu legen. Schnell eilte ich zu ihr und nahm eine Flasche heraus.

Zu unserem Glück waren vor uns nur zwei weitere Personen an der Kasse.

Eine Frau schob einen Kinderwagen umständlich vor sich her. Das Baby, welches im Kinderwagen lag, schrie laut. Augenblicklich bekam ich Kopfschmerzen und verzog das Gesicht ein wenig. Minyoung bemerkte meine Reaktion sofort und schenkte mir einen mitleidigen Blick. Ich mochte so laute Geräusche nicht. Das war auch einer der vielen Gründe, warum ich nicht feiern ging. Die laute Musik und der Bass vermiesten es mir. Ich bekam viel zu schnell Kopfschmerzen. Mit Alkohol war es zwar bisher immer erträglich gewesen, aber eine gute Lösung war es auf Dauer auch nicht, sich immer zu betrinken.

Die andere Person bezahlte gerade ihren Einkauf. Sie war vermummt. Ich konnte nicht sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Dafür waren die Klamotten viel zu weit, der Pullover und die dicke Jacke versteckten die Körperstatur der Person. Das Gesicht konnte man auch nicht sehen, was an dem Schal und der Sonnenbrille lag.

In jeder anderen Situation wäre ich wohl misstrauisch deswegen gewesen, was jetzt vielleicht auch nicht geschadet hätte. Allerdings war ich geistig zum Großteil abwesend. Und das schon seit Wochen. Kein Wunder also, dass ich nicht aufpasste und es mir egal war.

Ich tapste Minyoung hinterher, als wir dran kamen. Sie zahlte und wechselte aus reiner Höflichkeit ein paar Wörter mit der Verkäuferin. Ich blieb stumm und wartete bis wir gehen konnten. Meine Freundin drückte mir zwei Plastiktüten, in welche die Verkäuferin unseren Einkauf getan hatte, in die Hand und nahm selbst den Getränkekasten.

„Du hättest wenigstens auf Wiedersehen sagen können", zischte sie mir leise zu, als wir nach draußen traten. Ich zuckte mit den Schultern, woraufhin Minyoung ein genervtes Stöhnen entkam. Ich wusste, dass ich zurzeit nicht gerade umgänglich war. Es wunderte mich auch, dass meine beste Freundin es noch mit mir aushielt. Jeder andere hätte sich schon längst für ein paar Tage oder sogar Wochen verzogen.

Und genau in dem Moment erkannte ich es endlich. Sicher, zuvor war mir schon auch klar gewesen, was für eine treue Seele Minyoung eigentlich war, aber nur unterbewusst.

„Danke", brachte ich schließlich leise raus und blieb stehen.

Meine beste Freundin lief noch ein zwei Schritte und hielt dann auch an. Verwirrt drehte sie sich zu mir um und stellte langsam den Getränkekasten auf den Boden.

Es war still.

Das schwache Licht der Laterne beleuchtete die verlassene Straße. Etwas weiter entfernt spendeten die Schilder des Supermarktes noch Licht.

Eigentlich war es schon fast unheimlich.

„Für was?"

Ich schmunzelte und öffnete den Mund um ihr eine Erklärung zu liefern. Doch dazu kam es nicht.

Fest wurde ich an der Schulter gepackt und herum gerissen. Ich schrie erschrocken auf. Die Tüten glitten mir aus den Händen. Mein Herzschlag und Atem beschleunigte sich. Weit riss ich die Augen auf und hob ruckartig den Kopf nach oben.

Ich konnte die Person nicht erkennen. Sie war vermummt und komplett in schwarz gekleidet.

Minyoung schrie hinter mir. Ich konnte nicht sagen ob aus Wut oder aus Panik. Auch verstand ich nicht was. Es ging einfach an mir vorbei. Die Hand, die auf meiner Schulter lag, wurde schwerer. Der Griff um meine Schulter stärker. Ich zuckte zusammen.

„Hyung! Bist du komplett bescheuert?!"

Ich kannte die Stimme, doch konnte sie in diesem Moment nicht zuordnen. Mein Blick lag noch immer auf der Person vor mir. Mit jeder Sekunde, die verging, kam sie mir bekannter und vertrauter vor. Und genau in dem Moment, in dem es bei mir klick machte, schlossen sich kleine Hände um mich und rissen mich sanft zurück.

Ich keuchte auf und taumelte zwei Schritte zurück. Entsetzt klammerte ich mich an Minyoungs Arm und krallte meine Nägel unbarmherzig in ihren Arm. Meine Freundin zischte, versuchte mich abzuschütteln. Als sie meinen Gesichtsausdruck sah, hielt sie inne.

„Was ist los?", fragte sie leise, die Stimme so endlos besorgt, dass mir schon fast die Tränen kamen. Vielleicht übertrieb ich, aber Minyoung als Freundin haben zu dürfen, kam mir in dem Moment vor wie ein Geschenk Gottes.

„Yah!"

Wieder zuckte ich zusammen und verspannte mich. Meine Augen richteten sich augenblicklich auf die zweite Person. Auch wenn ich seine Augen nicht sah, wusste ich, dass Junhyung mich anstarrte. Die Sonnenbrille und der Mundschutz verdeckten sein ganzes Gesicht und die Kapuze seiner Jacke erledigte den Rest.

Die Stimmung sank gewaltig und war angespannt. Ich fühlte mich immer unwohler. Ich wollte hier weg.

„Ist das dein Ernst?!"

Und schließlich verstand auch Minyoung meine Reaktion. Ebenso geschockt wie ich, starrte sie den Menschen an, der mich so grob herum gerissen hatte.

„Junhyung?"

Eigentlich sollte ich diejenige sein, die seinen Namen so fragend aussprach. Nicht Minyoung. Doch der Schock über seine plötzliche Anwesenheit lähmte mich immer noch. Ich hatte damit nicht gerechnet. Nicht im Geringsten und schon gar nicht hier in dieser gottverlassenden Gegend. Was machte er in einem Stadtteil wie diesem? Sollte er nicht eher in Yongsan unterwegs sein? Dort lebten doch die Reichen.

„Ah! Ich verstehe. Deswegen bist du plötzlich aus dem Wagen gesprungen und gerannt wie ein Irrer. Du hast deine Freundin gesehen", lachte Kikwang urplötzlich und schlug seinem Freund auf den Rücken. Junhyung stöhnte leise und warf dem jungen Mann neben sich einen mörderischen Blick zu.

„Exfreundin!", mischte sich nun Minyoung wütend ein.

Beschützend stellte sie sich vor mich und funkelte die beiden Sänger an. Dass sie eigentlich immer für die ganze Band geschwärmt hatte, schien vergessen zu sein.

Letztendlich nahm auch Kikwang die Worte meiner Freundin wahr und bemerkte auch die angespannte Stimmung. Sofort stellte er sein Lachen ein und sah fast schon unsicher zwischen uns hin und her. Anscheinend hatte Junhyung niemandem erzählt, dass ich Schluss gemacht hatte.

„Wir müssen reden! Schick deine Freundin weg!"

Im Gegensatz zu vorher, sprach er ruhig und beherrscht. Wahrscheinlich hatte Junhyung mich nur so angefahren, weil er nicht erwartet hatte, mich zu sehen. Ich konnte es verstehen. Mir ging es ja nicht anders. Wir hatten uns einen Monat nicht gesehen und nun standen wir uns so plötzlich gegenüber.

„Hyung... vielleicht sollten wir lieber heim gehen?", versuchte Kikwang es vorsichtig und griff nach dem Arm seines Freundes. Kurz sah ich zu ihm. Man konnte ihm deutlich ansehen, dass er sich alles andere als wohl fühlte und am liebsten schon längst abgehauen wäre. Doch daraus war bis jetzt noch nichts geworden. Pech, wenn man so einen Sturkopf wie Junhyung als Freund hatte.

„Du könntest auch mal hilfreich sein. Schnapp dir ihre Freundin und geht weg!", fuhr Junhyung wütend seinen Freund an und schüttelte nebenbei noch dessen Arm ab.

„Ich werde nirgendswo hingehen!", fauchte Minyoung plötzlich und krallte sich an mir fest. Schmerzerfüllt zischte ich, als sie dieses Mal ihre Nägel in meinen Arm drückte. Sie drückte sogar zu fest zu, dass ich das Gefühl hatte, mein Arm würde gleich durchbohrt werden. Der Schmerz war schon so penetrant, dass ich fast schon panisch an meinem Arm riss und ihn auch aus ihren Fängen befreite. Vorsichtshalber entfernte ich mich auch noch ein paar Schritte von Minyoung. Jetzt da ihre Finger nicht mehr meinen Arm umschlossen, merkte ich, wie die Stellen anfingen zu pochen. Es tat noch mehr weh und ich war mir sicher, dass spätestens morgen blaue Flecken meinen Arm zieren würden.

„Aish...", stöhnte Kikwang leise und lenkte somit die Aufmerksamkeit von jedem auf sich. Grinsend schüttelte er den Kopf und kam dann langsam auf uns, oder besser gesagt Minyoung zu. Direkt vor ihr blieb er stehen und legte den Kopf schief.

„Kommst du?"

Minyoung, sowie auch ich, sahen ihn entgeistert ein. Diese Frage war doch jetzt wohl nicht sein ernst. Als ob Minyoung freiwillig mit ihm mitgehen würde. Sie hatte doch schon zuvor nein gesagt. Außerdem, warum tat er das was Junhyung wollte? Junhyung hatte ja nicht mal nett gefragt. Kikwang sollte dem Rapper keinen Gefallen tun. Er sollte Junhyung wegbringen von hier und nicht meine beste Freundin, deren Unterstützung ich gerade sehr brauchte.

„Nein. Ich lasse Soomin nicht alleine mit ihm!", fauchte Minyoung und verschränkte wütend die Arme vor der Brust. Ihr Tonfall duldete keine Widerrede und machte einem eigentlich klar, dass ihre Entscheidung endgültig war. Leider war Kikwang etwas speziell bei manchen Dingen. Er grinste weiter und ließ sich nicht von meiner Freundin einschüchtern.

Ohne mit der Wimper zu zucken, griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie weg von mir. Minyoung schrie wütend auf, beschimpfte den Sänger und versuchte sich aus seinem Griff zu entziehen. Kikwang lachte nur. Ich sah den Beiden entsetzt hinterher, kam gar nicht auf die Idee meiner Freundin zu helfen. Ich war verloren ohne sie. Alleine mit Junhyung sein, das war das, was ich am wenigsten im Moment wollte. Ich wollte nicht mit ihm reden, ich war noch nicht bereit dafür und würde es wahrscheinlich auch nicht in naher Zukunft sein. Und ja, ich war feige. Oft. Doch das tat im Moment nichts zur Sache. Warum konnte man meinen Willen nicht akzeptieren? Wenigstens dieses eine Mal?

Junhyung sagte nichts. Erst als man Kikwangs Lachen und Minyoungs wütende Rufe nicht mehr hören konnte, öffnete er den Mund. Dabei kam er mir ein paar Schritte näher. Erschrocken wich ich zurück und schickte Blitze in seine Richtung ab. Er seufzte und nahm die Sonnenbrille ab. Den Mundschutz zog er bis zum Kinn runter. Plötzlich wirkte er nicht mehr wütend auf mich. Jetzt, da ich auch sein Gesicht sehen konnte, erkannte ich, wie müde und abgeschafft er wirkte. War ich daran schuld? Oder arbeitete er nur zu viel?

„Wir müssen reden."

„Müssen wir nicht!"

Diese Worte verließen meinen Mund wie aus der Pistole geschossen. Ich meinte es so, wie ich es gesagt hatte. Ich wollte nicht mit ihm reden. Ich sah darin keinen Sinn mehr. Seit einem Monat war unsere Beziehung zu Ende. Warum jetzt noch reden? In einem Monat konnte viel passieren. Sehr viel.

„Aish... sei doch nicht so stur!", fauchte Junhyung aufgebraucht.

Innerhalb weniger Sekunden war er wieder wütend. Dieses Mal war ich der Grund dafür. Und ehrlich gesagt, machte es mir nicht mal was aus. Junhyung hatte immerhin jedes Recht sauer auf mich zu sein. Ich war so feige gewesen und hatte eine SMS geschrieben. Ich war ja nicht mal zu ihm gegangen, hatte ihm persönlich gesagt, dass ich unsere Beziehung beenden wollte.

Junhyung hatte wirklich jedes Recht dazu sauer zu sein.

„Ich bin nicht stur, du entscheidest nur gegen meinen Willen! Ich will nicht mit dir reden! Was soll reden jetzt noch für einen Sinn haben? Wir sind seit einem Monat getrennt!", fuhr ich ihn verärgert an. Es nervte mich, dass ich nicht einfach gegangen war, als ich noch die Chance dazu gehabt hatte. Aber noch mehr nervte es mich, dass Junhyung mich als stur bezeichnete. Er hätte doch nicht anders reagiert, wäre er an meiner Stelle.

„Du hast mir doch nie die Chance dazu gegeben auch mal was zu sagen. Du hast für dich alleine beschlossen, dass Schluss ist! Eine SMS hast du geschrieben, anstatt mit mir persönlich zu reden. Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie das für mich war?!"

Nein, hatte ich nicht.

Trotzig drehte ich den Kopf weg und vermied es meinem Ex ins Gesicht zu schauen. Langsam merkte ich, wie sich Wut in mir aufbaute. Ich wollte nicht wütend werden, denn ich hatte kein Recht dazu. Junhyung wurde durch mich so verletzt, durch meine feige Aktion.

Während Junhyung sich immer mehr in Rage redete, versank ich immer weiter in meinen Gedanken. Ich fühlte mich schuldig, weil ich ihn so verletzt hatte. Aber ich war auch verletzt gewesen. Junhyung war nicht bei mir gewesen, als es mir so schlecht ging. Er hatte Termine gehabt und die waren ihm ja anscheinend wichtiger gewesen als ich. Andern Falls hätte er sie abgesagt um zu mir zu kommen. Das hatte er aber nicht.

Mein Herz schmerzte und mein Körper sehnte sich nach seiner Nähe. Allerdings schrie mich mein Verstand an, warnte mich vor den Konsequenzen, wenn ich meinem Herzen nachgab.

Ich wollte wieder, dass es so war wie vor den Bildern. Doch dafür war es zu spät. Und selbst jetzt würde sich nichts mehr ändern.

Der Hate würde nicht aufhören. Ich würde daran zerbrechen. Es...

Bevor ich diesen Gedanken zu Ende bringen konnte, stand Junhyung direkt vor mir. Dieses Mal griff er nach meinem Kinn, drehte meinen Kopf zu sich und zwang mich somit, ihm in die Augen zu schauen. Sein Griff tat nicht weh und war nicht grob. Sanft und vorsichtig war er allerdings auch nicht. Die Wut in seinen Augen ließ mich zusammenzucken.

Mit der anderen Hand umfasste er mein Handgelenk, wohl um sicher zu gehen, dass ich nicht abhaute.

„Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!", schrie er erbost. Sein Tonfall war wieder so herrisch. Sein gesamtes Verhalten ging mir gegen den Strich. Vielleicht war auch das der Auslöser dafür, dass ich mich endlich mal rührte und ihm zeigte, dass ich mich nicht einschüchtern ließ.

Kräftig schlug ich Junhyungs Hand von mir weg und funkelte ihn wütend an. Ich versuchte nicht mehr die Wut zu unterdrücken. Ich ließ ihr freien Lauf.

Eine kalte Maske legte sich zeitgleich auf mein Gesicht und versteckte all meine wahren Emotionen, bis auf die Wut.

Mir wurde auch klar, dass es besser war, ihn zu verletzen. Auch wenn mir schon bei dem Gedanken daran das Herz zerbrach. Es war falsch Junhyung absichtlich weh zu tun, aber es ging nicht anders. Nur so, würde er mit uns abschließen können. Er würde mir nicht hinterher trauern, sonder mich hassen. Hass war ein besseres Gefühl als Trauer, meiner Meinung nach. Irgendwann würde er mich vergessen. Er würde die Erinnerungen an mich und unsere Beziehung wegschließen und nicht monatelang oder sogar jahrelang um sie trauern.
Ja, Hass war in meinen Augen ein besseres Gefühl.

„Ich kann nicht okay?! Du bist schuld daran! Du hast gesagt, dass du aufpassen würdest. Du hast mir versprochen, dass man uns nicht erwischt! Es ging mir beschissen, okay?! Du bist kaum bei mir gewesen, als es mir so schlecht ging. Minyoung war die ganze Zeit über bei mir gewesen und hat mich getröstet, obwohl du das hättest machen sollen! Und jetzt wo es mir wieder einigermaßen besser geht, tauchst du wieder auf und machst alles zu Nichte!"

Wie als hätte Junhyung sich verbrannt, ließ er mich blitzschnell los und wich zwei Schritte zurück. Schmerz blitzte in seinen braunen Augen auf. Meine Worte hatten ihn hart und unvorbereitet getroffen. Es tat mir so unglaublich leid, dass ich ihn so sehr verletzt hatte. Gerne würde ich ihm das auch sagen, doch ich konnte und durfte nicht. Ich würde es bereuen.

„Du...", fing er an, doch unterbrach sich noch mal.

Zittrig atmete er aus und blinzelte ein paar Male. Dann schluckte er ein paar Mal, ehe er wieder zum Sprechen ansetzte.

„Das meinst du nicht ernst... das bist nicht du...", stotterte Junhyung, sah mich entsetzt und vollkommen fassungslos an. Er sah so fertig mit der Welt aus nach meinen Worten. Schon zuvor sah er so müde und abgeschafft aus. Ich hatte es noch schlimmer gemacht und hasste mich selbst dafür.

„Doch, ich meine es ernst. Wegen dir alleine hat sich mein Leben so ins Negative entwickelt!", gab ich so unglaublich kalt zurück, dass es mich selbst erschrak.

Ich sah in Junhyungs Augen, dass bei diesen Worten etwas in ihm zerbrach. Mein Herz blutete und die Schuld auf meinen Schultern drückte mich immer weiter nach unten auf den Boden. Ich hatte kein Recht dazu noch länger hier zu sein, ihm gegenüber zu stehen und sein Leid auch noch mit anzusehen.

Zögerlich drehte ich mich um und hob die zwei Plastiktüten wieder auf. Jetzt wo Junhyung mein Gesicht nicht mehr sehen konnte, zerbrach die kalte Maske. Meine Augen brannten und Tränen stiegen in ihnen auf. Meine Unterlippe zitterte und ich war kurz davor loszuheulen. Doch ich riss mich zusammen. Vor Junhyung konnte ich jetzt nicht heulen. Er würde sofort bemerken, dass all meine Worte eine Lüge gewesen waren. Dass ich sie nicht ernst gemeint hatte.

Ich sah nicht mehr zu ihm, als ich mich langsam in Bewegung setzte. Den Getränkekasten beachtete ich nicht mehr. Minyoung würde ihn mitnehmen, sobald Kikwang wieder mit ihr zurückkam.

Mit jedem Schritt, den ich ging, schmerzte mein Inneres mehr. Das schlechte Gewissen und die Last auf meinen Schultern wurden zu viel. Sie erdrückten mich. Ich konnte nicht mehr.

Doch ich hatte es nicht verdient, dass mir jemand half. Meine Worte waren so grausam gewesen. Kein Mensch hatte es verdient, solche Worte zu hören.

Ich hatte Junhyung nun endgültig verloren.

Ich war ein Monster.


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