Kapitel 3.4: Jagd

»Steht auf, verdammt!«, rief Jischias.


Nach der ersten Schrecksekunde bemühten sich alle Jäger, dem so schnell wie möglich nachzukommen. Hektisch wurden Speere in die Hand genommen und Pfeile an die Sehnen angenockt. Siraj hatte von Ruil ebenfalls eine Waffe erhalten, deren Spitze er nun halbherzig gen Wald richtete.

Die Jäger bildeten rasch einen mehr oder weniger geordneten Kreis. Dann trat kurz Stille ein.
»Wo kam das her?«, flüsterte Kar.

»Ich kann es nicht sagen...«, antwortete Jaira.

»Ich glaube-«, sagte ein anderer Jäger, wurde aber von einem lauten Knacken unterbrochen. Ein Baum schien zu Boden zu stürzen. Stampfende Schritte, Knurren. Ein lauter menschlicher Schrei, der abrupt abriss. Es war kaum möglich, ihn zu orten.

Siraj hielt den Atem an. Ihm brach der Schweiß aus und er packte den Speer fester.

»Es kommt!«, brüllte jemand, dann preschte etwas Großes durch die Bäume.

Holzsplitter prasselten auf eine Reihe der Jäger hinab. Siraj sah nur dunkelbraunes Fell auf einem massigen Körper, bevor er zurückwich. Eine große Kiefer krachte dicht neben den Jägern zu Boden, wirbelte Nadeln und Blätter auf. Die Formation der Jäger brach auseinander.

Auf vier mächtigen Pranken stürmte das riesige Tier heran und stürzte sich auf den erstbesten Mann, der dem Angreifer hilflos seinen Speer entgegen reckte. Das Monster entblößte seine scharfen, fingerlangen Reißzähne.

»Achtung!«, brüllte ein anderer, doch es war zu spät. Der wie erstarrt wirkende Jäger wurde von dem großen Maul erwischt und zu Boden geworfen, wo die Bestie mit einem Biss seinen Oberkörper aufriss. Eingeweide hingen dem Untier aus dem Schlund. Knochen knackten, als es ein weiteres Mal zubiss.

Siraj starrte die blutige Szene schockiert an. Das war ein Menschenleben, was soeben auf so brutale Art und Weise ausgelöscht worden war.

»Schlachtet das Vieh ab!«, rief Kar und erhob seinen Speer. Die anderen taten es ihm gleich und stürmten ihrerseits auf das massive Tier zu.

Der runde Kopf mit den kleinen Ohren zuckte auf, Blut und Knochensplitter klebten an der Schnauze. Als es die Jäger mit gelben Augen mörderisch musterte, knurrte es. Dann traf der erste Pfeil in die Flanke. Es brüllte laut auf, so laut, dass Siraj kurz ein unangenehmes Piepen in den Ohren hatte. Er konnte sich nicht rühren. Seine Beine zitterten.

Die Schulterhöhe der Bestie überragte den Hünen Basfas deutlich. Der Heiler fühlte sich sehr klein und unbedeutend im Angesicht dieses Monsters. Ein weiterer Pfeil traf in einen der Vorderläufe, woraufhin das Tier einen heranstürmenden Jäger mit einem Prankenschlag zur Seite fegte. Erst jetzt bemerkte der Heiler die krummen Klauen an den Extremitäten, jede so lang wie seine Hand.

»Umzingelt es!«, rief Jischias und ging mit gutem Beispiel voran und lief um das Tier herum, welches sich nach einem weiteren getroffenen Pfeil wie wahnsinnig gebärdete, auf die muskulösen Hinterläufe stellte und somit mindestens viermal so groß wie Siraj war. Es brüllte und als es sich mit einem Donnern wieder auf alle Viere fallen ließ, zertrampelte es einen Jäger, dessen knackende Knochen laut durch den Wald hallten.

Ein Speer wurde von Kar tief in die Seite des Tieres gestoßen. Tief genug, dass die Waffe stecken blieb, als die riesige Kreatur herumwirbelte. Kar stand auf einmal ohne Waffe da und wurde sogleich von einem Hieb der mächtigen Pranken getroffen und zur Seite geschleudert, wo er anscheinend leblos liegen blieb.

Ruil brüllte auf und stach seinerseits ebenfalls zu. Jischias und die anderen hatten es einigermaßen umstellen können und griffen nun von allen Seiten an, schon nach kurzer Zeit steckte ein halbes Dutzend Pfeile im Körper der Bestie, immer wieder penetrierten Speere die Haut mit dem dichten, braunen Fell.

Siraj blickte fassungslos zu Kar. Ihm war übel. Mit einer gewissen Genugtuung sah er teilnahmslos zu, wie die Kreatur scheinbar immer verzweifelter wurde und bald brummende Schmerzlaute ausstieß. An vielen Speeren klebte Blut, die Bogenschützen hatten ein leichtes Ziel und trafen fast jedes mal.

Der Kampf schien gewonnen.

Plötzlich aber packte das Tier mit seinem riesigen Maul den etwas unvorsichtig agierenden Jischias bis zu seinem Unterleib, wirbelte das schreiende Ratsmitglied kurz hin und her, bevor der fast entzwei geteilte Körper des alten Mannes gegen einen Baum geworfen wurde. Blut strömte aus der tiefen Wunde, sein Gesicht war ein Ausdruck stummen Entsetzens. Er war tot.
Die Sekunde des Schocks nutzte die Bestie aus, rannte nach vorne zu Jimas und traf diesen mit einem weiteren Prankenschlag. Der Jäger wurde zur Seite gefegt, sein ganzer Körper aufgeschlitzt durch die langen Klauen. Auch er stand nicht mehr auf oder rührte sich auch nur.
Die Bestie schien in eine Art Blutrausch zu kommen. Wie wahnsinnig brüllte und tobte sie, stellte sich auf die Hinterbeine und fegte gleich mehrere Bäume um, als es erneut vorpreschte. Ruil wich mit einem beherzten Sprung aus, ein anderer Jäger hatte nicht so viel Glück und geriet unter den Baumstamm einer großen Tanne, wo er mit einem Schrei zerquetscht wurde.
Chaos brach aus.

Schwer behangene Äste peitschten auf die Erde, Holzsplitter flogen durch die Luft. Jikas, ein anderer Jäger verfehlte einen Speerwurf und wurde durch einen schlecht gezielten Pfeil in den Magen getroffen. Die Bestie zerstampfte ihn, nachdem er Blut hustend auf die Knie gehen musste.

Siraj kam sich vor wie in einem Traum. War das hier wirklich real? War das hier wirklich in dem friedlichen Wald von Jurano? Das Leben war nicht immer einfach... aber es war niemals so grausam. Oder?

»Siraj, runter!«, rief Gas und schubste den Heiler, der den unbenutzten Speer in seiner Hand ungläubig betrachtete, beiseite. Beide fielen zu Boden.

Ein Baum krachte auf die Stelle, wo er eben noch gestanden hatte.

»Ich... ich...«, stotterte Siraj. Gas aber hörte gar nicht zu, sondern richtete sich direkt wieder auf und stürzte sich in den Kampf.

Der Heiler wirbelte herum. Der junge Mann stieß den Speer in einen der Hinterläufe des Tieres, wodurch es leicht einzuknicken schien. Mit einem triumphierenden Schrei zog Gas die Waffe wieder heraus, bevor die Kreatur sich unerwartet schnell umdrehte und nach ihm schnappte. Er wich instinktiv mit einem Schritt nach hinten aus, der Speer allerdings wurde ihm aus der Hand gerissen und in die andere Richtung geschleudert.

Dann fokussierte sich das Tier auf ihn und preschte wieder los.

Siraj schloss die Augen.

Das war ein Traum. Holz splitterte.

Ein böser, böser Traum. Jemand brüllte auf.

Das war nicht echt. Etwas landete dumpf auf dem Erdboden.

Plötzlich ertönte eine bekannte Stimme. »He, verdammt! Komm, steh auf!«

Siraj schlug die Augen auf. Über ihm der dunkle Himmel. Regenwolken. Und davor war Ruils Gesicht mit seinen schwarzen Haaren und den blauen Augen. »Aufstehen«, rief sein Freund und widmete sich wieder dem Kampf.

Das Herz des Heilers raste. Ihm war übel. Er zwang sich, die tobende Bestie anzublicken, die nur wenige Meter entfernt weiterhin erbittert kämpfte. Ihr Fell hatte sich bereits an vielen Stellen rot gefärbt, es schien langsamer zu werden, einige Pfeile und sogar zwei Speere steckten im Körper des riesigen Tieres. Und doch tobte es immer noch.

Basfas wich aus, als die Bestie nach ihm schnappte und packte seine Axt mit beiden Händen, bevor er auf sie einhieb. Das Blatt der Waffe verfehlte den Lauf des Tieres knapp, dann musste er sich unter einem Prankenschlag hinweg ducken, der eine kleinere Esche hinwegfegte. Der Hüne konnte nicht mehr ausweichen und geriet mit seinem Bein unter den Stamm. Er brüllte laut auf und verstummte erst, als die Kreatur seinen Oberkörper mit den scharfen Reißzähnen von den zerquetschten Beinen abriss. Blutige Eingeweide fielen aus dem Maul der Bestie.

Siraj konnte das nicht mehr mit ansehen, drehte sich um und bemerkte einen Körper, direkt neben ihm. Gas. Seine blonden Locken waren blutverschmiert. Die dunklen Sommersprossen wechselten sich mit roten Sprenkeln und Kratzern ab. Sein Hals war aufgeschlitzt. Blut quoll wie aus einer Quelle daraus hervor. Ein Teil des rechten Arms fehlte, ein scharfer Knochen ragte aus der Wunde.

Der Heiler würgte und blickte sich hilfesuchend um. Es war ihm unmöglich, aufzustehen, seine Beine zitterten zu stark. Übelkeit durchfuhr ihn in Wellen, mehr als einmal schluckte er die Galle krampfhaft wieder herunter. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Gab es keinen, der ihm half? Er sah gerade nur noch Ruil und zwei, drei andere. War der Rest tot?
Mehrere Leichen lagen um den Ort des Kampfes herum. Die Lichtung hatte sich in den letzten Minuten deutlich vergrößert, so viele Bäume brachte das Monster in seinem Zorn zu Fall. Die gesplitterten Baumstümpfe zeigten anklagend gen Himmel, doch Siraj schien es, als wüssten nicht einmal die Gestirne, was sie gegen dieses Ungeheuer ausrichten sollten. Überall in der Umgebung lagen Äste, Baumstämme, Blätter und Nadeln.

Der Heiler war nicht anwesend. Er hatte das Gefühl, sich von außen selbst zu sehen; bewegungsunfähig, hilflos. Ihm war nicht mehr übel. Er fühlte gar nichts mehr. Es fühlte sich nicht real an. Das hier war nicht real.

Jaira sprang in diesem Moment über ihn, den blutigen Speer in beiden Händen. »Rajos! Auf den Hals!«, brüllte sie.

»Ich kann nicht!«, rief der Jäger zurück. Ein weiteres Knurren, wieder krachte etwas knackend auf die Erde.

Plötzlich bemerkte Siraj, dass ein dicker Zweig, der an einem stürzenden Baum hing, auf ihn zustürzte. Er war sogar unfähig dazu, schützend die Hand zu heben, bevor es auf seine Stirn traf. Siraj wurde schwarz vor Augen.

Als letztes sah er die Bestie, die sich über ihm erhob.

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