Runde 2

Part 8: Vikkilitschi

Auf dem Piratenschiff, zur gleichen Zeit

Taehyung duckt sich im selben Moment, in dem der verzweifelte Ruf seine Ohren erreicht. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum einen Wimpernschlag später segelt einer dieser scheiß hässlichen Höllenhunde über ihm durch die Luft.

„Wer bist du?", ruft er zurück, hat kaum Zeit, die gesamte Szene zu überblicken, bevor er zum nächsten Ausweichmanöver ansetzen muss. Diesmal eine Rolle nach links. Das nächste von diesen Drecksviechern landet genau da, wo eben noch sein Gesicht war.

„Das ist Yoongi!", herrscht ihn unerwarteterweise seine Begleitung als Antwort an. Jin wirkt ziemlich überfordert von der Situation und setzt gerade zum nächsten Hechtsprung an, um all seine Gliedmaßen in Sicherheit zu bringen. „Und das neben ihm ist Seungkwan. Ein Sandmann!"

„Das weiß ich auch!", blökt Taehyung in etwa genauso passiv-aggressiv zurück. Natürlich kennt er Seungkwan. Ist ja nicht so, als hätten sie gemeinsam die gleiche Sandmann-Klasse besucht.

„Dann frag nicht so blöd!" Wieder Seokjin.

Am liebsten würde Taehyung zu einer Retourkutsche sondergleichen ansetzen, aber er muss sich darauf konzentrieren, was jetzt viel mehr zählt. Und das ist:

„Warum hältst du Jimin gefangen??", will Taehyung wütend wissen und schafft es gerade so, Jimin einen besorgten Blick zuzuwerfen, der in seinem Glasgefäß ganz aufgeregt hin und her flattert.

„Wir halten ihn doch nicht gefangen, du Affe!", ätzt Yoongi zurück. Auch er hat alle Hände voll damit zu tun, den gefährlichen Höllenhunden immer wieder nur um Haaresbreite zu entkommen. „Wir haben versucht, ihn zu retten!"

„Schöne Rettung ist das", beschwert sich Taehyung und hält Ausschau nach einer Waffe. Ein Brett oder ein Hammer, egal was, man. Hauptsache er kann damit diese scheiß Köter abwehren. „Sieht eher so aus, als hättet ihr euch selbst in die Scheiße geritten. Wo sind wir hier überhaupt??"

„In einem Traum!", antwortet diesmal Seungkwan und streut verzweifelt Sand in die Augen des Hundes, der ihn gerade attackieren will. Es funktioniert. Der Höllenhund schläft ein und fällt einfach um. Wow. Ein Gegner weniger.

„Was soll das denn für ein beschissener Traum sein?", flucht Taehyung lautstark und greift nach einem Fischernetz. Die andere Seite des Netzes wirft er in einer Art verzweifelter, telepathischer Verbindung blindlings in die Richtung, in die er Seokjin vermutet. Und es funktioniert. Die Sphinx fängt das andere Ende und kurze Zeit später finden sich drei weitere Höllenhunde gefangen wieder. Fette Beute nennt man das.

Doch bevor Taehyung stolz auf sich sein kann, ertönt ein lauter Schrei.

„AAAAAAAAAAHHHHHHHHH!!!"

Einschließlich jeder auf dem Piratenschiff dreht sich zur Quelle des Lärms um. Es ist Yoongi. Einer der verbliebenen Drecksköter hat sich in seinen linken Arm verbissen und zieht mit aller Kraft daran. Yoongi hingegen versucht seinen Körper zwischen sich und den Hund zu schieben, um das Glas, in dem er Jimin festhält, vor dem Hund zu schützen.

„JIMIN!", ruft Taehyung verzweifelt und stürmt blind drauf los, um seinen besten Freund zu beschützen.

Und dann plötzlich...

Stille.

Alle Geräusche sind eingefroren. Die Zeit ist stehengeblieben. Die Höllenhunde sind wie von Zauberhand verschwunden und das Einzige, was zu hören ist, ist das Geräusch von schweren, schwarzen Flügelschlägeln. Minho.

Er landet anmutig wie ein Engel und gleichzeitig so befehlshaberisch wie ein Kapitän auf dem Piratenschiff.

„Bin ich hier denn nur noch von Idioten umgeben?", fordert Minho als Erstes zu wissen und seine schwarzen Flügel vibrieren voll unterdrückter Wut hinter seinem Rücken. „In einem Traum gelandet? What the fuck? Wie konntest du jemals die Sandmann-Prüfung bestehen, Seungkwan?"

„Er hat bestimmt geschummelt", brummelt Taehyung leise in sich hinein und beißt sich dann auf die Zunge, weil man Lee Minho in einem wütenden Dialog nun mal einfach nicht unterbricht.

„Ihr seid in keinem Traum. Ihr seid auf MEINEM Schiff. Das Schiff, auf dem ich die Träume für die Menschen webe. Die Höllenhunde dienen der Abschreckung ungebetener Gäste. Und jetzt sagt mir – was wollt ihr hier?"

Part 9: Taelirium

Auf dem Piratenschiff, kurze Zeit später

Jetzt versteht Taehyung gar nichts mehr. Erst gerade hat er sich mit dem Gedanken angefreundet, dass er diesen Seokjin in einen Traum führen soll und nach all der Anstrengung, die es ihn gekostet hat, taucht Minho auf und behauptet, dass sie in keinem Traum sind, sondern auf seinem Schiff.

Er ist so in Gedanken versunken, dass er gar nicht so richtig mitbekommt, was Minho zu den anderen sagt, während er sie über das Deck des Piratenschiffs geleitet.

Gedankenverloren trottet er den anderen hinterher, bis sie an einer ziemlich alt aussehenden Holztür anhalten, die unter Deck führt. Verwundert, warum sie nicht weitergehen, schaut Taehyung auf und sieht, wie ernst Minho dreinschaut.
„Eigentlich dürftet ihr gar nicht hier sein", erklärt er. „Aber das hier ist wahrscheinlich der einzige Ort, an dem wir reden können, ohne dass der Fabelkiller uns wieder in die Quere kommt. Ich sollte euch nur vorwarnen. Ich weiß nicht, wie gut ihr das Betreten der Weberei vertragt."

Moment. Hat Taehyung was verpasst? Wollen sie jetzt wirklich in die Weberei gehen? Er hat damals im Unterricht gelernt, dass man das auf gar keinen Fall tun sollte, wenn man nicht gerade zufällig ein Traumweber ist. Und wenn Tae das richtig sieht, ist außer Minho niemand hier ein Weber.
Hilflos schaut er zu Jimin. Er ist immer noch in dieser beschissenen Flasche gefangen, aber das nervöse Leuchten erkennt Taehyung trotzdem. Jimin scheint genauso wenig von dieser Idee überzeugt zu sein, aber allein dass er lebt und auch hier ist, beruhigt Taehyung dann doch ein bisschen. Er erinnert sich an die vielen gemeinsamen Situationen, die sie durchgestanden haben und wird einen Moment melancholisch. Es kommt ihm vor, als wäre es ewig her, dass er und Jimin einfach über belangloses Zeug geplaudert und Pfefferpilzkuchen gegessen haben.

Taehyung wird aus den Gedanken gerissen, als Minho sich absichtlich laut räuspert. „Wenn ihr dann bereit seid, können wir los." Minho holt tief Luft und öffnet die Tür. Kurz erkennt Taehyung nichts mehr, weil er so vom grellen Licht geblendet wird. Dann erkennt er unzählige Fäden, die von einer Seite des Raums zur anderen gespannt sind. Es müssen tausende sein.

„Fäden? Ernsthaft? Ist nicht sehr einfallsreich", zischt Yoongi, der immer noch mit den Schmerzen vom Biss zu kämpfen hat. Er schaut ziemlich finster drein.

Minho schnaubt abfällig. „Was hast du denn erwartet? Es heißt ja nicht umsonst Träume weben." Bevor jemand darauf antworten kann, scheucht Minho sie schon in den Raum.

„Scheiße, ist das kalt", jammert Seokjin, als auch er die Weberei betritt und erntet von allen Anwesenden zustimmendes Nicken. Minho scheint der einzige zu sein, dem die Kälte nichts anhaben kann. Er führt sie zielstrebig immer weiter durch das Labyrinth aus Fäden und bleibt erst stehen, als sie an einem Brunnen ankommen. Taehyung erkennt die unzähligen Büsche, Sträucher und Bäume als jene, die im Fabelwald stehen. Sind sie noch immer auf dem Schiff? Oder haben sie es irgendwie verlassen?

Taehyung geht weiter, bis er am Brunnen ankommt. Eine angenehme Wärme geht davon aus, fast als wäre dies kein Brunnen, sondern ein Lagerfeuer. Minhos Gesichtszüge werden weicher.

„Hört gut zu", sagt er, „Es fällt mir schwer genug, das zu erzählen. Ich hab' keine Lust es zu wiederholen."

Part 10: Just_a_funny_human

In einem Haus tief im Wald

„Meister, sie sind soeben mit Minho von seinem Traumschiff verschwunden. Die Höllenhunde zu manipulieren hat nicht funktioniert. Minho hat leider die Kontrolle wiedererlangt", berichtet die dunkle Gestalt

„Nicht schlimm. Sie denken, ich könnte sie so nicht erreichen, aber da liegen sie falsch." Bei dem Gedanken, wieder unterschätzt zu werden, muss Namjoon grinsen. Schon einmal haben sie ihn unterschätzt und so wie es scheint, würde es bei einem Mal nicht bleiben.

Dennoch darf er seine Deckung nicht fallen lassen. Er ist so nah dran, sein Ziel zu erreichen und niemand darf dies vermasseln.

Warum er das tut, das weiß er ganz genau. Um genau zu sein, wird er es nie vergessen. Er macht dies alles, denn er ist nicht immer ein Dämon gewesen. Nicht immer ist er so kaltherzig gewesen. Nur liegt das ganz tief in seiner Vergangenheit vergraben. Niemand weiß davon, außer einer bestimmten Person und diese Person wird er vernichten, bei allem, was ihm lieb ist.

„Papa, wann kommt Mama wieder?"

„Bald, Ahri. Du musst noch etwas Geduld haben."

„Aber Papa, ich will nicht mehr warten. Wieso braucht Mama auch so lange...normalerweise braucht sie nie so lange."

„Ich weiß. Aber du weißt, wie gefährlich es ist, als Mensch in einer Fabelwesen-Stadt einkaufen zu gehen. Sie muss vorsichtig sein. Und wenn sie vorsichtig ist, braucht sie halt etwas länger, aber dafür ist sie sicher unterwegs, verstehst du?", versuche ich meine kleine Tochter zu beruhigen. Wir müssen geduldig sein. Meine Frau und ich wissen, wie hoch das Risiko für die beiden ist, dennoch kann ich an diesem Tag nicht einkaufen gehen, so wie ich es eigentlich immer tat.

„Mhm, ich verstehe, Papa", sagt meine Tochter geknickt.

„Was ist, wenn wir ihr entgegenkommen?" versuche ich sie aufzuheitern.

„JAAAAA" schreit sie fröhlich und hüpft im Kreis.

Ich biete ihr meine Hand an, die sie nimmt, und wir gehen gemeinsam aus dem Haus.

Mit einem schlechten Gefühl kommen wir der Stadt immer näher. Dieses Gefühl wird immer stärker und voller Sorge beschleunige ich meine Schritte. Irgendwann nehme ich meine Tochter in den Arm und versuche schnellstmöglich zu dem Geschäft zu kommen, in dem wir immer einkaufen. In der Stadt ist ein riesiges Chaos. Überall versuchen Fabelwesen so schnell wie möglich in ihre Häuser zu kommen. Viele rennen sogar. Meine Sorge steigt.

Es kommt zu einem Punkt, an dem ich nur noch renne, bedacht darauf, meine Tochter weder fallen zu lassen noch sie zu verletzen. Ich spüre, wie nun auch sie in Panik gerät.

„Wenn du Mama siehst, schreist du, okay?", befehle ich ihr. Ich spüre, wie sie wild nickt und sie sich so gut, wie es geht, umsieht.

Auf einmal trifft mich etwas am Rücken, das mich zu Fall bringt. Meine Kleine fällt weitere Meter von mir auf den Boden. Ich will mich aufrichten und zu Ahri eilen, doch jemand drückt mich zurück auf den Boden.

„Schön liegen bleiben."

Ich erkenne die Stimme. Es ist Minho...ich bin gut mit ihm befreundet. Man kann fast sagen, wir sind beste Freunde. Doch seitdem ich eine Menschenfrau habe, sind wir nicht mehr so wirklich in Kontakt. Es ist ein zu großes Risiko für mich, da Minho Menschen über alles hasst. Er empfand es schon immer als unnötig, auch ihnen Träume zu weben. Es ist ein verschwendeter Aufwand, wie er immer sagt. Aber es gibt auch einen anderen Grund, weshalb er Menschen auf den Tod nicht ausstehen kann. Denn es ist nicht nur Minho, der die Menschen hasst. Es ist die ganze Fabelwelt. Es ist nämlich nicht nur verboten, mit einem Menschen zusammen zu sein, sondern gilt auch als Hochverrat. Warum dies so ist, weiß niemand so genau.

„Minho, was soll der Scheiß?"

„Ich habe gehört, dass es hier Menschen gibt. Weißt du was darüber, Namjoon?", fragt er mit einem amüsierten Unterton. Er weiß die Antwort bereits.

„Hör auf damit, Minho. Lass' meine Familie in Ruhe."

„Ach, wie süß - Familie. Wie herzzerreißend. Bringt sie her."

Ich sehe auf und sehe, wie man meine Frau auf die Straßen zieht und neben meine Tochter fallen lässt. Die Fabelwesen, die vorhin noch voller Hektik geflohen sind, stehen nun um uns herum und ich verstehe.

Dies ist eine Hinrichtung.

Er hat ihn seitdem beobachtet, Minho, seinen damaligen Freund. Zum Glück hatte der Zwerg die Idee, sich als anderes Fabelwesen auszugeben und so zu sterben, sonst wäre er aufgeflogen. Minho hätte ihn erkannt, wenn er es mit seiner damaligen Gestalt getan hätte. Denn zu diesem Zeitpunkt war er noch kein vollendeter Dämon. Dies ist er erst, seitdem er die Sphinx getötet hat. Man muss Opfer bringen, um ein Dämon zu werden.

„Ich werde dich dafür leiden lassen", flüsterte er, während er eine Träne weggewischt, die bei der Erinnerung voller Schmerz entstanden ist.

Part 11: SweetRaspberryxXx

Nahe der Traum-Weberei, kurze Zeit später

Yoongi hält sich verzweifelt abwechselnd seinen schmerzenden Arm, in den ja unbedingt ein Höllenhund beißen musste, und seinen Bauch, denn auf dem Schiff wird ihm immer übler und der Schmerz in seinem Arm weicht alle paar Sekunden einem höllischen Brennen. Es geht auch nicht nur ihm so. Aus dem Glas, in dem Jimin nur noch trübe leuchtet, kann man ein Jammern vernehmen; ebenso von der restlichen Truppe. Der Einzige, der von diesem Effekt nicht betroffen ist, ist Minho, der seine Flügel kurz öffnet und wieder schließt, um die Aufmerksamkeit der anderen zu erlangen.

„Ich hoffe ja wohl, dass ihr mir nicht auf mein schönes Deck kotzt", schnaubt er und verschränkt die Arme vor der Brust, „Und bitte passt auf euch auf, denn die Wirkung, die die Weberei auf Außenstehende hat, ist immens. Oh... Wo wir gerade dabei sind. Wir sind angekommen."

Bei den letzten Worten bleibt Yoongi der Atem weg. Von was für einer Wirkung spricht er? Verunsichert blickt Yoongi zu Seungkwan und flüstert ihm zu: „Was meint er damit?"

„Eigentlich können nur sogenannte Traumweber dieses Reich betreten...", murmelt Seungkwan und beobachtet Minho dabei, wie er langsam auf sie zukommt, „Andere Fabelwesen oder gar Menschen, erleiden hier Qualen wie Übelkeit, Halluzinationen, bis hin zum Tod."

„UND DANN HAT ER UNS HERGEBRACHT?!" Yoongis Stimme hallt über das ganze Schiff und schwer atmend blickt er in die verwirrten Gesichter der anderen.

„Ja", entgegnet Minho, da er genau weiß, dass man ihn gemeint hat, „weil es der einzige Ort ist, an dem wir sicher sind für den Moment. Ihr könnt euch auch gleich dem Fabelkiller stellen und dort euren Tod ersuchen, wenn es euch eher beliebt." Minho zuckt mit den Schultern und atmet tief durch. „Wollt ihr nicht erstmal euren Freund aus dem Glas befreien?"

Erschrocken starrt Yoongi von Minho auf das Glas in seinen Händen. Das schwache Licht darin droht zu erlöschen. Kopfschüttelnd schließt Minho die Lücke, die noch zwischen ihnen ist, und nimmt Yoongi das Glas ab. Vorsichtig stellt er es auf dem Boden ab und legt seine Hand auf die glatte Oberfläche. Für einen ganz kurzen Moment scheint das Leuchten im Inneren des Gefäßes so hell zu leuchten wie ein Stern, ehe es genauso schnell wieder abnimmt und dem grellen Licht eine Person weicht.

„Jimin!" Taehyung rennt überglücklich auf das Irrlicht zu.

„Wie hast du das gemacht?", fragt Yoongi Minho, der wieder nur den Kopf schüttelt, ehe er antwortet.

„Das kann man nicht erklären", meint er lediglich und wendet sich danach Jimin zu, „Wie geht es dir? Du scheinst viel Kraft verloren zu haben, dein Licht ist immer schwächer geworden."

Mit einem Mal verdunkeln sich Jimins Gesichtszüge. Man kann erkennen, dass er sich mit aller Kraft versucht, sich auf den Beinen zu halten.

„Ich danke euch für meine Rettung", sagt er ernst, „Vor allem dir, Yoongi. Doch wir haben keine Zeit."

„Wie meinst du das?", fragt Minho und zieht eine Augenbraue hoch. In der Traum-Weberei sind sie sicher. Zumindest eine Weile. Oder nicht?

Er ist –" Weiter kommt Jimin nicht, als das Schiff plötzlich zum Stehen kommt und sich die Umgebung plötzlich verdunkelt.

Part 12: TcnyMontanaShit

An der Traumweberei, direkt darauf

Minhos Lippen entweicht ein Seufzen. Er wendet sich langsam den anderen zu, betrachtet Taehyung, wie er den seidigen Stoff seines Hemdes zerreißt und Yoongis Arm damit verbindet, während er gleichzeitig auch das schwache Irrlicht stützt. Seungkwan wirft dem Traumweber einen unsicheren Blick zu. Er kann spüren, dass Minho zu Sprechen ansetzen versucht. Aber er findet nicht die richtigen Worte, um seine Sorgen ausdrücken zu können.

„Ich bin euch eine Erklärung schuldig." Die Lichter und Kerzen um sie herum flackern leicht und es scheint sich ein dunkler Nebel in der Luft auszubreiten. Jimin hustet, er hält sich an den Schultern Taehyungs fest. Ihm schmerzt der Kopf, als würden kleine Gnome mit ihren Hämmern gegen seine Stirn schlagen. „Ja, das bist du eindeutig!", zischt Yoongi wütend und presst seine Hand auf den Stoff über seiner Wunde.

Im gleichen Moment ertönt ein weiteres, schmerzverzerrtes Geräusch. Diesmal ist es Seokjin, der in die Knie gegangen ist und krampfhaft seinen Kopf umklammert hält. Taehyung sinkt augenblicklich neben ihm auf den Boden und fragt besorgt: „Jin? Was ist los??"

Die Schmerzen scheinen im ersten Moment zu groß zu sein, um eine zusammenhängende Antwort geben zu können. Stattdessen presst Seokjin also nur schweratmend einzelne Wörter zwischen zusammengepressten Zähnen hervor: „Namjoon... Er... Killer... wollte... warnen... Yoongi... Ahhhh..."

„Er erinnert sich...", murmelt Minho verblüfft und beobachtet als Einziger von ihnen das Spektakel nicht besorgt, sondern nur milde interessiert.

„Was?", fragt Yoongi mit der gleichen Schärfe in der Stimme wie zuvor. „Was passiert hier? Antworte endlich, Minho! Bist du für seine Schmerzen verantwortlich?"

Und diesmal unterbricht niemand Minho, der endlich zu seiner Erklärung ansetzen kann. „Nein", beginnt er, „das bin nicht ich. Es ist sehr ungewöhnlich, dass sich Fabelwesen an das erinnern können, was unmittelbar vor ihrem Tod geschehen ist. Seokjin scheint es zu können, da er als Sphinx quasi allwissend ist... Und er hat schon vorweggenommen, was ich euch sagen wollte. Der Fabelkiller heißt Namjoon. Er ist ein Dämon und... ich bin schuld."

Seungkwan weitet seine Augen. Er scheint Minho nicht zu trauen. „Ach ja? Und warum solltest du schuld sein, wenn du nicht selbst der Killer bist??"

Dem Traumweber schmerzt das Herz. Er schnappt schwer nach Luft und schüttelt seinen Kopf. „Ich habe damals einen schrecklichen Fehler begangen. Ich wollte– ich... habe mich so schrecklich einsam gefühlt. Als Traumweber hat man so wenige Leute, mit denen man wirklich etwas zu tun hat. Also habe ich.... meine eigene Traumwelt erschaffen."

Yoongi japst auf. „Aber sowas darf man nicht tun!" Minho ballt seine Hände zu Fäusten. „Ja! Das weiß ich doch! Aber mir war das damals noch nicht bewusst gewesen. Also habe ich meine eigene Welt gewebt, um nicht mehr so einsam zu sein."

Taehyung blickt aus den kleinen Fenstern nach draußen. Alles, was er zu Gesicht bekommt, ist eine undurchdringbare Schwärze. „Ich war dort gewesen, in meiner eigenen Welt und habe mir Wesen gewebt, die etwas mit mir unternehmen. Die mit mir sprechen und lachen und mir zuhören. Aber irgendwann, da... hat sich alles verändert.

Meine Welt wurde schwarz und meine Magie hat sich gegen mich gewendet. Sie hat an mir gezerrt und meine Seele zerschnitten, denn sie wollte an mein böses Ich herankommen. Sie wollte die Einsamkeit und die Wut, die in mir schlummert. Und dann... wurde meine Seele gespalten. Ich konnte noch knapp entfliehen, aber nun hat die Dunkelheit einen Teil meiner Magie und meine dunkle Seite hat Form angenommen. Sie wurde zu dem Fabelkiller, den ihr heute kennt. Denn meine Wut will das zerstören, was ihn alleine gelassen hat: alle anderen Wesen."

Es herrscht Stille. Taehyung, Jimin und Yoongi mustern den Traumweber sprachlos und sie verstehen nicht ganz, was er da gerade von sich gegeben hat. Minho lächelt bitter. „Ich kann euch zu ihm führen, aber seid gewarnt! Ich kann ihn nicht bezwingen. Er hat eine solch mächtige Macht, dass ich sofort zu Staub verfallen würde, sollte er mich auffinden und seinen Zorn freien Lauf lassen."

Minho öffnet die Tür und verlässt die Kajüte. Die verbliebenen Wesen sehen sich nachdenklich an, nicken sich gegenseitig zu und folgen ihm dann. „Bring uns zu ihm, Minho."

Der Traumweber dreht sich zu ihnen um und hat dabei ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

Part 13: GerryMoon

In den Einhornwäldern, ca. eine Stunde zuvor

Felix hat mit so relativ allen Personen gerechnet, die plötzlich vor seiner Haustür stehen könnten. Mit Taehyung oder Minho oder gar einem auferstandenen Seokjin, aber keineswegs mit einem verheulten und völlig fertigen Jungkook, der eigentlich noch in Untersuchungshaft sitzen sollte.

Stattdessen durchforstet er gerade Felix Wohnung, auf der Suche nach etwas, das er reparieren kann.

Natürlich gibt es nichts zu reparieren, denn Felix achtet peinlich genau darauf. Denn schließlich hat er vor, das Heinzelmännchen immer wieder in seiner Wohnung begrüßen zu können.

„Was soll ich nur tun?", fragt Jungkook verzweifelt und wirft sich zum dritten Mal in Felix' Arme. Das erste Mal war, als Felix die Tür öffnete. Das zweite Mal, als er gefrustet feststellte, dass es nichts zu reparieren gab. Dann drehte er noch einmal eine Runde, um wirklich sicher zu sein, und jetzt liegt er wieder in Felix Armen.

„Möchtest du mir nicht erst erzählen, was passiert ist? Warum bist du hier?"

Sanft streicht Felix dem Aufgelösten über das Haar.

Das Einhorn sieht erneut die reine Seele von Jungkook und entdeckt einen dunklen Schatten darüber. Etwas ist eindeutig passiert.

„Ich bin entführt worden...", murmelt Jungkook und klammert sich an Felix fest, als hinge sein Leben davon ab. „Da kam einfach so ein Typ und... und hat..."

„Sch...sch... alles gut Kookie."

Es ist Felix Kosewort für den anderen, wenn sie sich nach einem harten Tag mal wieder das Bett teilen. Sie sind die Affäre des anderen und haben eigentlich beschlossen, nie mehr zu sein als das. Wohl einer der Gründe, warum Felix, obwohl Jungkook Zeuge war, weiterhin professionell seiner Arbeit nachgehen kann. Ein weiterer war wohl, dass er sowieso gerne in Jungkooks reine Seele blickt. Doch jetzt?

„Du hast alle Zeit der Welt. Erzähl' der Reihe nach, okay? Du wurdest entführt, ja?"

Felix setzt sich mit Jungkook nun auf sein Laubsofa und drückt den anderen fest an sich. Jungkook atmet tief durch.

„Da war ein Cop, der hat mir die Fesseln abgenommen und kurz nachdem er weg war, kam da so ein Typ und hat mich einfach mitgenommen..."

„Und dann?", fragt er vorsichtig.

„Dann hat er mich rausgelassen und ich habe gesehen, wer er ist! Officer Minho! Aber er sah ganz anders aus und...! Und er wollte mich umbringen! Da... da hab ich..."

Jetzt zittert Jungkook noch mehr, seine Wörter sind kaum mehr zu verstehen, als er haucht: „Ich habe ihn umgebracht... Ich habe mich gewehrt und ihn umgebracht."

Die Tränen laufen massenweise über Jungkooks Gesicht, sodass Felix nicht hinterherkommt, sie ihm abzuwischen. Stattdessen gibt er dem anderen einen sanften Kuss auf den Mund, um ihn mit der Berührung aus der Welt der Schuldgefühle zu holen.

„Alles gut. Es war Notwehr", sagt er ihm ins Ohr und wiegte das Heinzelmännchen sanft.

„Er hat mich gefragt, ob ich weiß, wo Yoongi ist. Yoongi wisse, wie man die ganze Fabelwesenwelt von den Menschen befreit und wo sich das Herz der Fabelwesenwelt befindet! Felix, es ist so schrecklich! Er wollte uns von der Menschenwelt trennen und uns somit alle umbringen!"

Überfordert weiß Felix lange nicht, was er tun soll. Er kann den anderen nur stumm hin und her wiegen, die Tränen wegwischen und versichern, dass er nun in Sicherheit ist. Selbst in seiner ganzen Karriere ist Felix bisher nie so etwas untergekommen. Und dann fällt ihm plötzlich ein, was Jungkook gesagt hat.

„Du meintest, der Mann sah aus wie Minho?", fragt er, um noch einmal sicher zu gehen, während er Jungkook ganz fest an sich drückt, um den anderen nicht das Gefühl zu vermitteln, verurteilt zu werden.

Ganz langsam nickt das Heinzelmännchen.

„Es war richtig gruselig."

„Kannst du mich da hinbringen?", fragt Felix, nicht wissend, dass er gleich, an genau diesem Ort, auf mehrere, bekannte Gesichter trifft.

Part 14: Tae_x_xD

Im Verhörraum der Mittleren Ebene, wenige Minuten später.

Zu sechst umrunden Yoongi und die anderen den toten Körper des bösen Minho. In den Gesichtern zeichnet sich Fassungslosigkeit und Angst ab.

Als sie mit Hilfe von Seungkwan und Minho hierherkamen, haben sie nicht damit gerechnet den bösen Minho elendig zerfetzt in einer Blutlache vorzufinden. Keiner der Anwesenden begreift, wie der vermeintliche Fabelkiller so zugerichtet werden konnte.

„Fuck", sagt Taehyung und spricht damit wahrscheinlich aus, was alle gerade denken.

„Minho, sagtest du nicht, er wäre viel zu stark, um ihn so einfach umzubringen?"

„Ja." Minho räuspert sich kurz, um dann seinen Blick zu heben, „Wer auch immer das getan hat, ist noch viel gefährlicher als der Fabelkiller selbst."

Jimin fängt an vor Angst unregelmäßig zu blinken und krallt seine Finger in seine Jacke. Was sollen sie denn jetzt machen? Bevor Yoongi seine Frage jedoch stellen kann, hebt Jin die Hand und stoppt ihn.

„Da kommt was."

Ohne dass Yoongi die Worte richtig wahrnehmen kann, stehen sie plötzlich zu Acht im Raum und alle reden durcheinander.

„Was machst du denn hier? Wir haben dich doch umgebracht", will der Größte von ihnen zuerst wissen und deutet dabei auf Seokjin.

„Du...", antwortet die Sphinx erbost, "...ihr? Wer ist wir?"

„Ich und mein Partner!"

„Und wer sind du und dein Partner!?", fragt Yoongi aufgeregt, weil er nun gar nichts mehr versteht. Er mustert die drei Neuankömmlinge.

„Das solltest du besser Minho fragen!", antwortet Namjoon. Er wirkt angsteinflößend, als er einige Schritte auf Minho zugeht. Dieser zeigt sich jedoch unbeeindruckt.

„Ich habe deine Familie nicht umgebracht. Der, der das getan hat, ist bereits tot. Du kommst zu spät, um Rache zu üben." Verwirrt hält Namjoon inne und mustert die Leiche, auf die Minho zeigt.

Yoongi hofft, dass damit jetzt alles geklärt ist und sie nicht mehr in Angst und Schrecken leben müssen, aber in dem Moment meldet sich der andere Fremde zu Wort.

„Ihr Idioten!", lacht er hämisch, während er Felix fest an sich presst und eine Klinge an dessen Hals hält. „Und Namjoon? Du jetzt auch noch? Willst du wirklich unsere lang verfolgten Ziele so einfach aufgeben?!"

Alle Blicke liegen auf Namjoon, der jedoch nur kraftlos neben der Leiche vom bösen Minho sitzt. Er reagiert nicht mal ansatzweise auf Jungkooks Worte.

Der wird nur noch wütender von der ausbleibenden Reaktion und erklärt: "Ihr macht so ein Theater! Sucht nach dem bööösen Fabelkiller und tut so, als würden euch die Tode schockieren. Aber eigentlich interessiert ihr euch nur für euch selbst! Ihr interessiert euch nicht für die Menschen und auch nicht für Wesen, die so viel schuften müssen, dass sie ihre ganze Lebensenergie verbrauchen. So wie mein Vater."

Die Worte verwirren Yoongi nur noch mehr. Sein Kopf schmerzt und es fühlt sich an, als würde sein Gedächtnis absichtlich verhindern wollen, dass er sich an alles erinnert. Yoongi zittert vor Angst und weicht einen Schritt zurück. Jungkook kann nicht nur ein Heinzelmännchen sein, so viel ist sicher. Sonst hätte er den bösen Minho nicht töten können. Aber was war er dann?

"Was habe ich damit zu tun? Ich bin nur ein Drudner."

"Du weißt, wo der Mantikor ist! Ich weiß, dass irgendwo in deinen Erinnerungen der Weg zu ihm versteckt ist!"

Nervös blickt Yoongi zu den anderen und dann zu Jungkook. Er will nicht das noch jemand sterben muss, also löst er die kleinen Finger von Jimin an seiner Jacke, lächelt ihn noch einmal kurz beruhigend an und geht langsam auf Jungkook zu.

Dieser grinst triumphierend und lockert seine Haltung, als plötzlich die Luft hinter ihm zu schimmern beginnt und sich eine, aus dem Nichts kommende, Hand auf den Kopf von Jungkook legt. Daraufhin bricht dieser bewusstlos zusammen.

„Es reicht jetzt... du hast genug angerichtet..." murmelt das Wesen vor Yoongi und seufzt, bevor es den bewusstlosen Jungkook auf seine Arme hebt.

„Ich sollte mich vielleicht vorstellen", spricht das Wesen sanft, „Ich bin Hoseok, der Mantikor. Ich sorge für Recht und Ordnung in dieser Welt. Namjoon und Jungkook haben viele schlimme Dinge getan... Das tut mir leid. Ich habe nicht rechtzeitig eingegriffen, weil ich daran geglaubt habe, dass das Gute siegt. Nur damit das Gute siegt, darf das Wesen nicht sterben, dass das Gute in jeder Seele sieht..."
Damit blickt Hoseok auffordernd zu Felix, der kreidebleich und verloren mitten im Raum steht und nicht fassen kann, sich so in Jungkook getäuscht zu haben.

„Es gibt wohl Vieles, was ich erklären muss und wofür ich mich entschuldigen sollte...", macht der Mantikor weiter.

Hoseok erklärt ihnen so einiges. Wie Jungkook und Namjoon sich das erste Mal begegnet sind. Wie sie sich gegenseitig verstanden gefühlt haben, weil ihnen beiden viel Ungerechtigkeit widererfahren ist. Wie Namjoon seine Frau und Jungkook seinen Vater verloren hat. Wie sich gemeinsam dazu entschlossen haben, die Fabelwesen für ihre grausamen Taten büßen zu lassen.

Nachdem die Ordnung in der Welt wieder hergestellt ist, verschwindet Hoseok.

Namjoon und Jungkook müssen sich vor dem Gericht der obersten Ebene verantworten. Ihr Urteil: Lebenslange Haft im dunkelsten Verlies des Scarabäusgefängnis. Die Höchststrafe.

So endet die Geschichte der Fabelkiller und von denjenigen, die sie überlebt haben.

Aber wer weiß schon, was die Zukunft noch für Abenteuer bringt?

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