Akt 1

           Wolken bedeckten den einst blauen Himmel des Nordatlantiks. In den frühen Morgenstunden hatte es den Anschein erregt, der Tag würde ungewöhnlich warm und sonnig werden. Der Frühling erreichte langsam seinen Höhepunkt und viele planten bereits ihren Sommerurlaub.

Niemand ahnte, dass es für manche recht bald keine Pläne mehr geben würde.

Keinen Sommer. 
Keine Sonne.

Freitag, 13. Mai, atlantischer Ozean

Während die Mittagsstunden näher kamen, zogen die ersten Wolken auf. Niemand dachte sich etwas dabei, schließlich regnete es im Frühjahr gerne und häufig. Sechs Personen hätten dem nicht weniger Beachtung schenken können. Drei davon kamen direkt aus LA per Jacht angereist. Die übrigen drei zogen den Helikopter vor. Alle von ihnen steuerten eine Privatinsel mitten im Meer an. Sie verfügte über einen kleinen Anlegeplatz und bot selbst für Helikopter eine Möglichkeit zur Landung. Schließlich gehörte das von Wasser umgebene Grundstück einem Millionär - oder war es ein Milliardär?
Die Gäste waren zu einem Wochenende auf seiner Insel eingeladen. Man versprach gute Kost und jede Menge Alkohol. Die Sechs zählten allesamt zur Elite der Prominenz. 

Zum einen hatten wir Charles Miller - ein Schauspieler aus Hollywood in seinen Vierzigern. Bereits mit 12 hatte er in seiner Branche den ersten Durchbruch gehabt. Darauf kam ein Erfolg nach dem anderen. Mittlerweile war er zwei Mal geschieden und hatte drei Kinder. Charles stand nahezu täglich in den Skandalblättern. Entweder man liebte ihn, oder man hasste ihn. 
Nach ihm folgte eine Kollegin aus seiner Branche. Katy Winsov. Schauspielerin, Bikinimodel und Internetstar. Sie war 35, verheiratet mit einem Fußballprofispieler und hatte einen Sohn. Die Medien hatten sie bereits mit 20 in eine Sex-Ikone verwandelt.
Es folgte Brian O'Kennedy. Ein Rockstar wie er im Buche stand. Seine Skandale konnten sich problemlos mit jenen von Charles messen. Obwohl die beiden nicht voneinander sprachen, sah man sie häufig gemeinsam auf einer Feier oder Gala. Brian wechselte wöchentlich seine Beziehungen. Mal war es die Hauptdarstellerin von diversen Filmchen, mal ein Unterwäschemodel. Es hätte keine Beschreibung gegeben, die in diesem Falle nicht wie ein Klischee geklungen hätte.
Der vierte Gast war Susan K. Johnson. Eine Influencerin, die mit ihren Beiträgen über Reisen, Yoga und Schönheitstipps weltweite Erfolge mit sich zog. Sie wurde dieses Jahr 28, fühlte sich jedoch nach eigener Aussage immer noch wie 18. Kürzlich gab sie die Verlobung mit einem berühmten Popsänger bekannt. Die Hochzeit solle diesen Sommer in Paris stattfinden.
Die übrigen zwei Gäste kamen aus dem gleichen Berufsfeld. 
Politik. 
Zum einen George Davis - der Kopf einer Partei, die sich für das Volk arrangierte und wohltätigen Zwecken nachging. George war ein Mann mittlerem Alters, verheiratet und hatte vier Kinder sowie zwei Enkelkinder. 
Bei dem letzten Gast auf der Liste handelte es sich um Bernard Cooper. Abgeordneter. Sein Äußeres ließ auf vierzig schließen, obwohl er die Fünfzig bereits erreicht hatte. Bernard war geschieden und lebte seit drei Jahren mit seiner Lebensgefährtin Elise zusammen, welche zwei Kinder in die Beziehung mitgebracht hatte. 

            Die Gästeliste wirkte wie das Gipfeltreffen aus willkürlich zusammengeworfenen Prominenten. Niemand außer ihnen wusste von diesem Treffen auf der Insel, denn die Einladung war spontan erfolgt. Eventuell hatte manch ein Stalker des einen oder anderen Gastes etwas mitbekommen. Wenn dem so war, dann ließ er es sich nicht anmerken. 
Der Himmel verdüsterte sich weiter, als auch der letzte Gast auf der Insel eingetroffen war. Das Grundstück war nicht groß, verfügte jedoch über einen Pool mit Jacuzzi. 
L'isola della Vendetta war ein schwimmender, verkrümmter Halbmond, in dessen Kuhle sich der Anlegeplatz mit Steg befand. An der etwas breiteren Spitze konnten kleinere Helikopter landen und mittig verlief die Villa in einem Halbkreis. Bis auf die Stelle mit dem Anlegeplatz bestand das Ufer aus hohen, steinigen Felsklippen, die das Wohngebäude in den Himmel streckten, als wäre es ein kostbarer Schatz. 
Allerdings passte die Villa nicht in das moderne Konzept, mit dem man heute Gebäude baute. Der Architekt hatte sie aus schwarzen Ziegelsteinen geformt und so konstruiert, dass die Villa wirkte wie ein Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert.
In der Mitte ragte ein dürrer Glockenturm in die Höhe. Dort wo der Glockenstuhl samt Glocke hätte sein müssen, starrten lediglich leere Löcher in die Ferne - wie Augen, die jeden Schritt beobachteten. 
Das Gebäude wirkte elegant und dennoch beunruhigend. Eine Villa wie man sie in alten, gruseligen Kriminalfilmen hätte sehen können. Ganz und gar nicht das, was die geladenen Gäste erwartet hatten. 
Zudem fehlte von dem Hausherren bislang jede Spur. Die einzige Person, die die Gäste bislang angetroffen hatten, war der Butler, der ihr Gepäck ins innere der Gruselvilla schleppte.
Und der Mann war nicht weniger schauderhaft als das Gebäude, in dem er arbeitete. Seine Haut war blass wie altes Papier und sein Gesicht wies mehr Falten auf, als das Meer Wellen schlug. Graue Augen starrten aus tiefliegenden Höhlen heraus und schmale Lippen bemühten sich um ein freundliches Lächeln, jedes Mal, wenn er das Gepäck eines Gastes entgegennahm. 
Bislang dachten sich die Anwesenden nichts dabei und folgten dem Mann brav in das Innere des Herrenhauses. Dunkelblaue Tapeten boten darin die einzige Farbe.
Kronleuchter erhellten die Räume nur spärlich und der Fußboden bestand aus schwarzem Marmor. In der Mitte der Eingangshalle führte eine T-förmige Treppe in das obere Stockwerk, wo sich die Einzelnen Schlafzimmer befanden. Jeder bekam eines der Zimmer zugewiesen. Jedes sah exakt gleich aus. 
Schwarzer Marmor, dunkle Tapeten, weiße Kronleuchter altmodische Kleiderschränke und Himmelbetten aus Mahagoni. Der einzige Unterschied zwischen den Räumen waren die Teppiche.
In jedem Raum vor dem Bett lag je ein runder, farbiger Teppich aus Kunstfell. 
Rot, Blau, Grün, Orange, Violett und Rosa. 

"Der Teppich schlägt sich mit der Wandfarbe", zischte Susan angewidert. Sie ging auf ihren High-Heels in die Hocke, rollte den rosaroten Teppich zusammen und schmiss ihn hinter den Kleiderschrank. Am liebsten hätte sie diesbezüglich etwas auf ihrem Social Media Account gepostet, verschob es allerdings auf später, denn sie wollte den Gastgeber nicht verpassen - letzteres in erster Linie, weil sie auf das Passwort für den Internetzugang hoffte.
Ging man die Haupttreppe hinunter und anschließend nach links kam man in den Wohnbereich mit offener Küche. Die Wand, die zum Anlegeplatz zeigte, bestand aus Glasscheiben, die bis zur hohen Decke reichten. Die Fenster boten dadurch einen hervorragenden Blick auf die See und die felsigen Landzungen links und rechts. 
Nahe der Glasfront befand sich eine rechteckige Wohnlandschaft, die man tiefer gelegt hatte. Mittig dessen stand eine Säule mit offenem Kamin, in welchem bereits ein Feuer loderte. 
Am anderem Ende des Raumes bot eine moderne Küche in schwarz-weiß genügend Platz, um für eine ganze Horde zu kochen. Links davon konnte man sich an einer Bar einen Drink aus unzähligen Glaskaraffen genehmigen. Brian hatte sich zu aller erst daran gemacht, herauszufinden, was in welcher Karaffe steckte. Alkohol am Geruch zu erkennen, war eine leichte Spielerei für ihn. Als Susan den Raum betrat, goss er sich bereits sein zweites Glas Whiskey ein. Er hob das Glas kurz an und sah fragend in die Runde, während er daran nippte.
Susan winkte auf die unausgesprochene Frage ab und Katy hatte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank geholt - mit der Betonung, sie müsse auf ihre Figur achten.
Charles schloss sich Brian an, nahm sich ein Glas vom Regal und schenkte sich großzügig etwas von der goldgelben Flüssigkeit ein.
"Gibt's auch Cognac?", fragte Bernard. Gemeinsam mit George begab er sich zu den anderen beiden Männern an die Bar.
"Klar", antwortete Brian und goss den beiden Politikern ein. George griff als Erster zu einem der beiden Gläser, woraufhin Brian das zweite Glas Bernard reichte. "Bitteschön, Herr Abgeordneter", fügte er süffisant grinsend hinzu.
Ein Donner hallte über die See und ließ die Gäste für einen Wimpernschlag innehalten. 
"Und ich habe gehofft, dieses Wochenende im Jacuzzi zu verbringen", beschwerte sich Susan. 
"Das ist nur ein kleines Frühjahrsgewitter", winkte Charles unbeeindruckt ab. "Das verschwindet so schnell wieder, wie es gekommen ist."
Ein weiterer Donner ertönte. Dieses Mal tiefer und lauter. Gleichzeitig schlug ein Blitz im offenen Meer ein und zog einen zackigen Schweif mit sich. Regen prasselte gegen die Scheiben und das Dach des Hauses. Boot und Helikopter waren längst fort, da man ja von einem ganzen Wochenende ausgegangen war.
"Wo steckt eigentlich unser Gastgeber?", wollte Susan wissen. Dabei warf sie sich ihr erdbeerblondes Haar zurück. "Zuerst lädt er uns auf der Feier großzügig ein und dann erscheint er nicht."
Katy seufzte leise in sich hinein und nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. "Bestimmt hält ihn das Unwetter auf.", entgegnete sie. Sie besaß lange Wimpern und brünettes Haar. "Der Butler meinte, wir sollen uns ganz wie zu Hause fühlen."
"Deswegen-", meldete sich Brian und hob sein Glas demonstrierend an. Er schenkte sich zum dritten Mal nach.
Susan gab stöhnend nach. "Wo ihr Recht habt", sagte sie achselzuckend. "Kann einer von euch einen guten Cocktail zubereiten?"
"Was darf's denn sein?", fragte Brian, ohne einen Atemzug verstreichen zu lassen.
Susan zog ihre Beine in den Lotussitz und lehnte sich über die Rückenlehne des Sofas. "Etwas Fruchtiges, Tropisches", flötete sie.
Brian salutierte spielerisch, ehe er sich einige Säfte und alkoholische Getränke schnappte. Hinter der Bar befand sich ein Cocktailmixer, den er ohne Probleme fand und benutzte. Als wäre er kein Rockstar mehr sondern einer der besten Bartender, mixte er einen gut riechenden, elegant aussehenden und himmlisch schmeckenden Cocktail. Letzteres fand zumindest Susan, denn abgesehen von ihr trank niemand davon.
"Ach, was soll's", kam es seufzend von Katy. "Kannst du mir einen Martini mixen?"
Brian nickte und machte sich abermals ans Werk. Charles sah ihm dabei zu und goss sich zeitgleich sein Glas mit Cognac randvoll. Bernard und George setzten sich an die offene Seite der Wohnlandschaft und unterhielten sich. Wenig später nippte Katy an ihrem Martini und Susan unterhielt sich kichernd mit Brian. 
Charles überprüfte den Kühlschrank und fragte sich, was davon wohl am Abend auf ihren Tellern landen könnte. Er hatte das Frühstück heute ausgelassen und war erst gegen späten Vormittag aufgebrochen. Die Nächte schienen trotz seines Alters länger zu werden. 
Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass das Dinner noch einige Stunden auf sich warten lassen würde. Demnach nahm er sich einige Früchte aus dem Obstkorb, der auf der Kücheninsel gestanden hatte und bereitete eine tropische Früchteplatte zu. Nebenbei nippte er immer wieder an seinem Glas Whiskey, das stets voll zu sein schien. 
Anschließend gesellte er sich zu den anderen. Dabei stellte er die Platte auf einen Beistelltisch mit Rollen an den Füßen. 
Das Gewitter schien nicht zu vergehen. Stattdessen stürmte es mittlerweile. Der Wind ließ die Glasfront beängstigend krachen und pfiff schaurig durch die Löcher des Hauses. 
"Das darf nicht wahr sein!", rief Susan. Sie hielt ihr Smartphone in die Höhe. "Die Verbindung ist tot! In welchem Jahr leben wir denn bitte? In den 70ern?"
Katy gluckste ein Lachen in ihr Glas und stellte es anschließend unbeeindruckt auf ihrem Oberschenkel ab. "Was hast du denn erwartet? Dem Sturm hält keine Verbindung stand. ", meinte sie. "Lernst du deinen Followern denn keine Atemtechniken, wenn sie wütend sind?", fügte sie neckend hinzu.
Susan schnaubte wie ein Pferd, ließ sich wieder tiefer in die Sitzgelegenheit sinken und warf ihr Handy neben sich aufs Sofa.
Wie aus dem Nichts stand plötzlich der Butler des Hauses hinter ihr. Als er das Wort ergriff, hätte Susan beinahe vor Schreck ihren Cocktail quer durchs Zimmer geschleudert. Den anderen erging es allerdings nicht besser. Charles schüttete sich etwas Whiskey auf sein dunkles Hemd. Brummend strich er sich seine schwarzen, schulterlangen Haare nach hinten. An den Seiten hatte er sie auf 6 mm getrimmt.
"Der Herr des Hauses lässt sich entschuldigen", teilte der Butler den Gästen mit seiner brüchigen Stimme mit. "Es gelang ihm nicht mehr, die Insel zu erreichen. Der Sturm lässt weder Boot noch Helikopter durch. Ich werde Ihnen das Abendessen servieren. Der Herr des Hauses bittet um Verzeihung und wird morgen zu Ihnen stoßen."
Brian hatte sein Tuch, das er um die Stirn gebunden gehabt hatte, abgelegt und band sich seine langen, nussbraunen Haare zu einem unordentlichen Knoten nach oben. 
"Machen Sie nur, alter Freund", raunte er - das Haargummi im Mund, während er versuchte seine Haare zu bändigen. 
George nickte zustimmend. "Wollen Sie, dass wir den Raum verlassen?", fragte er. Im ersten Moment wirkte er stets höflich. 
Der Butler winkte ab. "Bitte, fühlen Sie sich durch mich nicht gestört", raunte er. "Gegenüber des Wohnbereiches finden Sie den Speisesaal und angrenzend den Salon, in dem geraucht werden darf. Direkt darüber die Bibliothek. Sie können sich aufhalten, wo es Ihnen beliebt. Ausgeschlossen davon ist lediglich das Büro des Hausherren am Ende des Korridors im Obergeschoss.", fügte er erklärend hinzu.
Anschließend deutete er eine leichte Verbeugung an und begab sich in die offene Küche. Die Gäste sahen ihm nachdenklich hinterher.
"Ich kriege Gänsehaut bei dem", flüsterte Susan zu Katy.
Bernard stand auf. "Ich sehe mich in der Bibliothek um, falls mich jemand sucht." Damit verließ er den Raum.
Auf ihm folgte Charles. "Ich brauche Nikotin."
"Gleichfalls", stimmte Brian zu und gemeinsam suchten sie den Salon auf.
George sah auf seine Rolex. Während das Abendessen zubereitet wurde, schloss er sich den Männern im Salon an. 
Der Salon grenzte an den Speisesaal, der eingerichtet war wie aus dem späten 19. Jahrhundert. Ersteres wirkte nicht viel moderner. Ein massiver Schreibtisch stand gegenüber der Tür. Der quadratförmige Raum wies hohe Fenster mit dicken, dunklen Vorhängen auf und verfügte über zwei Chesterfield-Sofas. An der Ostwand stand eine gekühlte Vitrine mit einer beachtlichen Sammlung an Zigarren, vor der sich George aufbaute.
"Hey, er meinte, wir sollen uns wie Zuhause fühlen, richtig?", erinnerte Charles ihn spitzbübisch. Er saß gegenüber von Brian und nahm einen tiefen Zug von seiner schwarzen Zigarette.
Georges linke Augenbraue zuckte kaum merklich, kurz bevor er die Hand nach dem Griff der Glastür ausstreckte. Darüber befand sich ein Knopf, den er kurzerhand drückte. 
Ein schrilles Piep ertönte und die Sicherung der Tür ging auf. Ein wenig überrascht, dass man diese kostbare Sammlung nicht gesichert hatte, zog der Politiker die Tür auf und zog eine der Havanna Zigarren heraus, die zuvor seine Aufmerksamkeit erregt hatten.
George drehte sich um - an der Zigarre riechend - und fragte: "Noch jemand?"
"Danke, aber ich ziehe die hier vor", antwortete Charles und deutete auf die schwarze Zigarette in seiner Hand.
"Same", kam es von Brian, der ebenfalls an einer Zigarette sog.
Der Politiker verschloss die Tür der Vitrine wieder und gesellte sich zu den Männern. Er nahm neben Charles Platz, schnappte sich den Zigarrenschneider von dem Couchtisch vor sich und trennte das Ende der Tabakrolle ab. Kurz nachdem er seinen ersten Zug getan hatte, lehnte er sich grinsend zurück. 

Die letzten Nachmittagsstunden vergingen und das Abendessen wurde schließlich um Punkt sechs Uhr eingeläutet. Die Gäste fanden sich im Speisesaal zusammen und setzten sich an den reichlich gedeckten Tisch.
Susan saß gegenüber von Katy und neben Bernard, welcher neben George saß. Katy wiederum saß neben Brian, der sich neben Charles breit gemacht hatte. 
Der Butler schenkte ihnen Wein ein und ließ sie anschließend allein. Im Kamin am Ende des Raumes knisterte ein Feuer. Draußen peitschte kalter Regen gegen die Fenster. Teilweise schafften es hohe Wellen bis an die Schwelle der Tür, obgleich das Haus auf Klippen thronte. 
"Na, dann. Mahlzeit!", rief Charles aus, ehe er über das Essen herfiel. 
Von Hummer, über Kaviar und Meeresfrüchteplatten gab es alles. Als Nachtisch servierte der Butler Creme Brûlée mit Heidelbeeren. 
Seufzend lehnte sich Susan in ihrem Stuhl zurück. "Das kostet mich ein paar Tage Training, aber das war es definitiv wert", kicherte sie. Keine zwei Sekunden später zückte sie ihr Handy und warf es anschließend stöhnend auf den Tisch. "Immer noch kein Balken."
"Du wirst einen Tag ohne dein Handy überleben", warf Katy unbeeindruckt ein. Sie tupfte sich ihren kussförmigen Mund ab. 
Bernard stand vom Tisch auf. "Ich habe oben interessante Lektüren entdeckt. Ich ziehe mich also fürs Erste zurück. Euch noch einen schönen Abend.", kündigte er neutral an. Im Vorbeigehen an einem Spiegel überprüfte er rasch seine graue Kurzhaarfrisur. Danach verschwand er durch die Tür, die zusätzlich von dicken Vorhängen bedeckt wurde. 
"Ich könnte noch einen Cocktail vertragen", kicherte Susan.
Brian stand schwungvoll auf und sagte: "Ihr Wunsch ist mir Befehl." 
Susan folgte ihm kichernd zurück in den Wohnbereich. Katy rollte darüber mit ihren Augen. Sie selbst und Bernard waren an jenem Abend die Nüchternsten. 
"Er lässt wohl keine Gelegenheit aus, was?", kommentierte sie und wandte sich damit an Charles.
Angesprochener zuckte lediglich mit den breiten Schultern. "Sie doch ebenso wenig", entgegnete er zwinkernd. 
"Du wirkst angespannt", bemerkte George. Er nippte an seinem Rotwein und hatte einen Arm um die leere Lehne neben sich gelegt.
Katy schwenkte ihren Wein im Glas umher. Dabei hatte sie den Blick starr in die blutrote Flüssigkeit gerichtet. "Nur beruflicher Stress. Nichts wichtiges.", antwortete sie trocken.
"Dann ist es höchste Zeit, dass du dich entspannst, oder nicht?", warf Charles grinsend ein. 
Katy hob ihren Blick. Ihre türkisblauen Augen trafen auf seine dunkelblauen. Als würde der pazifische Ozean auf die tiefen Abgründe des Mariannengrabens treffen. 
"Hier gibt es keine Paparazzi", kam es von George. Ihr Blick wanderte zu dem Politiker. "Einer der Gründe, weshalb wir alle hier her gekommen sind, oder täusche ich mich da?"
Katy nickte langsam. Sie alle hatten an ein Wochenende ohne Rampenlicht gedacht. Ausgiebig zu feiern, ohne deswegen in den Skandalblättern zu landen. 
Seufzend gab die Schauspielerin nach. "Dann brauche ich noch einen Martini. Ich kann Wein nicht ab."
Charles kicherte in seinen Kinnbart und erhob sich lässig aus seinem Stuhl. "Ich gebe es genau so an Brian weiter", meinte er zwinkernd. Anschließend verließ er den Raum. 
Kurze Zeit später folgten George und Katy seinem Beispiel und begaben sich in den Wohnraum. Brian war gerade mit mixen fertig geworden, richtete den Martini an und reichte ihn Katy. 
"Wo ist Susan?", fragte sie leicht irritiert.
Brian nickte in Richtung Eingangshalle. "Sie wollte Bernard ein Glas Cognac bringen."
Katy nahm an, Susan übersehen zu haben, als sie die Halle durchquert hatte. Sie nickte, setzte sich auf die Rückenlehne des viereckigen Sofas und starrte hinaus zur stürmischen See. Just als sie einen Schluck von ihrem Martini nehmen wollte, ertönte ein schriller Schrei aus dem Obergeschoss - gefolgt von dem Geräusch eines zerberstenden Glases.
Augenblicklich hielten alle inne. George war der Erste, der sein Glas abstellte und zur Treppe eilte. Die anderen folgten ihm, da hatte er bereits das Ende der Treppe erreicht und bog gerade um die Ecke.
Der Schrei war aus der Bibliothek gekommen. In der Tür stand eine zitternde Susan, die sich die Hände vor den Mund hielt. Die Augen weit aufgerissen. 
George schob sie sachte beiseite und betrat den Raum, der die Maße des Speisesaals im Erdgeschoss hatte. Die Scherben des zerbrochenen Cognacglases knirschten unter seinen Schuhen.
Die Wände der Bibliothek waren von Bücherregalen bedeckt, es gab kein Fenster. Mitten im Raum lag ein regungsloser Bernard. 
Der Körper gekrümmt, des Abgeordneten grauen Augen weit aufgerissen. Aus seinem Mund hing ihm die Zunge heraus wie bei einem Hund. 
Keine Blutspuren oder andere Eindrücke von Gewalt. 
George huschte zu seinem Kollegen hin, nachdem der erste Schock nachgelassen hatte. In der Zwischenzeit waren auch die anderen Gäste eingetroffen und wurden Zeugen des abscheulichen Schauspiels. 
George überprüfte Puls, Atem und Herzschlag. Das Ergebnis war stets dasselbe. 
Kaum merklich schüttelte der blonde Politiker den Kopf. Er kniete in sich zusammengesackt am Boden neben der Leiche. 
Susan schnappte nach Luft und rannte aus dem Raum, um sich im nächsten Badezimmer zu übergeben. Katy drehte sich weg, um dem Beispiel der Influencerin nicht zu folgen. Charles' Kiefermuskulatur spannte sich an. Brian starrte ohne mit der Wimper zu zucken auf den Leichnam. 
"Einer muss es dem Butler sagen", raunte George. "Wir müssen die Küstenwache per Funk rufen."
"Wir kümmern uns darum", meinte Charles und sah fragend zu Brian, welcher kurz nickte. Nachdem sie den Raum hinter sich gelassen hatten, überprüfte George ein weiteres Mal, ob es Anzeichen für Gewalt gab. 
Katy beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Man hörte, wie sich Susan immer noch im Badezimmer gegenüber übergab. 
"Es sieht nach einem Herzinfarkt aus", sagte George schließlich, ehe er sich vom Boden erhob. Er hatte darauf geachtet, nichts am Tatort zu verändern. 
Aus dem Badezimmer ertönte das Rauschen von Wasser. 
"Ich sehe nach Susan", meldete sich Katy - ihre Stimme ein leises Hauchen. Sie verschwand im Zimmer gegenüber - Charles und Brian kamen zurück.
"Der Butler ist verschwunden!", rief Charles. 
George verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. "Was willst du damit sagen?", wollte er wissen.
"Dass von dem Butler jede Spur fehlt", meldete sich Brian neutral. "Wir haben jeden Zentimeter abgesucht. Er ist weder in den Haupträumen noch im Dienstbotentrakt."
"Was ist mit dem Weinkeller?", fragte George, woraufhin Charles und Brian ihre Köpfe schüttelten. 
"Es gibt keinen Keller", berichtete Brian.
Katy und Susan kamen aus dem Gästezimmer und sahen die Männer schockiert und verwirrt zugleich an. "Habe ich richtig gehört? Der Butler ist verschwunden?", hakte Katy nach. 
Die Männer nickten. 
"Was zur Hölle wird hier gespielt?", hauchte Susan.

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