"Louis, du machst mich damit echt nervös." Ich nahm meine Hand wieder zurück und schaute ihn trotzdem noch weiterhin an.
"Oh", nuschelte er und wendete direkt sein Gesicht ab. Doch seine roten Wangen konnte ich trotzdem sehen. Verwundet schaute ich ihn an. "Alles okay?" Louis nickte nur, stand dann jedoch schnell auf und verschwand.
Was war das denn?
Immer noch verwirrt schaute ich ihm hinterher und zuckte dann mit meiner Schulter. Ich hätte nicht gedacht, dass er so tollpatschig und schüchtern ist. Lustig war es schon irgendwie.
Weiter dachte ich aber nicht darüber nach, stand auf und schaute auf meinen Bauch. Ich brauchte dringend die Salbe. Direkt ging ich die Treppe hoch in das große Bad und kramte in der Schublade herum, bis ich die Salbe fand und meinen Bauch damit eincremte.
Verbrennungen waren nichts Neues, weswegen ich mir da auch keine Sorgen drüber machte. Ich hatte schon oft genug ein glühendes Blecht berührt oder in die Glut gefasst. Als Bäcker blieb das aber auch echt nicht aus, vor allem nicht, wenn man vom eigenen Chef erschreckt wurde, weil er sich da einen Spaß draus machte.
Ich legte die Salbe wieder zurück und musste ein wenig lächeln. Ich kannte mich in diesem Haus mindestens genauso gut wie in meinem eigenen aus. William lebte schon immer hier und seitdem ich ihn kannte, war ich auch hier. Wenn ich so daran zurückdachte, waren es bestimmt um die 15 Jahre. Das Shirt ließ ich aus und machte auch die Sweatshirtjacke nicht mehr zu. Schließlich würde es nichts bringen, wenn die ganze Salbe in das Shirt anstatt in die Haut einzog.
Ich schaute bei dem Zimmer der kleinen Zwillinge vorbei, da sie in ruhig spielten ließ ich sie und ging wieder zurück nach unten. Gerade hatte ich es mir mit einer frischen Tasse Tee auf dem Sofa bequem gemacht und setzte mir meine Brille auf, welche zuvor in meinen Haaren geruht hatte. Ich griff nach der Zeitung und schlug sie direkt auf. Gestern hatte ich gar keine Gelegenheit gehabt diese zu lesen und wollte es somit nachholen. Doch zwei Personen hielten mich mit ihrem lauten Gespräch davon ab. Eigentlich wollte ich gar nicht zuhören, aber irgendwie konnte ich nicht anders, weswegen ich meine Augen schloss und dem Gespräch lauschte.
"Wem gehört denn diese komische Handtasche, ist das deine?"
"Ne, Harrys." Ich musste grinsen, wie beiläufig Lottie es sagte. Sie war es gewohnt. Letztens war sie sogar so sehr in eine meiner Taschen verschossen, dass ich diese bereitwillig abtrat. Sie hatte sich dann aber so gefreut, dass ich die Tasche im Nachhinein auch gar nicht vermisste.
"Was? Steht er auf so ein Frauenzeugs?" Und schon hörte ich mit dem Grinsen auf und rollte mit den Augen. Ich hätte nicht gedacht, dass er so engstirnig war. Also war Louis tollpatschig, schüchtern und ein Idiot.
Gut zu wissen.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich nicht mehr zu hören wollte, doch auf Lotties Antwort war ich gespannt.
"Frauenzeugs? Seit wann sind Handtaschen nur für Frauen?" Auch Lottie klang nicht gerade begeistert über das was ihr Bruder gesagt hatte.
"Naja, irgendwie schon oder nicht?"
"Du bist echt doof Louis. Also wirklich doof. Sei doch einfach mal ein bisschen offener und das in jeglicher Hinsicht. Und nur das du es weißt, Harrys Lieblingsnagellack ist Türkis."
Ich konnte nicht anders und fing an zu lachen und als Lottie ins Wohnzimmer kam schaute sie mich grinsend an. "Du hast zugehört oder nicht?" Kurz nickte ich. "Es war kaum zu überhören."
"Er ist eigentlich nicht so." Misstrauisch sah ich sie an und zog eine Augenbraue hoch. "Sicher, dass er nicht so ist? Für mich klang das nämlich ziemlich eindeutig." Lottie ließ sich neben mir auf das Sofa fallen und legte ihre Beine über meine. "Naja, wenn man dich nicht kennt und das erste Mal sieht, dann kann es einem etwas ungewohnt vorkommen. Da kann man mal einen Schreck bekommen."
Gespielt beleidigt sah ich sie an. "Wie soll ich das den jetzt verstehen?"
Lottie lachte nur und lächelte mich an. "Du weißt das ich dich so liebe wie du bist Haz. Aber es gibt kaum Menschen die so offen wie du sind und sich nichts aus der Meinung anderer machen."
Ich stimmte ihr mit einem Nicken zu. "Trotzdem ist es traurig, wenn man zwar nicht offen, aber direkt alles ablehnt." Mehr wollte ich auch nicht zu dem Thema sagen und schloss meine Augen.
"Warum bist du eigentlich so müde, du hast doch wohl nicht jemanden kennengelernt, oder?" Ich hörte die Belustigung aus ihrer Stimme heraus, nahm ein Kissen und warf sie kurzerhand damit ab. Und da ich es als nicht genug empfand, folgte sogleich das nächste.
"Wo denkst du hin? Ich habe niemand neues. Ganz sicher nicht. Ich habe nur eine Tochter, die gerade die Trotzphase für sich entdeckt hat und mich vom Schlafen abhält."
"Du könntest Urlaub gebrauchen, oder?" Schnell nickte ich und rieb meine Augen. "Könnte ich tatsächlich, aber ich würde nirgends ohne Sophie hin. Vor allem nicht für längere Zeit." Das wollte ich tatsächlich nicht. Ich vermisste sie relativ schnell und bekam auch immer Heimweh. Wirklich alleine in den Urlaub wollte ich daher ungern. Abgesehen davon, dass ich mir das nicht leisten konnte. Aber vielleicht könnte meine Mutter Sophie in der kommenden Woche für ein oder sogar zwei Tage übernehmen. Ich hatte nämlich auch wieder Frühschicht und so wäre es am einfachsten. Dann könnte ich mich mittags auch mal ordentlich hinlegen, ohne mir Gedanken darum zu machen, dass Sophie nicht genügend versorgt war.
"Ich rufe mal kurz meine Mutter an. Sie übernimmt Sophie bestimmt."
"Du weißt, dass sie auch mal hier übernachten kann?" Ich nickte und schaute sie dankbar an. "Das weiß ich, nur habt ihr auch genug mit beiden Zwillingen zu tun. Und nimm es mir nicht böse, aber ich weiß nicht ob das mit Louis und Sophie eine so gute Idee ist. Nachher wird ihr das zu viel. Deswegen würde ich es für den Anfang erstmal lassen. "
"Stimmt, daran hatte ich gar nicht gedacht. Tut mir-"
"Sag es nicht, da gibt's nichts zu entschuldigen. Gott, dass macht ihr so oft", lachte ich und stand auf. Schnell ging ich in den Flur und holte mein Handy aus meiner Tasche und rief kurzerhand meine Mutter an. Wir redeten noch einen Moment und vereinbarten, dass ich Sophie am Dienstag zu ihr bringen würde. Morgen hatte sie sich mit einer Freundin verabredet und da würde ich sie gerne noch selbst hinbringen. Als ich mit Telefonieren fertig war, ging ich zurück ins Wohnzimmer und schaute zu Lottie. In dem Moment kam auch Daniel wieder und stellte sich zu mir. "Sollen wir vielleicht in den Park? Das Wetter ist zwar frisch aber die Sonne kommt gerade raus und nach dem ausgiebigen Frühstück wäre es sicher nicht verkehrt."
Wir stimmten zu und riefen die Kinder zu uns. Doch ich war nicht ganz bei der Sache und eher abwesend. Auch als wir draußen im Park waren, war ich mit dem Kopf ganz woanders und dachte darüber nach ob Sophie wirklich gut versorgt war. Ich wollte sie auf keinen Fall vernachlässigen. Vielleicht sollte ich mir einen Plan machen und schauen wie das alles am besten zusammenpasste. Vor allem, weil ich mir jetzt auch immer ein paar Stunden am Wochenende für die Buchhaltung und die Lieferungen nehmen musste.
"Papa?" Ich schreckte aus meinen Gedanken und schaute zu meiner Tochter hinunter und nahm ihre Hand, die sie mir entgegenstreckte. "Ja?"
Sie zog an meinem Arm und blieb stehen. Verwundert hockte ich mir zu ihr hin und schaute sie fragend an. "Was ist denn los?"
Doch anstatt etwas zu sagen schlang sie ihre Arme um meinen Hals. Besorgt hob ich sie hoch und strich ihr immer wieder rüber den Rücken. Leise schniefte sie und schüttelte immer wieder mit ihrem Kopf. Sorge breitete sich in meinem Inneren aus.
Was war denn bloß los?
"Ist es dir zu viel?" Ich spürte wie sie nickte und sich enger an mich drückte. Warum habe ich da nicht drüber nachgedacht? Gott, ich war einfach verdammt schlecht in sowas.
Nur weil sie auch mit Doris und Ernest beschäftigt war, hieß es nicht, dass sie Louis komplett ausblendete. Mit ihr auf meinem Arm wollte ich zu den anderen aufschließen. Und als ich hochschaute blickte ich geradewegs in Louis' Augen. Er hatte anscheinend als Einziger mitbekommen, dass wir stehengeblieben sind.
Es überraschte mich wirklich. Und auch wenn ich wusste, dass man zwei Menschen nicht miteinander vergleichen sollte, tat ich es trotzdem. William hatte es nie getan. Er war schon immer wie der Rest seiner Familie weitergezogen.
Ich wusste nicht recht was ich sagen sollte, sondern lächelte ihm einfach zu und ging mit ihm zum Rest der Familie.
Ich keuchte auf als Sophie ihre kalte Nase in meinen Nacken legte. Sie fing an zu kichern und machte es nochmal. "Kalt", jammerte sie leise. Besorgt schaute ich sie an und ihre Nase und Ohren waren ziemlich rot. "Warte kurz." Ich stellte sie ab und wollte gerade meine Jacke ausziehen, doch da hielt mir Louis schon seine Sweatshirtjacke hin, welche er unter seinem Mantel tragen hatte.
"Danke", etwas perplex nahm ich sie entgegen und legte sie um Sophie. Direkt kuschelte sie sich in diese und drückte sich wieder in meine Arme.
"Wir sind auch gleich wieder Zuhause. Und dann können wir Kakao machen und uns aufwärmen", schlug Louis vor und lächelte. Sophie war damit einverstanden und so überstanden wir noch die restliche Zeit bis wir wieder angekommen waren. Doch ich trug sie nicht mehr, sondern sie lief neben mir an der Hand. So wurde ihr vielleicht etwas wärmer, wenn sie sich selbst bewegte.
Nicht nur Sophie war kalt, auch die anderen Mädels waren am Frieren. Denn die Sonne hatte sich auf der Hälfte des Weges wieder hinter den Wolken versteckt und der Wind wurde zunehmend kälter. Gerade waren wir wieder im Wohnzimmer und bevor ich etwas sagen konnte, meldete sich Louis zu Wort.
"Ich mache dann mal Kakao." Und so verschwand er in der Küche. Doch auf einmal hörte ich ihn fluchen und folgte ihm.
"Louis?" Es drohte die Kakaopulverschachtel über seinen Kopf auszukippen, doch weil er nicht herankam sah es sogar ziemlich lustig aus, weswegen ich mir das noch kurz anschaute bevor ich ihm zur Hilfe kam.
"Danke." Wieder hatte er rote Wangen und schaute schnell woanders hin. Einen Moment später half ich ihm dabei die Tassen ins Wohnzimmer zu bringen.
Ich gab ihm dann auch seine Jacke wieder und kuschelte mich mit Sophie in meinem Arm auf einen der Sessel.
Nach dem wir uns alle aufgewärmt hatten, war es schon spät, weswegen ich die schlafende Sophie ins Auto brachte und mich dann noch schnell von allen verabschiedete. Zuhause angekommen wachte Sophie kurz auf, daher schaffte ich es auch sie zum Zähneputzen zu bringen und brachte sie danach ins Bett, wo sie wieder schnell einschlief.
Ich schaute ihr noch einen Moment zu, bevor ich mich hinunter ins Wohnzimmer setzte und es mir im Sessel bequem machte. Ich wollte eigentlich erst ins Bett, aber ich hatte dafür einfach keinen Kopf. Ich war viel zu unruhig und hibbelig.
Der heutige Tag war einfach komisch. Wirklich komisch. Mehr als komisch.
Seufzend schloss ich meine Augen, legte meinen Kopf zurück und versuchte meine Gedanken irgendwie zu sortieren. Doch wirklich gelang es mir nicht. Immer wieder geisterte Louis in meinen Gedanken herum. Er erinnerte mich überhaupt nicht an William.
Ein Tag hatte es gebraucht, um herauszufinden, dass er das komplette Gegenteil war. Louis war von Grund auf einfach anders. Er war viel rücksichtsvoller und dachte nicht nur an sich.
Ich dachte noch den ganzen Abend darüber nach bis mir schon fast die Augen zu fielen und ich endlich so müde war, dass ich später im Bett auch einschlief.
______
1945 Wörter 24/08/2020
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top