9. Avery

Am nächsten Tag ist es endlich so weit. Mein Geschenk an Robin liegt sicher verpackt in meiner Tasche und ich kann es kaum abwarten, sie endlich überreichen zu können. Die letzten Tage hat Robin sich damit abgefunden, dass niemand wusste, was er uns gesagt hat („Solange ich nicht ganz out bin, reichen männliche Pronomen", hat er gesagt, auch wenn sein Lächeln etwas forciert gewirkt hat), aber ich habe bemerkt, dass es ihn jedes Mal Überwindung gekostet hat, wenn er mit falschen Pronomen betitelt wurde. Er gibt natürlich niemandem die Schuld daran, aber ich will nicht ansehen müssen, wie Robin leise leidet.

Die erste Stunde will nicht vergehen. Mrs. Lawrence steht an der Tafel und erzählt etwas über die Lektüre, die wir die nächsten Wochen über lesen werden, aber ich habe so wenig zugehört, dass ich nicht einmal den Titel mitbekommen habe. Vermutlich ist es ein alter Klassiker, den irgendein alter weißer Mann geschrieben hat und den jetzt alle lesen müssen, weil Gesellschaftskritik vorkommt oder so. Das hat mir letztes Jahr schon mit Romeo und Julia gereicht, dieses Jahr würde ich viel lieber etwas lesen, dass von jemandem geschrieben wurde, der nicht mit Unmengen an Privilegien aufgewachsen ist, aber ich schätze, darauf kann ich lange warten. Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass wir überhaupt Bücher von Frauen lesen, auch wenn selbst die rar verteilt sind.

Ein Papierfetzen landet auf meinem Tisch, als Mrs. Lawrence sich umdreht, um etwas an die Tafel zu schreiben. Ich werfe einen Blick zur Seite, wo Brielle sitzt, die zum Stück Papier nickt, dann nehme ich es zur Hand.

Man könnte meinen, sie und Shakespeare wären ein Paar, so sehr schwärmt sie von ihm. Fällt Englischlehrern eigentlich nie etwas anderes ein, mit dem sie ihre Schüler quälen können, außer jahrhundertalte Bücher zu lesen?

Ich verstecke mein Lachen in der Hand. Während Mrs. Lawrence noch beschäftigt an der Tafel steht, kritzle ich eine Antwort.

Wahrscheinlich hätten sie noch schlimmere Foltermethoden, aber alte Bücher sind das einzig legale.

Der Zettel fliegt rüber auf Brielles Tisch und einen Augenblick später dreht Mrs. Lawrence sich um. „Shakespeare", sagt sie mit lauter Stimme. „Gibt es einen größeren Geschichtenerzähler? Einen ausgefalleneren Schreiber als ihn? Tragische Menschen mit tragischen Leben und tragischen Enden -was gibt es nur besseres? Ah, ja?"

Zu meiner Überraschung hat Brielle sich gemeldet. „Happy Ends", sagt sie.

„Bitte?"

„Etwas Besseres als all die ganze Tragik. Happy Ends", wiederholt sie.

„Ah." Mrs. Lawrence blickt etwas erschlagen drein, fast so, als hätte sie nicht damit gerechnet, tatsächlich eine Antwort zu erhalten. „Nun, das ist natürlich richtig wenn man es auf das echte Leben bezieht", antwortet sie langsam. „Aber Geschichten leben von der Tragödie. Wir Leser wollen unterhalten werden und das können nur die wenigstens, wenn sie darüber lesen, wie gut es den fiktionalen Menschen geht. Wir sehnen uns nach aufregender Unterhaltung, die uns mitreißt und unsere Herzen brechen lässt, während wir uns in der Sicherheit unserer eigenen Welt befinden."

„Hm, ich schätze, das ergibt Sinn", sagt Brielle, „wobei ich trotzdem Geschichten bevorzuge, bei denen niemand allzu viel leiden muss."

Mrs. Lawrence lächelt aufbauend. „Das ist verständlich und tatsächlich eine wunderbare Überleitung zu eurer Hausaufgabe." Sie hält das kleine Buch in die Höhe. Othello. Ich stöhne lautlos auf. „Eure Aufgabe wird es sein, dieses Buch zu lesen und einen Aufsatz über ein Thema eurer Wahl zu schreiben, dass natürlich in irgendeiner Form mit dem Buch zu tun hat. Das kann sein, dass ihr euch mit einem Charakter auseinandersetzen möchtet oder mit einem wiederkehrendem Motiv, das ihr interessant findet. Abgabe ist der letzte Tag vor den Weihnachtsferien."

Es geht ein kollektives Stöhnen und Seufzen durch die Klasse. Die Aussicht darauf, nicht nur einen alten Schmöker lesen sondern sich auch noch damit auseinandersetzen zu müssen, war für niemanden eine gerade wünschenswerte Aufgabe. Es wollte sich mir nicht ganz erschließen, warum wir das tun müssen, aber ich schätze, niemand kann wirklich etwas gegen das vorgeschriebene Kurrikulum tun, wenn er nicht gerade im Schulrat sitzt.

„Ich weiß, ich weiß", sagt die Lehrerin, „aber nichtsdestotrotz müsst ihr da durch. Und ich wette, dass irgendjemand von euch es am Ende doch spannend findet."

„Das bezweifle ich sehr", murmele ich so leise ich kann.

„Den Rest der Stunde könnt ihr dann nutzen, euch in das Buch reinzulesen!", sagt Mrs. Lawrence mit einem Lächeln, das aussagt, dass sie tatsächlich denkt, wir würden die freie Zeit nutzen, um mit unserer Arbeit anzufangen, als wären wir nicht eine Bande an Teenagern, die Aufgabe so lange aufschiebt, bis sie uns Angstzustände verpassen.

Als es klingelt, verlasse ich zusammen mit Brielle, Quinn und Robin das Klassenzimmer. Kaum auf dem Flur angekommen, greife ich allerdings nach Robins Arm und sage: „Ich muss dich entführen."

„Oh, wow, was für eine höfliche Entführung", erwidert Robin.

„Dafür erwarte ich selbstverständlich eine gute Google-Rezension." Ich ziehe Robin am Ärmel mit und sage über meine Schulter: „Für diese Aktion brauche ich keine Augenzeugen."

„Seltsam bedrohend, aber gut", erwidert Quinn langsam. „Falls ich Schreie höre, tue ich so, als wäre nichts gewesen."

„Und genau deswegen bist du mein bester Freund", antworte ich. „Wir sehen uns später, okay?" Mein Blick bleibt einen Augenblick zu lange an Brielle kleben, aber ich kann mich losreißen. Es ist vollkommen egal, was für seltsame Dinge sie mit mir anstellt, ich muss mich jetzt auf Robin konzentrieren.

„Kann ich mich auch wehren?", fragt ebendieser.

„Nein."

„Oh, okay. Dann werde ich wohl entführt."

Ich winke Quinn und Brielle, die in Richtung Cafeteria gehen, bevor ich mit Robin in ein leeres Klassenzimmer verschwinde. Es muss sicherlich komisch aussehen, wenn das jemand mitbekommt, aber das kann mir egal sein. Ich schließe die Tür hinter uns und sehe zu, wie Robin sich auf einem der leeren Tische niederlässt und mich erwartungsvoll anblickt.

„Hätte ich ein Testament vorbereiten sollen?", fragt er mit schiefem Lächeln.

Ich schnaube. „Ich hab nicht vor dich umzubringen. Schon gar nicht in der Schule. Was für ein schrecklicher Ort das wäre, um umgebracht zu werden."

Robin lacht, sagt nichts und blickt mich wieder abwartend an.

Länger herauszögern kann ich es sowieso nicht, deswegen greife ich in meine Tasche und hole die in schmuckes, goldenes Geschenkpapier gewickelten Armbänder hervor. „Das ist eine Kleinigkeit von mir", sage ich. „Ich hatte diese Idee und hoffe, dass sie dir gefällt und du mir nicht böse bist."

Mit zusammengezogenen Brauen nimmt er das Geschenk entgegen. „Danke", erwidert er irritiert klingend. Das Papier knistert, als er es vorsichtig aufreißt und schließlich den weißen Stoff der Armbänder freilegt. Ein Paar ist komplett schlicht geblieben, auf einem anderen habe ich das Symbol der Venus eingestickt, das letzte ist mit dem Symbol des Mars verziert. Robin legt die Stirn in Falten und hebt die Venusbänder hoch, damit er sie auf Augenhöhe betrachten kann. „Das ist ..."

„Damit du nicht sagen musst, welches Pronomen du bevorzugst", sage ich, als er nicht weiterredet. „Ich meine, falls du dich entscheidest, dich allen zu outen, dann könntest du einfach die Armbänder anziehen und niemand müsste fragen, was du an dem Tag besser findest. Zumindest war das die Idee dahinter." Ich lasse eine Atempause und füge dann hinzu: „Wobei mir anfällt, dass ich heute noch nicht nach deinen präferierten Pronomen gefragt habe und mich jetzt sehr schuldig fühle."

Robin hebt eine Hand in einer abwehrenden Haltung und lacht. „Wow okay, atmen nicht vergessen." Er betrachtet die Armbänder zwischen seinen Fingern und fährt vorsichtig über das Symbol in der Mitte. „Du hast das ... du hast das für mich gemacht?"

„Ich meine, wenn es dir so gut gefällt, dass du es allen empfehlen willst, dann könnte ich bestimmt eine ganze Reihe daraus machen und irgendwie ein Modeemporium aufbauen aber", ich lasse eine Pause und lächle Robin an, „für jetzt ist es nur für dich."

Ein schwaches Glänzen tritt in seine Augen. Er presst die Lippen zusammen und legt die Venusbänder auf den Tisch. „Ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll", sagt er. „Du – das ist ein wirklich schönes Geschenk, aber ich weiß nicht –"

„Sag bitte nicht, dass du sie nicht annehmen kannst", erwidere ich. „Du kannst und wirst sie annehmen und wenn sie in irgendeiner deiner Schubladen verstauben, dann ist das besser, als wenn ich sie wieder mitnehmen muss." Ich zucke mit den Schultern. „Wie gesagt, es war eine Idee, die ich hatte. Vielleicht hätte ich vorher fragen sollen, ob das überhaupt was für dich ist."

„Es", Robin unterbricht sich. „Es ist eine wunderbare Idee. Sie sind toll, die Armbänder. Ich finde sie großartig, ich weiß nur nicht ... ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin, es allen zu sagen."

„Ist doch kein Problem", antworte ich. „Du kannst alles in deinem eigenen Tempo angehen. Niemand verlangt von dir, dass du sofort allen sagst, was du mir gesagt hast. Ich gebe dir die Armbänder, damit du es einfacher hast, falls du es doch irgendwann machen möchtest."

„Okay." Er greift wieder ins Papier und zieht die schlichten Armbänder hervor. „Dann nehme ich vorerst die." Vorsichtig zieht er sich den weißen Stoff über die Finger, bis sie an der vorgegebenen Stelle sitzen. Trotz der Maße aus dem Netz scheinen sie ihm gut zu passen. Die Bänder sitzen von den Handgelenken bis ungefähr zur Hälfte seiner Unterarme und da er keine Grimassen zieht, gehe ich davon aus, dass Robin der Stoff gut gefällt.

„Sie sehen sehr modisch an dir aus", sage ich.

Er lächelt kaum merklich. „Etwas anderes hätte ich auch von deinen Kreationen nicht erwartet." Nach einer Pause sagt er: „Wirklich, danke."

„Nicht der Rede wert. Ich bin nur froh, dass sie dir gefallen. Wobei ich dir natürlich die Freundschaft gekündigt und deine gesamte Existenz ignoriert hätte, wenn du gesagt hättest, sie wären nicht hübsch." Ich erwidere sein Grinsen.

Robin schüttelt den Kopf. „Unglaublich."

Nach meiner erfolgreichen Übergabe verlasse ich mit Robin den Raum und folge ihm in die Cafeteria. Die Blicke meiner anderen Freunde ignoriere ich gekonnt. Zwar ist ein Großteil der Pause bereits vorbei, aber es reicht zumindest, damit wir noch etwas essen und uns über die neue Aufgabe von Mrs. Lawrence unterhalten können – wie erwartet hat niemand auch nur den Ansatz an Lust, ein altes Buch zu lesen und einen Aufsatz dazu zu schreiben. Vermutlich würde es hier nicht reichen, eine Zusammenfassung aus dem Internet zu lesen und dann hat sich das ganze erledigt. So wie ich es Mrs. Lawrence kenne, erwartet sie Tiefgang und irgendwelche Anekdoten aus dem Buch, damit sie weiß, dass wir uns wirklich mit dem Text befasst haben.

Nach der Pause versucht Quinn aus mir rauszukitzeln, was Robin und ich gemacht haben, aber wir bleiben beide ruhig. Bis Robin nicht bereit ist, sich allen zu outen, möchte ich dieses kleine Geheimnis nur für uns behalten. Es schadet ja niemandem, sage ich mir, während ich Quinn mit stummer Miene anlächle. Soll er doch raten, es wird ihn vom öden Alltag ablenken.

Vor der nächsten Stunde versammeln sich Quinn und Brielle an meinem Tisch. „Was haben du und Robin gemacht?", fragt Brielle.

Wenn ich mich nicht irre, dann höre ich einen Ansatz an Eifersucht heraus, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, warum sie eifersüchtig sein sollte. Robin und ich sind schon seit Jahren befreundet und – oh, okay. Ich schätze, ich weiß, warum sie eifersüchtig ist. Meine Wangen heizen sich auf, aber ich halte einen ernsten Ausdruck. „Nichts wichtiges. Es war kleidungsrelevant", antworte ich. Es stimmt immerhin und sollte sie davon abbringen, auf dumme Ideen zu kommen.

„Ahhh", sagt Quinn. Er nickt und sieht aus, als hätte er alles verstanden, was in der Schule vor sich geht. „Es geht also um die Halloween-Kostüme."

„Erwischt", erwidere ich. Wenn er mir schon eine Ausrede präsentiert, dann nehme ich sie gerne an. „Ihr werdet es ja nächste Woche sehen."

„Oh, ist es ein Geheimnis, als was du gehst?", fragt Brielle. „Ich hätte gedacht, du würdest es zumindest mir sagen, immerhin gehen wir zusammen hin."

Es ist bemerkenswert, dass sie das so offen heraus sagen kann, während Quinn daneben steht und der Rest der Klasse uns hören kann. „Du musst dich gedulden", sage ich mit warmem Gesicht. Ich tue so, als würde ich etwas in meiner Tasche suchen, damit niemand bemerkt, wie meine Finger unruhig werden. Mit schneller klopfendem Herzen füge ich an: „Du kannst mir aber sagen, als was du gehst."

„Absolut nicht", erwidert Brielle lachend. „Wenn du ein Geheimnis daraus machst, dann mache ich das auch. Wir werden uns einfach gegenseitig überraschen, sobald ich dich abhole."

„Du holst mich ab?", frage ich mit hochgezogenen Brauen.

„Offensichtlich. Was wäre ich denn für eine lausige Begleitung, wenn ich das nicht tun würde?" Sie schüttelt kurz den Kopf. „Da fällt mir ein, dass du mir noch deine Adresse geben musst, sonst muss ich bei jedem Haus in der Stadt klingeln und dann könnten wir vielleicht ein wenig spät kommen."

„Okay, alles klar, ich seh schon, das war alles nur ein ausgeklügelter Plan, um an meine privaten Daten zu gelangen." Übertrieben schüttele ich den Kopf. „Pass nur auf, dass ich nicht einen Backgroundcheck durchführe und herausfinde, dass du eigentlich eine vierzigjährige Serientäterin bist."

„Was?" Empört blickt sie mich an. „Sehe ich etwa so alt aus?"

„Ich glaube, ich sollte gehen", murmelt Quinn sein Lächeln verkneifend.

„Habe ich deine Gefühle verletzt?", frage ich grinsend an Brielle gewandt.

„Ich kann nicht fassen, wie du mich behandelst. Das ist ja unerhört."

„Reg dich nicht zu sehr auf, sonst macht dein Herz das nicht mehr mit."

Brielle verzieht das Gesicht, halb belustigt, halb genervt, aber sie schüttelt nur den Kopf und setzt sich schließlich auf ihren Stuhl. „Pass nur auf", sagt sie. „Ich werde dir das heimzahlen."

„Oh, ich brenne darauf", necke ich, wobei mein eigenes Herz anfängt, noch schneller zu schlagen. „Ich kann es auch kaum erwarten."

Statt etwas zu antworten, schüttelt sie nur erneut den Kopf.


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