3. Avery
Ihr wisst ja, wie es ist. Kommentieren oder Gliedmaßen verschwinden <3
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Mir war schon immer klar, dass Gould ein alter Sexist ist, aber dass er selbst jemanden wie Brielle ablehnen würde, wenn diese doch mehr als offensichtlich einen Platz im Team verdient hat, hätte ich nicht gedacht. Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten Jungs im Team es nicht mit Brielle im Armdrücken aufnehmen könnten, geschweige denn im Eishockeytraining und das alles ist nur eine makabre Show, damit Brielle niemanden vorführt und deren Egos zum Platzen bringt. Allen voran wahrscheinlich Nate, Teamkapitän und größter Luftkopf, der mir je untergekommen ist. Er macht sich sehr viel daraus, dass er der erste Junge war, der den Stimmbruch hatte und auch heute noch so klingt, als wäre er ein paar Jahre lang sitzen geblieben.
Ich weiß nicht, warum es mich so sehr interessiert, dass Brielle ein Platz im Team verwehrt wird, immerhin kenne ich sie überhaupt nicht. Einen halben Tag habe ich hinter mir, indem Brielle entweder in Englisch neben mir sitzt oder ich sie in den Pausen zu ihrem Spind und wieder in die Klasse geführt habe. Sie ist nett, sicher, und es tut gut, mal jemanden wie mich in der Schule zu haben, mit dem ich mich unterhalten kann, aber das heißt nicht, dass es mich etwas angehen sollte.
Wahrscheinlich ist es die absolute Überzeugung, mit der Brielle aus Goulds Büro kam, dass sie es ihm heimzahlen wollte. Ich kann es ihr nicht einmal übel nehmen. Die Tür war vielleicht geschlossen, aber Gould war noch nie ein Freund von Zimmerlautstärke gewesen. Wie kann der Mann Brielle ins Gesicht sagen, dass sie lieber Cheerleader spielen soll, wenn sie doch mehr Muskelmasse in einem Arm hat als so manch einer der Jungs aus dem Team im ganzen Körper? An gut kaschierender Kleidung kann es nicht liegen, denn ihr kurzärmliges Shirt und die Fransenweste darüber haben einen sehr guten Blick auf ihre muskulösen Oberarme gegeben.
„Es ist ein Unding", sage ich zum wiederholte Male. Quinn guckt kaum von seinen Hausaufgaben auf. „Ist es doch, oder nicht?"
Wir sitzen in einem abgeschotteten Teil der schulinternen Bibliothek, die vorzüglich dafür genutzt werden kann, um zu lernen, sich vor lauten Jungs zu verstecken, oder – in Quinns seltenem Fall – seine Hausaufgaben zu machen. Vor mir liegt ein aufgeschlagenes Modemagazin, indem ich bereits seit einigen Minuten blättere, aber ich habe kaum genügend Konzentration, um mir die neuen Schnittmuster anzugucken.
„Sicher", erwidert er. „Aber was willst du dagegen machen? Ein Protestmarsch mit dir und Brielle?"
Ich schnaube. „Ich seh schon, dich nimmt das alles nicht sehr mit. Warum sollte es auch, du bist ja auch ein Junge und damit von Geburt an privilegierter als ich. Und noch dazu bist du weiß."
„Oh, komm schon, willst du wirklich diese Karte spielen? Wegen eines Eishockeyteams? Eines Schul-Eishockeyteams?" Quinn blickt auf, beide Augenbrauen zusammengezogen und eine Falte auf der Stirn. „Außerdem weiß ich nicht, warum es dich interessiert. Weder du noch ich haben jemals vor dem Team beizutreten oder sie anzufeuern, also könnten wir auch getrost damit weiter machen, ihre Existenz zu tolerieren."
Erbost schüttele ich den Kopf. „Du bist unglaublich", sage ich. „Seit du mit einem von ihnen ausgehst –"
„Was?", zischt er leise und beugt sich näher.
„Na, ich mein ja nur, wenn du und Nate nicht –"
Er unterbricht mich, indem er mir eine Hand auf den Mund presst. „Was redest du da bitte?", fragt er flüsternd. „Warum denkst du bitte, Nate und ich wären – das ist doch absurd!" Seine Wangen sind tiefrot und er blickt sich mit panischen Blicken um, als hätte er Angst, das gesamte Eishockeyteam würde plötzlich hinter dem Regal mit Geschichtsbüchern hervorspringen.
„Oh mein Gott", erwidere ich. „Dann stimmt es also?"
„Nein!"
„Aber du bist ganz rot."
„Das ist – weil du so – Gott, Avery, lass das."
„Ich mache überhaupt nichts", sage ich unschuldig.
„Hör auf zu lügen, du stellst dir gerade vor, wie ich mit Nate rumknutsche, oder?" Seine Stimme ist dunkel geworden und er betrachtet mich mit verengten Augen.
„Nein", antworte ich. „Also es ist nicht Nate?"
„Natürlich nicht und selbst wenn, dann würde ich es dir nicht sagen, schon vergessen?" Quinns rote Wangen wollen ihn immer noch verraten.
Ich lehne mich etwas zurück, verschränke die Arme vor der Brust und sage: „Aber du findest ihn gut, oder? Nate, meine ich."
Wenn er vorher schon errötet war, dann ist dann kein Vergleich zu jetzt. Quinns ganzer Kopf fängt Feuer, selbst die Spitzen von seinen Ohren werden dunkel und er öffnen ein paar Mal den Mund, bevor er herausbringt: „Das tut überhaupt nichts zur Sache!"
„Also doch!"
Quinn lehnt sich weiter vor, senkt die Stimme und flüstert: „Wenn du es jemals jemanden erzählen solltest, dann werde ich deiner neuen Freundin Brielle die Fotos von dir von Weihnachten zustecken, indem du das Christkind in der Kirche deiner Mutter gespielt hast."
„Das – das würdest du nicht wagen", erwidere ich schockiert, aber Quinn funkelt mich lediglich mit hochgezogenen Augenbrauen an, herausfordernd und gewinnend. „Oh, na schön. Aber du schuldest mir eine Erklärung."
„Warum?"
„Warum? Na, hallo, weil ich deine beste Freundin auf der ganzen weiten Welt bin und ich wissen muss, in wen du verknallt bist." Ich grinse, als Quinn die Lippen aufeinander presst. „Warum gerade Nate?"
„Ich –", fängt er an, bricht aber ab. Er richtet seinen Blick zurück auf seine Hausaufgaben, aber ich kann sehr deutlich erkennen, dass er nicht sehr interessiert daran ist, diese auch weiterzumachen. „Keine Ahnung", murmelt er schließlich. „Er ist süß."
Ich muss mich zusammenreißen, um nicht lautstark zu stöhnen. „Schwache Erklärung, Quincy. Austin ist auch süß, aber in den bist du nicht verknallt." Ich lasse eine dramatische Pause, dann frage ich: „Oder doch?"
„Nein!", zischt er, immer noch nicht aufblickend. „Keine Ahnung, wie gesagt. Nate ist süß, er hat tolle Haare und seine Arme ..."
„Seine Arme? Ernsthaft?" Ich verdrehe die Augen, wende den Blick dann aber auch wieder auf mein Magazin. Ein riesiges Bild von Beyoncé ziert die eine Seite, während die andere ihren Auftritt bei den diesjährigen Video Music Awards applaudiert. Gekleidet in einen riesigen weißen Krempenhut, silberweiße Ohrringe, die ihr bis an den Hals fallen und ein Outfit, das aussieht, als hätte sie ein paar Wolken vom Himmel genommen und sie sich um die Schultern geworfen. Mein Gott, sie sieht wie eine junge Göttin aus, denke ich sehnsüchtig. Und dann noch dieser extravagante Schnitt an den Schultern!
Quinn antwortet nicht, was wahrscheinlich besser für uns beide ist. Wir fallen wieder in gemütliche Stille, wie es so oft zwischen uns ist. Quinn und ich müssen nicht reden, um Zeit miteinander zu verbringen. Manchmal reden wir für Stunden nicht, wenn ich an einem neuen Outfit arbeite und er einfach nur in meinem Zimmer hockt, in meinen alten Magazinen blättert, ein Buch liest oder an die Decke starrt. (Quinn ist ein sehr guter Deckenstarrer und wenn er sich einmal in einem Gedanken verfangen hat, dann ist es nicht einfach, ihn wieder in die Gegenwart zu holen.)
Unweigerlich frage ich mich, was Brielle wohl gerade macht. Ich habe meine neue Klassenkameradin seit dem Mittagessen nicht mehr gesehen, als sie gesagt hat, sie würde noch einmal mit Gould reden wollen. Ich bezweifle, dass sie erfolgreich war, aber immerhin ist die Freistunde fast vorbei und sie ist nicht wieder aufgetaucht.
„Hey." Eine leise Stimme lässt mich aufblicken.
Robin ist hinter einem der Bücherregale aufgetaucht, seine Schultasche lässig über einer Schulter hängend, die welligen, dunklen Haare wie ein Model perfekt frisiert. Er hat beide Hände in den Taschen seiner verboten weiten Cargohose vergraben und trägt dazu eine federweich aussehende Bluse mit perlmuttfarbenem Glanz. Robin ist neben Quinn mein liebster Freund, denn mit Robin kann ich mich tatsächlich über Mode unterhalten und bekomme sogar Antworten, die über ein zustimmendes Brummen hinausgehen.
Er lässt sich auf den Stuhl neben Quinn fallen und lächelt fahrig, als dieser aufblickt. „Du machst echt deine Hausaufgaben?", fragte Robin mit zweifelnder Stimme. „Und ich dachte, du wärst cool."
„Ich bin cool", erwidert Quinn, bevor er sich wieder den Aufgaben zuwendet. „Ich weiß nur meine Zeit richtig zu nutzen, im Gegensatz zu anderen."
„Ich werde so tun, als hätte ich diesen sehr deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl übersehen", sage ich.
Robin lacht leise. „Ist die Ausgabe nicht schon zwei Monate alt?" Er deutet mit einem Nicken auf das Magazin.
„Einen Monat, vielen Dank", antworte ich.
„Oh, wie konnte ich nur", meint Robin. „Selbstverständlich, ich hätte es sofort an Beyoncés übertrieben großem Hut erkennen sollen."
„Der Hut hatte bestimmt eine eigene Anziehungskraft, deswegen konnte sie ihn so lange nicht absetzen", stimme ich kichernd zu.
„Das ergibt keinen Sinn", sagt Quinn. „Der Hut hätte bestimmt zweihundertmal größer sein müssen um eine eigene Umlaufbahn zu entwickeln." Er verzieht keine Miene während er redet, aber noch währenddessen tauschen Robin und ich einen belustigten Blick miteinander. „Was?", fragt er. „Ich kann mich auch für physikalisch unpraktische Mode interessieren, wenn ich will."
„Willst du das denn wirklich oder kommst du einfach nur nicht weiter?", entgegne ich grinsend.
Quinn klappt mit einem Schnauben sein Buch und seinen Collegeblock zu. „Ich höre nur auf, weil die Stunde eh gleich vorbei ist."
„Selbstverständlich tust du das", erwidert Robin mit sanfter Stimme. „Ach, Avery, bevor ich's vergesse, die Neue hat nach dir gefragt."
Überrascht blicke ich auf. „Hm, Brielle?"
Robin nickt. „Ja, sie hat gefragt, wo dein nächster Unterricht ist, weil sie dir was erzählen wollte. Ihr scheint euch ja bereits gut zu verstehen."
„Schätze schon", sage ich. „Es ist einfach mit ihr zu reden, weißt du?"
„Das ist immer gut. Gespräche sollten nicht hart sein, wenn der Rest vom Leben schon eine Höllenachterbahn ist", antwortet er schulterzuckend. „Oh, was? Du weißt, was ich meine", fügt er augenrollend hinzu, als Quinn ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue ansieht. „Als ob du mir jetzt erzählen willst, das Leben wäre ein kunterbunter Jahrmarkt."
Quinn schnaubt. „Meins vielleicht nicht, aber deins ist wesentlich besser. Immerhin hat dein Dad dir 'ne Katze gekauft, als du gefragt hast."
„Stimmt wohl", erwidert er langsam. „Aber", redet er weiter und sieht dabei so aus, als müsste er jedes Wort sorgfältig auswählen, „nicht alles ist so, wie es aussieht. Ich hab genügend eigene Probleme. Ich ..." Er beißt sich auf die Lippe, bevor er den Kopf schüttelt. „Schon gut, egal."
Ich will fragen, was los ist, aber Quinn bringt mich mit einem mahnenden Blick dazu, den Mund zu halten. Robin steht auf, wirft sich die Tasche wieder über die Schulter und lächelt, aber ich erkenne sofort, dass das kein echtes Lächeln ist. Aufgesetzt und falsch, wie die schlechten Schauspieler in den Nachmittagstelenovelas, die meine Mum immer guckt.
„Lasst uns gehen, der Unterricht geht gleich wieder los." Robin geht vor, bleibt aber an der nächsten Ecke stehen und wartet auf uns.
Mein Blick trifft den von Quinn, ich hebe kaum merklich eine Augenbraue und er zuckt sacht mit den Schultern. Keine Ahnung, sagt er aus. Vielleicht später. Ich nicke ohne den Kopf großartig zu bewegen, rolle mein Magazin zusammen und stehe ebenfalls auf. Quinn stopft Buch und Block unachtsam in seinen Rucksack und gemeinsam folgen wir Robin aus der ruhigen Bibliothek.
Die Gänge sind fast leer. An vereinzelten Spinden stehen ältere Schüler und unterhalten sich, aber der Großteil der Schule ist noch im Unterricht. Hinter verschlossenen Türen kann ich die Stimmen von Lehrern hören, die verzweifelt versuchen, die letzten Minuten sinnvoll zu nutzen, während die Schüler immer unruhiger werden. Das Klingeln steht kurz bevor.
An Robins Spind bleiben wir stehen. Er öffnet die metallene Tür und greift hinein, um einen weiten Pullover aus den Tiefen zu fischen. Unachtsam lässt Robin seine Tasche auf den Boden fallen und zieht sich den Pullover über den Kopf, womit jeder Hinweis auf die Perlmuttbluse verschwindet. Das einzigartige Funkeln in seinem Outfit geht verloren.
„Was ist los?", frage ich vorsichtig.
„Gar nichts. Mir war kalt", erwidert er knapp, meidet aber meinen Blick.
„Hat irgendjemand was Dummes zu dir gesagt?" Quinn versucht ihm in die Augen zu blicken, aber Robin ist groß genug, damit er einfach über Quinns Haare hinweggucken kann.
„Niemand hat irgendetwas gesagt." Robin hebt seine Tasche auf und knallt seinen Spind mit mehr Kraft als nötig zu.
Metallenes Scheppern dringt an meine Ohren. Ich festige den Griff um mein Magazin in der Hand. „Du kannst es uns ruhig –", fange ich an.
„Niemand hat etwas gesagt, okay?!", unterbricht Robin mich mit einer unnatürlichen Härte in der Stimme. „Gott, kann mir nicht einfach nur kalt sein, ohne dass ich gleich verhört werde?" Für einen Moment begegnet er meinem Blick, seine dunkelblauen Pupillen sind geweitet, dann wendet er den Kopf zu Seite, starrt zur Wand. „Sorry", murmelt er.
„Schon gut", sage ich sanft. „Falls es etwas sein sollte, kannst du mit uns reden, nicht wahr?"
„Genau", nimmt Quinn meinen Hinweis auf. Er lächelt, auch wenn Robin es nicht sieht. „Du kannst uns vertrauen."
Robin holt ausschweifend Luft, bevor er sich auf die Lippen beißt. „Ich –", seine Stimme geht im Klingeln der Schulglocke unter. Bevor jemand von uns etwas sagen kann, schüttelt er den Kopf. „Schon gut. Wir reden später." Ohne Quinn oder mir die Chance zu lassen, ihn daran zu hindern, wirbelt er auf dem Absatz herum und verschwindet in der Masse an Schülern, die endlich die Klassenzimmer verlassen können. In seinem schwarzen Pullover geht er wie jeder andere unter.
„Was hat er?", fragt Quinn mich, aber ich kann nur mit den Schultern zucken. „Sonst ist er doch auch nicht so."
„Vielleicht was zuhause", meine ich. „Oder einfach nur ein schlechter Tag. Den haben selbst die Besten."
„Aber nicht Robin", entgegnet er. „Hast du Robin jemals schlechtdrauf gesehen? Außer eben gerade", fügt er hinzu, als ich den Mund öffne.
Ich schließe ihn wieder.
„Dachte ich mir. Irgendwas beschäftigt ihn."
„Wenn ich herausfinde, dass jemand etwas zu ihm gesagt hat ..." Mein Blick heftet sich auf Robins Spind, aus dem er ein so untypisches Kleidungsstück geholt hat. Schlichter, schwarzer Pullover – das ist überhaupt nicht Robins Stil. Auffallend, gewagt, mutig kombiniert – damit konnte man seinen Kleidungsstil beschreiben, aber doch nicht schlicht. Und dann war der Pullover auch noch viel zu groß, sodass er in dem Kleidungsstück fast untergegangen ist.
Quinn seufzt, ehe er an meinem Ärmel zieht. „Na los", meint er leise. „Unterricht."
Ich verziehe das Gesicht zur Grimasse, lasse mich aber mitziehen. Ich werde herausfinden, wer oder was Robin aufgebracht hat, und dann werde ich dafür sorgen, dass es nie wieder passiert. Ich kann es mir nicht erlauben, dass all meine Freunde nur noch übergroße Klamotten ohne jegliche modische Expertise tragen. Wenn selbst Robin anfangen sollte, weite Hoodies und Jeans zu tragen, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn morgens zu überfallen und wie eine Schaufensterpuppe in meine neuste Kreation zu kleiden, ob er will oder nicht. Sicher bekomme ich auch irgendetwas hin, das ein Junge wie er tragen würde.
Quinn ist ein hoffnungsloser Fall. Der Kerl fühlt sich in klobigen Strickjacken so wohl wie ich in schwarzen Lederstiefeln. Meine Versuche, meinem besten Freund die wunderbare Welt der Mode näher zu bringen, haben nur in Frustration und Streitereien geendet, deswegen lasse ich es. Nicht, dass wir je im Streit bleiben. Für Quinn und mich ist es unmöglich sauer aufeinander zu sein, selbst wenn ich ihm manchmal mit einem sehr gut gezielten Schlag ein paar Gehirnzellen mehr verpassen will. Dickköpfig wie er nun mal ist, kann er nicht sauer auf mich sein oder ich auf ihn. Dafür brauchen wir uns zu sehr.
Vor der nächsten Stunde finde ich Brielle vor dem Klassenzimmer. In die Laborräume dürfen wir nur dann, wenn ein Lehrer uns hereinlässt, auch wenn das nicht heißt, dass die Zimmer immer abgeschlossen sind. Wenn man geschickt genug ist, dann kann man sich in eins der Naturwissenschaftsklassenzimmer schleichen, wenn niemand hinsieht und kann ungestört Stunden schwänzen oder was man sonst in dunklen Räumen so macht. Wahrscheinlich hat Quinn mittlerweile mehr Verwendung für ein ruhiges Zimmer.
Brielle lächelt grimmig, als wir vor ihr stehenbleiben. „Hey", sagt sie. „Ich wusste nicht, wo du bist."
„Richtig, tut mir leid", erwidere ich. „Wie lief's mit Gould?"
„Genauso wie gestern. Er hat mich nicht mal ausreden lassen."
„Dachte ich mir."
Brielle zuckt mit den Schultern. „Ich hab versucht die Leute aus dem Team zu suchen, damit sie mir vielleicht helfen können, aber die meisten haben nur gesagt, dass sie nichts tun wollen, um Gould zu verärgern und den Teamkapitän hab ich nicht gefunden."
„Oh, du meinst Nate?", fragt Quinn. Er meidet meine Richtung, weil ich nicht verhindern kann, ihn schelmisch anzugrinsen. Mein kleiner Quincy schwärmt für einen Sportler.
„Genau. Ich hab gehofft, dass ich wenigstens bei ihm Glück habe. Deswegen wollte ich eigentlich mit dir reden", fügt sie an und kratzt sich kurz am Kinn. „Ich dachte, du – also, du könntest mich ihm vorstellen."
„Das – oh." Mein Versuch, Blickkontakt mit Brielle aufzubauen, scheitert, als das andere Mädchen überall hinschaut, nur nicht in meine Augen. Fast sieht es so aus, als wäre es ihr peinlich, mich darum zu bitten. „Klar", bringe ich hervor und versuche nicht zu lachen. „Klar, kein Thema. Ich kenn Nate schon ewig, das sollte kein Ding sein."
„Cool", erwidert Brielle erleichtert klingend. „Vielleicht hab ich dann doch noch eine Chance ins Team aufgenommen zu werden."
Quinn zieht eine Grimasse. „Du solltest dir nicht allzu viele Hoffnungen machen", sagt er, wofür ich ihm liebend gerne ein verpassen würde. „Nate ist zwar in Ordnung, aber er wird nichts riskieren."
„Mach dir keine Sorgen um meine Gefühle", antwortet sie grimmig. „Wenn ich Nate davon überzeugen kann, dass er mich im Team braucht, dann kann er den Rest des Teams für mich gewinnen und dann sollte es ein Leichtes sein. Gould wird wohl kaum das gesamte Team rauswerfen."
Ich verkneife mir einen Kommentar. Gould ist genau die Art Mann, die das tun würde, wenn es nur heißt, dass er nicht kleinbeigeben muss. Ekliger, alter Kerl, der er ist. „Viel Glück", sage ich deswegen nur und meine es so. Ich würde es ihr gönnen, dass es funktioniert, auch wenn ich Quinn zustimme. Es Brielle ins Gesicht zu sagen, finde ich allerdings uncool – außerdem würde das meine Chance auf eine neue Freundschaft mit einem Mädchen verhindern, die vielleicht endlich meine Probleme versteht.
Die letzte Stunde vergeht wie im Flug. Vielleicht ist es der Unterricht an sich, vielleicht auch etwas anderes, jedenfalls habe ich das Gefühl, ich habe mich kaum hingesetzt, da hat es erneut geklingelt und uns in den Schulschluss gelassen. Brielle wartet an der Tür auf mich.
„Welcher von denen ist Nate?", fragt sie leise, während sie die anderen beobachtet, die sich an ihr vorbei in den Schulflur drücken.
Ich überfliege die Gesichter kurz, bevor ich sage: „Keiner, er muss schon draußen sein. Komm schon." Ich drehe mich nach hinten und will etwas sagen, aber Quinn kommt mir zuvor.
„Geh vor. Ich bin noch verabredet." Er versucht es sich nicht anmerken zu lassen, aber der Hinweis an das versteckte Lächeln ist nicht zu übersehen. Die Spitzen seiner Ohren werden ebenfalls wieder rot.
Grinsend sage ich: „Wir reden später", bevor ich mich umwende und Brielle bedeute, mir zu folgen. „Nate sollte auf dem Parkplatz sein, mit seinen Kumpels."
„Oh, gut. Zeugen", erwidert sie.
„Willst du ihm drohen?", frage ich belustigt.
„Nur, wenn er mir blöd kommt."
Der Parkplatz der Queensville ist laut. Autoreifen quietschen auf dem Asphalt, das Kreischen der Bustüren hallt überall nach und die Stimme hunderter Schüler vermischt sich zu einem unangenehmen Echo. Es hat seinen Grund, wieso ich lieber Zeit schinde, bevor ich nach draußen gehe, aber für Brielle mache ich eine Ausnahme. Ich werfe einen raschen Blick zurück, kann aber Robin nicht entdecken, von dem ich gehofft hatte, ihn noch einmal erwischen zu können. Wahrscheinlich ist er längst mit dem Rad los. Morgen, sage ich mir. Morgen werde ich ihn darauf ansprechen können.
Nate und seine Kumpel fallen einem sehr leicht ins Auge, aber das liegt nicht an ihm. Obwohl es gut hundert Typen gibt, die älter sind als er, überragt Finnley Anderson mit seinen bald zwei Metern den Großteil der Schüler und sein dunkelblonder Kopf sticht aus jeder Masse hervor. Aus der Entfernung lässt sich auch Austins bronzene Haut und Zoes blonder Pferdeschwanz ausmachen. Es ist fast unmöglich, einen der vier in der Schule allein zu erwischen.
„Da ist er, der dunkelhaarige", sage ich und gehe zielstrebig auf Nate und die anderen zu, die an Nates Wagen stehen. Ihre Schultaschen sind bereits im Kofferraum gelagert, lediglich Zoe hat ihre noch um. Wahrscheinlich holt ihre große Schwester sie wieder ab. „Weißt du überhaupt, was du ihm sagen willst?"
„Mir fällt schon was ein", antwortet Brielle, was mich schnauben lässt. „Hey, unterschätz meine Redekünste nicht."
„Würde mir im Traum nicht einfallen", gebe ich lachend zurück. Wenige Meter vor Nates Truppe verlangsame ich meinen Schritt, damit es nicht allzu zielstrebig aussieht und als Brielle und ich schließlich vor ihm, Finnley, Austin und Zoe stehen bleiben, landen die vier Augenpaare direkt auf uns.
Finnley lächelt freundlich. „Hi, ich glaube, wir wurden noch nicht vorgestellt", sagt er und streckt die Hand aus. „Finnley Anderson."
„Oh." Brielle braucht einen Moment, dann ergreift sie die ausgestreckte Hand. „Brielle Taylor."
„Ich bin Zoe und das sind Austin", sie deutet auf den braungebrannten Surferboy neben sich, „und Nate."
„Yo."
„Das trifft sich ziemlich gut", sage ich und fokussiere den dunkelhaarigen Jungen mit meinem Blick. „Nate, hast du einen Moment? Brielle wollte mit dir reden."
„Mit mir?", fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen, die im unordentlichen Pony seiner dunklen Mähne verschwinden. Seine Haare sind eine einzige Katastrophe, aber vielleicht ist es ja auch ein Punkt dafür, wieso Quinn sich in ihn verknallt hat. „Was gibt's denn?"
Brielle festigt den Griff um ihre Sporttasche, holt Luft und sagt: „Ich hab gehört, du bist der Teamkapitän eurer Eishockeymannschaft. Ich will dem Team beitreten, aber euer Coach lässt mich nicht mal ausreden."
„Ah." Nate verzieht das Gesicht zur Grimasse. „Hör zu, das ist nichts Persönliches, denn ich hab kein Problem mit Mädchen im Team, aber ... mit Gould ist nicht zu reden. Glaub mir, ich hab's mehrmals versucht."
„Aber ich bin wirklich gut", erwidert Brielle. „Ich kann meinen alten Coach fragen, er könnte mir ein – ein Empfehlungsschreiben oder so schicken."
„Es liegt leider nicht an mir." Nate sieht tatsächlich so aus, als würde es ihm leidtun. „Sorry, aber da ist nichts zu machen. Ich kann Gould von nichts überzeugen, er ist zu eingefahren in seinem Denken. Er hat Ahnung vom Eishockey, ja, aber er ist wirklich ein Arsch, das weiß ich. Das ganze Team kann ihn nicht leiden, weil er für niemanden ein gutes Wort übrig hat, aber unter seiner Führung gewinnen wir." Er zuckt mit den Schultern, wobei ihm die Lederjacke ein wenig von der Schulter rutscht. „Wenn ich könnte, würde ich dich zum Trainingsspiel einladen, aber solange Gould Coach ist, wird das nichts."
Eine unangenehme Stille legt sich über uns. Mein Blick wechselt von Nate zu Austin zu Finnley, aber keiner der Jungs will noch etwas sagen. Finnley hat die Lippen zusammengepresst und Austin meidet es, in jemandes Richtung zu gucken. Der Asphalt hat es ihm angetan.
Zoe hingegen lässt sich das nicht gefallen. „Komm schon, Nate, gib ihr wenigstens 'ne Chance", sagt sie. „Du kannst sie ja wohl zum Trainingsspiel holen, dagegen kann der Kerl nichts sagen. Ich dachte immer, jeder könnte sich fürs Team bewerben und an diesen Spielen teilnehmen?"
„Theoretisch ja", gibt er zähneknirschend zurück. „Aber das würde nur die Zeit von ihr verschwenden. Sie könnte wie eine Olympiasiegerin spielen und Gould würde ihr keine Chance geben. Er ist eben –"
„Ein widerlicher Sexist", sagt sie und verschränkt die Arme. „Wir müssen uns gegen ihn auflehnen und verlangen, dass er ersetzt wird."
„Bist du übergeschnappt?", fragt Austin empört klingend. „Mit seinem Coaching haben wir kaum ein Spiel verloren, wir sind fast unschlagbar."
„Ist dir Gewinnen etwa lieber als Gleichberechtigung, Austin?" Zoes Ton wird ernster und sie funkelt den blonden Jungen ausgiebig an.
„Ich meinte nur –"
„Schon gut", unterbricht Brielle ihn. Ihre Hand ist so fest um ihren Gurt geschlungen, dass ihre Knöchel hell von ihrer dunkelbraunen Haut hervorstechen. Die späte Septembersonne lässt sie besonders glänzen und gibt ihr einen gelbbraunen Stich. Ihre kurzen schwarzen Haare sind lockig und bleiben trotz des Herbstwindes an Ort und Stelle. „Schon gut, es war nur eine Idee", sagt sie schnell. „Ich will nicht, dass jemand wegen mir Ärger bekommt."
„So war das nicht –", fängt Austin an.
„Ich würde dir gern helfen", sagt Nate laut und übergeht seinen Kumpel damit. „Aber ich fürchte, solange Gould nicht von selbst in den Ruhestand geht, kann ich nichts tun. Ich bin zwar Teamkapitän, aber ich hab selbst keine wirkliche Entscheidungsfreiheit, weißt du? Gould entscheidet alles, den Titel hab ich nur, weil einer ihn haben muss und damit ich auf dem Spielfeld spontan etwas bestimmen kann." Er presst unzufrieden die Lippen zusammen und schenkt Brielle einen entschuldigenden Blick, der ein wenig unpassend auf seinem kantigen Gesicht mit den dunkelbraunen Augen wirkt.
„Ich versteh schon", erwiderte Brielle. „Trotzdem Danke."
Zoe blickt zwischen Nate und Brielle hin und her, lässt dann die Schultern sinken und seufzt. „Alte Männer machen echt immer alles kaputt", sagt sie.
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