17 - Avery

Oh Kinder, eins meiner liebsten Kapitel!! Es ist so campy und Avery hat mal wieder eine Krise, wir lieben es. Außerdem möchte ich bitte, dass ihr alle appreciated, wie sehr ich Othello hier recherchiert habe, ja. Ich habe mindestens drei Aufsätze über das Buch gelesen und bin zwar immer noch nicht schlauer, konnte aber einen halbwegs klärenden Absatz drüber schreiben. Ich finde, da kann man schon mal klatschen.

Kommentieren ist natürlich auch nett.

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Es existiert eine hypnotisierende Schönheit beim Anblick einer geliebten Person, die gänzlich in sich aufgeht. Obwohl ich Lichtjahre davon entfernt bin, zu sagen, dass ich Brielle lieben würde, kann ich nicht abstreiten, dass es mich in meinem Innersten erwärmt, zu sehen, wie sie die Hindernisse, die man ihr in den Weg gelegt hat, überwunden hat, um nun noch höher zu stehen als zuvor. Sie hat vielleicht nicht jede Prüfung allein überstanden, sie hat nicht jeden Kampf allein gewonnen, aber zu sehen, wie sie nun siegreich das Podium erklimmt, lässt mich fast vergessen, dass sie vor ein paar Monaten in meinem Leben nicht einmal existiert hat.

Nach dem ruhmreichen Sieg im zweiten Spiel der Saison, hat Gould endlich davon abgelassen, zu versuchen, Brielle zu demütigen oder sie aus dem Team zu ekeln, wie sie mir aufgeregt und freudestrahlend ein paar Tage später erzählt hat. Die Trainingseinheiten sind zwar laut ihren Worten immer noch brutal, aber sie fühlt sich nun wie ein richtiges Mitglied der Mannschaft an, ohne dass der Coach jeden ihrer Atemzüge verflucht.

In ein paar Tagen wird die letzte Woche vor den Weihnachtsferien anfangen, was bedeutet, dass ich nur noch wenige Tage habe, bis ich diesen Aufsatz für Mrs. Lawrence fertigstellen kann. Um mit meiner Arbeit nicht zurückzufallen, habe ich etwas getan, das ich in den letzten Jahren an dieser Schule noch nie getan habe: In der Bibliothek Hausaufgaben machen.

Es fühlt sich an, als hätte ich eine heilige Regel meines inneren Selbst gebrochen, aber irgendwie muss ich diesen Aufsatz fertigstellen. Zuhause habe ich die Ablenkung durch meine schicke, glänzende Nähmaschine, die nur darauf wartet, dass ich sie wieder anschmeiße und zu Quinn kann ich schlecht. Ich bin mir sicher, dass ich zu Brielle gehen könnte, aber wenn wir zusammen allein in einem Raum wären, dann würden wir sicher alles tun, aber nicht an einem langweiligen Aufsatz für Mrs. Lawrence arbeiten.

Also sitze ich hier nun, allein und verlassen von meinen Freunden und starre auf die Wörter, die ich bereits geschrieben habe. Es ist nicht viel, es ist nicht gut und ich weiß immer noch nicht, wo der Zusammenhang sitzt.

„Fragt mich um nichts mehr! Was Ihr wißt, das wißt Ihr. Von dieser Stund an rede ich kein Wort." Mit diesen Worten verabschiedet sich der antagonistische Charakter des Iago aus dem Stück und ist danach weder zu sehen noch zu hören. Das Publikum kennt die Hintergründe, aus denen Iago das ganze Stück über gehandelt hat, jedoch wird keinem der anwesenden Charaktere wirklich klar, wieso Iago Othello dazu angestiftet hat, seine eigene Frau zu erdrosseln. Othello selbst hat nicht viel Zeit, um zu hinterfragen, wieso er hintergangen wurde, denn nur wenig später erdolcht er sich selbst auf der Leiche seiner Frau.

In meinen Augen ein feiges Ende. Othello hat das Unsagbare getan und seine Frau im Wahn des Hinterhalts getötet, aber nachdem er die Wahrheit erfahren hat, hätte er so viel mehr tun können. Wieso tötet er sich selbst? Wieso wählt er den Tod, wenn die Rache vor ihm stand? Othello hätte Iago töten und seine Desdemona rächen können, doch genauso wenig wie Desdemona etwas getan hat, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wählt Othello den feigen Weg aus dem Leben.

Desdemona und Othello, sowie Emilia und Iago sind am Ende des Stücks zerrissene Paare, mit lediglich einem der vier Figuren am Leben, der Figur, die es am wenigsten verdient hat. Shakespeares Plan, eine Diskussion um Rasse, Liebe und Eifersucht zu führen, geht in meinen Augen gehörig in die Hose. Othellos Rasse ist nur dann wichtig in der Geschichte, als er von anderen Charakteren rassistisch beleidigt wird, bis es so weit geht, dass er sich selbst als weniger wert betitelt, während Liebe und Eifersucht die einzigen Themen zu sein scheinen, die in Stücken von Shakespeare sowohl Katalysator für positive als auch negative Charakterisierung ist. Als Iago sagte: „Was Ihr wißt, das wißt Ihr", so meinte er es auch so. Es gibt keine weiteren Erklärungen, kein Wieso kein Aber kein Und. Das Stück endet und lässt uns mit Fragen zurück, auf die ich keine Antworten finde.

Wieso musste Desdemona sterben? Wieso wird dem einzigen Charakter mit farbiger Haut diese Tragik zugetragen? Warum wird die Farbe von Othellos Haut nur dann zum Gesprächsthema, wenn es darum geht, etwas Negatives auszudrücken? Warum erfährt nur Othello eine Krise seiner Identität und seines Seins, aber jede andere Figur befindet sich in einem stabilen Leben?

Ich halte inne. Zwar bin ich noch nicht weiser und weiß immer noch nicht, wo der Zusammenhang in dem ganzen Aufsatz steckt, noch wo ich damit hin will, aber diese eine Frage sticht heraus. Warum erfährt nur Othello eine Krise seiner Identität und seines Seins, aber jede andere Figur befindet sich in einem stabilen Leben? Habe ich unterbewusst etwa geschrieben, was ich selbst denke? Wo kommt dieser Satz her, wo kommt dieser Gedankengang her? Ich weiß, dass ich mich nicht genug mit dem Buch auseinandergesetzt habe, um mir wirklich tiefe Gedanken darüber zu machen, deswegen ... wo kommt es her?

Ich brauche Antworten.

Wenn ich Othello aus dem Satz entferne, dann bleibt nur die Frage zurück, wieso nur ich diese Krise erfahre? Wieso muss ich an mir zweifeln, wieso muss ich diese neue Seite an mir entdecken, aber alle anderen sind fest in ihrem Leben verankert? Natürlich, das stimmt so nicht – Robin hat seine Probleme, Quinn hat kein festes Leben, Lucas hadert so sehr an seiner Identität, dass er nichts anderes machen konnte, als sich zu verstecken – aber wieso fühlt es sich denn so an, als wäre ich die einzige, die gerade Lebensumschwünge erleben würde? Ich wusste nicht, dass ich Gefühle für ein Mädchen haben kann, dass ich gerne ihre Hand halte, sie gerne küsse. Woher kommen diese plötzliche Gefühle?

Ich brauche Antworten.

Ich lasse mich zurückfallen. Dieser Text vor mir, in Gedanken verfluche ich ihn. Wieso musste ich ihn schreiben und wieso musste ich mich fragen, ob ich mich wirklich nur auf die Figuren beziehe? Gott, kaum habe ich darüber nachgedacht, kommt es mir dumm vor, dass ich diese Gedanken nicht früher hatte. Brielle und ich gehen seit bald zwei Monaten aus, wir haben uns unzählige Male geküsst, ich habe so oft nach ihrer Hand gegriffen, wenn wir zusammen in der Schule unterwegs waren – wieso jetzt?

Ich brauche Antworten.

Lautlos stöhne ich auf und lege den Kopf in den Nacken. Die leicht vergilbte Decke der Bibliothek spendet mir weder Trost noch Antwort. Eigentlich wollte ich Hausaufgaben machen, stecke jetzt aber schon wieder in einer Lebenskrise. Gott, wie nervig kann es sein? Kann ich nicht einfach Brielle küssen wollen und mir keine weiteren Gedanken machen? Ich will nicht in meinem Kopf feststecken, Details und Bilder und Fragen, die mir keine Ruhe geben wollen. Es wirbelt, es kreist, ich finde keinen Anfang und kein Ende. Wo soll ich denn bitte mit der Selbstfindung anfangen, wenn ich doch noch nie wusste, wer ich eigentlich bin?

Ich brauche Antworten.

Kann ich nicht einfach schon immer wissen, wer ich bin und was ich will? Kann ich nicht einfach aufwachen und wissen, dass ich dieses oder jenes Geschlecht, diese Orientierung, diese Vorliebe habe? Wieso muss ich durch ein Labyrinth aus Gedanken wandern, in Sackgassen treten und den ganzen Weg erneut gehen, nur um dann am Ende mit der Frage konfrontiert werden, wie ich überhaupt herausfinden soll, wer ich bin?

Ich brauche Antworten.

Ich erinnere mich zurück an Quinn, der mir gesagt hat, dass er schon immer wusste, dass er schwul ist, dass er nur auf den richtigen Moment warten musste, bis er es auch aussprechen konnte. Ich erinnere mich an Brielle, die so nonchalant davon redet, bereits Gefühle für Jungs und Mädchen gehabt zu haben, dass es wie das Normalste auf der Welt wirkt. Ich erinnere mich an Lucas, der sich seiner Identität nicht sicher ist, der sich verstecken musste, weil er Angst hatte, dass man ihn anders wahrnehmen würde, als er bisher war. Auch muss ich an die anderen Leute denken, die ich kenne, an Nate und Austin und Zoe und Finnley und selbst die dämlichen Zwillinge, die Quinn das Leben schwer machen. Woher weiß ich, dass jeder von ihnen sich in seiner Sexualität, in seiner Identität sicher fühlt, wenn ich doch nie ein Gespräch mit ihnen darüber hatte? Woher will ich wissen, dass Austin wirklich einhundertprozentig hetero ist, nur weil alle wissen, dass er in Zoe verknallt ist? Wenn es nach meiner eigenen Lebenskrise geht, dann könnten in Austin ebenfalls diese Fragen und Gefühle aufwirbeln, die ihm keine ruhige Minute mehr gönnen.

Ich brauche Antworten und ich glaube, ich weiß auch, wo ich sie finden kann.

***

Die Kirche, in die meine Mom immer geht, wenn sie den Kopf freibekommen oder einfach nur beten will, liegt ein wenig außerhalb der Stadt. Eigentlich ist es auch keine wirkliche Kirche, sondern war mal eine alte Scheune. Die Familie von Pastor Jenkins hat das Gebäude irgendwann gekauft und dann nach und nach einen heiligen Ort daraus gemacht, mit Jesuskreuz, Beichtstube und einer Orgel, die sie auf eBay gekauft haben. Der selbstangebaute Glockenturm mit funktionierender Glocke aber ausgefallener Uhr sieht zwar beeindruckend aus, ist aber für niemanden begehbar, da man sonst Gefahr laufen würde, durch eine der Treppenstufen zu brechen. Seitdem die Uhr vor ein paar Jahren den Geist aufgegeben hat, hat sich niemand mutig genug gefühlt, sie zu reparieren, deswegen zeigt die kleine Kirche seit jeher 10:08 an.

Meine Mutter meint, das sei ein göttliches Zeichen.

Pastor Jenkins meint, es seien leere Batterien.

Wieso genau es mich in die Kirche zieht, weiß ich nicht. Früher bin ich regelmäßig mit Mom hergekommen, habe jeder Sonntagsmesse beigewohnt und (was Quinn mich nie vergessen lassen wird) habe einmal das Christkind in einer Aufführung der Jesusgeschichte gespielt, als der eigentliche Schauspieler sich den Fuß gebrochen hatte. Eigentlich habe ich keine wirkliche Verbindung zum Glauben, ich weiß aber, dass er meiner Mom sehr wichtig ist, also habe ich die meisten Jahre ihretwillen mitgespielt. Mittlerweile gehe ich nicht mehr, begleite Mom höchstens zu Weihnachten, wenn sie mich lang genug nervt, aber ansonsten zieht mich nichts her.

Bis jetzt, allem Anschein nach. Am frühen Nachmittag ist nicht viel los. Angst haben, dass ich Mom begegne, brauche ich nicht, denn um diese Zeit ist sie noch in der Kanzlei. Die einzigen Leute, die anwesend sind, sind ein älteres Ehepaar, eine schwangere Frau mit kurzgeschorenen Haaren und Pastor Jenkins.

Er ist ein hochgewachsener Mann, mit breiten Schultern und einem runden, freundlichen Gesicht. Ein dicker Schnauzer ziert seine Oberlippe, noch dazu befindet sich ein Ziegenbärtchen an seinem Kinn. In Sachen Gesichtsbehaarung würde ich raten, dass niemand sich jemals Tipps bei Pastor Jenkins holt. Seine Haare sind kurz und lockig, seine Haut strahlt wie frischer Teer unter den Lampen in der Kirche und er trägt ein typisch schwarzes Outfit, einzig mit dem weißen Hemdkragen abgerundet. Während ich ihn ansehe, versuche ich nicht daran zu denken, dass meine Mutter ihn vielleicht wirklich toll findet.

Es klappt nicht und ich erschaudere kurz.

Pastor Jenkins braucht nicht lange, um mich zu erkennen. Als er auf mich zu kommt, das Gesicht in ein breites Lächeln geteilt, kann ich vielleicht sogar verstehen, was meine Mutter gut an ihm finden könnte. „Avery!", sagte er mit lauter, väterlicher Stimme, tief und warm und so, als würde er mir immer ein offenes Ohr leihen. „Was führt dich hierher?"

Eine meiner Hände verkrampft sich in den Gurt meiner Tasche. „Ich", fange ich langsam an, wohlwissend, dass ich auf heiligem Boden stehe, „hatte gehofft, Sie hätten Zeit für mich. Zum Reden."

„Du weißt, du kannst immer herkommen", sagt Jenkins fröhlich klingend. Er macht eine Geste, als würde er eine Hand um meine Schulter legen, hält jedoch mindestens eine handbreite Abstand zwischen uns und geleitet mich so durch das alte Farmhaus. „Was hast du auf dem Herzen?", fragt er, kaum dass wir einen Nebenraum betreten haben, der als eine Art Büro für ihn fungiert.

Im Herzen des Raums steht ein zwar imposanter, aber alter Schreibtisch. Die Ecken sind abgerundet und spröde, eins der Beine musste mit sehr viel Heißkleber repariert werden und auf der Arbeitsfläche prangen mehrere Kratzer, die auch nicht durch clever platzierte, winzige Topfpflanzen und Bürogegenstände kaschiert werden. Im Licht der Neonröhre glühen sie förmlich. Die Wände sind mit Schränken und Beistelltischen vollgestellt, ein jedes Möbelstück voll mit Dokumenten, Büchern und Bilderrahmen. Über dem Fenster hinterm Schreibtisch glänzt das polierte Kreuz.

„Es ist kompliziert", sage ich, als ich mich auf einen gepolsterten Stuhl vor dem Tisch setze und beobachte, wie Jenkins zwei Tassen aus einem Schrank zieht, sowie einen Wasserkocher und ein paar Teebeutel auf dem Tisch platziert.

„Ich habe Zeit. Ingwer?" Seine rauen Finger arbeiten schnell und präzise, während er zwei Teetassen vorbereitet. Der Duft setzt mich ein paar Jahre zurück; als Mom und ich immer zusammen hergekommen sind, hat Pastor Jenkins immer Ingwer-Tee für uns gekocht und etwas von dem Gebäck bereitgestellt, das zu den Messen angeboten wird.

„Ja, Danke." Ich warte, bis der dampfende Tee in die Tassen vor uns gefüllt ist und Pastor Jenkins sich mir gegenüber am Kopf des Schreibtisches niedergelassen hat. Erst dann fange ich vorsichtig an, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wie ich mit einem Mann der Religion über meine Probleme der Selbstfindung reden soll, ohne zu viel zu verraten. „Ich bin nicht ganz sicher, wie ich anfangen soll."

„Nun, der Anfang erscheint mir immer sehr passend", sagt Jenkins mit einem verschmitzten Lächeln.

Ich unterdrücke den Drang, die Augen zu verdrehen. „Richtig. Okay, also – der Anfang. Ich schätze, es hat angefangen, als Brielle auf die Schule gewechselt ist."

„Brielle ist eine Freundin, nehme ich an?", fragt er, langsam und kalkuliert an einem Keks knabbernd. Krümel landen in seiner freien Hand, die er wie eine Schale unter seinem Kinn platziert hat.

„Ja, sie –", ich stocke. Wie ehrlich kann ich sein? Wie sehr kann ich ins Detail gehen, ohne zu viel zu verraten und Gefahr zu verlaufen, dass er meiner Mutter etwas sagt? „Sie ist eine Freundin", gebe ich schließlich zu, kralle eine Hand in den Stoff meines Rocks. „Wir kennen uns noch nicht sehr lange, erst seit Anfang des Schuljahres, aber verstehen uns wirklich gut."

„Das ist immer gut. Du solltest sie mit herbringen."

„Vielleicht."

Jenkins lächelt. „Religion ist nicht immer der größte Standpunkt im Leben eines Teenagers, nicht wahr? Keine Sorge, das verstehe ich. Als ich jünger war, war ich auch nicht sehr gläubig, bin nur meinen Eltern in die Messen gefolgt, ohne dass ich wirklich Interesse gezeigt hatte."

„Ich schätze, ich habe einfach nicht die Verbindung dazu, die erwartet wird", sage ich nachdenklich.

Überraschenderweise schüttelt der Pastor den Kopf. „Ganz im Gegenteil", erwidert er. „Ich bin der Meinung, dass es keine richtige und keine falsche Verbindung mit der Religion gibt. Du kannst glauben, du kannst nicht glauben, du kannst jeden Tag beten, du kannst auch nur einmal im Jahr beten – niemand hindert dich daran, deine ganz persönliche Verbindung herzustellen. Es ist die Art und Weise, wie du dich letztendlich damit verbunden fühlst, die sie richtig für dich werden lässt."

„Oh. Okay."

„Tut mir leid", sagt er lächelnd. „Ich wollte dich damit nicht überfallen. Erzähl bitte weiter, ich werde zuhören."

„Richtig." Kurz habe ich den Faden verloren, suche nach dem Gedanken, der mich hierhergeführt hat und finde ihn, indem mir ein Bild von Brielles Hand vor Augen schwebt, ihre Hand in meiner, ihre Finger sanft auf meiner Hand, ein Daumen, der über meinen Handrücken Kreise zieht. Selbst in Gedanken ist Brielles Haut rauer als meine, abgehärtet vom vielen Sport. Meine Fingerspitzen kribbeln. „Also, Brielle und ich sind schnell Freunde geworden und ... in der Schule kam es dann zum Konflikt, weil man sie nicht dem Eishockeyteam beitreten lassen hat."

„Verstehe", antwortet Jenkins.

„Jedenfalls haben wir dann versucht etwas dagegen zu unternehmen und wir ... wir sind uns sehr nahe gekommen", sage ich vorsichtig, in der Hoffnung, dass er die richtige Information findet, ohne dass ich sie aussprechen muss.

„Freundschaften wachsen durch Herausforderungen", erwidert Jenkins nickend. „Ich bin mir sicher, deine neue Freundin ist dir sehr dankbar, dass du ihr eine Hilfe warst."

Ich presse die Lippen zusammen. Vor dem Fenster treiben Schneeflocken herum, drehen Kreise und Spiralen, ehe sie an der Scheibe kleben bleiben und langsam schmelzen. Draußen sieht es aus, wie auf einem winterlichen Foto, die ganze Umgebung ist in eine weiße Decke gehüllt und glitzert in der Sonne, während ich an Pastor Jenkins Schreibtisch sitze und versuche ihm zu erzählen, dass ich vielleicht aber vielleicht auch nicht lesbisch bin.

„Genau", meine ich schließlich. „Ich – Es ist nicht so einfach, fürchte ich. Wir sind uns sehr nah gekommen, in der dieser Zeit, und das auch sehr schnell. So schnell – ich meine, so schnell habe ich mich noch nie jemandem verbunden gefühlt, wissen Sie?" Meine Stimme überschlägt sich fast, weil ich die Wörter raus haben will.

Auf Jenkins Stirn erscheint eine winzige Falte. „Ich denke schon", antwortet er mit bedachtem Ton. „Was genau bereitet dir daran Sorge?"

„Dass ich –", ich breche erneut ab. Sein Blick ist durchdringend und hart, aber ich weiß nicht, ob er weiß, was ich versuche zu sagen. „Ich weiß nicht, was ich fühle", sage ich. „Ich weiß nicht, ob es nicht alles zu schnell ging und ich mir Dinge einbilde, weil wir uns von Anfang an gut verstanden haben."

Pastor Jenkins lehnt sich in seinem Stuhl zurück, eine Hand locker um seinen Ingwer-Tee geschlungen. Sein Daumen fährt auf der Keramiktasse auf und ab. „Korrigiere mich, falls ich falsch liege", fängt er langsam an, mein Herz setzt kurzzeitig aus, „aber wenn ich es richtig verstehe, dann hast du Angst, dass du dich zu sehr in diese neue Freundschaft hinein steigerst?"

Die Art, wie er Freundschaft sagt, lässt mich verstehen, dass er nicht nur Freundschaft meint. Mein Atem verfängt sich in meiner Kehle, als ich sprechen will und ich verschlucke mich. Hustend greife ich nach meinem Tee und nehme einen hastigen Schluck, der mir die Zunge verbrüht. Der brennende Schmerz lässt meine Augen tränen, aber Jenkins nimmt den Blick nicht von mir. Er mustert mich mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen, seine Augen fokussiert und fest.

„Ich denke, ich weiß, was du meinst, Avery." Mit einer langsamen Bewegung hebt er seinen eigenen Tee an die Lippen und nimmt einen kleinen Schluck. Als er die Tasse wieder abstellt, sagt er: „Ich vermute, das ist eine Situation, die du nicht mit Brielle selbst besprechen möchtest?"

„Ungerne", erwidere ich mit kratzendem Rachen. „Ich will nicht, dass sie denkt, dass sie Schuld hätte."

„Hat sie denn Schuld?" Jenkins Stimme bleibt ruhig und weich, als hätte er Angst, dass er mich verscheuchen könnte, wenn er mehr Emotionen zeigen würde.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht", gebe ich zu. „Aber ich will nicht, dass sie denkt!", wiederhole ich. „Brielle hat mir gezeigt, was für eine Art Freundschaft wir haben könnten und ich habe zugestimmt, weil es sich in dem Moment richtig angefühlt hat, aber jetzt weiß ich nicht, ob es wirklich die richtige Entscheidung war. Was ist denn, wenn ich mir das alles wirklich nur einbilde und irgendwann zu der Erkenntnis komme, dass ich nicht mit ihr zusammen sein will? Ich meine –"

Jenkins hebt eine Art, als ich mich erklären will. „Du brauchst keine Sorge haben, dass ich dich verurteile oder schlecht über dich denke, Avery", sagt er.

Die Panik, die in mir aufkommt, verfliegt damit nicht. „Aber –"

„Aber?", fragt er mit einem schwachen Lächeln. „Aber du glaubst, dass ich das tun sollte, weil du etwas ... wie nennt man es gleich? Etwas Unchristliches tust?" Sein Mundwinkel zuckt.

Ich presse die Lippen zusammen und nicke.

„Ah. Dabei hatte ich gehofft, dass es offensichtlich ist, dass ich keinerlei Probleme mit diesen Dingen habe. Was wäre ich denn für ein Christ, wenn ich meinen Nachbarn keine offene Hand gewähren würde?", stellt er mir die Frage, sein Lächeln offen und ehrlich.

Es kommt mir plötzlich nicht mehr ganz so unwirklich vor, dass meine Mutter ihn mögen könnte. In seiner Gegenwart fühle ich mich sicher. „Ich weiß nicht, ob Mom auch so denkt", murmele ich, wobei ich seinen Blick meide.

„Hast du sie denn je nach ihrer Meinung zu diesem Thema gefragt?"

„Nein", erwidere ich. „Muss ich auch nicht. Mom ist streng gläubig und sie hat immer eine Bibel in ihrer Handtasche." Ich sage das, als würde es alles erklären, was es natürlich nicht tut. Ich kann nicht wissen, was Mom darüber denkt, aber ich ziehe es vor, es nicht auf die harte Tour zu erfahren. Es wäre zwar einfach, ihr gegenüber zu erwähnen, dass Quinn schwul ist und dann ihre Reaktion abzuwarten, aber ... aber wahrscheinlich habe ich Angst, dass es nicht die Reaktion ist, die ich brauche.

„Ich kenne deine Mutter bereits seit vielen Jahren", sagt Pastor Jenkins. „Sie ist eine überaus empathische und freundliche Frau. Wenn jemand verstehen würde, was du fühlst, dann wahrscheinlich sie."

„Das können Sie nicht genau wissen."

„Nein", gibt er mit leichtem Kopfschütteln zu. „Aber du genauso wenig, wenn du ihr die Chance gibst, sich zu beweisen." Jenkins nimmt einen weiteren Schluck Tee. „So, wie ich das sehe, hast du zwei Probleme und du weißt nicht, wie du sie lösen sollst, richtig?"

Ich will es nicht, aber ich nicke.

„Das willst du ganz sicher nicht von mir hören", fährt er fort, „aber die beste Lösung für beide dieser Probleme wäre, wenn du mit den Personen involviert offen kommunizieren würdest."

Der Drang, mir auf die Lippe zu beißen, der Drang zu schreien und der Drang mit den Augen zu rollen, kommt in mir auf, am besten alles gleichzeitig. Ich wusste, dass er sowas sagen würde. „Das sagt sich leicht", gebe ich zurück.

Jenkins lacht. „Ich weiß", antwortet er. „Aber du hast es auch geschafft, damit zu mir zu kommen, nicht wahr?"

„Es ist einfacher, weil Sie nicht involviert sind." Meine Nägel bohren sich tief in die Haut an meinem Unterarm, während ich ihn mit einer Hand umklammere. „Sie haben nicht wirklich was damit zu tun, oder?"

„Nicht unbedingt, und dennoch bist du hergekommen." Jenkins' Blick ist durchdringend, als würde er bis auf die verzweifelten, verwirrten Gedanken in meinem Kopf sehen können. „Du hast dich dazu entschieden, dich mir anzuvertrauen, in der Hoffnung, dass ich dir eine einfache Lösung präsentieren kann, die deine Probleme löst. Leider muss ich dich enttäuschen, Avery", fügt er an. „Ich kann dir genauso schlecht eine einfache Lösung anbieten, wie ich dir deine Probleme abnehmen kann. Was du letztendlich sagst oder tust, bleibt ganz dir allein überlassen."

Es wäre leicht, die Hände frustriert in die Luft zu werfen. Das genervte Stöhnen kann ich nicht ganz unterdrücken, was aber zumindest Jenkins nur ein belustigtes Lachen entlockt. „Ich will mich nicht damit befassen müssen", sage ich. „Ich will keine seltsamen Lebenskrisen haben, nur weil ... nur weil ich ..."

„Es macht es nicht weniger real, nur weil du Angst hast, es auszusprechen", erwidert er sanft, als ich nicht weiterrede. „Glaub mir, über die Jahre, die ich bereits als Pastor tätig bin, habe ich dutzenden jungen Leuten dabei zugehört, wie sie versucht haben, mir ihr Herz auszuschütten und jedes Mal vor den wirklich wichtigen Wörtern aufgehört haben. Sie hatten, genau wie du jetzt, Angst, es auszusprechen und damit in die Welt zu setzen, als wäre es zuvor nur ein schlechter Traum gewesen, den sie in ihren eigenen Erinnerungen einsperren könnten. Sich zu weigern, die Dinge auszusprechen, die einen bedrücken, macht es nicht besser, glaub mir. In den meisten Fällen verschlimmert es die Sache nur noch."

Ich schnaube leise. „Vielleicht sollten Sie lieber Psychologe werden."

Jenkins schenkt mir ein schmales Lächeln. „Du wärst überrascht zu hören, wie ich oft mir das gesagt wird."

„Na schön, dann sage ich es eben." Ich hole Luft, ein rascher Atemzug, der mir in der Kehle brennt, als hätte ich Asche geschluckt, als würde ich heißen Wasserdampf einsaugen. Ich weiß nicht, wieso ich mich sträube. Ich habe es Quinn gegenüber gesagt, ich habe es oft genug gedacht. Das Wort liegt mir auf der Zunge, ich weiß es, ich kann es spüren. „Ich ..." Erneut lasse ich meine Stimme schweifen und schließe die Augen. Lächerlich, denke ich mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. Wie lächerlich kann ich mich bitte anstellen?

Pastor Jenkins zwingt mich nicht, weiterzureden, noch sagt er selbst etwas. Als ich die Augen wieder öffne, betrachtet er mich einfach mit einem abwartenden, ruhigen Blick. Seine Hand ist weiterhin um seine Teetasse geschlungen, die lautlos vor sich her dampft.

„Ich weiß nicht, ob ich lesbisch bin." Die Wörter sind plötzlich draußen, sind von meiner Zunge gefallen, ehe ich darüber nachdenken kann, ob ich es auch wirklich sagen will. Jenkins Blick, der, wenn ich genauer darüber nachdenke, mich an einen treuen Dackel erinnert, wird ein wenig weicher. „Ich – ich weiß nicht, wie ich darüber denken soll."

„Das kann ich dir nicht beantworten", sagt Jenkins, womit er genau das ausspricht, was ich befürchtet habe. „Es sind deine Gefühle, Avery. Du musst wissen, was sie für dich bedeuteten."

„Okay, aber das ist ja genau das Problem", erwidere ich leicht gereizt. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was sie bedeuten, und ich weiß nicht, wie ich es herausfinden soll, deswegen bin ich doch hier. Wenn ich wissen würde, was ich fühle, dann würde ich nicht hier sitzen und mich an viel zu heißem Tee verbrennen, denn dann hätte ich keine Probleme mehr. Sie sollen Antworten für mich haben!" Mein Atem geht schneller, als ich es beabsichtigt habe und auch meine Stimme ist lauter geworden. Dieses Mal will ich aber nicht kleinbeigeben. Ich will mich nicht schon wieder für meine Gefühle entschuldigen müssen. Jenkins muss wissen, dass ich es alles nicht so meine, auch wenn ich es ausspreche.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, versuche meine Emotionen zu beruhigen. Es ist nicht einfach. Es fühlt sich an, als würde alles in mir kochen, als würde ich den Schalter nicht mehr finden, der die Herdplatte ausstellt. Meine Haut brennt, mein Haare brennen, mein ganzer Körper steht in Flammen und ich will nichts anderes, als endlich wieder atmen zu können.

„Es wundert mich nicht, dass du verwirrt bist", sagt Jenkins schließlich, nachdem er viel zu lange ruhig war. „Teenager zu sein, ist nie einfach, besonders dann nicht, wenn man sich wie das schwarze Schaf inmitten seiner Artgenossen fühlt."

„Sagen Sie nicht Artgenossen", entgegne ich mit gerümpfter Nase. „Klingt so, als wären wir irgendwelche Tiere."

Er übergeht mich. „Du bist in deiner Entwicklungsphase, deswegen erwarte weder ich noch irgendjemand anderes, dass du bereits jetzt alles über dich verstanden hast. Oftmals wird euch gesagt, ihr müsst jetzt wissen, was ihr machen wollt, wer ihr werden wollt, aber das ist unsinnig. Wir können von Teenagern nicht verlangen, den Rest ihres Lebens mit sechzehn zu verplanen, wenn ein Großteil von euch nicht einmal weiß, was ihr morgen anziehen sollt." Er schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln, als ich die Stirn in Falten lege. „Hör zu, Avery. Alles, was ich dir sagen will und kann, ist das: Wenn du noch nicht weißt, ob du lesbisch bist, oder ob du Architektur studieren willst, oder ob du als Krankenpflegerin arbeiten willst, dann weißt du es nicht. Du kannst dich nicht dazu zwingen, dich schneller mit dir auseinanderzusetzen, nur weil es dich frustriert, es nicht zu wissen. Und glaub mir, ich weiß, dass es dich frustriert. Du bist sicherlich nicht die Erste, die wegen solcher Sachen zu mir kommt."

„Kommt meine Mom wegen Probleme zu Ihnen?"

Jenkins ist von dieser Frage genauso überrascht wie ich. „Oh", sagt er, während ich mir heftig auf die Zunge beiße. „Nun, nicht wegen solcher Probleme, nein, aber ab und an versuche auch ich ihr Ratschläge zu geben."

Ich zwinge mich zu einem steifen Nicken. „Tut mir leid, ich wollte nicht – nicht schnüffeln oder so. Sie redet viel von Ihnen."

Es könnte meine reine Imagination sein, ein Lichtstreich oder auch nur ein Schatten, der seltsam auf seiner Haut liegt, aber Jenkins Wangen werden etwas dunkler und er räuspert sich rasch, als es zu still wird. „Das freut mich zu hören", antwortet er ein wenig zu schnell. „Zurück zu dir, Avery."

„Zu mir?", frage ich mit angezogener Braue. „Sie sagten doch eben nicht, ich kann mich nicht zwingen, eine Erkenntnis zu haben? Was nicht unbedingt die Antwort war, die ich hören wollte, wenn ich ehrlich bin."

Ein Lachen entkommt ihm. „Nun, was erwartest du von mir? Soll ich dir jetzt sagen, dass du auf jeden Fall lesbisch bist und dann hat es sich erledigt? Soetwas braucht Zeit, Avery. Wenn du Angst davor hast, dich zu sehr in deine Beziehung reinzusteigern, dann solltest du das Gespräch mit deiner Freundin suchen, nicht mit mir." Er zieht die Mundwinkel an, sodass tiefe Falten an dessen Winkeln entstehen. „Das war sicherlich auch nicht die Antwort, die du hören wolltest, oder?"

Seufzend lehne ich mich in meinem Stuhl zurück. „Nein", gebe ich zu. „Aber dann wiederrum weiß ich nicht, was ich erwartet habe. Sie können schlecht all meine Probleme in Luft auflösen."

„Ich wünschte, ich könnte", sagt Jenkins. „Wobei", er hält kurzzeitig inne, dann öffnet er eine Schublade an seinem Schreibtisch und beginnt darin zu wühlen, „bei einer Sache kann ich dir helfen, glaube ich."

Interessiert lehne ich mich wieder nach vorne, doch die breite Arbeitslatte des Tisches verhindert, dass ich sehen kann, was sich in seiner Schublade befindet. „Was –"

„Hier!" Jenkins zieht eine etwas zerknickte Broschüre hervor, die Ecken weich und abgerundet, und legt es auf den Tisch, bevor er es näher zu mir schiebt. „Vielleicht wäre das etwas für dich?"

Die Broschüre zeigt einen Collegecampus, während in dicken schwarzen Lettern der Name Toronto Metropolitan auf der oberen Hälfte steht. „Ein College?", frage ich zweifelnd.

„Es ist ein gutes College, indem Studenten Themen ihrer Wahl erforschen können. Du könntest", sagt er langsam, während er die Broschüre aufschlägt und einen langen Text an Kursen freigibt, „Moded studieren. Oder dich mit Schneiderei auseinander setzen. Textilgeschichte soll auch spannend sein." Vorsichtig schiebt er das Papier näher. „Deine Mutter erzählt mir oft, wie begabt du an der Nähmaschine bist, Avery. Vielleicht solltest du einfach mal darüber nachdenken, ob du nicht doch deine Zukunft darin findest."

Ich betrachte die Broschüre in meiner Hand. „Aber was ist – "

„Wenn du es nicht als Job ausüben willst?", unterbricht er mich mit wissendem Lächeln. „Dann suchst du dir etwas anderes. Es ist keine Schande, sich auszuprobieren und ein Hobby nur ein Hobby sein zu lassen. Versuch es, wenn du meinst, dass du es versuchen willst. Wenn nicht, dann nicht. Ich gebe dir lediglich einen nett gemeinten Ratschlag."

„Okay." Vorsichtig, als würde ich der längst zerknitterten Borschüre noch etwas antun können, falte ich sie zusammen und schiebe sie in meine Tasche. „Danke, Pastor."

„Dafür nicht. Du solltest jetzt aber wirklich ein paar klärende Worte mit deiner Freundin suchen, Avery. Ich glaube, das bist du ihr schuldig, oder?"

Ich seufze leise.

Er lacht. „Dafür gibt es leider keine Broschüre."

„Hätte ja sein können."


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