16. Brielle
Mir bleibt eine Woche, in der ich nun offiziell mit den anderen Jungs aus dem Team trainieren kann, bevor das nächste Spiel der Saison ansteht. Für mich ist es absolut kein Problem, mich ins Team einzugliedern und keinen großen Aufruhr aus der ganzen Sache zu machen, aber Coach Gould sieht das alles mal wieder ganz anders. Kaum habe ich die Sporthalle am nächsten Tag betreten, fackelt er nicht lange und zieht mich ins Spotlight.
Eine seiner fleckigen Hände klammert sich um meinen Oberarm, als er mich dem gesamten Team als „die Neue", vorstellt, keinen Namen, keine Position, kein Grund, wieso ich mitten im Jahr beitrete, einfach nur „die Neue."
Ich weiß, ich sollte rasen und wüten und ihm gegens Schienbein treten, aber ich reiße mich zusammen. Ich habe zu lange gebraucht, um überhaupt die Chance zu bekommen, endlich wieder in einem Team zu spielen, das werde ich mir jetzt nicht zerstören, nur weil Gould versucht, mich auf die Palme zu bringen. Es ist mehr als offensichtlich, dass er vorhat, mich so schnell wie möglich entweder rauszuekeln oder zu ersetzen, deswegen lasse ich mir nicht anmerken, dass irgendetwas davon bei mir ankommt. Ich werde mir diesen Platz nicht streitig machen lassen.
Die Trainingseinheiten in der Schule beziehen sich grundsätzlich auf Ausdauer und Geschicklichkeit. Gould lässt uns Runden laufen, mal vorwärts, mal rückwärts, er lässt uns Hindernisparcours überstehen und wenn wir einen Fehler machen, dann müssen wir zur Strafe eine weitere Runde laufen. Er veranlasst, dass wir so lange laufen, bis uns die Beine brennen und dann müssen wir weiter laufen, bis jeder Atemzug Feuer entfacht. Wir laufen, bis jeder Muskel in unserem Körper schreit, aber niemand lässt sich wirklich anmerken, wie erschöpfend das Training wirklich ist. Ich bin nicht sicher, warum einige der Jungs das mit sich machen lassen, wenn sie doch nicht wirklich an Eishockey interessiert sind.
Gould macht kein Geheimnis daraus, dass er mich wieder aus dem Team haben will. Als ich mir nach neunzehn Runden meine Wasserflasche holen will, lässt er das gesamte Team anhalten und wartet, bis ich fertig bin, dann sagt er: „Sollen wir für die Dame vielleicht noch ein Handtuch besorgen?" Seine Stimme trieft vor Sarkasmus und Häme. „Oder ist dir mein Training etwa zu anstrengend?"
„Keineswegs, Sir", antworte ich atemlos. Mir ist heiß und ich schwitze am ganzen Körper und wenn ich könnte, dann würde ich jetzt duschen und mich in eine Decke einwickeln, aber die Genugtuung werde ich ihm nicht geben. „Ich kann noch lange weitermachen, Sir."
Ein hässlicher Ausdruck tritt auf sein Gesicht. „Noch lange, ja?", fragt er. „Dann hast sicher nichts dagegen, noch ein Dutzend extra Runden zu drehen, während der Rest mit der nächsten Übung weiter macht, nicht wahr?"
Ich kann sehen, wie Nate hinter Goulds Schulter rapide mit dem Kopf schüttelt, aber ich drücke die Schultern durch und antworte: „Liebend gerne, Sir. Vorwärts oder rückwärts?"
Es muss ihn all seine Nerven kosten, mich nicht anzuschreien. „Vorwärts", knurrt er. „Los. Der Rest zu mir."
Obwohl meine Beine brennen und ich mich nicht daran erinnern kann, dass ich jemals so viel auf einmal gelaufen bin, halte ich durch. Ich lasse es mir nicht nehmen, noch eine weitere Runde zu drehen und Gould ein Lächeln im Vorbeilaufen zu schenken, als würde ich wirklich nicht wissen, was er mit mir macht.
Das Training endet mit einer kurzen, knappen Rede vom Coach, vor der Nate mich schon gewarnt hat. „Das nächste Spiel werden wir nicht verlieren", fängt er mit knurrender Stimme an, seine Augen huschen dabei zu mir und verengen sich, als wäre ich persönlich dafür verantwortlich, dass sie das erste Spiel verloren haben. „Ihr werdet jeden Tag trainieren, ob auf dem Eis oder nicht ist mir dabei egal. Wir werden nicht verlieren und wenn doch, dann Gnade demjenigen, der dafür verantwortlich sein wird. Verschwindet."
Ich bin fast an der Umkleide, als Goulds Stimme mich innehalten lässt. „Du. Mädchen. Auf ein Wort." Als ich mich umdrehe, deutet er nur auf die Tür, die in sein Büro führt und ich unterdrücke ein Seufzen. Während ich von der wärmenden Hoffnung auf eine erfrischende Dusche weggehe, sehe ich, wie Nate in der Tür zu den Jungsumkleidekabinen steht. Er hat die Lippen zusammengepresst, sagt aber nichts, als ich ihn passiere.
In Goulds Büro ist es stickig und es hilft nicht, dass er sich eine Zigarette ansteckt, kaum dass ich eingetreten bin. Ein Fenster gibt es, aber das bringt im geschlossenen Zustand nichts. Für den Moment betrachtet er mich mit nachdenklichem Ausdruck, dann, nachdem er ein paar Mal an seiner entzündeten Zigarette gezogen hat, sagt er mit gräulichem Rauch aus seinem Mundwinkel strömend: „Das ist jetzt deine Chance, aufzuhören. Ich bin mir sicher, niemand wird es dir verübeln und ich kann Morin dann überzeugen, wieder mitzumachen."
„Sir?"
„Oh bitte, komm mir nicht mit diesem Sir-Kram an", erwidert Gould. „Wir wissen beide, dass du es nicht so meinst, also lass es einfach bleiben. Außerdem ist es klar, dass du nicht für diese Sache gemacht bist. Du kannst nicht mit meinen Jungs mithalten, Mädchen."
„Mein Name", sage ich mit zusammengebissenen Zähnen, aber beherrschter Stimme, „ist Brielle. Sie können ihn benutzen. Und ich kann sehr wohl mithalten. Ich bin mehr Runden gelaufen als alle anderen und ich könnte jetzt zum Sportcenter fahren und noch ein paar Stunden länger trainieren."
Gould betrachtet mich kurz, dann zieht er erneut an seiner Zigarette. „Jetzt vielleicht noch. Aber in zwei Monaten sieht das anders aus. Dann wirst du mich anflehen, dass du austreten darfst."
Ich schnaube belustigt. „Sie unterschätzen mich, Sir. Ich bin tougher, als ich aussehe." Das zu sagen, fühlt sich wahnsinnig an, denn ich weiß sehr wohl, dass ich bereits jetzt tougher als die Hälfte der Jungs aus dem Team aussehe. Ich bin mir auch sicher, dass ich die meisten von ihnen in jedem Trainingsgebiet schlagen könnte, ohne zu viel von mir zu halten. Während ich jahrelang dafür gearbeitet habe, irgendwann den Traum von der Nationalmannschaft zu verwirklichen, sehen die meisten es nur als das, was es ist: Eine Schulmannschaft, eine Nach-der-Schule-Aktivität, ein Club, der auf College-Bewerbungen nett aussieht. „Wollten Sie noch etwas oder darf ich duschen gehen?"
„Glaub nicht, dass du dir alles erlauben kannst, nur weil du ein wenig Ausdauer hast, Mädel", sagt Gould. „Dieses Team wird gewinnen, ob du dabei bist oder nicht."
„Soll das eine Warnung sein, Sir?", frage ich, meine Stimme ruhig und süßlich, während ich innerlich wie ein Kessel koche. Wie gerne würde ich diesem alten Mann seinen hässlichen Ausdruck vom Gesicht wischen.
„Nimm es, wie du willst. Und jetzt verschwinde." Er pafft ein letztes Mal hellgrauen Rauch in meine Richtung, dann dreht er sich auf seinem Stuhl halb zur Seite, sodass er einen großen Aktenschrank anschaut.
Ich lasse es mir nicht zwei Mal sagen und verlasse das Büro. Kaum ist die Tür hinter mir zugefallen, nehme ich einen tiefen Atemzug, auch wenn mir mein eigener, säuerlicher Schweißgeruch dabei in die Nase steigt. Es hilft nicht, dass ich meine Hände nicht ruhig halten kann; zitternd, als würde ich sie in den frischen Schnee auf der Straße stecken, kleben meine Fäuste an meiner Seite, bereit, gegen etwas – oder jemanden – zu schlagen. Gewalt ist noch nie eine Antwort auf irgendeines meiner Probleme gewesen, aber bei Gould bin ich manchmal kurz davor, diesen Weg einzuschlagen. Ein Blick in sein Gesicht reicht aus und ich balle die Hände zu Fäusten, als würde ich mich auf einen wichtigen Boxkampf vorbereiten.
Als ich endlich geduscht und wieder angezogen bin, erwarte ich die letzte Person zu sein, die die Sporthalle heute verlässt, allerdings habe ich dabei nicht mit Nate und Austin gerechnet, die wie zwei Bilderbuchathleten außerhalb der Tür stehen und scheinbar auf mich gewartet haben.
„Yo, endlich", sagt Nate. „Was wollte Gould?"
„Mir sagen, dass ich lieber jetzt das Handtuch werfen soll", schnaube ich.
„Pah." Nate deutet mit einem Nicken an, dass ich ihnen folgen soll, dann setzt er sich in Bewegung. Seine Haare sind noch feucht, obwohl es fast Minusgrade hat. Wenn Zoe das sehen würde, dann würde sie ihm wahrscheinlich die Leviten lesen. „Das glaubt er wohl selbst nicht."
„Er ist eingeschüchtert", meint Austin achselzuckend.
„Wohl kaum", sage ich. „Er steckt lediglich in den 1950ern fest. Aber mal davon ab, was genau sollte die Aktion eigentlich?"
Ich muss nicht sagen, was ich meine. Austin zieht eine Grimasse, bevor er grinst, alles weiße Zähne und ein halbsichtbares Grübchen. Er fährt sich locker durch die Haare. „Was, hat es dir nicht gefallen?"
„Es hätte mir besser gefallen, wenn du es nicht ohne unser Wissen getan hättest", erwidere ich scharf.
Austins Lächeln wackelt für einen Moment. „Zugegeben, es war eine spontane Entscheidung, aber das heißt nicht, dass ich es nur für ein wenig Spaß gemacht habe. Ich wollte euch helfen und – naja, ich schätze, es war wohl meine richtige Entschuldigung dafür, dass ich dir anfangs überhaupt nicht helfen wollte."
„Das hättest du auch anders lösen können", murrt Nate. „Jetzt muss ich die nächsten Spiele ohne dich überstehen."
„Ich wäre so oder so ausgestiegen", erwidert Austin und streckt die Arme über den Kopf. Ein exzessiver Deo-Geruch dringt an meine Nase, die sich beinahe automatisch rümpft. „Das war also nicht mal gelogen."
„Wieso?", frage ich. „Es schien mir, als würde Eishockey dir Spaß machen."
Austin lässt die Arme fallen. „Gott, ja, schon", sagt er, „aber ich kann einfach dieses ganze kompetitive Denken nicht ab, weißt du? Immer besser sein, immer mehr trainieren, wo bleibt denn da der Spaß am Spiel, wenn alles nur noch ums Gewinnen geht? Gewinnen macht zwar auch Spaß", fügt er mit einem flinken Grinsen hinzu, „aber ich hab einfach vermisst, wie es sich damals angefühlt hat, als ich mit meinen Kumpels gespielt habe, ohne dass wir immer besser und besser werden mussten. Nichts für ungut, Kapitän." Seine Hand landet mit einem dumpfen Klopfen auf Nates breiter Schulter, der ihn mit Leichtigkeit abschüttelt. „Aww, sei nicht sauer auf mich."
„Ich bin nicht sauer", erwidert Nate so, dass es mehr als deutlich ist, dass er sauer ist.
„Dann sei bitte auch nicht enttäuscht, das sagt mir mein Dad schon oft genug."
Nate verdreht die Augen, aber ein Lächeln hat sich auf sein Gesicht geschlichen. „Idiot. Du hättest auch einfach mal den Mund aufmachen können."
„Niemals. Dir hat es so viel Spaß gemacht, mich herumzukommandieren, das hätte ich dir nicht antun können."
„Wieso bist du überhaupt dem Team beigetreten?", frage ich aus Neugier.
„Alle haben es damals getan", antwortet Austin achselzuckend. „Es war der einfachste Weg mit meinen Kumpels abzuhängen. Außerdem hasse ich Eishockey ja nicht."
„Außerdem", fügt Nate mit einem schnaubenden Lachen hinzu, „dachte er, er würde damit Mädchen beeindrucken."
„Okay, vielleicht, aber du kannst mir nicht erzählen, dass Mädchen keine Sportler mögen würden", sagt Austin augenrollend. Seine Wangen sind dunkler, aber er meidet den Blickkontakt nicht.
„Nur zu blöd, dass du nie den Mumm hast, ein Mädchen auch mal irgendwohin einzuladen." Nate hebt eine Augenbraue an, während er seinen Freund anblickt.
„Als ob du eine ganze Reihe an Dates hattest, mit denen du hier angeben könntest", schnaubt Austin.
„Bitte nicht streiten", sage ich.
„So zeigen wir unsere Liebe", meint Nate grinsend.
„Eigentlich kann ich ihn nicht ausstehen und nur deshalb bin ich aus dem Team ausgetreten", sagt Austin.
„Hm und es war ganz sicher nicht, um Zoe zu beeindrucken." Meine Worte gehen in Austins empörtem Keuchen unter. „Was, meinst du ich bin blind und bekomme sowas nicht mit?" Ich grinse, als seine Wangen noch dunkler werden.
„Keine Ahnung, wovon du redest", murmelt er.
Nate lacht und hebt die Faust, damit ich einschlagen kann. Die beiden begleiten mich bis zum Parkplatz, dann bleiben sie wieder stehen. „Wir fahren noch ins Gym", sagt Nate, seine Sporttasche über die Schulter geworfen, „willst du mitkommen?"
Die perfekte Antwort darauf ist das unangenehme Brennen in meinen Beinmuskeln. „Lieber nicht", erwidere ich mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich glaube, ich muss mich für die nächsten zweiundsiebzig Stunden hinlegen, damit sich meine Beine wieder aufladen können."
„Ha." Austin schlägt mir gegen die Schulter. „Das hast du davon, wenn du Gould unbedingt die Stirn bieten willst. Mein Ratschlag an dich wäre, dass du dich einfach ein wenig zurückhältst, wenn es um ihn geht, zumindest jetzt, wo du im Team bist, ansonsten wird er es sich zur Lebensaufgabe machen, dir das Leben zur Hölle zu machen."
Ich presse die Lippen zusammen. „Ich werd's mir merken."
Austin seufzt. „Wirst du nicht, dachte ich mir. Naja, ich hab's versucht." Er klopft mir auf den Oberarm, dann wenden er und Nate sich um und gehen auf Nates Wagen zu. Die beiden verschwinden, als die Reifen des Wagens über den schneebedeckten, schmutzigen Parkplatz rasen, dann sind sie um die Ecke gebogen und ich bleibe allein zurück.
***
Goulds Trainingseinheiten werden nicht besser, aber ich nehme mir Austins Ratschlag zumindest zu Herzen, was dazu führt, dass der bittere Coach sich teilweise andere Opfer sucht, die er anpöbeln und bestrafen kann, wenn sie Wasser trinken wollen. Ich lasse mir offensichtlich nicht anmerken, wie sehr es mich nervt, dass dieser Mann überhaupt noch die Möglichkeit hat, Coach eines High School Teams zu sein und als ich es Avery gegenüber in einem unserer Telefonate am Abend erwähne, fragt sie, warum ich nicht etwas dagegen unternehme.
„Was meinst du?", habe ich geantwortet, müde auf meinem Bett liegend, brennende Beine, brennende Arme, brennende Atemwege.
„Naja, du hast es ins Team geschafft, oder? Was hält dich davon ab, jetzt etwas dafür zu tun, dass Gould tatsächlich rausgeworfen wird?"
„Weil wir dann kein Team mehr hätten", habe ich sie erinnert, woraufhin sie still geworden ist.
„Dann müssen wir einen neuen Coach suchen, der bereit ist, das Team zu übernehmen", hat sie gesagt.
„Du sagst das so einfach daher, aber ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber niemand prügelt sich wirklich darum, Coach einer Schulmannschaft zu sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gould nicht der Bezahlung wegen hier ist."
Avery hat danach geseufzt, gesagt, ich würde alles unnötig kompliziert machen und mich dann weiter darüber ausgefragt, wie ich diesen blöden Aufsatz für Mrs. Lawrence schreiben will. Auch darauf habe ich ihr keine befriedigende Antwort geben können. „Komm schon", hat sie gesagt, „der Aufsatz ist bestimmt 50% unserer Endnote oder so. Du musst das ernst nehmen, auch wenn es mies ist. Ich habs auch irgendwie geschafft."
„Du kannst auch besser mit Wörtern umgehen", habe ich geantwortet, einen Arm über meine Augen gelegt. „Ich bin – keine Ahnung, ich bin eher physikalisch ausgelegt."
„Jemand, der nicht gut mit Wörtern umgehen kann, würde nicht physikalisch sagen", hat Avery erwidert.
Ich habe nur gelacht und ihr dann halbherzige Antworten gegeben, während ich immer müder und müder geworden bin. Scheinbar bin ich irgendwann eingeschlafen.
Am Tag des Spiels wache ich schweißgebadet auf. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass ich nervös bin. Mein Atem geht stoßweise und obwohl ich eigentlich nur auf diesen Tag gewartet habe, rumort mein Magen unangenehm. Das flattrige Gefühl verschwindet nicht, als ich mir ein halbherziges Frühstück einverleibe, noch verschwindet es, als ich aus dem Haus trete. Eiskalte Luft bringt meine heiße Haut zum glühen und obwohl mein Atem in einer weißen Wolke vor mir auftaucht, ist mir unangenehm warm in meinem Pullover.
Ich habe kaum Zeit, um mich an die Situation zu gewöhnen, denn es kommt mir wie in einem Augenaufschlag vor, aber ich betrete das Stadion und werde von Avery am Eingang erwartet.
„Oh Gott", sagt sie leise. „Lampenfieber?"
„So ähnlich", bringe ich raus.
„Hör zu, es gibt keine Möglichkeit für dich, nicht zu gewinnen. Du hast das hundertpro in der Tasche und wenn nicht auf deine eigenen Fähigkeiten vertraust, dann vertrau wenigstens darauf, dass ich das tue und dass ich will, dass du dieses Spiel gewinnst, damit dem Coach dieser selbstgefällige Ausdruck vom Gesicht gewischt wird." Sie greift nach meiner Hand und presst sie mit einer immensen Kraft, die ich Avery nicht zugetraut hätte, an ihre Brust. „Oder willst du Gould gewinnen lassen?"
„Nicht in hundert Jahren", krächze ich, schlucke schwer. „Das kann er vergessen."
Avery lächelt breit, stellt sich auf die Zehnspitzen und küsst dann meine Stirn. Die warme, weiche Berührung ihrer Lippen ist wie ein Schuss Wundermedizin direkt in die Haut; das nervöse Flattern in meiner Magengegend verschwindet langsam und ich kann meine Hände wieder ruhig halten. „Dann los. Quinn und Robin und ich sitzen im Publikum und ich werde sie zwingen, dass sie jedes Mal sehr laut und peinlich jubeln, wenn du in Ballbesitz bist."
„Das Ding nennt sich Puck", erinnere ich meine Freundin.
Eine wegwerfende Handbewegung später sagt sie: „Wie auch immer es heißt, du wirst damit Tore ohne Ende schießen und damit das Spiel gewinnen, klar?"
„Oh, ich hätte es nicht besser ausdrücken können", sagt eine vertraute, männliche Stimme hinter mir. Austin und Zoe tauchen in meinem Augenwinkel auf. „Nervös vor deinem ersten großen Spiel?", fragt grinsend.
„Nicht mehr", erwidere ich.
„Ich bewirke wahre Wunder was das angeht", sagt Avery stolz.
„Sehr gut", fügt Zoe an. „Wir müssen gewinnen, damit Gould endlich mal erkennt, was für ein veraltetes Weltbild er verfolgt. Gott, wenn ich könnte, dann würde ich es selber machen, aber leider habe ich auf dem Eis ein negatives Gleichgewicht und würde eher wie ein zweiter Puck durch die Gegend schlittern."
„Und trotzdem kommst du zu jedem unserer Spiele", meint Austin, wobei er Zoe mit dem Ellbogen anstößt. „Man könnte fast meinen, du würdest uns mögen."
„Träum weiter", erwidert sie. Zoe legt kurz eine Hand auf meinen Arm, dann sagt sie: „Du schaffst das, okay? Wir feuern dich alle an." Ihr Lächeln ist schmal und beruhigend und als sie und Austin in Richtung der Publikumsringe gehen, fühle ich mich deutlich wohler.
„Okay", sage ich. „Okay, ich glaube, ich bin bereit. Wünsch mir Glück, Babe?"
„Babe?", fragt Avery überrascht klingend, ein seltsam helles Glänzen in den Augen. „Oh, das gefällt mir. Ein eigener Spitzname nur für mich." Sie lächelt, als ich lache und beugt sich schließlich vor, um mich zu küssen. Sie schmeckt warm und süßlich, wie Honig im Tee oder Karamellsauce auf einem Schoko-Minze-Becher. „Dann los."
An der Tür zu den Plätzen fürs Publikum verabschiedet Avery sich mit einem weiteren, raschen Kuss auf die Wange, dann lässt sie mich in Richtung der Umkleidekabinen ziehen. Der Gang fühlt sich unendlich lang an, Poster von berühmten Mannschaften und Spielern bedecken die weißen Wände, Prospekte und Flyer stecken in Plastikhaltern und Vitrinen voll mit Pokalen und Medaillen glitzern unter den Neonröhren an der Decke. Meine Beine fühlen sich wie Blei an, jeder Schritt, als würde ich durch Zement waten und doch nur in den tiefsten Sumpf treten, während die Tür zu den Umkleidekabinen einfach nicht näher kommen will. Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn ich einfach umdrehe und das Stadion verlasse und wieder nach Hause fahre. Was würde Gould sagen? Wie würde Nate reagieren? Oh, wie würde Avery es nur hinnehmen, dass ich sie enttäusche?
Ich könnte es nicht ertragen. Mit festen Schritte durchquere ich den Sumpf und schaffe es schließlich in die Umkleidekabine. Die Räumlichkeiten sind mir nur allzu vertraut, die vergangenen Trainingseinheiten mit Nate und Austin und Finnley kommen mir in den Sinn, eines anstrengender und ertragreicher als das zuvor, das Echo ihrer Stimmen in meinen Ohren, jubelnd, anfeuernd, aufbauend. Wenn ich genau darüber nachdenke, dann habe ich mich nie wirklich bei ihnen dafür bedankt, dass sie mich so in ihre Mitte aufgenommen haben, dass sie mich wie ihr inoffizielles Teammitglied behandelt haben, obwohl sie es nicht hätten tun müssen. Ich mache mir eine geistige Notiz, genau das am Ende des Spiels zu machen, während ich mich in meine Eishockeyrüstung zwinge.
Ein Klopfen ertönt an der Tür, einen Moment später dringt Nates Stimme dumpf durch das dicke Holz. „Brielle? Wir sind fertig, warten nur noch auf dich. Coach will was sagen."
Ich schnappe mir meinen Schläger, klemme mir den Helm unter den Arm und verlasse die Umkleidekabine. „Will er wieder sagen, ich soll das Team verlassen?", frage ich, als ich vor ihm stehen bleibe. Nate sieht in seiner Rüstung wie ein Bodybuilder aus, breite Schultern nur durch die Polster verstärkt, massive Armmuskeln und der kantige Kiefer, der einen tiefen Schatten auf seinen Hals wirft.
Er grinst. „Wahrscheinlich. Vor jedem Spiel hält er noch 'ne Rede, Motivation oder so, keine Ahnung, meistens hör ich nicht zu."
„Und das als Teamkapitän", sage ich mit der Zunge schnalzend. „Das gibt aber kein gutes Beispiel."
„Solange ich nicht wie ein Kapitän behandelt werde, glaube ich nicht, dass ich ein gutes Beispiel abgeben muss. Aber egal", er öffnet die Tür zur Umkleidekabine der Jungs, „rein mit dir."
Beinahe werde ich vom Geruch erschlagen. Die unmissverständliche Mischung von Sportlerschweiß, viel zu viel Deodorant und dem gummiartigen Bodenbelag dringt mir wie ein widerlicher Duft in die Nase und ich benötige einen Moment, um mich daran zu gewöhnen. Frische Luft ist hier ein Fremdwort.
„Ah." Goulds scharrende Stimme dringt aus der Ecke. „Endlich. Alle hinstellen, keine Zeit verschwenden, wir sind eh schon spät dran."
Ich verkneife mir einen Kommentar. Hätte ich gewusst, dass er noch ein paar weise Worte an uns richten will, dann wäre ich sicherlich allein hierhergekommen, aber so wie es aussieht, hat er diesen kleinen Fakt einfach vergessen mir gegenüber zu erwähnen. Sein mies gelaunter Blick, der einen Moment zu lange auf mir liegt, spricht auf jeden Fall Bände.
„Eine weitere Niederlage werde ich nicht dulden", sagt Gould, seine Stimme ein hallendes Echo in der vollgestopften Umkleide. Körper stehen dicht an dicht gedrängt, Taschen und Kleidungsstücke liegen auf dem Boden, irgendwo tropft ein Wasserhahn in der Ferne. „Das letzte Mal habt ihr euch in den letzten Minuten jeden Vorsprung wegnehmen lassen, den ihr aufgebaut habt und wenn ich sehe, dass ihr die gleichen Fehler erneut macht, dann muss ich es mir wirklich zwei Mal überlegen, ob ich euch noch weiter coachen will. Genauso gut kann ich dann nämlich Kindergartenkindern versuchen beizubringen, sich keine Stifte in die Nase zu stecken."
Finnley, der jeden in der Umkleide überragt und mit seiner Rüstung am klobigsten ist, schnaubt belustigt.
„Findest du das witzig, Anderson?", bellt Gould in seine Richtung.
„Keineswegs, Sir."
„Gut. Es liegt hier an dir, die Gegner vom Punkten abzuhalten, vergiss das nicht." Er wirft eine Hand in die Luft, die einen Moment später zurück in den Taschen seiner Trainingshose verschwindet. „Jetzt raus da und gewinnt das Ding." Seine Augen landen wieder auf mir, zusammengezogene Augenbrauen, zusammengepresste Lippen, aber statt etwas zu sagen oder zu versuchen, mich ein weiteres Mal vor der Mannschaft bloßzustellen, nickt er lediglich knapp.
Ich bin nicht sicher, was das heißen soll, habe aber auch keine Zeit, das herauszufinden. Nate stößt mich mit der Schulter an und bedeutet mir mit einem Nicken meinen Schläger zu heben.
Die Mannschaft hält die Enden ihrer Schläger in einen Halbkreis, und wenn ich es nicht besser wissen würde, dann würde ich sagen, dass es aussieht, als würden sie versuchen jemanden oder etwas zu beschwören.
„Also, Team", sagt Nate neben mir, seine klare, tiefe Stimme ein krasser Kontrast zu Goulds schlurfender Art zu sprechen. „Zeigen wir denen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind!"
Ein ohrenbetäubendes Geräusch ertönt in der Umkleide, als alle sechs Schläger in wirren Takten gegeneinander knallen, Holz auf Holz, Siegeswille in jedem Schlag. Meine Hand vibriert unter dem Schlag von Nates Schläger auf meinem und er grinst mich an, als ich die Augenbrauen hebe.
„Ein kleines Teamritual", erklärt er. „Irgendjemand hat vor Ewigkeiten damit angefangen, also machen wir es seither. Soll Glück bringen."
„Hoffen wir mal, dass es wirkt", sagt Finnley. „Ansonsten müssen wir uns eine weitere Predigt anhören, wie sehr wir doch in eine Kindertagesstätte gehören."
Es ist an mir, zu schnauben.
Die nächsten Minuten vergehen in einem Augenaufschlag. Als ich Luft hole, stehe ich auf dem Eis, meine Kufen fest in den Boden gepresst, Herzschlag in den Ohren, mattes, festes Holz an den Händen. Nervosität und Aufregung prügeln gegen meine Rippen, mein Atem geht schnell und doch – und doch spüre ich, dass ich hier hingehöre. Ich gehöre aufs Eis, so wie Atem in meine Lungen gehört. Auf dem Eis bin ich Ich, auf dem Eis fühle ich mich zuhause und so sehr ich in den letzten Wochen auch mit dem Neuanfang zu kämpfen hatte, nichts kann dieses Gefühl ersetzen, das ich jetzt habe, auf dem Eis und mit dem Wissen, dass irgendwo in der Masse der jubelnden Zuschauer meine Freundin sitzt und mich mit glänzenden Augen anfeuert.
Ich greife meinen Schläger, als wäre er die Rettungsboje im stürmischen Meer. Über mir hängt die Anzeigetafel und zeigt mit rotem Licht die Zeit und die Punkte an, hinter mir weiß ich, steht Finnley im Tor, etwas vor mir ist Nate, bereit, den Puck bei Spielbeginn an sich zu reißen.
Der laute Pfiff in der Luft kündigt den Anfang des ersten Drittels an. Ich blende alles aus, was um mich herum geschieht, konzentriere mich aufs Eis, auf meinen Schläger und die Spieler, die in meinem Weg stehen. Die Stunden, die ich zusammen mit Nate, Austin und Finnley trainiert habe, zahlen sich endlich aus. Nate und ich fliegen übers Eis, als würden wir die Gedanken des anderen lesen, passen den Puck hin und her, schießen ihn durch die Beine der Gegner, lassen ihn in die Schlägerkuhle des anderen fallen. Unser Zusammenspiel ist so gut, dass wir in den Anfangsminuten das erste Tor schießen, ohne dass das gegnerische Team den Puck ein einziges Mal im Besitz hatte.
Nate und ich highfiven, als wir einander vorbeifahren und der Zusammenprall unserer Hände schickt elektrische Funken durch meinen gesamten Körper, die mich mit frischer Energie aufladen. Es ist die pure Euphorie, die sich in unsere Venen beißt, die Freude und das Glück, dass wir das tun konnten, was wir liebten. Übers Eis zu fahren war atmen.
Es ist ein reines Blutbad. Das gegnerische Team, dessen Namen mir nicht einmal ins Gedächtnis kommen will, hat keine Chance. Nate und ich zerreißen sie in der Luft, wir besitzen den Puck zu neunzig Prozent der Spielzeit und obwohl die gegnerische Mannschaft mehr Spieler hat, die sich nach den Pausen immer wieder abwechseln und mit frischer Energie aufs Feld treten können, lassen wir nicht nach. Es regiert das kontinuierlich summende Geräusch der Anzeigetafel, jedes Mal wenn der Puck im Tor landet. Die Luft ist erfüllt von Jubel.
Das Spiel endet, noch bevor ich realisiert habe, dass es ansatzweise so weit ist. Wir führen mit so vielen Punkten, dass selbst Leute ohne irgendwelche mathematischen Fähigkeiten herausfinden können, dass wir gewonnen haben. Einen Moment lang starre ich wie gebannt auf die Anzeigetafel, dann rammt mich Nate von der Seite in eine jubelnde Halbumarmung.
„Das war Wahnsinn", brüllt er über den tosenden Applaus der Zuschauer. Es scheint, als wäre jeder Einwohner St. Dorotheas gekommen, um die hiesige High School Mannschaft beim spielen zu sehen. Irgendwo unter den hunderten Leuten sitzt mein Dad und jubelt, irgendwo sitzt Avery, die wahrscheinlich Quinns Arm im Klammergriff hat und ich kann kaum glauben, dass ich das denke, aber ich wünsche mir, dass Mom auch dort sitzen würde, um ihrer einzigen Tochter dabei zuzusehen, wie sie gewinnt.
Wissend, dass Mom hunderte Meilen entfernt in einem neuen Leben aufgeht, dass sie sich hinter unserem Rücken aufgebaut hat, schließe ich die Augen, lasse mich von Nates Euphorie anschließen und gehe in dem Sieg auf, den ich mir voll und ganz verdient hatte.
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