11. Avery

„Es stellt sich heraus, dass ich lesbisch bin", sage ich den Hörer.

Es ist für eine Weile lang still, dann antwortet Quinn: „Was?"

„Das ist nicht die aufgeregte Unterstützung, mit der ich gerechnet habe", erwidere ich.

Ich liege auf dem Bett, starre an die Decke, habe Quinn auf Lautsprecher auf meiner Brust liegen, sodass ich seine Stimme bis unter meine Haut spüren kann, und berühre ab und zu meine Lippen und Fingerkuppen – die Stellen, die am meisten unter Brielles Berührungen gebrannt haben. Mom ist für ein paar Stunden bei einer ihrer typischen Kirchenveranstaltungen, bei denen sie bestimmt Pastor Jenkins schöne Augen macht und wird vor dem Abendessen nicht zurück sein. Es ist die perfekte Zeit um all die Gefühle zu verarbeiten, die ich neuerdings habe.

„Sorry", sagt Quinn. „Woher die plötzliche Erkenntnis?"

Wo soll ich anfangen? „Brielle hat mich gestern auf Austins Party geküsst. Und ich habe sie zurück geküsst. Und jetzt weiß ich nicht, was wir sind, aber ich weiß, dass ich es auf jeden Fall wieder machen würde."

„Oh."

„Oh?", frage ich hinterher, ungeduldig klingend. „Was soll denn ständig dieses Oh. Ich brauche richtige Antworten und nicht nur Ohs. Also wirklich, soll ich deine Stelle als bester Freund an jemand anderen vergeben? Ich bin hier sehr offensichtlich in einer Sexualitätskrise und brauche deine Unterstützung, also wirklich."

„Krise?", wiederholt er irritiert. „Du hast doch bereits gesagt, du bist lesbisch, wo ist denn da die Krise?"

„Na, ist doch ganz einfach", erwidere ich. „Bis ich gestern meinen ersten Kuss hatte, wusste ich nicht, was ich bin. Ich hatte nun einen ersten Kuss mit einem tollen Mädchen und daraus schließe ich, dass ich lesbisch bin. Aber woher weiß ich nun, dass ich wirklich lesbisch bin? Vielleicht kann Brielle auch einfach nur echt gut küssen oder vielleicht bin ich bi und weiß es nicht besser. Siehst du jetzt mein Problem?"

Quinn schnaubt belustigt. „Du bist wirklich ein starkes Stück. Seit wann hast du bitte solch starke Gefühle gegenüber deiner Sexualität?"

„Seit ich sie in Frage stellen musste, duh." Ich widerstehe dem Drang mit den Augen zu rollen, auch wenn er mich eh nicht sehen kann.

„Okay, okay. Ich hab zwar das Gefühl, dass mir hier ein paar Informationen fehlen, aber ich tue mein Bestes. Du hast also Brielle geküsst und jetzt willst du es wieder tun. Willst du denn auch gerne irgendeinen Typen küssen?"

„Keine Ahnung", entgegne ich. „Woher soll ich das bitte wissen? Du bist hier der Typen-Knutscher, du hast da mehr Erfahrung als ich."

„Typen-Knutscher", wiederholt Quinn langsam. „Wow. Egal, darauf gehe ich später ein. Verspürst du denn überhaupt keinen Drang, einen Typen zu küssen? Also, keine Ahnung, wenn du Bilder von Channing Tatum anguckst – "

„Channing Tatum?", frage ich laut und ein wenig angewidert. „Bitte, der Typ könnte mein Großvater sein. Und nein, wenn ich mir Bilder von alten Männern im Internet angucke – was, nur zur Info, nicht sehr häufig vorkommt – dann verspüre ich nicht unbedingt das Verlangen, sie abzuknutschen. Ich weiß ja nicht, was du so in deiner Freizeit machst, aber ich habe definitiv andere Dinge zu tun."

„Was ist denn mit Typen eher in deiner Altersklasse? Justin Bieber? Oder Shawn Mendes?"

„Sind die nicht eher deine Typen?", erwidere ich.

„Hypothetisch gesehen", sagt er mit genervtem Unterton. „Wenn du dir ein Bild von Shawn Mendes oben ohne anguckst, was denkst du dann?"

„Dass er sich was anziehen soll." Ich schnaube belustigt, als Quinn in der anderen Leitung lauthals stöhnt. „Okay, aber wirklich. Ich verspüre nicht den Drang ihm meine Zunge in den Hals zu rammen, falls es das ist, was du hören willst. Ich hab keine Ahnung, was du damit bezwecken willst."

„Ich versuche", sagt er langsam, „herauszufinden, in welcher Ecke der Sexualitäskrise du festhängst. Ich meine, du musst auch keinen Begriff nutzen", fügt er an.

„Wie jetzt?" Ich setze mich auf, sodass mein Handy von der Brust rutscht und mit einem dumpfen Geräusch auf der Bettdecke aufkommt. „Was soll das denn heißen?"

„Soll heißen, dass du dich nicht lesbisch, bi oder was auch immer nennen musst. Du kannst einfach sagen, du wärst queer. Nicht mal das musst du sagen, um ehrlich zu sein. Du kannst auch unlabeled sein."

„Unlabeled?"

„Ja. Das heißt nur, dass du dich zwar der queeren Community zugehörig fühlst, aber kein Label nutzen willst, um dich einzugrenzen. Wenn du jetzt sagen würdest, du wärst lesbisch, aber in zehn Jahren einen Typen kennenlernst, den du toll findest, dann kannst du dich zwar immer noch anders entscheiden, aber so ist es eigentlich am einfachsten. Es geht auch niemanden außer dich etwas an, als was du dich bezeichnest. Robin hat mir gesagt, dass er lange überlegt hat, nicht einfach unlabeled zu nutzen, sich aber mit genderfluid am wohlsten gefühlt hat." Er lacht kurz. „Was natürlich nicht heißt, dass man sich nicht trotzdem umentscheiden kann, labeled oder nicht. Sexualität ist fluide."

Ich hole tief Luft und lasse sie dann langsam entweichen. „Das sind ganz schöne viele Wörter und Informationen auf einmal."

Sicherlich zuckt er mit den Schultern, als er erwidert: „Ich sag nur, dass du dich nicht als irgendwas bezeichnen musst, wenn du dir nicht sicher bist. Das ist deine erste Erfahrung mit sowas, oder?" Er wartet nicht, bis ich antworte, sondern fährt fort. „Du kannst dir so viel Zeit dabei lassen, wie du brauchst. Ich bin auch nicht einfach aufgewacht und hab gesagt, dass ich jetzt schwul bin. So eine Erkenntnis dauert ein wenig länger."

„Okay." Ich lasse den Kopf wieder aufs Kissen sinken, greife das Handy fest mit den Fingern. „Danke, Quincy."

„Als staatlich anerkannter bester Freund ist es meine Pflicht, dir beizustehen, wenn du irgendwelche Lebenskrisen hast." Er lässt eine kurze Pause, in der ich mir müde über die Auge reibe – Müdigkeit von letzter Nacht klebt mir noch an den Augenwinkeln – dann sagt er: „Also. Du und Brielle, hm?"

„Ich wusste, du würdest das nicht einfach so stehen lassen", murre ich.

„Selbstverständlich nicht. Wie wars? Wie fühlst du dich?"

„Ich weiß nicht. Gut, würde ich sagen. Ich fühl mich gut, es war gut. Mein Herz hat wie verrückt gerast und ich war so nervös, dass ich die ganze Zeit nicht aufhören konnte zu reden. Aber es hat sich auch richtig angefühlt, weißt du? Als hätte mir eine Stimme im Hinterkopf immer wieder zugflüstert, was ich tun und sagen muss, damit es funktioniert." Ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. „Es war wirklich gut."

„Das freut mich für dich", erwidert er und aus seiner Stimme her kann ich erkennen, dass er ebenfalls lächeln. Ich drehe mich auf die Seite, damit ich die Wand mit dem Fenster anstarre. Draußen fallen orange-rote Blätter von den Bäumen und ein dünner Nieselregen benetzt lautlos die Fensterscheibe. Der Himmel ist schneeweiß. „Ich schätze, nicht alle können so viel Glück dabei haben. Ihr habt euch irgendwie gefunden."

„Was soll das denn heißen?"

„Nur", fängt er langsam an, „du weißt schon. Nicht jede Beziehung kann so anfangen. Ich –"

Ich lege die Stirn in Falten. „Stimmt was nicht?"

„Nein, alles gut", erwidert er lachend. „Wirklich. Ich musste nur daran denken, wie – wie er und ich uns das erste Mal geküsst haben und es war alles andere als so ein magischer Moment wie bei dir und Brielle. Er war betrunken."

„Betrunken?" Sämtliche Alarmglocken fangen an zu läuten und ich reiße den Kopf wieder hoch. Bei der schnellen Bewegung zieht es zwar hinterm Ohr, aber ich achte nicht drauf. „Quinn Jonas Young, sag mir nicht, dass du etwas mit einem älteren Mann hast!"

„Was?" Seine Stimme ist laut und ungläubig, dann folgt ein weiteres Lachen. „Oh Gott, nein – nein, bloß nicht. Gott, wie kommst du darauf? Er ist in meinem Alter, beruhige dich. Ich bin nicht dumm genug, um mich von irgendwelchen College-Studenten angrabschen zu lassen, weißt du."

„Tja, nun", schnaube ich. „Bei dir kann ich mir nie sicher genug sein. Aber was soll das heißen, er war betrunken?"

„Er ..." Quinn stockt, nach Worten suchend.

Es ist eine Schande, dass ich ihm nicht gegenüber sitze, denn jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, ihn mit den Fingerspitzen zu pieken, bis er mit der Sprache rausrückt. „Wenn du mir keine Antwort lieferst, dann schwöre ich –"

„Okay, beruhige dich!", unterbricht er mich. „Gott. Okay, also es war in den Sommerferien, ja? Ich war unterwegs um für Sienna einzukaufen", ich unterdrücke den Drang, ein angeekeltes Geräusch bei der Erwähnung dieser Hexe zu machen, „und da bin ich ihm über den Weg gelaufen. Es war schon Abend und er meinte, er kam gerade von Freunden wieder. Ich hab den Alkohol in seinem Atem gerochen, als er geredet hat, aber egal. Jedenfalls meinte er dann, dass er mir ein Geheimnis anvertrauen muss und hat mich dann geküsst und danach angefangen zu heulen."

Es dauert einen Moment, bis ich verstanden habe, was er sagt. „Was? Er hat geheult?"

„Ich hab doch gesagt, es war kein magischer Moment. Er hat gesagt, er würde mich schon länger gut finden, aber hat Angst, sich zu outen, weil er nicht plötzlich anders wahrgenommen werden will. Ich hab ihm gesagt, dass das okay ist und ich niemandem etwas sagen werde und dann hat er gefragt, ob ich mit ihm ausgehen würde. Im Geheimen."

„Das ..." Dieses Mal stocke ich. „Anders wahrgenommen? Was meint er damit?"

Quinn erwidert eine lange Zeit nichts. „Er glaubt, dass ihn die Leute plötzlich als anderen Menschen sehen, wenn er jedem sagen würde, dass er bi ist. Was – ich meine –", er bricht seufzend ab und versucht es erneut. „Ich verstehe, was er meint. Manchmal kann es einem Angst machen, aber es sollte eigentlich nicht wichtig sein. Was wichtig ist, dass man selbst damit einverstanden ist, wer man ist."

Ich beiße auf meiner Unterlippe herum. Sicher, das stimmt, aber ... wenn ich daran denke, was meine Mutter sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich Brielle geküsst habe, dann weiß ich nicht, wie sie reagieren würde. Ich bin mir fast sicher, dass sie mich nicht aus dem Haus werfen würde, aber ... würde sie es gutheißen? Würde sie es überhaupt verstehen? „Was hättest du gemacht, wenn ich komisch reagiert hätte?", frage ich. „Damals, als du es mir gesagt hast."

Wieder ist er lange ruhig. Der Regen fällt gemächlich vor dem Fenster und benetzt die Scheibe in einem stetigen Schauspiel. „Keine Ahnung", gibt er schließlich zu, nachdem ich einem besonders großen Tropfen dabei zugeguckt habe, wie er langsam das Fenster hinabgeflossen ist. „Aber ich bin froh, dass du nicht seltsam reagiert hast, denn ich weiß nicht, was ich manchmal ohne dich machen würde."

Das Lächeln zerrt an meinen Mundwinkeln. „Ich hab dich auch lieb, Quincy", sage ich leise. „Und ich schätze, ich bin auch froh, dass du nicht seltsam reagiert hast, auch wenn das ziemlich doppelmoralisch von dir gewesen wäre."

„Schon okay. Und Avery?"

„Ja?"

„Glückwunsch zum ersten Knutschen", höre ich ihn mit deutlichem Grinsen in der Stimme sagen.

„Oh, sei doch ruhig", erwidere ich, brennende Wangen und rasendes Herz. Wenn er wüsste, was ich mir für Horrorvorstellungen von meinem ersten Kuss gemacht hätte, dann würde er das nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Von Zahnspangen, die sich ineinander verhaken (auch wenn ich überhaupt keine Zahnspange trage), bis zu üblem Mundgeruch ist alles dabei gewesen und dass die einzig negative Sache an der ganzen Erster-Kuss-Sache der leichte Biergeschmack von Brielle gewesen war, lässt mich im Glauben, dass ich ziemliches Glück hatte.

Quinn lacht am anderen Ende. „Ich muss jetzt auflegen", sagt er, seine Stimme ein wenig leiser als zuvor.

Ich verziehe das Gesicht. „Ist das Stiefmonster zurück?"

„Ja, sie und die beiden Goblins."

„Goblins?", frage ich mit schmerzenden Mundwinkeln. „Oh Gott, du musst wirklich aufhören so viel Zeit mit Lucas zu verbringen, er ist ein ganz schlechter Einfluss auf dich."

„Bis später."

Eine kühle Stille nimmt mein Zimmer ein, nachdem Quinn aufgelegt hat. Der Regen verursacht keine beruhigenden Trommelgeräusche auf der Scheibe und es gibt kein Kaminknistern im Hintergrund. Ich starre an die Wand, nicht wirklich im Klaren, was ich jetzt tun sollte. Selbstverständlich gibt es eintausend Sachen, die ich tun könnte, angefangen mit meinen Hausaufgaben, aber die will ich nicht machen. Ich will an die Wand starren und die Zeit vergehen lassen und gleichzeitig fühle ich mich unproduktiv, weil ich nur an die Wand starre. Es ist ein elender Kreislauf, der einfach nicht zu Ende gehen will.

Ich entscheide mich, Brielle zu schreiben. Ich will zwar nicht die Art von Person sein, die nie ohne jemand anderen auskommt, aber es ist ein langweiliger, verregneter Tag ohne Schule oder Arbeit, also mache ich eine Auszeit. Außerdem, füge ich in Gedanken an, weiß ich überhaupt nicht, was wir jetzt sind. Der Abend hat uns keine Chance gelassen, uns darüber zu unterhalten, also kann es auch gut möglich sein, dass das eine einmalige Sache war, über die wir nie wieder nachdenken werden.

was machst du grade 😴

Das sollte genügend Apathie einfangen, damit ich nicht wie eine nervtötende Freundin klinge, die jeden Schritt kontrollieren muss, aber gleichzeitig interessiert genug klingen, damit es nicht so aussieht, als würde ich nur schreiben, weil ich nichts Besseres zu tun habe. Ich werde nur ein paar Sekunden später mit einer Antwort beschert.

Brielle: mache mich gleich auf den weg zum sport mit den jungs

Ich: sport? an einem feiertag? hast du denn gar keine prinzipien im leben? ich muss sagen ich bin enttäuscht😨

Brielle: du wirst es sicherlich überstehen

Brielle: außerdem weiß mein körper nicht dass es feiertage überhaupt gibt also kann ich nicht einfach aufhören sport zu machen weißt du

Brielle: das würde vollkommen gegen die prinzipien gehen die ich nicht habe

Ich: wow und gerade als ich gedacht habe, du wärst eigentlich cool und ich könnte es mir erlauben mit dir in der öffentlichkeit gesehen zu werden. schätze ich muss dann die ganzen halloweensüßigkeiten allein essen

Brielle: ich bin mir sicher keine dieser süßigkeiten ist so süß wie du

Das unnatürliche Kichern, das meinen Mund verlässt, ist ein Zeichen dafür, dass das nicht nur eine einmalige Sache ist. Ich halte mit eine Hand vor den Mund und schicke ihr eine letzte Nachricht.

wenn du glück hast lass ich dir was übrig, dann kannst du morgen mal probieren

Und dann, weil ich mich entweder nicht im Griff habe oder weil es wie der richtige Abschluss wirkt, schicke ich noch einen Kussemoji hinterher.

💋

Brielle: morgen kann nicht schnell genug kommen 😍

Ich werfe mein Handy zur Seite, nur um es ein paar Sekunden später wieder mit den langen Fingern zwischen meiner Bettdecke hervorzuholen. Brielle ist zwar wieder offline (und auf dem Weg zum Sport, wie so ein Mensch, der sein Leben im Griff hat), aber ich erwische mich trotzdem dabei, wie ich einfach nur ihr Profilbild angucke. Es zeigt Brielle mit einem weißen Trikot mit einem blauen Ahornblatt darauf, einen Eishockeyschläger lässig über einer Schulter und ein Grinsen auf den Lippen. Dem Hintergrund nach schließe ich, dass sie in irgendeinem Park war. Obwohl ich Brielle nun so oft gesehen habe, kann ich nicht anders, als näher an das Bild zu zoomen und mir ihr Gesicht genau anzuschauen, die hellen braunen Augen, die kurzen schwarzen Haare, die kräftige Nase. Ich glaube, so schnell werde ich nicht satt von dem Anblick.

Stunden später (es können auch nur Minuten sein), rolle ich mich auf die andere Seite, weg vom Fenster, damit ich nicht ständig den viel zu leisen Regen beobachten muss. Mein Handy hängt mir warm zwischen den Fingern und noch immer verspüre ich keinen großartigen Drang, aufzustehen, oder irgendwas zu tun. Diesen Luxus kann ich mir im Gegensatz zu Quinn immerhin leisten, der jetzt wahrscheinlich irgendwas kochen oder putzen muss. Ich würde ja auch etwas kochen, wenn Mom nicht gesagt hätte, sie würde nachher was von der Kirche mitbringen. So bleibt mir einfach nichts anderes übrig, als ziel- und planlos herumzuliegen und Sauerstoff zu verbrauchen.

Mir fallen Quinns Worte zu den verschiedenen Sexualitäten wieder ein und ich entsperre mein Handy. In die Suchmaschine gebe ich 'unlabeled' ein. Einen Augenblick später bekomme ich dutzende Internetseiten vorgeschlagen, von Blogeinträgen, zu Urban Dictionary Erklärungen, zu Tumblr Posts und viralen Tweets, bis hin zu YouTube-Videos von Erklärkanälen oder queeren Content Creatorn. Ich klicke auf eines der Videos und überspringe die nervige Werbung, die noch nie dazu veranlasst hat, dass ich mich für ein Produkt interessiere.

Nach mehreren Minuten pausiere ich das Video und starre an meinem Handybildschirm vorbei auf die Wand mir gegenüber. Die Frau im Video hat so ziemlich das gleiche wie Quinn gesagt. Niemand schuldet dir ein Label, du schuldest niemandem ein Label und wenn es für dich richtig ist, kein Label zu nutzen, dann hat dir niemand etwas reinzureden. Ich bin nicht sicher, ob es für mich passt. Ich weiß jetzt, dass ich nicht ganz so straight bin, wie ich die letzten Jahre gedacht habe, aber bin ich deswegen unlabeled? Quinns andere Worte fallen mir ebenfalls wieder ein.

Ich schließe das Video und öffne Instagram. In die Suchleiste gebe ich Shawn Mendes ein. Bilder und Bilder und noch mehr Bilder fluten meinen Bildschirm, jedes Mal sehe ich welliges braunes Haar und ein kantiges Gesicht und ein gerades, weißes Lächeln und ich fühle – nichts. Ich weiß, dass Shawn Mendes ein hübscher Mann ist, ich weiß, dass sehr viele junge Frauen ihn vergöttern (ich weiß zumindest, dass Zoe mir mal von seinem neuen Song erzählt hat und dass sie sehr für seine Grübchen geschwärmt hat), aber das heißt nicht, dass ich ihn küssen will. Ich würde gerne wissen, welche Haarprodukte er benutzt, auch wenn die mir nicht wirklich viel bringen würden, aber mehr will ich nicht von ihm.

Ein Bild sticht mir jedoch besonders ins Auge. Es zeigt einen Ausschnitt aus einem Musikvideo mit ihm und Camila Cabello. Shawn Mendes erweckt keine Emotionen in mir, aber als ich Camila angucke, denke ich mir, dass ich nichts dagegen hätte, wenn sie mich auf ein Date einladen würde. Meine Finger kribbeln unangenehm, als ich über den Bildschirm streiche. Oh wow.

Ist es das, was Quinn meinte? Will er durch Shawn Mendes' Haare fahren, wenn er Bilder von ihm sieht und ich will Camila Cabellos Hand berühren, weil ich ihr Bild sehe? Sie ist eine sehr schöne Frau, ja, aber heißt das denn direkt, dass ich ...

Ich höre die Haustür und lasse beinahe mein Handy fallen. „Jesus Christ", fluche ich leise. Ich rapple mich aus dem Bett, gerade als die Stimme von Mom durch den Hausflur hallt.

„Hilf mir mal mit den Tüten!"

„Komme!", rufe ich eilig und lasse mein Handy sicherheitshalber auf dem Tisch liegen. Wenn ich schon im Geheimen Bilder von Frauen angucke, dann bin ich auch so schlau, die Beweise nicht direkt zu meiner Mutter zu tragen.

Mom steht im Hausflur, zwei schweraussehende Tüten in den Händen. „Da sind noch mehr im Auto", sagt sie, bevor sie mir die Tüten überreicht. „Bring die bitte in die Küche."

Mir bleibt keine andere Wahl, als das Gewicht zu stemmen. Was auch immer das alles ist, aber es sieht nicht so aus, als hätte sie nur ein Abendessen mitgenommen. Ich hieve die Tüten auf die Küchenstelle und inspiriere deren Inhalt. Das meiste darin sind Klamotten, die aussehen, als wären sie entweder gespendet oder von der Straße gesammelt worden. Einige sind löchrig und fallen fast auseinander, als ich sie aus der Tüte hole.

„Die hab ich aus der Kirchenspendenbox", sagt Mom, die mit zwei weiteren Tüten in die Küche kommt und diese auf den Boden stellt. „Pastor Jenkins sagt, die liegen da seit Monaten und keiner will sie haben, also wollte er sie wegschmeißen."

„Und warum hast du sie mitgenommen?", frage ich, während ich ein Shirt begutachte, das aussieht, als würde es höchstens einer Siebenjährigen passen. Es hat ein schreckliches Einhorn-Motiv, aber der Stoff ist weich und weist immerhin keine Löcher auf.

„Na, für dich", erwidert sie, als wäre das offensichtlich gewesen.

„Mom, nichts für ungut, aber da pass ich sicherlich nicht rein", meine ich lachend und halte mir das Einhorn-Shirt vor die Brust. Es bedeckt kaum meinen Oberkörper.

„Du sollst es nicht anziehen", sagt sie kopfschüttelnd. „Ich dachte, für deine Nähmaschine. Stoffballen sind teuer und manches davon kann man bestimmt noch wiederverwenden. Ich weiß ja nicht ganz, wie das alles funktioniert, aber bestimmt kannst du es zerschneiden oder so."

„Oh." Ich werfe einen weiteren Blick in die Tüte, dann wieder zu Mom. „Danke", erwidere ich überrascht.

Sie lächelt müde. „Jetzt kannst du dich nicht immer beschweren, dass ich dir nie was mitbringen würde. Damit kommst du bestimmt für ein paar Monate aus, oder?"

„Sicher, glaube schon. Wow, danke. Ich ..." Ich stocke und hole wieder Luft. „Ich hätte nicht gedacht, dass du an mich denken würdest."

Mom legt die Stirn in Falten. „Was soll das denn heißen? Du bist meine Tochter, selbstverständlich denke ich an dich."

„Ich weiß, ich meinte", ich gestikuliere mit der Hand auf die alten Klamotten, „ich dachte immer, du siehst nur ein dummes Hobby darin."

Für einen Moment ist Mom ruhig, dann fragt sie: „Ist es denn nur ein dummes Hobby?"

„Natürlich nicht. Ich liebe es!"

„Na siehst du. Warum sollte ich denn denken, dass es nur ein dummes Hobby ist, wenn du noch nie so getan hast, als würdest du es nicht gerne tun?" Sie geht einen Schritt auf mich zu, legt eine Hand um meine Schulter und zieht mich näher, sodass sie meine Schläfe küssen kann. „Meine kleine Schneiderin."

„Urgh, lass das", murmele ich mit warmen Wangen. „Ich bin keine Schneiderin. Ich bin höchstens ein Mädchen mit zu viel Zeit und einer Nähmaschine."

„Und ich wette jede Schneiderin hat irgendwann mal so angefangen", erwidert Mom und lacht. „Jetzt schaff mir diese ganzen Tüten aus der Küche, ich will das Essen vorbereiten. Es ist eine ganze Menge Lasagne übrig geblieben, die hab ich uns eingepackt."

Wenn es die Lasagne vom letzten Mal ist, dann weiß ich auch, warum das so ist, sage aber nichts. Stattdessen schnappe ich mir die Tüten und schleppe sie alle auf einmal die Treppe hoch. Meine Arme ächzen zwar nach der kurzen Anstrengung bereits, aber ich werde sicherlich nicht zwei Mal gehen. Auf dem Weg nach unten nehme ich noch einmal mein Handy zur Hand.

Ich schicke Quinn eine Nachricht.

ich habe mir bilder von shawn mendes angeguckt und will ihn immer noch nicht küssen aber camila cabellos sieht sehr küssbar aus. meinst du ich hätte eine chance bei ihr?

Da er wahrscheinlich noch keine Zeit hat, mir zu antworten, sperre ich mein Handy wieder, stecke es in meine Hoodie-Tasche und gehe dann wieder nach unten. Der Duft von warm gemachtem Essen liegt in der Luft und wenn meine Nase richtig liegt, dann ist das sehr viel Curry.

Jep. Definitiv diese Lasagne.


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