10. Brielle

Oh Girls, its happening, isnt it? eyeemoji

Kommentare oder Haare werden über Nacht nicht fachgerecht blondiert <3

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Es ist der Abend der Abende. Halloween.

Ich bin bereit dafür, die Zeit meines Lebens zu haben und, wenn es das Universum zulässt, die Hand eines hübschen Mädchens zu halten. Mehrmals habe ich kontrolliert, ob ich alles dabei habe, mehrmals hat man Dad mich daran erinnert, dass er mich um 24 Uhr abholen kommt und mehrmals habe ich nachgeschaut, ob ich wirklich den Weg zu Averys Haus schaffe. Als ich nun tatsächlich vor der Tür stehe und die Nerven sammle, kommt mir alles weit entfernt vor. Es ist, als würde ich aus weiter Ferne sehe, wie ich auf die Klingel drücke und dann warte, dass die Tür geöffnet wird.

Das Geräusch von näherkommenden Schritten im Haus bringt mich zurück in meinen Körper. Ich hole Luft und stähle mich auf den Anblick, aber nichts hätte mich auf Averys glänzende Augen vorbereiten können, als sie mir endlich gegenübersteht.

„Hi", sagt sie atemlos klingend. Ist sie zur Tür gerannt?

„Hi", erwidere ich lahm.

Avery sieht göttlich aus und das ist keine kitschige Metapher. Sie trägt etwas, das ich aus dem Geschichtsunterricht als Chiton in Erinnerung habe, ein sandfarbenes Gewand, das wie ein Kleid über ihrem Körper hängt und mit einem goldenen Gürtel aus Seil gebunden ist. Die Armlöcher sehen grob geschnitten aus, mit Fäden, die hier und da herausstechen, aber so wie ich Avery kenne, ist das wahrscheinlich absichtlich. Ihre schwarzen Locken sind buschig und breitgefächert, mit Glitzerspray versehen und glänzen im Licht der Straßenlaternen wie der sternenklare Nachthimmel. Eine Blätterkrone aus purem Gold – wahrscheinlich Sprühfarbe – sitzt auf ihrem Kopf und verleiht ihr ein noch aristokratischeres Aussehen. Mehrere goldenen Armreifen zieren ihre Handgelenke und ein glänzender Ring mit einem blauen Stein steckt an ihrer linken Hand.

Ich bin sprachlos und fühle mich in meinem eigenen Kostüm wesentlich underdressed. Hätte ich gewusst, dass Avery göttliche Waffen auspackt, hätte ich mir mehr Mühe gegeben. Neben Averys griechischer Göttin sehe ich in meinem Poison Ivy-Kostüm wie eine billige Topfpflanze aus. Zugegeben ist es aus dem Internet und die Qualität lässt zu wünschen übrig, aber immerhin erkennt man, was ich sein soll.

„Du siehst cool aus!", sagt Avery lächelnd. „Ich wusste gar nicht, dass du auch auf so Comic-Kram stehst."

„Nicht unbedingt", erwidere ich und kann meine Augen nicht von der freien Haut an Averys Schlüsselbein nehmen. „Aber ich mag Ivy. Sie war mein Bi-Erwachen."

„Wirklich?"

„Oh, absolut. Dieser Cartoon-Bösewicht hatte kein Recht darauf, so heiß zu sein, aber mein zehnjähriges Ich war sehr dankbar." Ich grinse, als sie mich mit großen Augen betrachtet. „Was, willst du mir sagen, du hattest etwa keinen Oh mein Gott-Moment, als du jünger warst? Keine Scarlett Johansson im Fernsehen, keine Shego bei Kim Possible?"

Avery zieht die Augenbrauen zusammen. „Nicht unbedingt. Ich meine, ich wollte sehr lange wie Zendaya sein, aber ich meine, wer will das nicht?"

Ich verstecke mein Lächeln. Das hätte ich mir eigentlich denken können. „Fair. Sollen wir dann los?"

„Nur zu gerne." Avery ruft über ihre Schulter: „Ich bin dann weg", dann schnappt sie sich eine Tasche, die auf einer Kommode an der Tür liegt und tritt zu mir in die kühle Abendluft.

Austins Haus ist kaum drei Straßen von Avery entfernt, deswegen können wir die kurze Distanz zu Fuß gehen. Wir gehen in angenehmer Stille, mit ihrer Hand nur Zentimeter in der Luft neben meiner schwebend. Wenn ich wollte, dann könnte ich ganz einfach danach greifen. Vorsichtig lasse ich meine Finger über ihre Haut streifen, nur für einen Moment und warte auf ihre Reaktion.

Ich kann nur sehen, wie ihre Augen zur Seite huschen und dann schnell wieder auf die Straße achten. Das Lächeln kämpft sich automatisch auf meine Lippen. Ich lasse meine Finger mit Absicht immer näher schwingen, halte sie aber weit genug entfernt, damit ich sie nicht wieder berühre. Die Wärme ihrer Haut dringt trotzdem bis an meine Hand, sodass ich mir sicher bin, dass sie es auch spüren kann.

Als wir Austins Haus immer näher kommen, schwingt kaum hörbar Musik in der Luft. Das Echo von bebendem Bass dröhnt um uns herum, als sie vor der Einfahrt stehenbleiben und die Lichter und Dekorationen aufsaugen. Mehrere Fenster vom Haus sind aufgerissen, sodass Musik und Stimmen noch lauter vernehmbar sind, Fake-Spinnenweben kleben überall auf dem Weg und in den Hecken, Gespenster aus Papier kleben am Zaun und kleine schwarze Plastikspinnen bedecken den Boden. Eine Girlande aus Kürbissen hängt über der Tür und bereits jetzt stehen Flaschen und rote Becher auf den Fensterbänken, wie in die Höhe gestreckte Finger.

Als bräuchten wir eine Vergewisserung, dass wir wirklich richtig sind, erscheint die Silhouette eines Jungen in einem der Fenster in Nähe des Eingangs. Er erblickt uns und hebt die Hand. „Yo, kommt rein!", ruft die Stimme von Austin.

Einen Moment später verschwindet er aus meinem Sichtfeld, nur um dann in der Eingangstür aufzutauchen. Austin trägt eine zerrissene Version vom Spiderman-Kostüm, mit falschen Blutflecken im Gesicht und einer erschreckend echt aussehenden Schürfwunde am Hals. Durch die Risse an den Schultern, Armen und der Hüfte kann man seine bronzene Haut sehen.

„Na endlich, kommt rein, kommt rein!" Er hat einen gefüllten Plastikbecher in der Hand und der unmissverständliche Geruch nach Bier dringt an meine Nase. Die roten Flecken auf Austins Gesicht bestätigen meine Theorie, dass das sicherlich nicht sein erstes Getränk ist. Er tritt zur Seite, damit wir reinkommen können. „Was stellst du denn da?", fragt er an Avery gewandt.

„Aphrodite", erwidert sie mit leicht säuerlichem Unterton. „Griechische Göttin der Liebe", fügt sie auf seinen verwirrten Gesichtsausdruck hinzu. „Die Frau, die aus einer Muschel am Strand wächst? Dieses sehr berühmte Gemälde?"

„Keine Ahnung wovon du redest", gibt er mit zuckenden Schultern zu und schlägt die Tür hinter mir zu. „Aber ist ja auch egal. Schnappt euch was zu trinken und dann mischt euch unters Volk." Austin klopft mir auf die Schulter, grinst und verschwindet dann durch eine Tür, aus der noch lautere Musik dröhnt.

„Unglaublich", murmelt Avery leise. „Man könnte meinen, wir hätten nicht seit Jahren den gleichen Unterricht."

„Falls es dich beruhigt, ich habe sofort erkannt, was du darstellen sollst", erwidere ich. „Wobei ich sagen muss, dass du das Original in Sachen Schönheit um einiges überragst."

Avery starrt mich einen Moment an, dann schnellt ihr Kopf in Richtung Küche, ein weißgefließter Raum mit einer breiten Kücheninsel in der Mitte, die voller Flaschen und Becher steht. „Willst du auch was trinken?", fragt sie, während sie voran geht. „Ich könnte uns einen Cocktail mischen, der uns nicht sofort betrunken macht."

„Nur zu gerne", erwidere ich mit unterdrücktem Grinsen. Ich weiß, ich sollte das nicht genießen, aber es macht irgendwie Spaß, dass ich Avery so aus dem Konzept bringen kann. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, was ich damit bezwecke, denn ich weiß immer noch nicht, wo ich bei ihr stehe. Ich weiß, was ich möchte und was ich fühle, aber was ist mit ihr?

Ich folge Avery in die Küche und schaue dabei zu, wie sie die auf der Insel stehenden Flaschen inspiziert. Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck schiebt sie ein paar der Getränke hin und her, bis sie schließlich zwei rote Becher zur Hand nimmt, sie nebeneinander stellt und eine Flasche mit klarer Flüssigkeit zur Hand nimmt. Ich erkenne sie sofort, auch wenn ich nicht sagen kann, dass ich schon einmal etwas davon gekostet habe.

„Wodka?", frage ich. „Das Zeug ist doch stark, oder nicht?"

Avery zuckt mit den Schultern, ehe sie zwei kleine Schlucke in die Becher füllt. „Werden wir wohl herausfinden." Sie nimmt eine Glaskaraffe mit Orangensaft zur Hand und gießt auch davon etwas in unsere Getränke, bis sie alles mit einem fruchtig aussehendem Alkohol abschließt, den ich nicht kenne. „Das sollte was werden", sagt sie, nimmt beide Becher und überreicht mir dann einen. „Auf diesen Abend."

„Auf diesen Abend", wiederhole ich, gucke ihr direkt in die Augen und nehme einen Schluck. Der Alkohol brennt auf meiner Zunge und steckt meinen Rachen in Brand. Avery mir gegenüber verzieht ebenfalls das Gesicht, ehe sie sich kurz schüttelt.

„Oh Gott, das schmeckt widerlich", meint sie, bevor sie den Becher zum Waschbecken bringt und den restlichen Inhalt in den Abfluss kippt. „Wir tun so, als hätten wir das nie getrunken."

„Vielleicht bleiben wir lieber bei Bier", erwidere ich mit kribbelndem Mund, nehme noch einen kleinen Schluck, bevor mein Drink ebenfalls verschwindet.

„Oder Saft", murmelt Avery, als sie sich ein Trinkpäckchen aus einem der Schränke greift.

Ich grinse, schnappe mit eines der billigen Tankstellenbiere und öffne die Dose mit einem erfrischend klingendem Zischen. Das Bier brennt wesentlich weniger in meinem Rachen und hinterlässt lediglich einen bitteren Beigeschmack auf meiner Zunge, der mich aber von innen heraus wärmt. „Willst du tanzen?", frage ich mit neugefundenem Mut.

Avery presst die Lippen zusammen, während sie zuckrigen Saft aus dem Strohhalm saugt, dann nickt sie zaghaft. „Ich warne dich aber jetzt", sagt sie, „ich kenne nur zwei Tanzmoves. Die peinliche beste Freundin, die ich nur dann auspacke, wenn ich Quinn blamieren muss und die Jazz Hands."

„Keine Sorge, mein Dad und ich haben so viel Dancing with the Stars geguckt, ich glaube, ich könnte die Show jetzt sogar selbst gewinnen." Ich strecke meine Hand aus und, zu meiner Überraschung, ergreift Avery sie ohne nachzudenken. Warm und weich streifen ihre Finger über meine. Ihr Blick streift meinen für einen Moment, bevor sie diejenige ist, die mich schließlich aus der Küche in Richtung Wohnzimmer zieht, wo ein Großteil der Partygäste sich versammelt hat.

Eine Musikanlage ist neben der Tür aufgestellt und Austin ist gerade dabei, ein neues Lied auszuwählen. Die meisten Möbel, die wahrscheinlich sonst im Wohnzimmer stehen, sind entweder verschwunden oder an die Wand auf der anderen Seite geschoben worden. Ein breites, weiches Sofa ist im Moment von Zoe, Nate und Finnley in Anspruch genommen. Zoe trägt ein rosarotes Kleid und eine juwelenbesetzte goldene Krone in den Haaren, die mir den Eindruck erwecken, dass sie als Prinzessin Peach geht. Nate sieht aus, als wäre er vom Cover eines Business-Magazins getreten, mit schwarzem Anzug und schicken Schuhen, darüber trägt er allerdings einen weißen, halbdurchlässigen Regenponcho. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich als Patrick Bateman aus American Psycho verkleidet hat, auch wenn ich seine Axt nirgends entdecken kann.

Finnley hat sich eine blutige Eishockeymaske auf die blonden Locken gesteckt und braucht damit nicht mehr, damit ich ihn als Jason Voorhees erkenne, den Killer aus den Friday the 13th Filmen. Ein Klassiker, der sogar in ebenjenem Moment auf dem Flatscreenfernseher an der Wand läuft. Kaum einer beachtet den Film, zu sehr sind sie mit trinken, tanzen und lachen beschäftigt, aber ich bemerke, dass Finnley trotz der Lautstärke seine Augen nicht von der Mattscheibe nimmt.

Girlanden mit Fledermäusen und Gespenstern sind von der Decke aus den Raum gespannt und das schummrige Licht gibt dem ganzen die perfekte Atmosphäre. Vor dem Fenster beginnt der Mond aufzugehen.

„Ganz schön eng hier", murmelt Avery, als wir uns an eine freie Stelle im Raum begeben. Sie hat ihr Trinkpäckchen fast geleert und hält es mit der freien Hand wie einen Anker im Wasser umklammert. Ihre andere Hand hat immernoch meine Finger umklammert. „Hätte nicht gedacht, dass doch so viele Leute kommen würden."

Ich folge ihrem Blick durch den Raum. Neben Nate, Zoe und Finnley entdecke ich auch Lucas (er trägt die schwarze Variante vom Superman-Kostüm) und Robin (wie eine Mumie in zerrissene, schmutzig-weiße Mullbinden gewickelt), sowie etliche andere unserer Klassenkameraden, mit denen ich aber nicht genug zu tun habe, damit ich mich darüber freue, sie zu sehen. Trotz der Fülle des Hauses, fällt es mir auf, dass Quinn nicht da ist und ich muss daran denken, dass er jetzt wahrscheinlich zuhause in seinem Zimmer hockt und die Hausaufgaben für seine Stiefbrüder macht. Immerhin haben die sich auch nicht blicken lassen.

Avery lacht leise, wodurch ich ihr wieder die Augen zuwende. „Sorry", sagt sie. „Ich musste grad nur daran denken, wie absolut fehl am Platz Quinn hier sein würde. Ich glaube, ich habe ihn noch nie auf einer Party gesehen und bin mir fast sicher, dass ich ihn persönlich zu seiner schleifen müsste, damit er hingehen würde."

„Die einzige Lösung dafür, wäre doch, dass du selbst die Party schmeißt", erwidere ich. „So steht es in seiner Pflicht als dein bester Freund, dass er auftauchen und bis zum Ende bleiben muss."

„Und am nächsten Tag aufräumen hilft", fügt Avery nickend hinzu. „Hey, gute Idee. Wenn es sich anbietet, dann schmeiß ich nächstes Jahr einfach die Halloween-Party und dann muss er kommen."

„Ich glaube", sagt Austin plötzlich neben uns, „das wirst du auf übernächstes Jahr verschieben müssen." Sein Atem riecht nach Bier, aber seine Augen glänzen unter dem schummrigen Licht. „Den Platz im nächsten Jahr hat sich Lucas schon gesichert."

„Ach verdammt", meint Avery.

„Keine Sorge, ich erinnere dich in zwei Jahren daran, damit du es nicht vergisst", sage ich lächelnd.

Austins Blick fällt auf unsere verschränkten Finger und für den Bruchteil einer Sekunde kann ich seine Mundwinkel zucken sehen, dann sieht er zur Seite in Richtung Sofa. „Wenn ihr mich entschuldigt, ich werde jetzt dafür sorgen, dass auf meiner Party nicht nur herumgelungert wird."

Ich beobachte, wie Austin verschwindet und dann seine Freunde mit schwingenden Armen vom Sofa verscheucht. Er schubst Nate und Finnley auf den Boden, lauthals lachend und mit einem alkoholgetränkten Grinsen auf den Lippen. Anstatt Zoe ebenfalls von der Couch zu werfen, bleibt er vor ihr stehen und hält ihr wie ein Gentlemen die Hand hin, mit kleiner Verbeugung und allem.

Zoe lacht so laut, dass es selbst die Musik übertönt, aber sie lässt sich von Austin auf die Füße und dann in die Raummitte ziehen. Sie beginnen einen wilden unbekannten Tanz, mit wirbelnden Gliedmaßen und lautem Gelächter, der jeden in der Nähe dazu bringt, in Sicherheit zu gehen.

„Ich wette, wenn er sich keinen Mut angetrunken hätte, dann würde er sie niemals zum Tanzen auffordern", sagt Avery schmunzelnd.

„Ich brauche dafür keinen Alkohol", erwidere ich und drücke Averys Hand.

Sie lächelt und trifft meinen Blick. „Schätze nicht. Wobei ich das hier auch nicht tanzen nennen würde."

„Oh, ich wollte höflich sein und dich austrinken lassen", meine ich achselzuckend. Mit der freien Hand nehme ich Avery das Trinkpäckchen aus der Hand, stelle es zusammen mit meinem zur Hälfte ausgetrunkenen Bier auf einen Tisch in der Nähe und grinse sie dann an. „Würdest du mir die Ehre erweisen?"

„Na gut." Avery lacht, als ich sie mit zur Tanzfläche ziehe. Es spielt ein schneller Song, mit aggressiven Lyrics, die dazu aufrufen, sich vollkommen hinzugeben.

Ich lege meine Hand an Averys Hüfte, die bei meiner Berührung kurzzeitig zusammenzuckt, die andere behalte ich mit ihrer verschränkt. Obwohl ich kaum Tanzerfahrung außerhalb des Fernsehens habe, beginne ich zu führen, vertraue dabei vollkommen meinem Bauchgefühl und achte nicht wirklich darauf, wohin ich trete.

Averys Augen sind tiefbraun, als ich in sie blicke, dunkel wie ein teurer Holztisch, aber mindestens doppelt so wertvoll. Ich versuche jede einzelne Farbe in ihnen zu erkennen, jeden Ring zu finden, jeden Fleck zu sehen, den es gibt, zähle ihre Wimpern und präge mir jedes Detail ihrer glänzenden Haut ein. Ihre lockigen Haare wackeln bei jeder schneller Bewegung hin und her, aber die goldene Krone aus ineinander verschlungenen Blättern bleibt an Ort und Stelle. Unter dem Licht glitzern ihre Haare wie funkelnde Edelsteine in der Dunkelheit einer unentdeckten Höhle. Ich könnte mich daran satt sehen.

„Was ist?", fragt sie nach kurzer Zeit. „Du starrst mich so an."

„Ich", fange ich an, aber presse die Lippen aufeinander. Obwohl ich ihre Hand halte, obwohl wir so eng aneinander stehen wie noch nie, obwohl ich ihren Atem auf meiner Haut spüren kann, will ich nicht zu viel sagen. „Ich habe nur dein Make-Up bewundert."

„Oh." Mit einem scheuen Lächeln meidet sie meinen Blick. „Ich wusste nicht, dass du auf sowas achtest."

„Ich kann mich für Make-Up und Sport interessieren", gebe ich zurück.

„So meinte ich das nicht", erwidert sie. „Noch nie hat sich jemand wirklich die Mühe gemacht, auf mein Make-Up zu achten. Es ist ..." Sie pausiert kurz, leckt sich über die Lippen und sagt dann lächelnd: „Es ist schön, dass jemand es zur Abwechslung mal tut."

„Vielleicht bringst du mir mal bei, wie du es machst", antworte ich leise. „Ich fürchte, ich bin selbst ein hoffnungsloser Fall, wenn es darum geht, mich selbst zu schminken."

Avery trifft meinen Blick. „Ich kann dir bestimmt das ein oder andere beibringen."

„Das würde mich freuen."

Aus dem Lautsprecher dringt ein neues Lied, noch schneller als das davor. Ich merke, wie ich langsam unsicher werde und immer wieder einen Blick auf meine Füße werfen muss, damit ich Avery nicht die Zehen breche. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie Nate mit einem mir unbekannten Mädchen tanzt, Finnley ist verschwunden und Austin und Zoe sind dazu übergegangen, sich gegenseitig bei immer wilderen, ausgefalleneren Tanzmoves anzufeuern.

Meine Hände sind unangenehm warm. Ich versuche nicht daran zu denken, dass Avery das fühlen kann. Ein feuchter Film bildet sich langsam auf meiner Stirn, aber der kommt nicht durch die Anstrengung. Die Muskeln in meinen Beinen sind weitaus belastendere Sachen gewohnt, so ein wenig Tanzen bringt mich nicht zum Schwitzen. Avery so nah zu spüren, meinen eigenen rasenden Puls in meinen Ohren zu hören allerdings schon. Ich lecke mir über die Lippen.

„Du machst das gut", sagt Avery schließlich, als ein dritter Song anspielt, dieses Mal etwas langsamer, aber noch immer mit grölenden Stimmen und lächerlich lauten Instrumenten.

Ich kann das Vibrieren des Schlagzeugs in meinen Füßen spüren, als würde ich direkt neben der Band stehen. „Ich improvisiere viel", antworte ich langsam, darauf bedacht, ihr nicht auf die Zehe zu treten. „Eigentlich habe ich keine Ahnung, was ich tue."

„Meinst du ich?", fragt sie lachend. „Mich hat noch nie zuvor jemand zum Tanzen aufgefordert, ich bin überrascht, dass ich dir bisher noch nicht auf den Fuß getreten bin."

„Selbst wenn, dann könnte ich einer griechischen Gottheit doch nicht böse sein", erwidere ich grinsend. „Zeus würde mich bestimmt direkt hier und jetzt frittieren, wenn ich etwas gegen dich sage."

„Das kann natürlich sein und wenn ich du wäre, würde ich mein Glück nicht herausfordern, allerdings ..." Avery lässt eine Pause, in der der Chorus und die zweite Strophe vom Song vergehen. „Allerdings glaube ich, dass er eine Ausnahme machen würde, weil ich sonst sehr traurig wäre, wenn du frittiert werden würdest. Und es wäre doch ein unschönes Ende für diesen Abend, wenn mir mein – mein Date direkt vor den Augen wegbrutzelt."

Ich verpasse das kurze Stocken in ihrer Stimme nicht, finde aber auch keine Antwort. Zu sehr ist mein Kopf leergefegt, mein Mund trocken wie die Wüste. Averys Finger kribbeln in meinen, ihre warme Haut bringt meine zum Brennen. Ich bin mir sicher, dass sie hören muss, wie schnell mein Herz gegen meinen Brustkorb rast. Wieso muss ich auch so reagieren? Wieso muss mein Körper mich verraten, wenn es doch eigentlich ein wunderbarer Moment sein soll? Die letzten Woche war nie ganz klar gewesen, wie wir hierherkommen würden und jetzt habe ich eine Antwort, die ausreichen sollte, um mich in die Luft zu heben, aber mein Körper entscheidet sich stattdessen dazu, jede Funktion auf die doppelte Geschwindigkeit zu stellen. Ich hole tief Luft, bevor ich schließlich sage: „Oh."

„Oh?", fragt Avery leise. „Oh wie in Oh Gott, warum sagt sie das, das ist doch kein Date oder Oh wie in Oh wow ich bin vollkommen sprachlos, weil ich schlaflose Nächte damit verbracht habe, mir vorzustellen, wie dieser Abend verlaufen wird und jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll." Sie lacht kurz und schnell. „Denn ich gehe definitiv mit der zweiten Option." Als ich weiterhin nichts sage (mein Hirn scheint sich ausgeschaltet zu haben, denn alles, worauf ich mich konzentrieren kann, sind Averys geschwungene Lippen, die sich beim Reden wie in einem Tanz bewegen), fügt sie an: „Wenn ich nervös werde, dann rede ich sehr viel."

„Und schnell", erwidere ich schließlich, mit dem Anflug eines Lachens auf meinen Lippen. „Wenn ich nervös bin, dann höre ich auf zu reden."

„Perfekte Ergänzung. Ich laber alle voll und du bleibst still." Ihre Mundwinkel zucken.

Ich habe den Drang, meine Hände wegzuziehen und Platz zu schaffen und gleichzeitig will ich noch näher. Mein Herz rast. Meine Hände sind heiß und mein Nacken eiskalt. „Ich wünschte", sage ich langsam, „ich könnte beim nächsten Spiel dabei sein. Wenn ich wüsste, dass du mich anfeuerst, dann würde ich bestimmt jedes Tor machen."

„Ich hab dich noch nie spielen sehen", erwidert Avery. „Woher weißich, dass du nicht eigentlich total die Niete bist?"

„Können diese Augen lügen?", frage ich leise, meine Stimme kaum mehr als ein leiser Akkord in der Musik, die um uns herum schwebt.

Avery betrachtet mich ausgiebig, studiert mein Gesicht wie ein Kunstwerk und lächelt schließlich. „Ich weiß nicht", sagt sie. „Versuch es."

Ich lache und im selben Moment grinst sie. „Ich habe überhaupt keine gute Zeit", sage ich. „Dieser Tanz ist öde und du bist eine – eine schlimme Begleitung."

„Lüge." Sie verschwendet keine Sekunde und – vielleicht ist es auch meine Einbildung – lehnt sich etwas näher. „Ich glaube ja, du amüsierst dich wie sonst noch nie in deinem Leben. Außerdem bin ich die liebenswerteste Begleitung, die man überhaupt haben kann. Wusstest du, dass ich in der Kirche meiner Mom mal dafür gelobt wurde, dass ich so ein höfliches, freundliches Mädchen bin, als wir wegen einer Taufe da waren? Ich habe jedem die Hand gegeben und der Familie meine Glückwünsche erteilt, ohne dass Mom mich auffordern musste. Ich war die höflichste zehnjährige, die diese Kirche je gesehen hat."

„Wahrscheinlich hattest du auch damals den besten Modegeschmack von allen", antworte ich.

„Oh, selbstverständlich, wobei einige dieser älteren Frauen echte Ikonen sind. Als ich noch zur Kirche gegangen bin, habe ich jeden Sonntag die genialsten Outfits überhaupt gesehen, es war der Wahnsinn. Wenn ich Inspiration für ein neues Stück brauche, dann muss ich eigentlich nur zur Sonntagsmesse gehen und mir die Teilnehmerinnen angucken." Sie presst die Lippen zusammen. „Ich rede wieder viel."

„Hör nicht auf", sage ich. „Ich könnte dir den ganzen Tag zuhören." Bestärkend drücke ich mit meinem Finger ihre Haut und werde mit einem kurzen Schauer ihrerseits belohnt.

„Okay", murmelt sie. „Das ist echt süß."

„Überrascht?"

„Ein wenig", gibt sie zu. „Ich würde dich nicht auf den Typ schätzen, der süße Dinge sagt, um jemanden zu beeindrucken."

„Mein Aussehen ist dabei wahrscheinlich eher ein Hindernis."

„Das meinte ich nicht." Avery findet meinen Blick, ihre dunkelbraunen Augen wie erdene Diamanten. „Ich mag es wie du aussiehst."

Wenn ich davor schon nervös und mit erhöhtem Puls in Austins Wohnzimmer gestanden habe, dann ist das kein Vergleich mehr dazu, wie mein Herz jetzt in den Turbomodus verfällt. Ich bin mir sicher, dass es die Musik übertönt, die immernoch in meinen Ohren dröhnt. „Oh", kann ich nur wieder sagen.

„Oh?", erwidert sie langsam.

„Oh", stimme ich zu. „Ich bin auch sehr großer Fan von deinem Aussehen."

Ein dunkelroter Schimmer legt sich über Averys Wangen. „Das ist sehr nett von dir."

„Ich sage das nicht aus Nettigkeit", erwidere ich. „Ich glaube, das weißt du, oder?"

Avery beißt sich auf die Unterlippe, ehe sie nickt.

„Wenn ich den falschen Eindruck habe, dann sag es am besten jetzt, ansonsten frage ich dich in den nächsten Minuten, ob ich dich küssen darf." Ich bin nicht sicher, woher ich den plötzliche Anflug an Kühnheit herhabe, aber er hilft mir, damit ich Averys Blick nicht ausweiche. Ihre Augen huschen über mein Gesicht, bleiben an meinen Lippen hängen und gehen dann langsam wieder nach oben.

„Ich würde Ja sagen", antwortet sie schließlich mit leiser, kaum hörbarer Stimme.

Irgendein Lied spielt im Hintergrund, das ich nicht kenne, mit Wörtern, die ich nicht verstehe, aber das könnte mich in diesem Moment nicht weniger interessieren. Ich verstärke den Griff um Averys Finger und als sie sich nicht zurückzieht, lehne ich meinen Kopf etwas nach unten. Ihre Haare berühren meine Stirn und schicken einen kitzelnden Schauer meinen gesamten Körper hinab. Anders als in Filmen bleibt die Zeit nicht stehen. Ich bin mir der voranschreitenden Zeit sehr wohl bewusst, als ich Averys Lippen mit meinen Augen fokussiere, bin mir mehr als bewusst, dass der Song im Hintergrund weiter spielt, dass Austin und Zoe irgendwo neben uns weitertanzen, dass der Mond vor dem Fenster immer höher steigt.

Zeit hält nicht an, als ich schließlich die Augen schließe und einen etwas unbeholfenen Kuss auf Averys Lippen platziere. Es ist warm und süß und kurz. Ich ziehe mich zurück, bevor ich sie verschrecken kann, aber werde nur mit einem Anblick von göttlicher Schönheit belohnt, als ich die Augen wieder öffne. Averys eigene Augen sind halb geschlossen, die Wimpern flattern durch ihren Atem, der aus halb geöffneten Lippen strömt. Ich kann noch immer das tiefe Braun hinter den Lidern erkennen.

Sie lehnt sich immer noch vor, als sie fragt: „War das alles?"

„Soll ich denn weitermachen?"

Averys Finger lösen sich aus meiner Hand und sie zieht einen Moment später am Kragen von meinem Kostüm. „Von meinem ersten Kuss erwarte ich etwas mehr", sagt sie, bevor sie mein Gesicht auf ihre Höhe zieht und mich küsst.

Der Abend aller Abende hat kaum begonnen und schon spüre ich die süß-weichen Lippen des schönsten Mädchens der Schule auf mir und habe ihre Finger fest in meinen. Wen kümmert es denn, dass wir inmitten unserer Klassenkameraden stehen und dass wir uns erst zwei Monate kennen? Averys Kuss fühlt sich so leicht, so vertraut und so warm an, als würde ich sie bereits mein Leben lang kennen. Ihre Hand passt so in meine, als wäre sie dafür gemacht worden, von ihr gehalten zu werden. Alles an diesem Abend ist so viel besser, als ihn mir ausgemalt habe und ich denke, jetzt habe ich die endgültige Antwort darauf, ob wir die Party als Freunde oder mehr betreten haben.

Eine einfache Freundin küsst man nicht so, als würde die Welt jeden Moment enden und eine einfache Freundin küsst man nicht so, als wären wir gänzlich allein, ungestört, in einer zeit- und raumlosen Hülle gefangen. Avery schmilzt gegen mich. Ich zergehe unter ihrer Berührung. Sterne könnten um uns herum zu Boden fallen, wir würden es nicht merken. Wir sind keine Freundinnen mehr.

Jetzt sind wir mehr.


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