Kapitel 9.
Wir sitzen in der U-Bahn. Häuser rasen an uns vorbei, bis sich wieder die dunkle Wand vorschiebt, weil wir in einen Tunnel fahren. Der Wind bläst durch die wenigen geöffneten Fenster und lässt mich schaudern. Zwischen Phil und mir herrscht eine mehr unangenehme Stille.
Ich hole mein Handy aus der Tasche, um wenigstens etwas zu tun zu haben. Meine Hände sind feucht, vom Regen und vor Nervosität. Ich ertappe mich, wie ich mir heimlich mit der Zunge über die Lippen fahren, um den Kuss noch einmal zu schmecken. Mich noch einmal an das Gefühl zu erinnern. Das vibrieren meines Handys reisst mich aus meinen Gedanken.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Unwillkürlich durchfährt mich ein kalter Schauder. Wer kann das wohl sein? Ich tippe die Nachricht an und mein Atem geht etwas schneller. Meine leicht zitternden Finger drehen mein Handy leicht zu Seite, soweit, dass Phil nichts mehr sehen könnte. Wenn er überhaupt wollte.
'Warum hörst du nicht auf uns? Geh mit anderen Leuten shoppen! Aber nicht mit Phil. Er ist verdammt noch Mal gefährlich. Ich kann dir nicht sagen, warum. Aber du wirst es früh genug erfahren. Wahrscheinlich zu früh.'
Haben sie den Kuss gesehen? Ich weiß sofort, dass es Jay ist, der mir diese Nachricht gesendet hat. Was werde ich noch erfahren? Ich weiß keine Antwort darauf. Woher hat er überhaupt meine Nummer?
Meine nassen Haare kleben mir im Gesicht und scheinen weiß zu schimmern. Weiß? Bin ich denn jetzt völlig verrückt?! Doch es stimmt. Als ich mir eine Strähne zwischen die Finger nehme, und sie zwirbele, sehe ich, dass sie wirklich weiß schimmert. Ich nehme noch eine andere Strähne in die Hand, doch entdecke daran nichts besonderes. Hastig stecke ich die weiße Strähne hinters Ohr, grade rechtzeitig, damit Phil sie nicht sieht.
Die U-Bahn hält mit einem Ruck an und wir stehen auf. Meine Klamotten tropfen nass, und fühlen sich schwer an. Beim Internat angekommen, seufze ich auf. Auch Phil scheint erleichtert endlich wieder hier zu sein. Er stößt die schwere Eingangstür mit einem Seufzer auf und will grade reinmaschieren, als uns Jay entgegen kommt. Seine rot-blonden Haare leuchten Matt im Dämmerlicht des Flures. Phil ignoriert ihn, und geht gradewegs an ihm vorbei.
"Ich geh schon Mal vor, Schatz", er zwinkert mir zu und betont dabei das Schatz auffällig mit Blick auf Jay. Dann lässt er Jay und mich alleine. Doch er geht nicht darauf ein, dass Phil mich grade Schatz genannt hat.
"Du musst jetzt unbedingt mitkommen", flüstert Jay panisch und ich sehe, wie ihm eine Schweißperle die Stirn hinunter läuft. Er atmet schnell und in seinen Augen sehe ich Angst.
"Wohin?", plötzlich werde ich auch panisch und meine Hände beginnen, zu schwitzen. Er fasst mich an der Hand und ich lasse mich mitziehen. "Bitte stell' keine Fragen. Du musst jetzt einfach mitkommen. Es ist Zeit."
Fragend sehe ich ihn an, weiß jedoch, dass er mir keine Antwort darauf geben wird. Wir laufen in die Küche, die bei ihrem leeren Anblick fast unheimlich erscheint. Jay sieht sich um, als wolle er sicher stellen, dass wir alleine sind. Dann macht er eine Handbewegung, die mir bekannt vorkommt, ich aber nicht zuordnen kann, und ein kleines Flämmchen lodert auf seinem Zeigefinger auf. Ich erstarre vor Schreck und will grade etwas sagen, doch er hält mir den Mund zu.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top