Kapitel 2

Als ich wieder zu mir komme, friere ich längst nicht mehr. Ich habe bloß so ein drückendes Gefühl auf der Haut. Als ich meine Augen öffne, sehe ich, dass mindestens fünf Wärmflaschen auf mir liegen und ich beginne langsam zu schwitzen.

"Kind! Endlich wachst du auf!", vernehme ich die Stimme von meiner Tante. "Was machst du denn für Sachen?! Du sollst dich schnell an einen Lehrer wenden und nicht 2 Stunden warten, bis du halb tot bist. Diesmal war es wirklich knapp. Und ich bin extra aus Australien angereist. Musste meine Geschäftsreise unterbrechen, wegen dir!"

Sie hasst Kinder. Das denke ich schon immer. Doch sie ist die einzige Person aus meiner Familie, die ich kenne. Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Mein Vater hat Selbstmord begangen und mir nichts gelassen. Nicht mal eine Nachricht. Er hat mich nicht geliebt. Ich bin mir sicher. Meine Mutter hätte das vielleicht, doch das Leben hat ihr nicht erlaubt, mich kennen zu lernen und hat sie mir genommen, bevor ich die Welt erblickte.

"Ist jetzt wieder alles gut?", frage ich und merke dabei, wir sehr meine Stimme zittert. Sie nickt. "Kannst du mich bitte wieder ins Internat bringen?" Wieder nickt sie und ich betrachte sie zum ersten Mal seid Monaten wieder. Ihre dunkel-blonden Haare hat sie streng mit einem Dutt nach hinten gebunden. Sie trägt roten Lippenstift und die Falten in ihrem Gesicht lassen sie streng aussehen. Ich schließe die Augen noch einmal. Sie muss wohl denken, ich sei eingeschlafen, denn sie murmelt vor sich hin. "Dieses Kind...Da ist es schon einmal zu Hause, und es will gleich wieder weg."

Zuhause... Nein. Hier ist nicht mein Zuhause. Mein Zuhause ist im Internat. Ich lebe schon so lang dort.

Wieder im Internat angekommen, springe ich sofort aus dem Auto und will weglaufen, ohne weiteres. Doch meine Tante hält mich fest.

"Hier geblieben", sagt sie streng und schaut mir in die Augen. "Nicht noch einmal, ok?!" Ich nicke und verschwinde dann entgültig. Das letzte, was ich von ihr höre, ist ein Seufzen.

Ich versuche mich irgendwie durch zu meinem Zimmer zu schleichen, ohne dass ich auffalle. Denn ich weiß: jeder, der mich sieht, weiß davon. Ich habe mich zwar an die ständigen Blicke gewöhnt, jedoch tut mir jeder Blick weh. Im Herzen. Ich werde niemals Freunde haben. Und wieder dieses kalte Stechen im Herz. Jedesmal wenn ich über so etwas nachdenke, kann ich es spüren. Jedesmal.

Es gelingt mir, unbemerkt in meinem Zimmer zu verschwinden. Doch dort wartet die große Überraschung. Als ich die Tür öffne, sitzt ein Junge auf dem Boden. Etwa 16 Jahre alt, so sieht er aus, und packt seinen Koffer aus. Er hat braune Haare und ist groß. Größer als ich. Als er mich sieht lächelt er.

"Hey", meint er, lächelt aber weiter. "Ähm... Hi", erwidere ich schüchtern und etwas verwirrt. Ich frage gar nicht, was er hier macht, denn ich weiß es ganz genau. Er wird mein neuer und somit auch mein allererster Mitbewohner sein, den ich je hatte, auf diesem Internat. Die Direktorin hatte an meinem ersten Tag, nachdem sie verkündet hatte, dass ich eine Krankheit habe und keiner mit mir ein Zimmer teilen wollte, versprochen, sie würde sich um einen Mitbewohner kümmern. Sei es ein Junge. Jetzt ist es also so weit. Sie hat nach zwei Jahren einen Mitbewohner gefunden.

Ob Sie ihm überhaupt von meiner Krankheit erzählt hat? Hätte er sich dann überhaupt ein Zimmer mit mir Teilen wollen? Insgeheim zweifele ich daran, spreche mein Gedanken jedoch nicht aus.

Tonlos gehe ich an ihm vorbei und lege mich auf mein Bett. Ich schließe die Augen.

"Marlene?", fragt er mit sanfter Stimme. 'Wie er meinen Namen ausspricht', dachte ich innerlich.     

"Ich weiß von deiner Krankheit."

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