Kapitel 11
Zurück im Jetzt - Teil 5
Gustav-Albert war auf Hunderttausend. Was hatte sich das kleine Luder erlaubt!? Er hatte eine Menge an Geld investiert, um seinen Sohn endlich unter die Haube zu bekommen.
Hatte ihre Eltern voll und ganz auf seine Seite gezogen, damit sie ihn bei seinen Plänen kräftig unterstützten.
Und dann stand er da, musste einer ganzen Hochzeitsgesellschaft erklären, dass die Braut „unpässlich" sei, dass das ganze Brimborium verschoben werden musste.
Natürlich gingen weder Heinrich-Gustav noch Lisa an ihre Telefone, natürlich antworteten sie weder auf Sprach- noch auf Textnachrichten.
Rebekka war ihm auch keine Hilfe bei der ganzen Rückorganisation, sie jammerte nur ständig wegen dem Kretin.
„Lass mich jetzt endlich in Ruhe mit dem Behinderten!", schrie er sie schließlich an. „Die Beiden werden sich schon um ihn kümmern."
Danach zog sie sich beleidigt zurück, aber das war ihm nur recht, eine Nervensäge weniger in seiner Nähe.
Am schlimmsten war die Sache mit der Presse. Er hatte die Vertreter der wichtigsten regionalen und überregionalen Medien zur Hochzeit bestellt, und alle, einschließlich des Lokalfernsehens, waren gekommen.
Jetzt stand er vor der Meute, musste irgendwelche Stories erfinden, die dümmsten, aber leider auch ziemlich spitzfindige Fragen beantworten.
Wie nicht anders zu erwarten, hatte die Tatsache, dass die Braut durchs Fenster geflohen war, schnell die Runde gemacht. Zu viele der Gäste hatten es mitbekommen, dass alle dichthielten, war nicht wahrscheinlich gewesen.
Zu den wildesten Spekulationen allerdings führte, dass noch ein zweites Bettlaken aus einem anderen Hotelzimmer gehangen war.
War die Verlobte mit einem heimlichen Liebhaber geflohen?
Oder einer Liebhaberin?
Warum war sie im Zimmer eingeschlossen worden?
Hatte der Bräutigam eine Flucht befürchtet?
Im Computer des Hotels, an dessen Einträge einer der Pressevertreter mithilfe eines größeren Scheins gelangt war, fand sich kein Name. Das Zimmer war offiziell unbewohnt gewesen.
Wildeste Spekulationen machten die Runde. Romantische Liebesgeschichten waren ebenso darunter wie dramatische Hypothesen zu verschiedenen Verbrechen. Zwangsheirat, Erpressung, Entführung stand plötzlich im Raum.
Der vollkommen entnervte Firmenboss bestellte den Pressevertreter des Unternehmens ein, damit der für Schadensbegrenzung sorgte.
Lisas Eltern standen unter Schock. Grund dafür war nicht die Sorge um ihre Tochter, sondern die Angst vor der eigenen Zukunft. Sie hatten sich schnell an die Geschenke des Herrn von Wertheim gewohnt, hatten die Privilegien genossen, die die Verbindung Lisas mit dem Firmenerben mit sich gebracht hatte.
Ihr Leben hatte sich zum absolut Guten gewendet, die Tochter war zu einer Art von Goldesel geworden. Sie ergötzten sich an den neidischen Blicken der Verwandten, protzten mit Schmuck, Haus, Auto, Reisen, als wäre das alles ihr eigener Verdienst. Mehr und mehr zogen sich alle von ihnen zurück, doch das störte Fritz und Sabine wenig.
Schließlich verkehrten sie mittlerweile in ganz anderen Kreisen, wurden zu Geburtstagen und Sommerfesten der oberen Zehntausend eingeladen.
Zwar fehlte ihnen ein wenig der Gesprächsstoff mit anderen Gästen, aber das Essen war immer ausgezeichnet - und der Alkohol floss in Strömen.
Jetzt war das dumme Ding abgehauen, und alles stand auf dem Spiel.
Gustav-Albert war am Ende seiner Kräfte. Er beschloss, eine kleine Pause zu machen. Gernot, der Pressesprecher, schien alles in der Hand zu haben. Er wusste eben, wie man mit den Geiern umgehen musste. Dass er die „Geier" selbst herbeordert hatte, blendete er tunlichst aus.
In seinem Hotelzimmer, das er schließlich auch heute noch bezahlen musste, würde er sich ein wenig aufs Ohr legen. Auch eine Blutdrucktablette würde nicht schaden.
Und vielleicht ein tüchtiger Schluck von irgendeinem Fusel, der in der Hausbar zu finden wäre.
Als er aufschloss, wartete er darauf, dass Rebekka wieder mit ihrer Nörgelei und Gefühlsduselei über ihn herfiel. Doch er würde schon die richtigen Worte finden, um seine „Baronesse" zum Schweigen zu bringen.
Überrascht stellte er fest, dass die Suite leer war. Das Abendkleid, das unter der Plastikhülle am Schrank gehangen hatte und das ihr nicht einmal schlecht gestanden hatte, war ebenso weg wie ihre anderen Sachen im Schrank und ihre Kosmetikartikel im Badezimmer.
Erleichtert ließ er sich aufs Bett fallen. Gut! War sie nach Hause gefahren. Eigentlich hatte sie ja recht, was sollte sie sich den ganzen Rummel hier antun. Aber sie hätte ihm schon Bescheid geben können.
Nach zwei Gläsern eines eher mittelmäßigen Gins fiel er in einen tiefen erschöpften Schlaf.
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