Kapitel 8
"Hi Sarah."
"Hallo Alyss! Was verschafft mir die Ehre ihres Anrufes?"
Ich musste schmunzeln. Sarah hatte definitiv etwas von meiner Mutter.
"Sarah, ich bin krank", sagte ich in einem möglichst weinerlichen und verschnupften Tonfall.
"Du hast das Nase hochziehen am Ende vergessen", drang ihre leicht verzerrte Stimme an mein Ohr. Ich bildete mir ein, einen schwachen, genervten Unterton heraushören zu können. Schnell zog ich die Nase hoch und setzte noch eins obendrauf, indem ich ein leises, gepresstes Husten ausstieß.
"Oh ja! Du hast sogar gehustet! Du bist wirklich krank."
Ich nickte eifrig, bis mir auffiel, dass Sarah mich ja gar nicht sehen konnte.
"Ja, das bin ich wirklich", röchelte ich. Am Ende des Satzes wurde meine Stimme immer leiser.
"Alyss..." Oh-oh, jetzt kam eine Standpauke. Sie nannte mich nämlich nur noch Alyss, wenn sie sarkastisch wurde oder mir eins auf den Deckel geben wollte. Nervös und immer mal wieder hustend, ich war ja krank, wartete ich auf das, was jetzt kommen mochte.
"...Dieses Spielchen spielen wir jetzt seit drei Wochen. Wann gedenkst du dich wieder normal und nicht wie ein kleines, trotziges Kleinkind zu verhalten?" Sarah war niemand, der schnell laut wurde, aber das brauchte sie auch nicht. Die Ruhe in ihrer Stimme machte mir auch so genug Angst, dass ich augenblicklich aufhörte ihr irgendetwas vorzuspielen.
"Es tut mir leid", gab ich mit ernsthafter Reue von mir.
"Das sagst du jedes Mal und vor dem nächsten Termin machst du doch wieder das Gleiche!"
Ich nahm mir vor wirklich damit aufzuhören. Schließlich bereitete ich mit meiner Art auch Sarah Schwierigkeiten. Und seit meinem 'Gespräch' mit Dylan, hatte ich kein einziges Wort mehr mit ihm gewechselt. Auch er hatte keine Anstalten gemacht, sich mit mir zu unterhalten wollen. Das konnte ich ihm allerdings nicht vorwerfen. Ich an seiner Stelle hätte mich auch so weit es ginge von mir ferngehalten. Trotzdem fand ich es traurig. Da hatte ich diese einmalige Chance mit meinem Lieblingsschauspieler zu reden und ich Ochse vergeigte es. Oder war das eine Beleidigung für die Ochsen, wenn ich mich so bezeichnete? Ich seufzte.
"Alles okay bei dir Ally?" Sarah klang jetzt ein wenig besänftigter.
"Äh, ja. Alles okay. Und ich verspreche dir, dass das nicht wieder vorkommt."
"Das will ich dir auch geraten haben!", neckte sie mich. Ich grinste vor mich hin. Sarah schaffte es selbst einen Sturkopf wie mich zur Vernunft zu bringen. Und nach so einer ernsten Situation riss sie schon wieder Sprüche. Sie war wahrscheinlich einfach nur froh, dass ich mich jetzt wieder besser benehmen würde.
„Morgen hast du deinen ersten wirklichen Auftritt im Film!" Ihre Stimme veränderte sich und ich stellte mir vor, wie sie sich ein imaginäres Mikrofon vor den Mund hielt. „Wie fühlen sie sich jetzt?", fragte sie mich mit ihrer Pseudo-Journalisten-Stimme.
Ich machte mit und tat so, als ob ich mich wirklich in einem Interview befand. "Natürlich bin ich aufgeregt, aber auch ebenso bin ich zuversichtlich, dass diese Szene spek-ta-ku-lär wird!" Bei spektakulär betonte ich jede Silbe und brachte Sarah damit zum Lachen.
"Gut, dass du so positiv darüber denkst." Ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme und auch meine Mundwinkel hoben sich.
"Nur weil ich positiv darüber denke, heißt das nicht, dass ich nicht auch nervös sein kann."
"Ja, aber wenn du so optimistisch bist, ist das Risiko kleiner, dass du einen Rückzieher machst."
Da sollte sie sich mal nicht so sicher sein. Nach meinem Versuch von einem Gespräch schob ich noch mehr Panik vor solchen Szenen, als davor. Aber ich hatte Sarah nichts von diesem Vorfall erzählt, um sie nicht zu beunruhigen. Schließlich hatte ich einen berühmten Schauspieler verärgert. Eigentlich war mein Schweigen nur eine Maßnahme gewesen, um meine eigene Haut vor Sarahs Zorn zu retten, aber ich versuchte mir krampfhaft etwas anderes einzureden. Mittlerweile glaubte ich sogar selbst daran. Fast.
"Du, ich muss Schluss machen", sagte Sarah in die seltsame Stille der Telefonleitung hinein.
"Was du machst mit mir Schluss?!", witzelte ich.
"Ja. Es geht einfach nicht mehr. Das mit uns. Es funktioniert nicht mehr", stieg Sarah darauf ein. Bei ihrer todernsten Stimme wäre es sogar möglich gewesen, dass sie das, was sie sagte, ernst meinte.
Das fand ich irgendwie gruselig, deshalb unterbrach dieses Schlussmachgespräch: "Okay. Damit kann ich leben." Warum war sie nicht einfach selbst Schauspielerin geworden?
"Gut. Dann, Tschau."
"Tschüss!"
Ich hörte ein Klacken und die Leitung war tot.
Ich ging von meinem Zimmer in den Flur und stellte das Telefon in die Ladestation. Zurück in meinem Bett schaute ich auf mein Handy. Yessi hatte mir geschrieben.
'Was machst du grad so?'
Schnell schrieb ich ihr zurück.
'Ich lieg auf meinem Bett, mit meinem Handy in der Hand. Hab grad eben mit Sarah telefoniert.'
'Weiß sie jetzt endlich von deinem Patzer mit Dylan?'
'Nein, habs ihr immer noch nicht gesagt.'
'Du weißt was ich davon halte...'
'Ja ja. Schon klar, Miss Moralapostel!'
'Ich bin nur dein Gewissen, weil du selbst ja anscheinend keins hast!'
Das ging mir dann doch zu weit. Natürlich war es falsch von mir Sarah nichts von dem Vorfall zu erzählen, aber dass Yessi gleich so aufdrehte, ging mir ordentlich gegen den Strich.
'Komm mal wieder runter von deinem hohen Ross!'
'Dann komm du mal wieder auf den Teppich! Du kannst es ihr doch sowieso nicht verheimlichen! Und wenn sie's irgendwann rauskriegt bist du in einer scheiß Situation!!'
'Das weiß ich doch auch, aber deshalb musst du noch lange nicht meine Mutter spielen!'
'Aber die weiß doch auch nichts davon! Und mir hast du's nur erzählt, weil ich dich drauf angesprochen hab!'
'Vielleicht weil es mir peinlich ist?! Oder weil meine Mutter Panik schieben würde? Sowas kann ich echt nicht gebrauchen! Und du bist auch nur meine Freundin und nicht meine Erziehungsberechtigte!'
'Ach, dann ist dir die Meinung deiner Freunde also nicht wichtig? Willst du mir das damit sagen?!'
'So mein ich das doch überhaupt nicht!'
'Ach ja?!? Wie denn dann?'
'Keine Ahnung! Ich hab doch einfach nur Angst!'
'Wovor denn? Dass du öffentlich bloß gestellt wirst? Von wem. Von Dylan? Dafür ist er nicht der Typ, also hör auf, da so ein Drama draus zu machen!'
Ich wollte gerade ansetzen irgendwas bissiges zu erwidern, als ich mal genauer drüber nachdachte. Dylan war wirklich nicht der Typ für sowas.
Oder? Schließlich kannte ich ihn überhaupt nicht. Wenigstens das hatte mir unser Gespräch klargemacht. Er trug eine Maske. Wie sollte ich da wissen, wie er wirklich war? Aber auch im Fernsehen trug er diese Fassade zur Schau und behielt sie aufrecht, also könnte er es sich gar nicht erlauben, mich zu demütigen. Das passte nicht zu seinem Image. Ich blickte wieder auf mein Handy. Yessi hatte noch was hinterher geschickt.
'Bist du noch da?'
Ich seufzte.
'Ja bin noch da. Hab grad nachgedacht. Du hast recht, das würde er nicht tun. Tut mir leid, dass ich dich so schlecht gemacht hab.'
'Is kein Ding wenn du jetzt eingesehen hast, dass ich Recht habe... ;P Ich habe immer Recht.'
'Ja, leider.'
'Was heißt hier leider?! Sei doch froh! Du als meine Freundin kannst davon nur profitieren! Wenn ich dir also sage, Dylan wird nochmal mit dir reden, dann tritt das auch ein!'
'Also wenn du so was behauptest, dann kannst du ja gar nicht immer Recht haben. Dylan würde niemals nochmal mit mir reden wollen :('
'Da wär ich mir mal nicht so sicher...'
'Du weißt mehr als ich?! Dem größten Dylan O'Brien Fan der je gelebt hat und leben wird?!'
'Nana. Jetzt übertreibst du's aber! Es gibt ganz sicher noch größere Fans.'
'Nein gibt es nicht. Nicht solange ich lebe...'
Vom die ganze Zeit auf den Bildschirm starren, waren meine Augen müde geworden und ich musste noch meinen Text lernen. Also schrieb ich Yessi eine Erklärung, warum ich jetzt nicht mit ihr weiterstreiten konnte sowie ein 'Gute Nacht' und nahm mir mein Drehbuch mit den ganzen Textmarkerstrichen drinnen vom Nachttisch.
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