Kapitel 13
„Okay Leute! Das war nicht schlecht, aber ich hätte die Szene gerne nochmal. Theo: Du liebst Julia! Bring das überzeugender rüber! Deine Mimik ist noch zu steif und distanziert, du musst klarer sprechen und versuch deine Bewegungen geschmeidiger zu machen", gab Deline aus dem Zuschauerraum einige Tipps an den jetzt mürrisch dreinblickenden Hauptdarsteller. Theo war normalerweise wirklich gut und wie geschaffen für die Rolle mit seinem feingeschnitten Gesicht, den blauen Augen und dem dunklen Haar, aber ich hatte Gerüchte gehört, dass er sich von seiner Freundin getrennt hatte. Armer Junge. Jetzt musste er hier den geheimen Lover spielen, er war wirklich nicht zu beneiden.
„Bei dir ist alles soweit in Ordnung, Caty, du machst das ganz hervorragend, nur an dieser Stelle hier, versuch da ein bisschen mehr Hingabe in deine Worte zu legen", versuchte Deline auch die Hauptdarstellerin zu verbessern und zeigte ihr die angedeutete Szene im Skript. Caty lächelte schüchtern und nickte zaghaft, dann begaben sich die beiden wieder in ihre vorherige Stellung und gingen die Szene durch. Caty war eher unscheinbar, doch eine beeindruckende Schauspielerin. Ihre braunen Haare lagen ihr wie immer in einem langen Flechtzopf über dem Rücken und ihre dunkle Kleidung wirkte auf die meisten Menschen abschreckend, aber sie war nett. Ab und an wechselten wir ein paar Worte miteinander und sie hatte mich noch nie blöd von der Seite her angemacht, im Gegensatz zu einigen anderen aus der Theater-AG.
Doch trotz des blöden Geschwafels meiner Mitschüler würde ich um nichts in der Welt mit der AG aufhören, dafür war sie mir viel zu wertvoll. Nur dass wir Romeo und Julia spielten, fand ich ein wenig suboptimal. Erstens war es ein sehr langes Stück und wir mussten es irgendwie auf anderthalb Stunden Aufführungszeit kürzen, wobei wir sehr viel eigentlich sehr schönes Material wegfallen lassen mussten. Ich hatte mir eingebildet Delines Herz in dieser Zeit mindestens fünf Mal brechen zu hören. Und zweitens kannte jeder dieses Stück. Wenn die Englisch-Stunden für die Erwachsenen schon zu weit in der Vergangenheit lagen, dann konnten sie sich wenigstens noch an die sehr berühmte Balkon-Szene erinnern und hatten gewisse Erwartungen oder sie waren schon einmal in der Oper dieses Stückes gewesen. Wir waren nur eine kleine Theatertruppe, angeführt von einem Studenten, wir hatten kein unerschöpfliches Budget zur Hand und die meisten von uns konnten nicht einmal singen. Aber Deline hatte unbedingt dieses Stück aufführen lassen wollen, warum wussten wir nicht, aber ich hatte eine ungefähre Ahnung. Deline führte uns schon sehr lange und auch sein mehr oder weniger entspanntes College-Leben musste einmal zu Ende gehen. Wie es danach mit unserer kleinen Truppe weitergehen sollte, wusste ich nicht und ich machte mir lieber nicht allzu viele Gedanken darüber, sondern konzentrierte mich auf das Geschehen auf er Bühne. Das war angenehmer als Trübsal blasend und in Gedanken versunken die Darsteller anzustarren.
„Du warst heute wirklich gut!", äußerte ich auf dem Weg die Stufen des Treppenhauses hinunter meine Meinung.
„Meinst du wirklich?", fragte Caty mich schüchtern und ihre blauen Augen blitzten freudig. Sie hatte ein schönes Lächeln. Ich öffnete ihr die Außentür des Gebäudes und ließ sie hinter uns wieder ins Schloss fallen.
„Ja, das meine ich. Mich würde es nicht wundern, wenn Theo in seiner Rolle ungemein aufgehen sollte." Kurz zwinkerte ich ihr zu und musste lächeln, als Caty rot wurde.
„Aber-", setzte Caty gerade an, als sie unterbrochen wurde.
„Parker!", schrie Sam über den Schulhof. Normalerweise waren unsere Proben nicht so lange wie das heilige Training der Football-Mannschaft, aber Deline hatte heute überzogen und so schienen wir zur gleichen Zeit aufgehört zu haben wie Sam. Darauf hätte ich gut verzichten können. An Sams Arm hing Elizabeth, die neugierig zu uns herüberstarrte. Schnell zerrte ich Caty weiter, ich wollte sie nicht in dieses unangenehme, sehr unausgeglichene Gefecht bringen, das eigentlich nur aus Sams abfälligen Kommentaren bestand. „Was machst du denn in letzter Zeit, wenn du nicht in der Schule bist? Gehst du auf den Strich?"
Er hatte bemerkt, dass ich nicht da war? Das überraschte mich. Er hatte doch genug andere Opfer, die er jeden Tag piesacken konnte, hatte er sich etwa wieder etwas ausgedacht gehabt, das er mir unbedingt an den Kopf hatte schmeißen wollen?
Plötzlich blieb Caty stocksteif stehen und ich konnte sie zu meiner eigenen Verwunderung nicht weiterziehen.
„Was ist denn los?", fragte ich sie etwas missgestimmt. Ich wollte nicht hier stehen bleiben nur damit Sam länger Spaß daran hatte mir Dinge hinterherzurufen, sodass jeder Anwesende es hören konnte. Zu meiner Verwunderung blieb das Ekelpaket aber still und starrte nur in dieselbe Richtung wie Caty. Ich folgte ihren Blicken und sah Dylan auf mich zu kommen.
Ich ließ Caty los und ging ihm entgegen. „Was machst du denn hier?", fragte ich ihn verwundert und umarmte ihn kurz, um mich dann wieder zwei Schritte von ihm zu entfernen.
„Ich wollte dich abholen", lächelte er und warf einen Blick über meine Schulter zu Caty, die ihn noch immer wie ein verschrecktes Huhn anstarrte. Schnell zog ich ihn mit mir zu ihr, um sie miteinander bekannt zu machen.
„Dylan, das ist Caty Minstrose, eine Mitschülerin. Caty, Dylan kennst du wahrscheinlich." Etwas beklemmt stand ich zwischen den beiden und wartete auf Reaktionen von ihrer Seite.
„Hi, ich bin, wie Alyss so schön gesagt hat, Dylan und du kennst mich wahrscheinlich." Er lächelte das schüchterne Mädchen freundlich an und hielt ihr die Hand hin. Deutlich zitternd schüttelte Caty dieselbige und wurde unglaublich rot dabei. Sie erinnerte mich an mich selbst, als ich Dylan vor zwei Monaten kennen gelernt hatte. Ach Gott, war das peinliche erste Gespräch jetzt schon zwei Monate her? Das war so unwirklich! Nach dem Tag im Krankenhaus hatten wir Nummern ausgetauscht und miteinander geschrieben, waren auch nochmal öfter in das gleiche Café gegangen, in dem wir auch schon an dem Tag gewesen waren, und hatten generell viel miteinander geredet. Auch wenn ich mich noch immer nicht so ganz mit der kleinen Bar anfreunden konnte, hatte Bob sich doch für sein Verhalten bei unserer ersten Begegnung entschuldigt und es war nicht mal halb so schlimm wie damals, was wohl hauptsächlich an Dylan lag. Er gab sich beträchtliche Mühe, dass ich mich wohlfühlte und ich war ihm sehr dankbar dafür. Hoffentlich würde dieses unbestimmte Unbehagen mit der Zeit verschwinden, schließlich hatte ich keinen Grund dazu mich so zu fühlen. Im Moment war ich aber sehr glücklich, schließlich hatte mich Dylan von der Schule abgeholt! Warum wusste ich gar nicht. Ich musste ihn unbedingt fragen. Leider führten er und Caty gerade ein angeregtes Gespräch über eine Serie, in der Dylan noch immer regelmäßig mitspielte. Leider, weil ich einfach keine anderen Leute unterbrechen konnte, wenn diese gerade in eine Konversation vertieft waren und weil ich den Namen noch nicht mitbekommen hatte um mich in einklinken zu können.
„Und dir wurde wirklich erst die Hauptrolle angeboten?", fragte Caty gerade erstaunt, als ich aus meinen Gedanken aufwachte und mich auf die beiden Leute vor mir konzentrierte. Sie waren also schon beim Du angekommen?
„Jap, Stiles war einfach der interessantere Charakter." Er zuckte mit den Schultern. Sie sprachen also über Teen Wolf, das war eine meiner Lieblingsserien.
„Stiles ist einfach absolut genial! Ich meine, er ist der einzige Mensch zwischen Werwölfen und anderen fantastischen Fabelwesen, und trotzdem behauptet er sich und überlebt irgendwie alles." Caty klang total begeistert und sie hatte wieder dieses hübsche Funkeln in den Augen. Interessiert hörte ich ihr zu. Ich mochte Stiles auch sehr gerne, was aber zu einem großen Teil mit Dylan zusammenhing, der die Rolle einfach genial verkörperte.
Dylan lächelte. "Das war auch mein Eindruck, deswegen musste ich einfach Stiles spielen, anstatt Scott. Und Tyler spielt den einfach großartig, besser als ich es gekonnt hätte auf jeden Fall", wich er bescheiden aus.
„Auf jeden Fall! Aber als Allison gestorben ist... Mein Herz ist einfach zerbrochen!" Caty wurde rot und schlug die Augen nieder, um den Boden ausgiebig zu betrachten. Ich lächelte leicht. Es war fast so, als sähe ich mir selbst zu. Dieselbe Schüchternheit, aber auch die Leidenschaft für etwas, das ich liebe und der Mund, der schneller ist als das Gehirn. Ich grinste vor mich hin und starrte vor mich hin, während sich das Gespräch im Hintergrund noch immer um Teen Wolf drehte.
Meine ausschweifenden Gedanken wurden von Sam unterbrochen, der zu uns herantrat und sich mir gegenüber stellte, noch immer mit Elizabeth am Arm, die sich mitschleifen ließ, als wäre sie eine leblose Puppe. Augenblicklich versteifte ich mich und jeder Muskel meines Körpers wurde starr. Mein Blick klebte förmlich an Sam, und so bekam ich nur aus den Augenwinkeln mit, dass Dylan sich näher zu mir schob. Sein Oberarm streifte meinen, aber ich nahm es nicht wirklich wahr. Alles in mir wollte sich vor Verachtung und Ekel übergeben. Es war klar, was Sam wollte. In einer Sekunde war ich noch die bisexuelle Schlampe und im nächsten die hochangepriesene und beste Bekannte, die Sam hatte, weil ich eine Berühmtheit kannte. Die Masche konnte er sich sowas von sparen.
„Verschwinde!", fauchte ich Sam an und starrte ihn aggressiv an. Wenn ich mich nicht zurück halten würde, dann würde er jetzt nicht auf mich hinunterblicken. Kurz wog ich meine Chancen ab.
Sam blockiert den direkten Weg zum Ausgang, er steht lässig da, mit diesem widerlichen, selbstgefälligen Grinsen im Gesicht, dass ich ihm am liebsten aus dem Gesicht prügeln will. Wenn ich ihm jetzt in seinen ungeschützten Bauch schlagen würde, direkt unter den Rippenbogen und seinen Solar Plexus gut treffen würde, dann würde er erst mal für ein paar Sekunden am Boden bleiben. Wenn ich ihn aber nicht gut treffe, dann habe ich das Überraschungsmoment nicht mehr auf meiner Seite und er rastet aus. Immerhin ist er Quarterback, ich will gar nicht wissen, was er mit mir machen würde. Obwohl, vor Dylan würde er so etwas absolut nicht abziehen. Meine Augen verengen sich noch weiter. Aber es würde längerfristige Folgen haben. Das fällt weg. Dann bleibt nur die Flucht. Wenn der sein Maul öffnet und irgendwas an Süßholz raspelt, dann kotze ich ihm entweder auf die Füße oder kann nicht mehr an mich halten. Elizabeth schränkt seine Bewegungsfreiheit auf der linken Seite ziemlich ein.
Kurzentschlossen griff ich nach Caty und Dylans Händen und zog sie an Elizabeth vorbei. Sam und seine Klette machten keine Anstalten sich umzudrehen und wir drei erreichten das steinerne Tor, das den Zaun durchbrach, der den Schulhof vom Bürgersteig trennte. Anscheinend waren sie es beide nicht gewohnt einfach stehen gelassen zu werden. Ein leises Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit, während ich die beiden die Straße hinunter geleitete und am Eingang zur U-Bahn stehen blieb.
„Ähm, Alyss, willst du mir vielleicht erklären, wer- was das gerade war?", fragte Dylan mich unsicher und sah zwischen mir und Caty hin und her, die entsetzt die Augen aufgerissen hatte, mich durchdringend anstarrte und jetzt zum Sprechen ansetzte.
„Alyss! Was hast du dir gedacht? Du kannst doch Sam nicht einfach so stehen lassen? Was ist, wenn er dich verpetzt?", schimpfte sie mit mir.
Mein Grinsen verschwand wieder und ich ignorierte Dylans Frage um Caty mal meine Meinung zu geigen. „Ich lasse mich doch nicht von Sam kleinkriegen, nur weil ich Angst habe, dass ich fliegen könnte! Der Arsch sollte keinem sagen können, was sie zu tun oder zu lassen haben! Und sein heuchlerischeres Getue kann er sich getrost in die Haare schmieren. Mich zuerst immer beleidigen und dann auf einmal auf gut Freund machen! Der soll sich von mir fernhalten!"
Als ich von Caty nichts bekam als einen mitleidigen Blick, so als hätte ich den größten Fehler meines Lebens begangen, was mich schon wieder auf die Palme brachte, wandte ich mich Dylan zu. Seine Augenbrauen verdeckten fast seine braunen Augen und sein Mund war zu einer verkniffenen, dünnen Linie geworden. „Wer oder was ist dieser Sam?", fragte er mit bedrohlich tiefer Stimme und sah mich durchdringend an. Was ein Glück bezog sich sein Zorn nicht auf mich, ich hätte wirklich Angst bekommen. So lief mir nur ein kalter Schauer über den Rücken und die Härchen an meinen Armen stellten sich auf, während ich meinen Blick von Dylans Gesicht abwandte, weil ich seinem erzürnten Starren nicht standhalten konnte.
„Na ja... Er ist der Sohn von dem Sponsor unserer Schule und Quarterback von unserem Footballteam. Das Mädchen, das an seinem Arm hing, war Elizabeth, seine Freundin, und... ähm..." Hilfesuchend und um die richtigen Worte ringend, blickte ich zu Caty, die ebenfalls bedrückt aussah. Allerdings machte sie keine Anstalten mir das hier abzunehmen, also seufzte ich nur kurz auf, und fing an zu erklären. Ich wollte es schnell hinter mich bringen. „Sam ist ein Ekelpaket, dem kein Einhalt geboten wird, weil seinem Vater, wie schon gesagt, so gut wie die ganze Einrichtung gehört, vor allem das Footballteam wird gefördert. Nicht mal der Direktor traut sich ihm zu widersprechen, aus Angst, dass sein Vater einfach jemand anderen für seine Stelle einsetzen könnte. Dadurch ist er quasi der Prinz der Schule", endete ich und schaute noch immer überall hin, außer zu Dylan. Da klebte ja ein Kaugummi auf dem Gehsteig! Wie interessant!
„Und was heißt 'mich immer beleidigen'?" Noch immer war Dylans Stimme kalt wie Eis. Wenn es ginge, dann wäre meine Gänsehaut in diesem Augenblick noch gänsiger geworden.
„Ähm... Er... also... Er...", stotterte ich herum und wand mich fast vor Unbehagen. Ich wollte Dylan nicht sagen, als was Sam mich schon betitelt hatte, nicht dass der eine Abreibung nicht verdient hätte, aber es war mir zu peinlich diese Worte vor Dylan auszusprechen.
Diesmal regte sich Caty und flüsterte Dylan etwas ins Ohr, wobei sich seine Miene noch mehr verdüsterte und ich spürte wie mein Gesicht begann zu brennen. Ich wollte nicht, dass Dylan wusste, wie ich beleidigt wurde. Es war ein irrationales Gefühl, aber es war so verdammt präsent, dass ich es nicht ignorieren konnte.
„Ich bringe den Mistkerl um", murmelte Dylan und war gerade im Begriff sich umzuwenden, als ich mir seinen Arm schnappte und ihn die Treppe runter in die U-Bahn-Station schleifte. Caty ließ ich einfach oben am Treppenabsatz stehen, aber ich konnte mich gerade einfach nicht um Höflichkeit oder etwas ähnliches kümmern, wenn Dylan wirklich ein Gesicht machte, als würde er jemanden gerne zur Strecke bringen, wobei es ihm egal wäre wen.
„Nein, das wirst du nicht", redete ich ihm gut zu. „Sonst wirst du wegen Mordes verhaftet, verurteilt und eingesperrt, und das nützt niemandem etwas." Meine Worte zeigten nicht die gewünschte Wirkung, also versuchte ich es auf eine andere Art und Weise. „Schau mal, wenn du Sam umbringen würdest, würde das Langzeitfolgen haben, sie würden nach Tätern mit möglichen Motiven Ausschau halten und du brächtest damit nicht nur dich selbst, sondern auch außenstehende Personen in eine verzwickte und äußerst unangenehme Lage", argumentierte ich und wartete auf seine Reaktion. Sein Blick schien sich von den Mordszenen, die er sich sicher ausgemalt hatte, abzuwenden und auf mich zu fokussieren. Als er mich ansah, wurde sein Blick seltsam weich und seine ganze Haltung entspannte sich. Es stahl sich sogar ein kleines Lächeln auf seine Züge. Fragend musterte ich ihn. „Was ist los? Hab ich vielleicht irgendwas im Gesicht?"
Sein Grinsen wurde breiter und er schüttelte den Kopf. Dann schlossen sich seine sanften Finger um meine Hand und er zog mich durch die dichte Menschenmenge, auf ein leeres Gleis zu. „Nein, aber mir ist gerade wieder eingefallen, warum ich überhaupt hergekommen bin." Er wirkte wie ein kleiner Junge, der seiner liebsten Person auf dieser Welt etwas ganz besonderes zeigen wollte. Und diese Person sollte dann wohl ich sein, was? Ja nee, ist klar.
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