- Kapitel 5 - Kein Verständnis

„Ich bin kein Magier.", schaffte er es schließlich zu sagen und ließ sie sichtlich nachdenklich stutzen. Ihr Zittern hatte fast ganz aufgehört und ihr schräg gelegter Kopf ging andere Optionen durch.
„Es lohnt sich nicht, dir den Kopf darüber zu zerbrechen wer oder was ich bin. Es ist sowieso überflüssig zu wissen. Geh jetzt zurück in dein kleines Dorf, Mädchen. Bevor ich es mir vielleicht doch noch anders überlege." Seine Stimme klang rau und hart, während er seine Hände rasch zurückzog. Diese Situation bereitete ihm Unbehagen und ihm missfiel die Berührung eines Menschen so ganz ohne Furcht. Das Mädchen fragte nicht nach was er mit ‚es sich anders überlegen' meinte, aber an ihrem Blick konnte er Verunsicherung sehen. Und dann presste sie die Lippen aufeinander, schüttelte sich vor Schaudern kurz und stand gehorsam auf. „W-wo genau liegt denn das Dorf? Ich-ich habe leider die Orientierung... verloren.", fragte sie kleinlaut und stockend. Es war ihr unangenehm zu fragen. Zenon hob eine Augenbraue und sah zu der Treppe ins Dorf, gleich dort vorn links hinter dem Mädchen, kaum zwanzig Schritte entfernt. Und sie stand da nass von Kopf bis Fuß und alles in allem Elend aussehend. Und nun, konnte er sowas wie Angst riechen. Leicht, aber definitiv nicht von eben gerade, sondern neu.

Zenon brummte leise, als seine Instinkte darauf ansprachen und eine Mischung aus Erregung und Hunger durch seinen Körper zuckte. Er trat erneut zu ihr heran, packte ihre Schultern und drehte sie in Richtung der Treppen. „Und jetzt geh...", knurrte er in ihr Ohr. Er konnte nicht glaube, dass er das gerade wirklich tat. Hätte er sie doch ertrinken lassen. Oder hätte er sie aufgefressen, gleich nachdem er den Mann verschlungen hatte.

„D-danke", murmelte sie und löste sich etwas zu schnell aus seinem Griff. Ihre hastigen Schritte waren ungelenk, unsicher und sie ging mit vor sich ausgestreckten Händen. Zenon sah ihr nicht länger zu, er wollte genervt sein von den Instinkten, die ein bekanntes Feuer in ihm auslösten. Noch bevor der Mädchen die Treppe erreicht hatte war er schon fortgeflogen.

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Der Abend war hereingebrochen und umhüllt das Dorf in Nebel. Esa saß am Esstisch vor einem dampfendem Teller Eintopf und bekam nichts runter. Ihr war noch immer flau im Magen von alle dem was heute passiert war. Sie hatte sich abgetrocknet und umgezogen, aber die Kälte des Wasser war noch immer unter ihrer Haut. Es fröstelte sie. „Du bist doch wohl nicht immer noch beleidigt, wegen dem Streit eben? Pah, eigentlich sollte ich diejenige sein, die beleidigt ist, immerhin war der Korb von meiner Mutter. Sowas stellt heute niemand mehr her! Wenn dein Vater nur hier wäre... Der wüsste wie er dich zu erziehen hat. Jetzt iss'. Sonst wird es kalt.", forderte ihre Mutter sie von der anderen Seite des Tische wenig mitfühlend auf. Der Korb. Den hatte Esa nicht wieder mitgebracht, sondern in diesem ganzen Durcheinander einfach vergessen. Oder war er wohlmöglich sogar weggeschwommen? Egal... Dafür hatte sie ein ordentliches Tirade von ihrer Mutter zu hören bekommen, als sie klamm und frierend vor ihr gestanden hatte. Ihre Wange brannte noch immer von der Ohrfeige, die ihre Mutter ihr in ihrer Wut verpasst hatte. Als hätte es sonst nichts an Esa zu hinterfragen gegeben.

Esa biss sich auf die Oberlippe und unterdrückte aufkommende Tränen.
„Mutter?", begann Esa und legte den Holzlöffel mit plötzlich wieder zittrigen Finger nieder. „Heute am Fluss... ist Thona mir gefolgt." Es bereitete ihr Schwierigkeiten es auszusprechen. „Er- Also. Er hat mich...Naja..." Sie schluckte, aber die Kloß in ihrem Hals verschwand nicht. „Er hat... mich anfasst. Ich habe ihm gesagt das ich das nicht will aber... er hat nicht aufgehört. E-er meinte, dass er schon so lange wartet und mir ein guter Ehemann sein will. Ich... ich hab das nicht verstanden. Ich hatte Angst. Und er hat einfach weitergemacht. Hat mich umarmt, mich geküsst, mich... Wenn er mir ein guter Ehemann sein will, dann... macht man doch sowas nicht.", erzählte Esa heiser und mit bebender Stimme. Sie ballte die Hände zu Fäusten und spürte ihre Fingernägel in ihre Handflächen drücken.
„Thona also... Ich hatte mich schon gewundert, warum sie solange warten. Nach meiner Erfahrung ist das nicht die Art der Männer." Esas Mutter blieb kühl und uninteressiert, das Scharben ihres Löffels auf dem Teller verriet das sie beinahe fertig war. Es war Esa als hätte ihre Mutter ihr eine zweite Ohrfeige verpasst.
„Er hat sich mir aufgedrängt! Er... Das kann doch so nicht richtig sein, Mutter! Du hast mir erzählt, dass die erste Nacht einvernehmlich im Ehebett vollzogen wird, so wie es der Brauch verlangt!", erwiderte Esa kopfschüttelnd und kämpfte gegen ihre flatternden Stimmbänder.
„Hast du denn einen Mann zu dir eingeladen? Nein! Wie lange erwartest du von ihnen zu warten? Eine Woche? Zwei? Pah, du kannst froh sein das es Thona war. Er ist zwar recht einfach, aber sicher nicht so wild wie einige andere, die schon seit zehn Jahren auf ihre Ehefrau warten. Und jetzt sei so gut und mach den Abwasch, meine Migräne bringt mich um." Ein Stuhl wurde zurückgeschoben. Esas Mutter ächzte und murmelte irgendeinen Fluch, gefolgt von ihren schlurfenden Schritten. Esa weinte stumm, während Tränen ihr über die Wangen liefen.
„Aber Mutter...", versuchte sie noch einmal schluchzend. Doch die blieb hart. „Besser du gewöhnst dich daran, mein Kind. Jetzt, wo Thona endlich den ersten Schritt gemacht hat, werden andere auch nicht länger warten. Dir steht eine harte Zeit bevor, das war mir klar als ich dich das erste Mal in meine Arme nahm. Dich, dieses kleine, blutverschmierte Ding das mir die Ahnen geschickt haben, als ich dachte bereits zu alt für weitere Kinder zu sein. Neun Monate hast du dich in meinem Bauch nicht bewegt und plötzlich wolltest du leben. Also lebe... und ertrage das Leben.", erzählte sie mit Bitterkeit erfüllter Stimme. Dann schlurfte sie mit schweren Schritten die Treppe hoch. Esa presste die Fingernägel fest in ihr Fleisch, um nicht laut aufzuschluchzen. Ihr Puls rauschte in ihren Ohren wie dort am See. Sie hatte sich ihre erste Nacht immer anders vorgestellt. Bei Geruch der Kerzen, mit Liebesgedichten und in einem weichen Federbett. Nun war jedoch alles anders. Die Vorstellung war zerplatzt. Niemand hatte ihr gesagt das sie einen Mann einladen musste. Was auch immer das heißen sollte. Und wie auch immer man sowas machte! Woher sollte sie sowas schon wissen? Sie war doch noch ein Kind. Nein!, korrigierte sie sich unsicher. Sie war jetzt eine Frau. Und Thona war ihr Ehemann. Genauso wie alle anderen Leute dieses Dorfes.
Er durfte das machen.
Er durfte sie zu sich nehmen, wenn er es wollte. Und sie musste das ertragen, weil es ihre Pflicht als Ehefrau war. So hatte es ihre Mutter ihr vor der Hochzeit erklärt. So wie die Tiere sich paarten, taten es auch die Menschen, hatte sie gesagt. Der Mann nimmt sich die Frau, der Stier nimmt sich die Kuh, der Hengst die Stute. Und die Frau hat das hinzunehmen. So läuft das Leben, hatte sie gesagt. Esa hatte nach der Erklärung genickt, aber nicht recht verstanden. Nun langsam, dämmerte ihr, was die Worte der Mutter bedeuteten. Und es machte ihr Angst und ließ einen Eisklumpen in ihrem Magen entstehen.

Bebend stand sie auf und räumte die Teller ab, um sie vor dem Haus in dem Wasserkrug auszuwaschen. Und die ganze Zeit drehten sich ihre Gedanken, während sie immer und immer wieder zu dem gleichen paar Worten kam, die stetig lauter auf ihrer Zunge brannten. Und als sie wenig später im Bett lag, die Decke fest um ihren Körper geschlungen, denn sie fröstelte noch immer, da konnte sie nicht mehr an sich halten. „Ich will das nicht...", fiebste sie leise in ihr Kissen, was sie in ihrem Kopf schrie und begann dann zu schluchzen. Es brach so heftig aus ihr heraus, dass sie ihr Wimmern in dem Kissen ersticken musste, denn es war ihr, als breche sich als das Schreckliche des Tages aus ihr Bahn. Die Angst, die Verzweiflung, die Verwirrung. „Ich will das nicht...", heulte sie noch einmal zwischen zwei tiefen Schluchzern und wurde dann nach und nach ruhiger, bis sie in einen leichten Schlaf überging.

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