Zenon erreichte das kleine Lager, dass er für die Menschenfrau bereitet hatte und begutachtete das Ausmaß des Schadens. Einige umgeknickte Bäume lehnten sich wie erschöpft an den Fels, andere waren zu beiden Seiten davon zu Boden gefallen und schufen beinahe sowas wie eine Abgrenzung. Der Boden war zerwühlt, besonders dort, wo der Fels zu einem schmalen Abris wurde und tiefe Krallenspuren waren in den Stein gehauen. Von der Frau war keine Spur, ihr Geruch war nur noch eine feine Spur in der Luft. Die Feuerstelle neben der er sie zurückgelassen hatte, war wild in alle Richtungen verstreut und kaum noch als die Überreste davon zu erkennen.
Die Beunruhigung nahm in Zenon zu, seine Muskeln zuckten vor Anspannung und er stieß reflexartig einen kurzen, kehligen Laut aus, der unter Drachen wie ein Rufen verstanden wurde und der jedem Individuum zur Wiedererkennung diente. Erst, als er den Laut noch einmal wiederholt hatte, biss er sich auf die Zunge und tadelte sich innerlich, was er da überhaupt tat. Zu was er sich für einen Moment hatte hinreissen lassen, ob seines aufgewühlten Zustandes. Als ob die Frau ihm antworten und rauskommen würde, wenn er sie so rief. Also räusperte er sich und versuchte es auf die menschliche Art. „Esa?", rief er laut und lauschte, ob er irgendwas hören oder riechen konnte. Er rief ihren Namen noch einmal und tatsächlich! Diesmal rührte sich was bei der Erde am Abris. Ein Schwall lockere Erde wurde vom Stein weggeschoben und ein Arm begann durch einen viel zu engen Schlitz über dem Boden zu fuchteln. „Ich bin hier!", rief es dumpf zurück und Zenon hockte bereits im nächsten Moment von dem Erdspalt. „Ich komm hier nicht mehr raus! Die Erde drückt mir die Luft weg! Hilf mir!", keuchte sie erschöpft und verängstigt. Ihre Erde verschmierte Hand streckte sich noch immer wild tastend vor , als könnte sie so irgendwas fassen. Vorsichtig drückte er Esas Hand, um zu zeigen das er da war und begann dann ohne einen weiteren Gedanken mit kräftigen Bewegungen Erde wegzuschaufeln, die der andere Drache mit seinen ungeschickten Bewegungen hier her gedrückt hatte. Doch die Erde war weich und nachgiebig, sodass Zenon bald genug Erde fortgeschafft hatte, dass er Esa an ihrem Arm greifen und unter dem Felsen herausziehen konnte. Erschöpft lagen Esa in seinen Armen und drückte sich dann zitternd und schluchzend an ihn. „Oh, bei den Ahnen... oh, bei den Ahnen... oh...", weinte sie leise und atemlos, das Gesicht an seine Brust vergraben. „Da... da war ein Drache. Ein riesiger... waschechter Drache! Um ein Haar... hätte der mich gefressen. Der hat gebrüllt und geknurrt, als ich unter den Felsen bin und er mich nicht erwischen konnte. Ich hab'... in meinem ganzen Leben noch nie etwas so schreckliches gehört. Es war so laut... Als er mit deinen Klauen auf den Felsen einschlug, bumm, ratsch... Du kannst dir nicht vorstellen wie grauenvoll das war! Ich hab mich ganz klein gemacht, ganz ganz klein! Und irgendwann... hat er aufgehört.", erzählte Esa viel zu hastig, sodass sie sich an ihren eigenen Worten verschluckte. Zenon sah noch einmal unglücklich zu den tiefen Kerben im Fels, den die Krallen des Drachen hinterlassen hatten. Da drang ihm der Geruch ihres Blutes in die Nase und ließ ihn erstarren. Esa fügte etwas ruhiger hinzu: „Zum Glück geht es dir gut! Ich hatte Angst, der Drache hätte dich gefunden und gefressen... weil du nicht da warst. Aber, den Ahnen sei's gedankt, du bist hier." Zenon schaute auf das kleine Bündel Mensch hinab, das sich schmutzig an seine Brust drückte. Ihre aufgeschürften Hände und Knie hinterließen schwache Abdrücke auf seiner Kleidung und markierte ihn unmerklich mit ihrem Geruch.
Behutsam legte Zenon eine Hand auf ihr Haar und streichelte einmal über den verworrenen Zopf hinab über ihre Schultern und ihren Rücken. „Du bist mutig, Esa.", flüsterte er anerkennend, sowohl ihre erfolgreiche Flucht meinend als auch diesen Moment, der ihr so unglaublich tröstlich und harmlos vorkam. Sie entzog sich seiner Berührung nicht, was für Zenon zugleich neu und wundersam war. Ein Mensch hatte noch nie freiwillig seine Hände auf sich akzeptiert, besonders nicht Frauen, die normalerweise anfingen zu schreien und zu weinen wenn sie ihn nur sahen. Es brachte den Drang in ihm auf, den Moment zu verlängern, ihn ewig währen zu lassen. Am liebsten hätte er sich in der Berührung verloren, sie immer weiter so sanft gestreichelt während sie sich an ihn schmiegte ohne Angst und Hass und Zwang. Zenon konnte sich nicht daran erinnern jemals sowas erlebt zu haben. Jemals so was wie Sanftheit oder ehrliche Zuneigung erfahren zu haben. Und gleichzeitig erweckten die Berührungen in ihm den Wunsch nach mehr.
Doch da schob sie sich mit sanftem Druck von ihm weg, als hätte sie seine Gedanken gelesen und wischte sich die Tränen von den Wangen. „Wo warst du eigentlich?", fragte sie und sah auf. Nicht wirklich so, als könnte sie ihn sehen. Ihre Augen sahen an ihm vorbei in eine unbekannte Ferne. Zenon spannte seine Kiefermuskeln an und überlegte kurz, was er ihr am besten antworten könnte. „Ich war am Fluss." Esa runzelte die Stirn. „Und was hast du da gemacht?", fragte sie neugierig weiter. „Gebadet", antwortete Zenon kurz angebunden und war selbst unzufrieden mit seiner Antwort. Hätte Esa sehen können, hätte ihr sein Gesicht sofort gesagt, dass er nicht die Wahrheit sagte. Aber sie konnte es nicht. Und so nahm sie die Lüge hin.
Es folgte bedrückende Stille. Esa senkte nachdenklich den Blick und Zenon betrachtete sie eindringlich. Fuhr mit dem Blick über ihre helle Haut, die dunklen Augenbrauen und die langen Wimpern über den so unnützen, aber wunderschönen Augen. Langsam hob er die Hand und strich ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. Da durchbrach sie die Stille. „Danke für das Kleid und das du mir immerzu hilfst. Ich glaube nicht, dass ich dich jemals ebenbürtig dafür entlohnen kann, zumal ich nichts habe was ich dir geben könnte. Und darüberhinaus habe ich auch noch eine Bitte; Ich will meinen Vater und meinen Bruder suchen. Wenn du mich ins nächste Dorf mitnehmen könntest, würde ich von da allein weiterkommen. Dann wäre ich keine Last mehr für dich. Ich weiß, es ist Dreist von mir noch mehr zu erbitten, wo du schon so viel getan hast und ich würde sicher noch tiefer in deiner Schuld stehen als jetzt schon, aber dennoch." Zenon zog die Brauen zusammen und schnaubte. „Du wirst hier bleiben.", entschied er unaufgeregt, als würde daran gar keine Frage stehen. Esa erstarrte und Zenon sah wie sich eine Gänsehaut auf ihren Armen ausbreitete. „Aber mein Vater... Er wird mir sicher helfen, wenn ich ihn finde. Ich muss ihn irgendwie erreichen! Ich kann jetzt nicht hier bleiben. Sag mir wenigstens in welche Richtung ich gehen muss!" Sie stand aufgeregt von seinem Schoß auf und verschränkte die Arme, als wäre sie bereit sofort loszugehen. Sie war wie ein Kaninchen in einer Falle, die sie erst jetzt erkannte. Und dieses Kaninchen merkte gerade, dass die Falle um ihn herum sich bereits zugezogen hatte und es kein Entkommen gab. Jedenfalls hatte Zenon nicht vor sie in irgendein Dorf zu bringen und sie gehen zu lassen. Er wollte sie hier behalten. Sie, die in ihm Gefühle weckte, die er noch nie gefühlt hatte. „Es ist zu weit. Du würdest es sowieso nicht schaffen.", sagte er kühl und emotionslos und sah wie sie trotzig das Kinn vorschob und den Kopf schüttelte.
„Ich kann es versuchen."
„Allein?", fragte er provokant.
„Ja... auch allein, wenn du auf deiner Weiterreise in kein Dorf mehr kommst. Ich werde schon zurecht kommen."
Zenon musste schmunzeln. Sie war wirklich fest entschlossen. „Wie kommst du eigentlich auf den Gedanken ich würde noch weiterreisen? Meine Heimat ist der Wald, meine Decke ist der Himmel und mein Bett die Erde. Wir sind bereits am Ende unserer Reise angekommen, Esa. Wenn ich dir nun die Richtung zu dem nächsten Dorf weise wirst du tagelang wandern, ohne Essen, ohne Wasser. Selbst wenn dich kein Raubtier aufspürt, wäre das der Weg in den sicheren Tod." Esa schluckte erneut, schien kurz zu zweifeln, straffte dann aber erneut die Schultern.
„Dann sei es so!"
Zenon musste zugeben, dass ihre Entschlossenheit ihn beeindruckte. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hätte er nicht vermutet, dass in ihr noch immer so viel Kraft steckte. Er überlegte und erhob sich nun ebenfalls. Wenn sie also wirklich den Tod nicht fürchtete, so wie sie es gerade behauptete...
„Wie wäre es mit einem Handel, Esa. Ich bringe dich ins nächste Dorf, besorge dir genug Nahrung und Wasser, schütze dich vor allem was was dir schaden will, sodass es dir an nichts fehlen wird. Dann kannst du deinen Vater finden und du kannst ihn um Hilfe bitten.
Im Gegenzug beanspruche ich deine Gesellschaft für mich. Ich will die Tage und die Nächte und alles was dazwischen liegt."
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