Disturbed

Ein einzelner Tropfen fiel viele hunderte Meter in einen schier endlosen Abgrund und beschleunigte dabei. Die Erde kam immer näher und es war klar, dass der Tropfen mitten in die nächtliche Stadt einschlagen würde. Die vielen Häuser und Straßen bildeten eine hell erleuchtete Insel in der Dunkelheit, welche näher und näher kam. Wenige Sekunden vergingen und der Tropfen schlug mit all seinem Gewicht und seiner Geschwindigkeit auf die Kapuze eines Jungen ein. Doch der Tropfen war nur einer von vielen tausend, millionen, milliarden Tropfen um ihn herum.

Der Regen hatte schlagartig begonnen und kam wenige Minuten nach seinem Aufkommen bereits einen Sturm gleich. Auch den Jungen, der einsam über die künstlich erleuchteten Straßen lief, traf das Unwetter unvorbereitet. Er war bereits von oben bis unten durchweicht, doch störte es ihn nicht, denn er hatte sein Ziel schon fast erreicht. Vor ihm erstreckte sich der Park, welcher nun vom Regen in einen dunklen Schleier gehüllt schien. Er lief weiter am Rande der vielen Bäume entlang und erblickte plötzlich den Grund seines nächtlichen Ausflugs. Schnell rannte er zur überdachten Bushaltestelle. Im gläsernen Bushäuschen stand bereits eine Person. Als der Junge sicher war, um wen es sich handelte, spürte er bereits wie sein Herz deutlich schneller schlug. Dort, im Trockenen angekommen, konnte er seine Kapuze abnehmen und sie endlich wieder sehen. Das Mädchen, welches auf ihn gewartet hatte, war ebenfalls vollkommen durchnässt, sodass ihr langes, dunkles Haar klitschnass auf dem Stoff ihrer Jacke klebte.

Und da stand sie nun. Der Junge hatte Tag für Tag, Nacht für Nacht diesen Moment herbeigesehnt und sich so viele Male vorgestellt wie es ablaufen könnte, um nun vor ihr zu stehen und kein Wort herauszubringen. Sie sah ihn ebenfalls schweigend aus wunderschönen grünen Augen her an und lächelte dabei leicht. Sekunden passierte nichts, als sie ihn dann plötzlich umarmte. Es war ein so schönes Gefühl sie in den Armen zu halten und der Junge genoss den Geruch, den das Mädchen verströmte. Unter dem typischen Regengeruch lag ein noch weit aus angenehmerer Duft. Der Junge wusste nicht, ob es um ihr Shampoo, ihr Parfüm oder ganz einfach ihr eigener grundlegender Körpergeruch handelte, aber es gab nichts vergleichbar schöneres auf dieser Welt für ihn. Nichts außer ihrer magisch grün-glänzenden Augen und ihrer sanften Stimme die gleich neben seinem Ohr erklang: "Schön das du es geschafft hast. Trotz schlechten Wetters."

Langsam lösten sich beide aus der Umarmung und blickten sich gegenseitig fest an. Der Junge ließ seinen Blick vom fesselden Grün ihrer Augen ab und schweifte über die perfekten Züge ihres Gesichts. Leichte Sommersprossen zeichneten sich ab und jede einzelne Unregelmäßigkeit gehörte zu ihr und machte sie noch schöner. Er ließ seinen Blick über die vollen Lippen gleiten und träumte davon sie zu berühren.

Ein Blitz, welcher weit entfernt über den Himmel donnerte, weckte ihn aus seiner Träumerei. Er musste etwas antworte, etwas machen! Hektisch fummelte er in einer Jackentasche herum und zog ein dünnes, silbernes Armband hervor. An der kleinen Kette hing eine kleine metallene Feder.

"Ich wollte dir doch das hier zurück geben", kommentierte er sein Handeln und reichte dem Mädchen das kleine Schmuckstück. Sie nahm es vorsichtig mit breiten Lächeln entgegen und streifte es sogleich über ihr schmales Handgelenk.

"Danke"

Er erwiederte das Lächeln, wusste nicht was er anderes machen sollte.

Das Mädchen setzte sich auf die Bank und lehnte sich gegen die hintere Glasscheibe des Bushäuschens, welche mit den selben hirnlosen Sprüchen wie überall anders auch vollgekritzelt war.

Nach einer Weile machte es der Junge es ihr gleich und setzte sich neben sie. Sein Herz pumpte vor Aufregung wie verrückt.

"War das der einzige Grund warum du mich sehen wolltest?", fragte sie ihn ohne Vorwarnung und zeigte dabei auf das Armband. Nun war der Junge genau an dem Punkt, wovor er sich immer gefürchtet hatte. Der Punkt an dem es nur eine richtige Antwort gab, aber auch hunderte Möglichkeiten diesen einen Moment, diese eine Chance zu vermasseln. Sein Herz schlug aufgeregt und er onnte ihr kaum in die Augen sehen. War ihr das aufgefallen? Schwitzte er?

"Ich-, ich-", stammelte er, nach Worten ringend, "ich wollte dich einfach nur sehen! Es ist schön-, schön dich wieder zu sehen."

Sie lächelte ihn wieder an und erwiederte sanft: "Es ist auch schön dich wiederzusehen."

Innerlich war der Junge am verzweifeln. Wusste sie was er sagen wollte? Bestimmt. Sie wartete doch nur darauf! Aber was wenn nicht? Wenn er es nicht wagte, würde er es nie herausfinden. Aber es war so schwer.

"Mein Bus", stellte das Mädchen plötzlich fest.

"Was?", erschrug er und drehte sich hastig zu den näher kommenden Lichtern der Scheinwerfer um, welche sich unbeirrt vom Regen durch die Nacht schoben. Zu früh!

Sie stand wieder auf und stellte sich genau vor den Vorhang aus Regen. Der Junge stand auf, sagte aber nichts. Der Bus kam näher.

"Ich muss jetzt leider wieder los", stellte das Mädchen leicht betrübt fest, "aber das sollten wir wiederhohlen!"

Bei den letzten Worten drehte sie sich noch einmal ganz zu ihm um und schenkte ihm ein letztes Lächeln, denn der Bus war angekommen und hielt an. Als sich die Bustüren öffnete, drehte sie sich um und ging durch den Regen. Das war seine letzte Chance. Sie verschwand gleich!

"Warte!", rief er hinterher.

"Ich hab jetzt keine Zeit, ich muss einsteigen."

Der Junge lief zu ihr hin, ohne auf das strömende Wasser zu achten, welches auf seinem Kopf nieder prasselte und kühl über seine Haut lief. Sie schaute ihn erwartungsvoll an.

"Ich-, ich-", fing er wieder an und wusste, dass es die letzte Chance war, "ich liebe dich!"

In dem Moment schien die Zeit einen Atemzug lang stehengeblieben zu sein. Es gab keinen Bus, keinen Regen und auch kein Straßenlaternen, die ihr fahles Licht in die Dunkelheit aussanden. Es gab nur sie. Sie war das einzig Existente im Universum, sie war das, nein, sein Universum. Und sie schaute ihn aus zauberhaften, grünen Augen an, wischte ein paar lange Strähnen aus dem nassen Gesicht und kam immer näher. Das Herz des Jungen pochte nun so laut, dass er befürchtete sie damit zu verschrecken, doch sie war nicht verschreckt. Ihr Gesicht kam seines immer naäher und näher. Er wusste micht wie er sich verhalten sollte, wo er seine Arme halten oder ob und wie er ihre Geste erwiedern sollte. Es blieb ihn keine Zeit mehr, denn nun blieb sie nur einen fingerbreit vor seinem Gesicht und schaute ernst und doch so unglaublich liebevoll in seine Augen. Dann streifte sie mit ihren Lippen die Seinen und... gab ihm einen Kuss auf die Wange. Komplett sprach- und bewegungslos blieb er stehen, während sie sich von ihm löste, ihn verschmitzt anlächelte und in den Bus verschwand. Doch bevor sich die Türen schließen konnte, streckte sie ein letztes mal den Kopf hinaus in den Regen und stellte glücklich fest: "Das sollten wir wiederhohlen!"

Dann war sie hinter dunklen Fenstern verschwunden und der Bus fuhr los, verschwand in der Dunkelheit.

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