Kapitel 27

Am nächsten Morgen war Isabellas Stimmung alles andere als besser.
Trotz Milas zugeben sehr warmer Decke, hatte Isabella wegen der Kälte kein einziges Auge zu machen können.
Nun war so viel Schnee gefallen, dass ihr der Schnee bis zum Knöchel ragte und unangenehm in ihre Schuhe fiel und rieb.
Mila fragte ein zweimal nach Isabellas Empfinden, entschied sich dann aber dafür, sie lieber in Ruhe zu lassen.
Sie dachte vermutlich, dass Isabella das Gespräch vom letzten Abend noch beschäftigte, und damit hatte sie gar nicht so unrecht.
Isabella fühlte sich miserabel!
Doch was sollte sie schon tun?
Nun war es eindeutig zu spät zu handeln, selbst wenn sich Isabella auf den Weg machen würde, um sich freiwillig zu stellen, würde sie niemals bei der Entfernung, die sie hinter sich gelegt hatten den Weg finden, ohne irgendwo im Nichts verloren zu gehen.
So langsam merkte sie, dass sie einfach nicht für die freie Wildnis gemacht war.
Am Mittag beschloss die Gruppe Rast zu machen, um sich kurz aufzuwärmen und zu stärken.
Der Schnee hatte vorübergehend aufgehört zu fallen und einige nutzen die Gelegenheit dazu, in einem großen Feuerkorb ein Feuer zu legen.
Eilig setzte Isabella sich mit Peter an das knisternde Feuer und streckte ihre kalten Hände aus.
Erleichtert atmete sie aus, als sie das erste Mal seit länger Zeit so etwas wie Wärme verspürte, die sich langsam ihren Körper entlang ausbreitete.
Als Peter sah, wie Isabella die neu gewonnene Wärme freute, streckte er grinsend seine kleine Hand nach ihr aus, um sie ihr auf die Wange zu legen.
Seine Hand war im Gegensatz zu Isabellas, schön warm.
Isabella schüttelte den Kopf.
„Wie kann Dir bei dieser Kälte nur warm sein?"
Immer noch grinsend, setzte sich Peter wieder neben sie.
Seit Isabella ihm gestern Gesellschaft geleistet und ihm eine Geschichte erzählt hatte, war er gegenüber ihr wie ausgewechselt.
Trotz Isabellas schlechter Laune, bemühte er sich bei ihr zu bleiben, auch dass er nicht besonders viel sprach, war für Isabella kein Problem mehr.
Es erleichterte sie sehr, dass Peter anfing, sie zu mögen, so hatte sie wenigstens das Gefühl, dass sie Collins Bitte ein wenig erfüllen konnte.
Isabella spürte, wie Peter ihr am Ärmel zupfte.
„Bitte eine Geschichte!"
Isabella lächelte.
Das Peter ihre Geschichten wirklich mögen zu schien, gab ihr tatsächlich den Mut es irgendwann mit dem Schreiben auszuprobieren.
Wie schön es doch wäre, wenn sie für weitere Kinder Geschichten schaffen könnte, die sie in richtig wahrhaftigen Büchern lesen könnten.
Isabella begann zu erzählen, während sie verträumt in das Feuer blickte.
Sie wusste nicht, ob es daran lag, dass Isabella so vertieft in ihr Geschichten erzählen war, oder ob  sie schlicht und ergreifend einfach viel zu Müde und erschöpft war, dass einzige was sie realisierte, war auf einmal Milas schockierter Gesichtsausdruck.
Auch Peter sprang erschrocken auf und begann zu horchen.
In Nu bildete sich eine ungeheure Unruhe der Menschen, panisches Getuschel war zu hören.
Nur Isabella stand wie angewurzelt da und begriff einfach nicht, was gerade geschah.
Ein großer Mann, links von Mila, zog grimmig die Augen zusammen und legte ausdrucksstark seinen Zeigefinger auf seine Lippen, selbst auf seinem Gesicht, war eine Spur von Furcht zu erkennen.
Doch wie automatisch breitete sich eine ungewöhnliche Stille bei den Dorfbewohnern aus und jetzt, jetzt konnte Isabella es auch hören.
Zunächst hörte man nur das Klappern eines Pferdewagens, Hufschritte, doch desto näher sie kamen, um so deutlicher konnte man sie hören.
Noch befand sich der Wagen auf einem festen Weg in der Nähe der Lichtung, doch Isabella war klar, dass es sich um das Nordviertel handeln könnte.
Geschockt blickte sie in die brennenden Flammen, dessen Qualm in den Himmel zog.
Das Feuer hatte sie verraten, das Feuer hatte sie schon längst verraten.
In den nächsten Sekunden ging alles furchtbar schnell.
Mit langsamer und deutlicher Mimik, formte der Mann mit seinen Lippen nur einen kurzen Satz, der ein ganzes Chaos auslöste.
Versteckt Euch!
Wie auf einen Schlag liefen alle los.
Die Pferdewagen wurden in fahrt gesetzt, um unter den Dickicht des Waldes, wenigstens etwas Schutz zu kriegen, obwohl vermutlich alle wussten, dass die großen Wagen kaum zu übersehen waren.
Isabella konnte sich kaum bewegen, so viele Menschen drängelten sich an ihr vorbei, stießen ihr vereinzelt Ellenbogen oder Füße an die Seite.
Mit Mühe versuchte sie sich auf den Beinen zu halten.
Dann fiel es ihr ein, wer eben noch neben ihr gestanden hatte.
Ruckartig drehte sie sich um.
Peter stand immer noch in ihrer Nähe, versuchte allerdings sich einen Weg durch die riesige Menschenmenge zu bahnen, um zu seiner Mutter zu finden.
Schnell blickte Isabella sich um, bis sie Peters Mutter sah.
Sie war einige Meter entfernt, zu weit entfernt, kämpfte sich aber ebenfalls durch die große Menge.
Eilig drängelte sich Isabella an ein paar Leuten vorbei und packte Peter am Arm.
Dann blickte sie zu der Mutter des Jungen und schüttelte einmal ausdrucksstark mit dem Kopf.
Der Schmerz seiner Mutter stand ihr ins Gesicht gespiegelt, doch als sie erneut versuchte sich durch die Mengen zu kämpfen realisierte sie, dass sie keine Chance hatte.
Schließlich gab sie es auf, nickte schwer und packte sich ein kleines, weinendes Mädchen, was in ihrer Nähe stand, um es in Sicherheit zu bringen.
Das musste Isabella jetzt auch tun!
Sie musste Peter  in Sicherheit bringen und zwar schleunigst.
Verstohlen blickte sie sich um.
Isabellas Instinkt sagte ihr, dass sie sich der riesigen Menschenmasse anschließen sollte um in den Wald zu gelangen, doch ihr Verstand sagte ihr, dass sie es nicht mehr schaffen würde.
Weil sie keine Zeit mehr zum Nachdenken hatte, kehrte sie ruckartig der Menschenmasse den Rücken zu und rannte mit Peter in die andere Richtung, in die Richtung aus der die Wagengeräusche vorhin gekommen waren.
Dies schien auch Peter zu begreifen.
Heftig begann er zu zappen und sich zu währen, doch Isabella gab sich die allergrößte Mühe, ihn mit all ihrer Kraft festzuhalten, bis sie an ihrem erspähten Ziel angekommen waren.
Es war ein relativ großer, ausgebauter Fuchstunnel unter einem abgebrochenen Baumstumpf.
Er war eng und dunkel und Isabella drehte sich der Magen um wenn sie daran dachte, dass sie sich darein zwingen musste, doch sie hatte keine andere Wahl.
„Geh da rein!", befahl Isabella den kleinen Jungen.
Peter starrte sie mit seinen großen Kulleraugen geschockt an.
Er hatte selber große Furcht den dunklen Bau zu betreten, doch er hatte keine andere Wahl.
Isabella brach es das Herz, doch sie konnte nicht anders, als den Jungen zu packen und eilig in den Bau zu schupsen.
Noch einmal drehte sie sich um, ehe sie sich zu Peter in den Bau zwängte.
Es war furchtbar eng und Isabella atmete tief ein und aus, damit sie nicht zu Hyperventilieren anfing.
Doch ihr Versteck hatte etwas Positives.
Es lag zwar viel näher an den immer näher kommenden Geräuschen, jedoch war es so unauffällig und tief, dass man es nicht gut sehen konnte.
Im Gegensatz zu den vielen Menschen, die sich im Wald verstecken, dachte Isabella.
Auf einmal hörte Isabella Huf trappeln und das Geräusch eines Autos.
Eilig packte Isabella Peter und hielt ihm den Mund zu, dabei hatte sie das Gefühl das ihr Herz viel lauter schlug.
Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis die trappelten Hufe lauter wurden, eine Ewigkeit die sich einfach schrecklich anfühlte.
Auf einmal erkannte Isabella ein paar Pferdehufe, danach Füße von Menschen.
Jetzt begann ihr Herz so wild zu pochen, dass sie Angst hatte, dass es plötzlich einfach hinaussprang.
Doch Isabella sollte Recht behalten.
Niemand konnte sie von hier aus sehen und niemand konnte sie hören, obgleich Isabella das Gefühl hatte, dass sie so laut wie ein Marathon Läufer atmete.
Doch die Menschen gingen geradewegs an ihr vorbei, in Richtung der anderen.
In eine Richtung voller Menschen, die sich nicht verstecken konnten, die lediglich den Schutz des Waldes für sich hatten finden können.
Eine Masse voller Menschen, die nicht das Privileg hatte vom Nordviertel abzustammen.
Eine Gruppe von Menschen, die aufgrund banaler unterschiedlichlichkeiten, auf das schlimmste bedroht und verurteilt wurden.
Was könnte schon schlimmes mit Isabella passieren, im Vergleich zu dem, was die Menschen mit dem Südviertel anstellen würden!
Isabellas Entscheidung war gefasst.
Eilig drehte sie sich zu Peter um, der mit großen Augen nach draußen starrte.
Er zitterte am ganzen Körper vor Angst.
Isabella schmerzte der Gedanke, wenn sie an das dachte, was sie als Nächstes tun wollte.
„Hör zu Peter!", sie sprach so leise, dass sie sich selbst kaum hören konnte.
„Versprichst du mir, dass egal was Ich tun werde, egal was auch passiert, hier drinnen bleibst, dich versteckst und keinen Mucks von dir gibst?"
Entsetzt riss Peter die Augen auf.
Wie aus Reflex packte er Isabellas Arm und schüttelte wild mit dem Kopf.
„Ich versteh, das du Angst hast, doch in diesem Moment gehen die bösen Leute geradewegs auf deine Mutter, Mila und all die anderen Leute die dir am Herzen liegen zu, wenn wir jetzt nichts unternehmen, ist es zu spät!"
Die Augen des Jungen wurden glasig.
Isabella biss die Zähne zusammen.
„Ich weiß schon, das du ein Held bist und das musst du denen nun auch beweisen in dem du dich so gut versteckst, das keiner dich findet!"
Noch einmal warf Isabella einen verstohlenen Blick nach draußen, dann drückte sie den kleinen Jungen fest an sich.
„Versprich mir, dass du erst nach draußen kommen wirst, wenn Mila oder deine Mutter nach dir rufen!", sie spürte wie der Junge nickte.
Isabella lehnte sich erleichtert wieder zurück.
Sie musste sich keine Sorgen machen, Peter war ein unglaublich schlauer und starker Junge und jetzt, jetzt musste sie genauso viel Stärke beweisen!
Sie drehte dem kleinen Jungen den Rücken zu, straffte die Schultern und kletterte dann nach draußen ins Tageslicht.
Der Schnee glitzerte so stark, dass Isabella das Gefühl hatte, Scheinwerfer wären auf sie gerichtet.
Und obwohl sie laut durch den Schnee stapfte, drehten sich die Menschen, einige Meter vor ihr, nicht um.
Sie musste also anders ihre Aufmerksamkeit gewinnen, ohne das andere dahinter kamen das hinter den Wäldern ein Haufen von Menschen versteckt waren.
Kurzerhand ließ sie sich mit einem erstickten Schrei in den Schnee fallen.
Auf einmal war es ganz still, dann drehten sich die Menschen aus dem Nordviertel um.
Es waren große, blonde Männer, so wie Isabella es nicht anders aus ihrem Viertel kannte.
Doch auf einmal wirkten sie viel bedrohlicher und  Angsteinflößender auf sie, als sonst.
Für Isabella fühlte es sich wie eine Ewigkeit an, in der sie darauf wartete das die Männer näher kamen.
Schließlich stand einer der Männer direkt vor ihr.
„Wo ist der Rest deiner Gruppe?"
Isabella schluckte, jetzt wirkte er noch viel Angsteinflößender auf sie.
„Fort!", flüsterte sie piepsend.
„Ich habe sie verloren und war zu schwach um weiterzulaufen."
„Wie lange sind sie schon fort?"
„Ich weiß es nicht, einen Tag etwa."
Der Mann verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die vermutlich ein spöttisches grinsen darstellen sollte.
Du willst mir also sagen, dass du dieses riesige Feuer-„
Er wies auf die Feuerstelle, einige Meter entfernt von Ihnen.
„ganz alleine hergerichtet hast?"
„Die Feuerstelle nicht, das hat mein Viertel hergestellt, ich habe lediglich das Feuer immer wieder angezündet!"
Der Mann betrachtete den Jungen argwöhnisch.
„In welche Richtung ist dein Viertel gegangen?"
„Ich weiß es nicht, in den Osten vielleicht!"
Der Mann sah so aus, als würde er ihr kein Wort glauben.
„Ergreift den kleinen Jungen!", sagte er schließlich und wies auf ein paar starke Männer die auf Isabella zukamen und sie grob an den Armen packten.
Sie dachten Isabella wäre ein Junge, also war der ursprüngliche Plan ihre Identität zu verbergen, gelungen.
Genau in diesem Moment, sah Isabella einen Kopf aus dem Wald hervorragen.
Isabellas Herz blieb vor Schreck stehen und sie blickte panisch zu den Männern, die sie mit sich zogen.
Doch zu ihrem Glück guckten sie in eine ganz andere Richtung.
Mit einer Mischung aus Wut und Panik starrte Mila Isabella an.
Sie machte Anstalten aufzuspringen, doch Isabella schüttelte so unauffällig doch trotzdem aussagekräftig wie es ging, den Kopf.
Mila wusste wie viel auf dem Spiel stehen würde, wenn sie nun aufspringen würde.
Als Mila dies selber zu begreifen schien, legte sich lediglich ein trauriger Ausdruck über ihr Gesicht.
Dies brach Isabella ein wenig das Herz.
Sie hatte Mila immer als eine solch starke und selbstbewusste Person wahrgenommen, Verletzlichkeit zu zeigen, kannte sie von ihr gar nicht.
Obwohl es angesichts der Situation, in der sich Isabella befand wohl alles andere als angebracht war, zwang sich Isabella zu einem Lächeln.
Mila sollte wissen, dass Isabella versuchen würde, genauso stark wie sie zu sein und wie dankbar sie Mila war, für all das, was sie für Isabella getan hatte.
All diese Worte, all das, was sie Mila noch sagen wollte, waren schwer nur in einer einfachen Geste darzustellen, doch Isabella hatte das Gefühl das Mila es zu begreifen schien.
Auch sie zwang sich zu einem Lächeln, obgleich es nicht ihre Augen erreichte.
Ihre Lippen formten die Worte ‚Danke'.
Dann wandte Isabella sich von Mila ab und ließ sich widerwillig mit den Menschen aus dem Nordviertel mitziehen.

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