Prolog

(500 Jahre zuvor)

Die Erde war untergegangen.
Jean Polaris starrte immer noch geschockt durch die Tür. Sie war gerade neunzehn Jahre alt geworden, als ihre Mutter und ihr Vater aus Angst vor einem Weltuntergang mit ihr und ihrem Bruder Patrick in den Familienbunker geflohen waren. Ein Jahr später hatten sie sich wieder hinausgegraben, da ihr Vater der Meinung gewesen war, dass der Weltkrieg nun vorbei sein musste.

Jean konnte es noch immer nicht glauben. Sie starrte auf die zerstörte Straße, die zu ihrer Heimatstadt geführt hatte. Die Bäume, die den Weg gesäumt hatten, waren abgeknickt und lagen entweder auf dem Asphalt, der an einigen Stellen aufgerissen war, oder sie waren komplett verschwunden. Man sah nur Wurzeln, die kreuz und quer aus der Erde herausragten.
Alles war zerstört, die Häuser waren bestimmt nur noch Ruinen.

Ihr Vater schulterte seinen Rucksack mit Vorräten und Jean trug ihre eigene Tasche. Sie fuhr sich nervös durch ihre langen Locken, bevor sie zu ihrem kleinen Bruder schaute. Patrick hielt sich an ihrer beider Mutter fest. Seine Finger krallten sich fast schon panisch in den Stoff ihrer blau karierten Bluse.

Die Luft konnte man atmen, auch wenn das eigentlich nicht möglich sein sollte, schließlich war alles voller Gas.
Die kleine Familie machte sich auf den Weg zu der Stadt, in der sie einst gelebt hatte. Die Häuser waren zwar zerstört, doch einige Menschen hatten begonnen, sie wieder aufzubauen.
Bei näherem Hinsehen fiel ihr auf, dass sie diese Leute kannte. Waren das wirklich Überlebende?

»Hallo?«, rief Jordan Polaris laut.
Einige drehten sich zu ihnen um, auch Marisa, Jeans beste Freundin. Doch sie sah kaum noch aus wie die, die sie einst gekannt hatte. Ihre Haut wies rote Brandspuren auf und ihre Augen, die früher wunderschön braun gewesen waren, hatten nun unterschiedliche Farben. Das eine war blau und das andere grün, was komisch und unnatürlich aussah.

»Polaris!«, rief Bob, ihr ehemaliger Nachbar, spöttisch. Auch seine Augen hatten im vergangenen Jahr eine komische Farbe angenommen.
»Lang nicht mehr gesehen. Ich dachte, ich sehe euch nie wieder!« Er spuckte angewidert auf den Boden vor sich.

»Wie wäre es, wenn ihr wieder zurück in euren kleinen mickrigen Bunker geht, aus dem ihr gerade gekrochen seid?«
Er hielt eine Axt etwas zu hoch, als dass es friedlich wirkte. Jean wich einige Schritte zurück.
»Bob, was soll der Scheiß? Wir sind genauso Einwohner dieser Stadt wie ihr!«, zischte ihr Vater wütend zurück.
Bob spuckte erneut auf den Boden. »Ja, genau, echte Einwohner! Wir sind nicht weggerannt! Nur ihr habt euch in eurem kleinen Bunker versteckt!«
Bob lachte hämisch und holte aus.

Jean schrie auf, als sie sah, was geschah: Von einem Moment auf den anderen steckte die Axt in der Brust ihres Vaters. Dieser schaute zu seiner Frau, Blut tropfte aus seinem Mund. Bevor er etwas sagen konnte, ging er auf die Knie.
»NEIN!«
Ihre Mutter wollte zu ihrem Mann eilen, jedoch wurde sie von einem anderen Mann zurückgehalten. Inzwischen hatte sich eine Traube von Menschen um sie gebildet.
»Ihr werdet alle sterben«, knurrte Bob mit gebleckten Zähnen. Dann musterte er Jean und packte sie an den Haaren. Sie schrie wild auf und wehrte sich gegen Bob, der sie gewaltsam zu sich zog. »Na ja, vielleicht lasse ich deine Kleine ja am Leben!«

Lächelnd strich er ihr die Haare aus dem Gesicht und fuhr mit einem Finger über ihre Wange. Bevor Jean auch nur reagieren konnte, hatten zwei Männer Patrick gepackt, der verzweifelt um sich trat, und ihn zu einem Holzhaufen gezogen, der wie ein Lagerfeuer geschichtet war. Jean wehrte sich, versuchte verzweifelt, zu ihrem Bruder zu gelangen.
»Weißt du, Kleiner, so in etwa hat es sich angefühlt, als die Atombomben kamen!«

Die Bewohner banden ihn am Scheiterhaufen fest, während ein anderer ihren Bruder anzündete. Jean sollte seine Schreie noch ewig in ihrem Kopf und in ihren Träumen hören. Ihr selbst entkam ebenfalls ein Schrei – ob vor Schmerz, weil jemand ihr gerade in den Bauch geschlagen hatte, oder weil sie mit ansehen musste, wie ihr kleiner Bruder verbrannte, wusste sie nicht. Ihre Mutter wand sich, schrie und versuchte, zu ihrem Sohn zu gelangen. Daraufhin schlug einer der Männer sie nieder, sie sackte auf die Knie. Ihr glasiger Blick traf auf Jean.

»Du musst hier weg, Jean. Lauf!«
Jean schrie erneut schmerzerfüllt auf ...
Und schaffte es, nach der Axt zu greifen, die der Mann erneut in seiner Hand hielt. Mit einer schnellen Drehung ihrer Hand befreite sie den Griff aus der Faust des Mannes. Dann holte sie aus und schlug blindlings nach hinten, erwischte Bob, der schmerzverzerrt aufschrie. Sie drehte sich um und sah, dass sie ihn an der Schulter erwischt hatte. Leider nicht so tief, dass er seinen Arm verlor.
Jean drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte, in den Wald.

»Na los, Kleine, renn! Renn weg! Ich kriege dich so oder so!«, brüllte Bob ihr nach.
Und sie rannte und rannte. Irgendwann fehlte ihr dazu die Kraft und sie ging nur noch, aber blieb nicht stehen. Denn schließlich war »Bleib niemals stehen« die erste Regel, die man in jedem guten Zombiefilm lernte!

Immer wieder hörte sie in ihrem Kopf die Schreie ihrer Familie. Sie unterdrückte mit aller Kraft die Tränen und sackte hilflos am Boden zusammen. Sie konnte nicht mehr atmen und ihr rollten unaufhaltsam Tränen über die Wangen. Ihre Finger zogen an ihrem Haar in der Hoffnung, dass es etwas bringen würde. Doch der Schmerz half nicht und es begannen schwarze Punkte vor ihren Augen zu tanzen. Sie nahm die Finger aus ihren Haaren und schlug sich verzweifelt immer wieder auf ihr Bein. Auf der dunkelblauen Jeans waren inzwischen dunkle Dreckflecken. Es hätte auch Blut sein können.

Wieder wurde sie von einem Heulkrampf geschüttelt. Sie wollte schreien, doch nichts kam aus ihrem Mund. Irgendwann kämpfte sie sich wieder auf die Beine. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch sie wollte nicht weiterlaufen. Sie wollte sich einfach nur zusammenrollen und sterben.

Nein, sie musste weiter!
Was hätte es sonst für einen Sinn gehabt, dass ihre Mutter sich geopfert hatte. Für sie?
Wutentbrannt holte aus und schlug gegen die harte Rinde eines Baumes. Der Schmerz tat gut, sie wiederholte das Ganze, da sie einfach nicht aufhören konnte. Es war so, als wäre sie unter Wasser gefangen und der Schmerz war das einzige, was ihr half, wieder an die Oberfläche zu kommen. Nach einigen Schlägen wandte sie sich um und lief weiter durch den Wald.

Jean erlaubte es sich nicht, erneut zu weinen. Ihre Mutter war die einzige, die noch am Leben war, und sie, sie Feigling, war weggerannt und hatte sie bei diesen Monstern gelassen.

Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts eine rothaarige Gestalt auf und die beiden prallten aneinander, sodass es sie von den Füßen riss. Jean versuchte, sich zu orientieren, wobei ihr Blick das Gesicht eines Mädchens streifte.

Auch sie hatte zwei verschiedenfarbige Pupillen.
»Wer bist du?«, fragte das fremde Mädchen, als die beiden sich aufrappelten. Ihr Ton machte klar, dass sie Jean genau so viel traute wie Jean ihr – also gar nicht!

»Polaris. Mein Name ist Jean Polaris«, sagte sie und musterte das Mädchen argwöhnisch. Konnte sie der Fremden trauen? Die Bewohner der Stadt hatten sich eindeutig verändert und Jean wusste nicht, ob sie überhaupt noch irgendwem trauen konnte. Diese Menschen hatten ihren Bruder umgebracht! Menschen, die sie gekannt und mit denen sie aufgewachsen war! Die Fremde dagegen kannte sie rein gar nicht ...

»Ich bin Mia.« Das Mädchen streckte ihr die Hand entgegen.
Jean nickte Mia zu, ohne die ihr angebotene Hand anzunehmen. Sie könnte eine aus dem Dorf sein, oder, noch schlimmer, eine, die allein unterwegs war und deswegen zu einem Kannibalen geworden war. Sie kannte diese Welt nicht mehr und musste mit dem Schlimmsten rechnen. Also trat sie lieber einige Schritte zurück und wischte sich unauffällig über die Augen. Bloß keine Schwäche zeigen. Zumindest war das so bei wilden Tieren. Also sollte das bei einem wildfremden Mädchen auch funktionieren.

»Hey, ganz ruhig, ich tue dir nichts. Versprochen!«, meinte Mia, so als könnte sie ihre Gedanken lesen.
Jean hob nur eine Augenbraue und musterte das Mädchen weiterhin argwöhnisch.
Mia wartete auf eine Reaktion, doch als Jean nichts mehr zurückgab, wandte sie sich kopfschüttelnd von ihr ab. »Hör zu. Es ist nicht mein Problem, ob du mir traust oder nicht. Aber im Gegensatz zu dir habe ich einen halbwegs angenehmen Schlafplatz, den wir teilen können, wenn du willst. Außer du wartest lieber auf die Personen, die dich jagen!«
Jean folgte ihr. Zumindest hatte das Mädchen einen Schlafplatz, was schon einmal etwas Gutes war. Sie hob allerdings noch einen dicken Holzstamm auf und legte ihn sich über die Schulter. Falls Mia sie doch töten wollte, würde sie wenigstens vorbereitet sein.

***

Exakt ein Jahr später waren es nicht mehr nur Mia und Jean, sondern noch einige andere Jugendliche, die sie im Wald, in den großen Erdhöhlen oder auf abgelegenen Straßen aufgegabelt hatten. Sie hatten sich in einem kleinen Dorf niedergelassen, das einen Wasserturm besaß. In den waren Mia und sie gezogen.

Es hatte lange gedauert, bis Jean Mia vertraut hatte. Des Öfteren hatte sie sie mit der Keule niedergeschlagen, sie zudem mehr als einmal mit einem Messer bedroht.

Alle hatten das Kämpfen erlernt und schon mehr als einmal versucht, Jeans Mutter aus den Klauen dieses Monsters zu befreien. Leider erfolglos.
Doch diesmal war es anders.

Jean und Mia führten die anderen durch den Wald. Die Blätter verfärbten sich langsam und begannen zu fallen. Jean kam es dennoch so vor, als wäre es erst gestern gewesen, als sie hier oben angekommen war.

Mehr als einmal hatte sie von diesem verhängnisvollen Tag geträumt. Und manchmal, ganz selten, kam es vor, dass sie dachte, ihr Vater und ihr Bruder kämen hinter einem Baum hervor. Wieder lebendig und glücklich. Aber es wurde immer seltener, dass sie das glaubte oder es gar wagte, davon zu träumen.

Jean sah das Arschloch. Es saß dort mit einigen anderen Menschen, darunter auch Marisa. Sie lachten und scherzten, und um ehrlich zu sein, verstand Jean nicht, warum. Die Welt war untergegangen und tausende von Menschen waren gestorben. Unschuldige Menschen, und das nur, weil sie nicht auf die Umwelt aufgepasst hatten. Eben diese Menschen feierten das jetzt auch noch. Für Jean war es einfach nur falsch.

Im Schutz des Waldes näherte Jean sich. Doch bevor sie etwas tun konnte, stürmten ihre Verbündeten das Camp. Sie mussten gedacht haben, dass das ihr Signal gewesen war.

»Verfluchte Scheiße!«, entkam es Jean, bevor sie ihren Brüdern und Schwestern in die Schlacht folgte.
Es dauerte Stunden, bis der Kampf vorbei war. Eine Menge Blut floss dabei.

Jean hielt ihre Axt in die Höhe, sie war blutbeschmiert, um sie herum lagen hunderte an Leichen, darunter nicht nur die Leute aus dem Dorf. Dort lagen Matilda und Jeremy, sowie Gideon und Fiona, allesamt auf grausame Art getötet. Doch ein Körper stach ihr besonders ins Auge.

Bob! Er lag dort, seine Gedärme hingen ihm aus dem Bauch und er atmete sogar noch.
Jean marschierte auf ihn zu und beugte sich über ihn, ein verrücktes Lächeln zierte ihre Lippen.
»Erinnerst du dich noch an mich?«, fragte sie ihn, während sie einen ihrer Füße, die in Lederstiefeln steckten, auf seine Brust stellte.

Er starrte sie nur an, Blut tropfte aus seinem Mund, als er nickte.
»Gut. Denn ich werde das letzte Gesicht sein, das du siehst, wenn du stirbst!«
Damit holte sie mit ihrer Axt aus und rammte sie ihm in den Schädel, der mit einem widerlichen Knacken aufging wie eine Kokosnuss. Danach steckte sie ihre Axt weg, die sie zuvor mit einem kräftigen und geübten Ruck aus Bobs Schädel gezogen hatte.

Die restlichen Einwohner der Stadt waren nun Gefangene. Sie hatten gesiegt.
Nach langer Zeit würde sie endlich ihre Mutter wieder in die Arme schließen können, doch als sie die Hütte betrat, in der ihre Mutter eigentlich sein sollte, war sie nicht da.
»WO IST SIE?«, schrie sie voller Wut den erstbesten Gefangenen an, der schon gefesselt auf dem Boden hockte. Sie packte ihn an den Haaren, während sie ihn vom Boden hochzog.

Lip, der gerade noch einen Weiteren fesselte, schaute kurz auf, bevor er sich wieder seinem Gefangenen zuwandte.
Der Mann vor ihr spuckte ihr förmlich die Antwort entgegen. »Oh, deine Mama? Die ist vor ein paar Wochen gestorben!«
Bevor Jean nachdenken konnte, holte sie aus und schlug den Kerl nieder. Nach einigen weiteren Schlägen ging sie doch zum Treten über. Es fühlte sich fast so an wie damals, als ihr Vater und Bruder gestorben waren, und sie immer und immer wieder auf den Baum eingeschlagen hatte, ohne aufhören zu können.

Irgendwann zog sie ihre Axt wieder aus der Halterung und schlug damit auf den Mann ein. Immer mehr Blut bedeckte ihre Arme, ihr Gesicht und ihren ganzen Körper. Für andere musste es so aussehen, als hätte sie in Blut gebadet.
Als Jean endlich genug hatte, ließ sie von dem Mann ab und trat in die Mitte des Platzes, der mehr einem Schlachtfeld glich. Überall lagen Leichen und um sie herum sammelten sich Leute. Ihre Leute, aber auch die aus dem Dorf. Einer nach dem anderen fiel auf die Knie.

»POLARIS, POLARIS, POLARIS!«
Es hallte durch das Dorf, das nun wie eine Geisterstadt wirkte.
Jean lächelte und hob ihre Axt in die Luft, ein Schrei verließ ihre Lippen und die erste Königin der Victouryas legte lachend ihren Kopf in den Nacken.

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