Prolog
Köln, November 1938
- Catarina -
Beinahe wäre mir meine italienische Herkunft zum Verhängnis geworden. Die römische Nase, die dunklen Haare, die schwarzen Augen. Kurz: mein nichtarisches Aussehen.
Dabei hatte der Tag so gut begonnen. Die Haushälterin war zum Markt gegangen, um Kohl für die Gemüsesuppe zu kaufen, mein Bruder Augusto bei der Arbeit, und ich hatte frei. Also machte ich das, was ich am liebsten mache: ich nahm Zeichenblock und Bleistift und ging hinaus in die Stadt.
Es zog mich wieder zur Bastei am Rheinufer. Das sternförmige Panorama-Restaurant steht auf einem alten Wachturm und ragt weit über das Wasser hinaus. Von dort kann man den Hafen sehen, die Kräne, die Schiffe, die dunklen Linien der Kais. Ich setzte mich auf eine Bank, legte den Block auf die Knie und begann zu zeichnen.
Zuerst nur die großen Formen des Gebäudes. Dann die Kanten, Vorsprünge, Fenster. Ich arbeitete mich langsam vor, Linie für Linie. Währenddessen überlegte ich, wie der Architekt wohl vorgegangen war. Ich stellte mir vor, wie er zuerst den Turm gesehen hatte und dann die Idee in ihm Gestalt annahm, wie er ihn mit einem Restaurant überbauen wollte. Ob er lange gezögert hatte, bevor er die erste Skizze machte.
Der Wind roch nach Wasser und Kohle.
Als das Licht schwächer wurde, klappte ich den Block zu und machte mich auf den Heimweg. Ich hielt mich an die größeren Straßen und mied die Viertel rund um den Hafen. Augusto hatte mir mehr als einmal gesagt, ich solle dort nicht allein herumlaufen.
Aber es geschah nicht in den engen Gassen und dunklen Hinterhöfen des stillgelegten Hafens, sondern auf der zentral gelegenen Ehrenstraße, direkt vor dem Brauereigasthof Zur Henne. Erst vor ein paar Tagen hatte ich dort mit Amedeo und einer Bekannten gegessen. Würstchen mit Kartoffeln. Danach Apfelstrudel.
Der Geruch von Bratfett lag in der Luft, aus der Gaststube drangen Musik und Männerstimmen. Mit den Gedanken war ich noch immer halb bei der Zeichnung. Ich überlegte, ob Augusto mir einen Zirkel leihen würde, weil ich mit dem Bleistift allein die Rundungen der Bastei nicht so hinbekam, wie ich wollte.
Unter den Straßenlaternen lagen lange Schatten, die sich bei jedem vorbeifahrenden Wagen verschoben.
Ich bemerkte die Uniformierten erst, als mich einer grob am Arm packte.
„Halt, Fräulein."
Der Mann stellte sich vor mich. Breitbeinig, die Hände am Koppel. Hinter ihm trat ein zweiter näher. Er hob eine Taschenlampe und richtete das Licht direkt in mein Gesicht.
Ich blinzelte. Das Licht war grell, der Kreis aus Helligkeit ließ alles andere verschwimmen. Ich hob die Hand gegen das Licht.
Ich suchte nach deutschen Wörtern. Nach irgendeinem Satz, der die Situation erklären könnte. Aber die Sätze, die ich in den letzten Monaten gelernt hatte, schienen wie weggewischt.
Ich brachte keinen Ton heraus.
Das machte sie ungeduldig.
„Drecksjüdin!", sagte der eine.
Der andere trat noch näher. Er musterte mich langsam, sein Blick wanderte von meinen Schuhspitzen bis zu meinen Haaren hinauf. Dann stieß er mich mit der flachen Hand gegen die Schulter.
Ich verlor kurz das Gleichgewicht und fing mich wieder.
Jetzt erst sah ich die Uniformen richtig. Braun. Und die Armbinden.
SA.
Und sie hielten mich für eine Jüdin.
Der Gedanke traf mich bis ins Mark. Einen Moment lang konnte ich keinen klaren Gedanken fassen.
Dann griff ich in meine Handtasche. Meine zittrigen Finger fanden den Pass, und ich zog ihn heraus. Ich hielt ihn dem Mann hin, der mich gestoßen hatte.
Er nahm das Dokument, ohne etwas zu sagen.
Die Taschenlampe wanderte auf den Pass. Der Mann blätterte einmal, zweimal.
„Vielleicht eine gefälschte Karte", sagte er schließlich.
Der andere zuckte mit den Schultern. „Wir nehmen sie mit. Die Gestapo klärt das."
Eine jähe Kälte breitete sich in mir aus.
„Ich bin die Schwester eines italienischen Diplomaten", sagte ich.
Meine Stimme klang fremd, als käme sie aus einiger Entfernung.
„Das kann jeder sagen."
Der zweite Mann nahm seinem Kameraden den Pass aus der Hand und schlug ihn auf. Er betrachtete die Seiten länger, als nötig gewesen wäre.
Ich hörte meinen eigenen Atem.
Schließlich schnaubte er.
„Scheint zu stimmen", sagte er. „Italienerin."
Der andere verzog das Gesicht. „Was kann ich dafür, dass die alle gleich aussehen?"
Der erste Mann faltete den Pass wieder zusammen. Schnell, als sei er wütend. Er reichte ihn mir zurück.
„Sie sollten jetzt nach Hause gehen, Fräulein", sagte er knapp. „Es ist nicht sicher auf den Straßen."
Dann ließen sie mich einfach stehen.
Ich blieb noch einen Moment stehen, den Pass in der Hand. Erst als ihre Schritte verklungen waren, steckte ich ihn wieder in die Tasche.
Es begann zu regnen.
*
Jetzt sitze ich im Wohnzimmer. Die Uhr an der Wand tickt gleichmäßig.
Maria, unsere Haushälterin, steht vor mir und tupft mit einem Wattebausch Alkohol auf die Schürfwunde an meiner Wange. Es brennt.
„Du siehst eben aus wie eine Jüdin", sagt Augusto.
Er sitzt am Tisch, die Ellbogen auf der Platte. Seine Hände sind ineinander verschränkt.
„Das ist das Problem."
„Aber ich bin keine Jüdin."
Maria packt Tupfer und Alkohol zurück in die Medizintasche. Sie sagt nichts.
Augusto hebt den Kopf. Sein Blick bleibt einen Moment auf meinem Gesicht.
Dann seufzt er.
Eine Weile spricht niemand. Man hört nur die Uhr.
„So gern ich dich hier habe", sagt er schließlich, „aber es wäre mir lieber, du würdest in die Schweiz zurückkehren."
Ich sehe ihn an.
„Zumindest, bis sich die Dinge beruhigt haben."
Ich will etwas sagen, aber mir fällt nichts ein.
Zum zweiten Mal an diesem Abend verschlägt es mir die Sprache. Die Vorstellung, Köln zu verlassen, zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Wenn ich durch die Straßen gehe, das Pflaster unter den Schuhen, das Quietschen der Straßenbahn und die Stimmen der Händler auf den Märkten im Ohr – dann fühlt sich alles klarer an als irgendwo sonst.
Hier zeichne ich Häuser. Hier sitze ich in der Bibliothek und studiere Bücher über Kirchenbau. Hier esse ich Eis auf Waffeln, das viel zu groß für eine Person ist.
Hier scheint es möglich, Dinge zu tun, die in meiner Heimat niemand für eine Frau vorsieht.
Ich könnte als Frau Architektur zu studieren.
Mein Leben hier, meine Zeichnungen, meine Träume für die Zukunft - soll das jetzt alles vorbei sein? Wegen ein paar Männern in braunen Uniformen, die nicht einmal zu einer richtigen Armee gehören?
„Aber ich bin doch keine Jüdin", wiederhole ich. „Mir kann nichts passieren."
„Du verstehst nicht, was hier passiert", sagt Augusto schließlich leise.„Heute war es ein Irrtum. Morgen fragen sie vielleicht nicht mehr nach dem Pass."
Ich öffne den Mund, will widersprechen.
Aber die Worte bleiben mir im Hals stecken.
Maria stellt die Tasche in den Schrank zurück.
„Und wenn du den Pass nicht bei dir gehabt hättest?", sagt sie.
Darauf weiß ich nichts zu erwidern.
Am Ende einigen wir uns darauf, ein paar Tage abzuwarten. Zu sehen, ob sich die Lage beruhigt.
Ich gehe früh ins Bett. Im Flur höre ich noch einmal die Uhr schlagen.
Während ich im Dunkeln liege, denke ich an die Taschenlampe auf meinem Gesicht. An den Moment, in dem der Mann sagte, sie würden mich mitnehmen.
Es ist ein kurzer Gedanke.
Dann schiebe ich ihn beiseite.
Ich bin überzeugt, dass dieser Spuk bald vorüber sein wird.
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