Wiedersehen
W i e d e r f i n d e n .
Jahre später, in Asgard
„Nichts." Ich seufze den schweren Druck von Aufgeben heraus und schmecke den bitteren Geschmack dessen. „Und wieder nichts." Ein weiteres Buch landet auf dem rechten Stapel neben mir, während der linke zu meiner dümmlichen Frustration immer weniger wird. Mir hätte es bewusst sein sollen, dass ich in der Bibliothek Asgards nichts zu den Himmelswerken finden werde. Schließlich widmen die Wesen hier ihrem Himmel nicht so viel Aufmerksamkeit wie es ein Himmelsflüsterer tut. Oder besser gesagt: wie ich es tue. Aber ich habe noch die Hoffnung gepflegt, dass es eventuell doch ein paar Niederschriften zu meinem ausgelöschten Planeten und deren Himmelsflüsterer aufzufinden gibt. Leider muss ich enttäuscht feststellen, dass die häufigsten Werke von der Allgemeinheit der Sterne und ihrer Bedeutung erzählen. Nichts über ihre Macht und Verknüpfung zu den Sonnen und Monden eines Planeten. Damit kann ich nichts anfangen. Das sind Kinderlerneinheiten, nicht gerade geeignet für eine junge Himmelsflüsterin in ihrem mittleren Alter.
Ich bin kein Kind mehr, das nicht die Macht des Himmels kennt. Kein Kind mehr, das in den Sternen etwas Liebreizendes und Friedvolles sieht. Es existiert bloß ein einziger Stern, der noch mit einem Himmelsflüsterer verbunden ist, und das ist mein Stern. Früher ist das Sternenschauen ein warmer Blick in die Familie gewesen, nun ist es wie ein Spaziergang durch eine Grabstätte. Wenn andere wie Prinz Loki oder Prinz Thor in den Abendhimmel schauen, sich dort verlieren, sind sie von dem einem hell leuchtenden Stern am meisten fasziniert. Er leuchtet so klar und grell wie kein anderer Stern und ist immer zusehen; mein Stern. Das bin ich. Zumindest ein Teil von mir.
Aber wenn ich diesen Stern sehe, sehe ich nicht mehr außer ein einsamer und zurückgelassener Sternenfang.
Manchmal wünsche ich mir, dass der Abend erst gar nicht einbricht. Dann muss ich nämlich nicht in den Himmel blicken, um das Versprechen an meine Mutter fortzuführen. Allerdings kann ich nur durch die Nacht in andere Welten sehen, andere Himmelswerke untersuchen und mich versichern, dass kein weiterer Planet einer Auslöschung unterliegt. Seitdem mein Planet nicht mehr existiert, hat es bis jetzt noch keine weitere Auslöschung gegeben.
Und ich frage mich, ob das so gerecht ist, ob das Universum es so vorhergesehen hat. Jetzt, wo kaum einer noch die Himmelswerke beobachten kann, kümmert sich wohl das Universum selbst darum. Das ist unfair. Sehr unfair sogar. Warum haben erst andere – so viele andere – dafür sterben müssen, ehe das Universum begriffen hat, sich mehr um seine eigene Kreation zu sorgen? Hastig werfe ich diesen Gedanken ab und konzentriere mich lieber wieder auf meine Suche zurück. Es gibt noch genügend Zeit, um unser Universum zu verdammen. Aber nicht genug dafür, um aus mir eine vollständige Himmelsflüsterin zu machen.
Ich blättere wild durch das nächste Buch mit dem smaragdgrünen Samteinband und muss einen Moment innehalte. Nicht weil ich endlich wichtige Informationen gefunden habe, sondern weil mich der Einband unheimlich an den jungen Prinzen Loki erinnert. Stärkerer Kummer und eine tiefe Sehnsucht keimt in meinem Herzen auf, lässt mich unwiderruflich in der Vorstellung von seinem schelmischen, doch charmanten Grinsen versinken.
Mit jedem weiteren Jahr, das wir älter worden, habe ich ihn immer weniger zu Gesicht zu bekommen. Er und sein Bruder Thor müssen seinen Pflichten als Prinzen nachgehen, anderen Königsfamilien Gesellschaft leisten, an wöchentlichen Bällen teilnehmen und täglich ihre Fähigkeiten trainieren. Da bleibt nicht viel Zeit, sich mit einer alten Freundin zu treffen und ihr dabei zuzusehen, wie sie versucht, eine Himmelsflüsterin zu sein, ohne zu wissen, was sie da wirklich tut.
Ich vermisse Loki.
Sehr sogar.
Er hat mich seit unserer ersten Begegnung nie alleine gelassen. Immer stets meine Hand gehalten, mich mit ihm durch das Schloss, die Länder und zum Essen geführt, und wenn wir es ungeachtet hinaus aus dem Schloss schafften, hielten wir uns im Wald auf. Er hat mit seiner Magie gespielt, jedes Mal versucht, mich zum Lachen zu bringen. (Was mühelos funktioniert hat, weil ich ihn so mochte.) Öfters haben wir seinen Bruder Thor einfach in den Wald gelockt, um ihm dann einen fiesen Streich zu spielen. Zwar haben wir dafür Ärger bekommen und er durfte einige Tage lang nicht seine Magie benutzen, aber wir werden niemals vergessen, wie der blonde Junge wie ein Mädchen geschrien hat, als wir ihm eine gigantische Schlange hinterher gehetzt haben. Lachend haben wir uns ins Gras geschmissen und es ist das erste Mal gewesen, dass ich keine Luft bekommen habe, weil ich so glücklich gewesen bin. Ich habe ihn angeschaut und gewusst, dass ich nicht alleine bin, dass ich doch noch eine Familie habe. Ich bin so glücklich und erleichtert gewesen, ihn an meiner Seite schätzen zu können.
Es gab Tage, in denen wir einfach Kopf an Kopf im Wald lagen und den Himmel beobachteten. Wir redeten über die unterschiedlichsten Formen der Wolken, über seinen jungen Bruder und wie er stets von Odin gelobt wurde. Schon damals hat es Loki tief in seinem Herzen gespürt, dass sein Bruder dem mächtigen Hammer Mjølnir würdig ist. Heute kann man den blonden, jungen Mann kaum noch ohne seine geliebte Waffe sehen. Aber schon als Kind habe ich Loki zu geflüstert, dass ich trotzdem daran glaube, dass er eines Tages König von Asgard wird. Ich glaube es weiterhin.
Und es gab Tage, wo ich nicht aus meinem Gemach kommen wollte, wo ich niemand bei mir haben wollte und schrecklich weinte. Ich vermisste meine Familie so sehr und die tiefe Wunde in meinem Herzen ist zu dieser Zeit viel stärker gewesen als ich. Doch das hat Loki nicht aufgehalten bei mir zu sein. Er kam trotz Protest und Schluchzer zu mir(denn er ist genauso dickköpfig wie ich), nahm mich in seine Arme und ließ mich nicht los, bis ich aufhörte zu weinen. Dann holte er eines seiner Lieblingsmärchen und ich las ihm daraus vor, während er fest meine Hand hielt. Loki hat damals noch nicht lesen können, bis ich es ihm beigebracht habe. Sein Vater hat vor lauter Übereifer nicht daran gedacht, seinem eigenen Sohn einer der schönsten und wichtigsten Dinge beizubringen, zu dem jedes Wesen imstande sein sollte.
Tage, wo wir beide schweigend mit verschränkten Fingern durch den Wald spazierten. Ich habe sein Gesicht betrachtet, einen schweren Schmerz erblickt, der selbst das eigene Herz verätzt. Er wuchs mit jedem weiteren Tag mehr an, nahm mehr Macht über diesen verlorenen Prinzen ein, und ich verlor ständig einen weiteren Teil von dem jungen Prinzen, der mich zu seiner Familie machte. Ich habe es selbst beobachten können, wie Thor immer weiter und weiter in das Licht seines Vaters gezogen wird und wie Loki dabei immer mehr und mehr in den Schatten schwindet. Ich hätte ihm so gern diesen Schmerz von der Seele genommen und ihm dasselbe Gefühl gegeben wie er mir eins gegeben hat(und es noch tut), aber es wird täglich schwerer, mit ihm zu reden. Oder ihn überhaupt zu sehen.
Es gibt nun Abende, in denen ich vor seinem Gemach stehe, anklopfe und auf eine Antwort warte. Aber es kommt keine. Also bleibe ich so stur und warte so lange, bis ich vor den großen Türen einschlafe. Irgendwann wache ich auf, doch ich liege nicht in meinem eigenen Bett wie ich es erwartet hätte. Ich liege in seinemgroßen Bett und er... er sitzt im schwarzen Sessel daneben und starrt mich gedankenverloren mit seinen Regenaugen an. Wir gebrauchen keine Worte, wenn es nachts ist. Unsere Herzen und der schwere Kummer auf diesen sprechen dann für sich. Ich richte mich nur auf, blicke ihn besorgt an, bevor er wortlos aufsteht und zu mir hinüber schreitet. Es dauert bloß wenige Sekunden, bis meine Arme um seinen Oberkörper liegen und er seinen Kopf gegen meinen presst.
„Ich habe dich vermisst, Sternenkind", ist das einzige, was er sich in diesen Nächten traut zu sagen, was mich etwas realisieren lässt: Unsere Seiten haben sich getauscht. Nicht ich bin länger im Kummer verschollen. Es ist er. In all den Jahren unserer Zweisamkeit habe ich es nicht verhindern können, dass er sich ebenso verliert wie ich. Und vielleicht hätte es nicht so kommen müssen, hätte er sich weniger um mich gesorgt.
Aber letztlich können wir beide nichts daran ändern. Wir haben bloß unser Herz sprechen lassen.
Es muss eine lange Zeit her sein, als wir uns das letzte Mal nachts getroffen haben. Oder wann wir uns überhaupt gesehen haben. Ich kann mich nämlich nicht mehr an unser letztes Treffen erinnern. Es tut weh – und es ist ein anderer Schmerz als dieser, den ich sonst gewöhnlich in der Brust ruhen spüre. Er ist härter, stumpfer und vor allem frischer.
Ich habe nun lange genug in Erinnerung geschwelgt, und es fällt mir schwer, das Buch auf den rechten Stapel zu legen. Es fühlt sich so an, als würde ich Loki genauso wie sein Vater in den Schatten ziehen. Aber das ist eine Lüge. Ich sehe Loki immer, auch im Schatten all der anderen. Es ist nur er, der nicht von mir gesehen möchte. Jedenfalls nehme ich das so auf, weil ich ihn ja nie treffe – außer ich verbringe den Tag vor seinem Gemach. Und das hindert mich wiederum daran, eine Himmelsflüsterin zu werden. Und ich kann nicht beides sein.
Ich wäre so gerne ein Versprechen an Loki, das er einfach nicht sitzenlassen kann. Dann wäre er ständig damit beschäftigt, mich bei sich zu haben. Dann wäre ich seine Pflicht und er wieder bei mir. Das wäre schön. Aber es ist traurigerweise nur ein Traum meines schlagenden Herzens, das sich so furchtbar nach ihm sehnt. Auch Sehnsucht tut weh. Vor allem wenn es die Loki-Sehnsucht ist.
„Was machst du da, Sternenkind?" Ich schrecke auf und lasse das Buch ruckartig los. Es fällt mit einem lauten Knall auf den roten Teppich nieder, aber ich bin wie gelähmt. „Hast du etwa alle Niederschriften mit dem Schlagwort „Sterne" herausgesucht?"
„Prinz Loki", sage ich heiser und lege langsam den Kopf in den Nacken, um in das hübsche Gesicht des schwarzhaarigen Prinzen zu sehen. Seine Haare sind in den Jahren lang geworden, gehen bis zu seinen Schultern und wenn er sie nicht ordentlich kämmt, wirken sie etwas wild und lockig. Dann erinnern sie mich an den Jungen von damals, der gemeinsam mit mir den koboldartigen Waldgeistern böse Streiche gespielt hat. Am Ende haben wir ständig um unser Leben rennen müssen, weil sie aus Rache wütende Waldtiere wie Wildscheine und Wölfe auf uns gejagt haben. Er hat sie allerdings locker mit seiner Magie abfangen können und mir so einige Male das Leben gerettet, wenn ich bei meiner Dummheit über eine Wurzel gestolpert bin. Ich wünsche mir, ich könnte ihn vor den Geistern in seinem Kopf bewahren.
„Ich kann meine Aufgabe nicht vernachlässigen", antworte ich noch schnell und lächle nervös.
Er grinst mich mit exakt diesem verstohlenen Grinsen an, das mich so sehr an ihm fasziniert. Eigentlich fasziniert mich alles an ihm. Er ist für mich eins der unerklärlichsten und schönsten Kreationen des verdammten Universums. „Und deshalb suchst du in alten, verstaubten Niederschriften nach Hinterlassenschaften?" Ich muss überrascht die Luft anhalten, obwohl er dies so oft gemacht hat. Früher zumindest. Er nimmt seine Hand und streicht mir behutsam ein paar aschblonde Strähnen aus der Sicht. Eine innige Berührung, die schon so lange nicht mehr diese vertraute Wärme in mein Herz gepumpt hat, dass sie mir eigenartig fremd erscheint. Aber es ändert nichts daran, dass mich diese Berührung ganz ruhig und zufrieden stimmt. „Du hast ganz schön viel Hoffnung in die Asgardianer."
Weil ich diese sanfte Art von Lokis Zuneigung vermisst habe, schließe ich die Augen und versuche jede einzelne, vorbeigehende Sekunde davon zu genießen. Verankere sie tief in meinem Herzen, mit der Erwartung, dieser Augenblick könnte mich bei der nächsten Überflutung der Einsamkeit trösten. Seine weichen Finger wandern weiter, direkt zu dem leuchtenden Stern auf meiner Stirn und beginnen, langsam die Konturen des Himmelsflüsterers-Merkmal nachzufahren. So wie er es nur tut, um sich von seinen eigenen Gedanken abzulenken, um sich sehr mehr auf das Mysterium vor ihm zu konzentrieren.
Ich kann mir selber nicht wirklich beantworten, warum er trotz seines überfüllten Zeitplans noch meine Anwesenheit aufsucht, wenn ich weiß, dass die schönsten Prinzessinnen an den wöchentlichen Bällen teilnehmen. Sich nicht seit Jahren an seiner Seite befinden und hilflos an seiner Hülle aus Zweifel und unausgesprochenen Kummer kratzen. Das bin nur ich.
„Das würde ich nicht so nennen", erwidere ich schließlich und die nächsten Worte fühlen sich nicht nur schwer in der Lunge an. „Natürlich wäre es mir selber viel lieber, meine restlichen Lebenstage mit dem Prinzen Loki zu verbringen statt in alten, verstaubten Aufschrieben nach Nichts und nicht mehr als Nichts zu suchen. Aber ich kann ihm nicht wie ein Hund am Bein hängen... sowie es früher mal gewesen ist. Zeiten ändern sich, oder nicht?" Damit schlage ich die Augen wieder auf und sehe ihn mit einem traurigen Lächeln in das stürmische Regenwetter. Es wird wilder, kaum zu stoppen vor Entsetzen, und ich kann noch dunklere Regenwolken ausfindig machen. Finstere Regenwolken eines unbegreiflichen Kummers – und ich wünsche mir, ich könnte mehr von den warmen Sonnenstrahlen sehen, die es nie verfehlt haben, mich in ihren Bann zu ziehen.
Loki weicht etwas zurück und lässt dabei von mir ab. „Tue ich dir Unrecht, Sternenkind?", murmelt er verblüfft, aber er kann mir nicht länger in die Augen sehen. Vielleicht hätte ich ihm nicht derartig offensichtlich ein schlechtes Gefühl aufbinden sollen, immerhin hat er nur seine Pflichten als Thronanwärter erfüllt. Der Thron steht nun an erster Stelle, nicht ich. Obwohl der alte Kummer nicht so ausschlaggebend ist, habe ich einen neuen Kummer im Herzen. Und er scheint schlimmer zu sein. Aber es ist falsch von mir zu denken, ich könnte diesen neuen Kummer mit ihm teilen.
Er ist schließlich ein Verursacher davon.
Seine Starre mache ich mir zu nutzen, damit ich geschwind auf meinen eigenen Beinen vor ihm stehen kann. Ich werde mutiger, stärker, denn ich will den hübschen Prinzen nicht so sehen, nicht eine weitere lästige Bürde aufbinden. Er soll endlich den Regen beenden.
Vorsichtig streiche ich mir noch den nervigen Staub von meinem nachtblauen Seidenkleid und achte darauf, keiner der goldenen Verzierungen in Form von Sternenkonstellationen zu zerreißen. Erst vor Kurzen habe ich es tatsächlich gemeistert, ein geschenktes Kleid von Odin an einem Tag zu zerreißen, nur, weil ich an dem Speer einer Wache hängen geblieben bin. Glücklicherweise hat er mir das nicht so sehr vor den Kopf gehalten wie manch andere Unfälle.
„Es ist nicht falsch, wenn du deinen vorgegebenen Normen folgst, Loki. Ich versuche einfach..." Ich muss innehalten, als der Prinz den Kopf anhebt und mich mit einem verworrenen Blick aus Bitternis und stummen Entschuldigungen anblickt. Der Regen wirkt auf einmal so betrübt, dass mich selber ein Niederschlag überkommt. „Ich kann es vollkommen verstehen, wenn du..."
Er unterbricht mich mit erhobener Hand und sein gequälter Gesichtsausdruck macht mein Herz furchtbar schwer. „Nein, Sternenkind. Ich darf dich nicht in den selben Schatten schicken, indessen sich bereits mein eigenes Gemüt verloren hat."
Ich lächle wehmütig. „Aber was ist, wenn es die einzige Möglichkeit, bei dir zu sein? Wenn dies mein Wunsch ist?"
Seine trostlosen Regenaugen weiten sich fassungslos, und ich glaube, der Druck auf meinem Herzen macht mich anfällig für erbärmliche Einbildungen. Da ist ein leichter Schimmer in seinen Augen, ganz tief in ihnen verborgen; wie die ersten Sonnenstrahlen, wenn ein neuer Tag einschlägt und viele, neue Möglichkeiten zum Leben bietet.
„Du wünscht dich an meine Seite?", fragt er heiser und irgendwie hoffnungsvoll. Ein süßer Wunsch liegt in seinem Blick, der neue Morgen begrüßt mich mit mehr Herzlichkeit.
„Auch wenn wir älter geworden sind, habe ich nie damit aufgehört. Ich vermisse dich, Loki. Unheimlich", gestehe ich ihm und wage einen Schritt auf ihn zu. Das aufgehende Licht hinter den düsteren Regenwolken zieht mich förmlich an. Ich kann mich nicht dagegen wehren, will es ehrlich auch nicht, denn... ich habe ihn so sehr vermisst. So sehr. Und endlich kann ich es ihm sagen. Auge um Auge. Verlorenes Herz um schmerzenden Kummer. Schmerz um Freude.
„Ich..." Er verzieht zugleich das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Mimik und neigt den Kopf zu Seite, so dass ich ihn nicht länger lesen kann. Seine schwarzen Haare hindern mich daran, und das weiß er genau. Seine Stimme wird kräftiger, als hätte er sich binnen Sekunden zurückgefunden. Als hätte er schnell wieder zum eisernen Thronprinzen gewechselt. Doch er sollte eigentlich nicht erwarten, dass ich auf diesen Trick hereinfalle. Wir sind schließlich gemeinsam aufgewachsen und haben kaum eine Minute in unserer Kindheit und frühen Jugendzeit ohne einander verbracht. Ich kenne ihn. Besser als ich jemals die Sterne von Asgard kennen werde. Dieser Prinz ist mir wichtiger als irgendein Stern am Himmel, und deswegen kann ich es nicht zulassen, dass er sich mir gänzlich verschließt. Das wäre ein ziemlich miserables Fehlverhalten meinerseits.
Und könnte meine eigene Auslöschung bedeuten, wenn man es tragisch gestalten möchte.
Aber was mache ich, wenn ich nicht den Loki vor mir stehen habe, der mir nachts immer erfundene Geschichten von sprechenden Tieren erzählt hat, wenn ich nicht schlafen konnte? Der sturköpfige Loki, der mich gegen meinen Willen in die kalten Nächte entführt hat, nur, weil er darauf bestanden hat, dass ich meine Bestimmung ausführe und den Himmel lesen lerne? Dieser liebenswürdige, aber verstohlene Loki, der nie, wirklich nie, damit aufgehört hat, an sich selber und der greifbaren Krone zu glauben? Alles wäre verkehrt. Und das wäre eine sehr, sehr traurige Welt für mich.
„Ich kann Vater nicht enttäuschen", beginnt er mit festem Ton zu reden, ohne mich anzusehen. „Ich muss ihm beweisen, dass ich auch ohne die Macht des Hammers den Thron Asgards würdig bin."
„Vermisst du mich... denn nicht?" Er muss unwillkürlich zucken, als hätten ihn meine Worte einen heftigen Schlag ins Gesicht verpasst. „Lass mich dir bitte helfen. Du hast mir damals geholfen, jetzt bin ich an der Reihe dir diesen Gefallen zurückzugeben."
„Die Königsfamilie ist nichts für eine Himmelsflüsterin", kommt es trocken von ihm. Dieses Mal kann er mich anschauen, und es tut schrecklich weh, zu sehen, wie schnell der finstere Sturm ihn erneut gepackt hat, wie kalt er mir ins Gesicht blickt. Als hätten wir nie den gemeinsamen Traum verfolgt, ein eigenes Königreich zu führen.
Allmählich begreife ich, dass ich diesen Sturm nicht so einfach bezwingen kann. Er ist stärker als geglaubt – aber nicht unbezwingbar. Das hat er mir noch vor wenigen wilden Herzschlägen bewiesen.
„Ich bin keine Himmelsflüsterin und werde es auch nie sein!" Mein Körper zittert unerwartet, während sich meine Stimme erhebt. Ich blinzle die steigende Flüssigkeit in meinen Augenwinkeln hinfort, atme tief ein und aus, ehe ich dem Prinzen einen verletzten Blick widme. Es macht mir nichts aus, wenn er meine Verletzlichkeit erkennt und erfasst, sich ins Gewissen ruft, was er gerade zu mir gesagt hat. Er kann mir so vieles ins Gesicht sagen, aber er kann mich nicht einfach von sich schmeißen, als wäre ich vollkommen bedeutungslos. Das ist eine schwere Lüge, die er sich da selbst auftischt, und es lässt mich letztlich nur sehen, wie gebrochen er bereits ist.
„Ich werde dir nicht im Weg stehen – und wenn ich dir auf dein Gemüt gehe, kannst du mich gern fortschicken. Aber, Loki, ich kann es nicht verleugnen, dass ich viel lieber bei dir bin als bei diesen staubigen Büchern. Ich will dich endlich wieder richtig sehen, nicht nur in den Sternen..." Meine Stimme wird wieder weicher, hört sich weniger nach einem winselnden, abgewiesenen Welpen an, und ich schnappe eine berauschende Flut von Hoffnung auf, als er meine nächste Berührung zulässt. Ich kann seine Wange berühren, meine Finger gegen die warme Schicht halten und fühlen, wie er die Zähne angestrengt zusammenbeißt. Ich sehe ihm intensiver in die verlorenen Regenaugen, die in meinem nach etwas suchen, das ich nicht deuten kann. „Und du... du kannst es nicht verleugnen, dass du das nicht auch willst. Oder warum suchst du nach meiner Nähe?"
Seine angespannten Schultern geben nach, der Regen wird trüber, als er vorwärts zu mir heranrückt. „Ich habe keine Lösung dafür, wie du ständig bei mir sein kannst, Sternenkind", sagt er frustriert und drückt seine Wange sehnsuchtsvoll gegen meine Hand. Jetzt sieht er mich endlich richtig an, direkt in die Augen, und ich kann mir ein schwaches Lächeln nicht verkneifen. Es ist ein schönes Gefühl, von ihm vollständig wahrgenommen zu werden. Er blickt nicht mehr durch mich durch, er blickt in mich und scheint dasselbe dort zu finden wie ich es einst bei ihm gefunden habe.
Ein sicherer Ort von Geborgenheit und zweifelloser Wahrnehmung, denn ich sehe den wahren Prinzen hinter der eiserenen Maske und sein Schmerz ist nichts Schlimmes für mich. Schmerz ist alltäglich. Wir können ihn nicht vermeiden, aber wir können ihm zuhören, ihn lindern und ihn schließlich verabschieden, wenn wir stark genug dafür sind. Und ich will zu Lokis neuen Stärke werde.
So wie er zu meiner geworden ist.
„Es muss keine Lösung geben, Loki. Nur ein Wille."
Er ringt mit sich und mein Lächeln wird breiter, weil ich kann beobachten, wie sich der Regen für ein weiteres Mal zurückzieht. Die Sonne ist nicht fern. „Morgen findet ein weiterer Ball statt. Sei meine Begleitung, Sternenkind."
Nun muss ich einfach strahlen. „Gerne, Loki. Oder... soll ich besser Prinz Loki sagen?"
Selbst er schmunzelt nun leicht und legt achtsam seine Hand über meine. „Wir belassen es bei Loki. Um der guten, alten Zeiten Willen."
„Es muss nicht vergangen sein", sage ich zuversichtlich und blicke ihn an, „es kann neu auf erblühen."
„Reden alle Himmelsflüsterer so... tiefsinnig?" Er zieht schelmisch eine Braue hoch.
Anstelle eine Antwort zu geben, verschwindet mein Lächeln und meine Hand gleitet von seiner Wange. Es bestürzt mich einfach, wenn man mich als solches Wesen bezeichnet. Ich will es natürlich nicht verleugnen, nicht eines zu sein – doch ich fühle mich damit nicht verbunden. Überhaupt gar nicht. Zu Null Prozent. Wenn man mir sagt, ich sehe wie eine Himmelsflüsterin aus, dann kann ich dem zu stimmen. Aber eine sein ist was anderes als wie eine auszusehen. Ich versuche bloß diesen Schein zuhalten, eine zu sein. Genau wie Loki versucht, ein starker und unberechenbarer Thronanwärter zu sein, wenn er derjenige ist, der am meisten an sich zweifelt.
Wir sind nicht gleich. Nur auf eine andere Art und Weise in sich selbst verloren.
„Sternenkind." Er muss bemerkt haben, dass mich seine Worte zurück auf den dornigen Grund geholt haben. Seine Stimme ist wie Harz, doch ebenso weich wie frischer Met. Mit seinem Finger fährt er sachte unter mein Kinn, hebt dieses an, so dass ich seinen eindringlichen Regenaugen nicht ausweichen kann. Er lächelt mich verstohlen an, leichte Grübchen bilden sich, und er lässt damit mein Herz heftiger poltern. „Wenn ich König von Asgard werden kann, dann kannst auch du die letzte Himmelsflüsterin werden."
Ein atemloses Lächeln kämpft sich auf meine Lippen. „Aber nur, wenn du wieder mit mir die Sterne liest. Ich sehne mich zu sehr danach, wie du versuchst, etwas in ihnen zu finden."
„Ich habe bereits etwas in ihnen gefunden."
„Was denn?"
Er zieht mein Gesicht näher an seines heran. „Dich, Sternenkind. Der einzige Stern, der auch mich in tiefster Finsternis nicht alleine lässt. Und ebenso störrisch ist wie ich."
Ich muss kichern und weiche noch weiter voran, aber dann stolpere ich schon über ein herumliegendes Buch am Boden. Loki schafft es gerade so, mich an den Schultern vor einem Sturz zu retten.
„Es wird eindeutig wieder Zeit dafür, dass ich dich davor schütze, nicht zu fallen", sagt er amüsiert und streicht mir wieder die vielen Strähnen aus dem Gesicht.
Meine Wangen blasen sich wie von selbst auf, nebenbei habe ich sehr damit zu kämpfen, nicht zu rot um die Nase herum zu werden. Ihm so nahe zu sein macht meinen Kopf ganz wirr. „Und dass wir unser gegenseitiges Chaos beseitigen."
Er zieht spöttisch die Brauen hoch und lässt seine Hände auf meine Schultern ruhen. „Ich habe in letzter Zeit kein Chaos angerichtet. Aber mir ist es zu Ohren gekommen, dass du ein Kleid innerhalb eines Tages vernichtet hast?"
„Das war keine Absicht. Der Wächter ist einfach wie aus dem Nichts aufgetaucht."
„Sicher ist er das – weil die Wächter nie an derselben Position stehen. Sie lösen sich mal in Luft auf und mal sind sie da. Und wenn man von Unglück geprägt ist, sind sie da und man hängt sich an ihrem Speer auf."
„Machst du dich über mich lustig?!" Ich sehe ihn verärgert an, bereit dafür, ihn wie früher gegen die Schulter zu schlagen. Aber es kommt alles anders.
Plötzlich legt er seine Arme um mich und zieht mich fest an sich. Sein Gesicht verschwindet in meiner Halsgrube, atmet spürbar die Überbleibsel von Sternenstaub und Milch ein. Ich bin verwirrt und fürchte sehr darum, dass er meinen lauten Herzschlag bei dieser Distanz hören kann, aber der junge Prinz presst mich lediglich stärker an sich. Er lächelt gegen den weichen Stoff von meinem Kleid, das fühle ich, und seine Hände vergraben sich tiefer darin. Es ist fast wie ein Klammern. Er zieht mich so dicht an sich, dass ich glaube, seinen eigenen Herzschlag poltern zu spüren, und da ist keine einzige Lücke zwischen uns.
Nur ich und er.
Die aufgehende Sonne und ein verlorener Stern.
„Ich habe dich auch vermisst, Sternenkind", flüstert er gegen meine Haut und das Streifen seines heißen Atems lässt mich schnappartig die Luft anhalten, „so sehr. Ich werde dich nicht mehr weiter in deinem eigenen Schatten leben lassen. Ich nehme dich mit in meinem, dann sind wir beide weniger einsam."
Zweisamkeit ist schön.
So schön.
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