Löwenherz.

L ö w e n h e r z.


„Ich kenne diesen Ort." Loki hält mich fester, als ich mich bewegen will. Ich weiß nicht, wie lange wir schon auf dem Boden eng umschlungen ruhen, doch es ist auch nicht so, als warte ich auf ein Ende. Wenn es nach mir geht, muss es gar nie enden, und ich glaube, der junge Prinz über mir ist nicht anderer Meinung.

Das Verstummen seines Wimmerns macht mein Herz leichter, während er seine Wange gegen meine Schultergrube lehnt. Seine leeren Regenaugen sehen mich an, glänzen noch hier und dort vor Kummer. Durch seine Größe ragen seine Beine über meine hinweg, eine Hand streichelt gedankenverloren über meine Wange und die andere klammert sich bedürftig an meine, versinkt ihre Finger zwischen meine, suchend nach einem Ausweg vom elendigen Schmerz auf dem Herzen.

„Midgard ist nicht anders als wir unsere eigene Welt kennen, bloß leben hier die Menschen und sterben", sagt er und seine Stimme klingt ziemlich heiser durch die vergossenen Tränen. Ich hebe die Hand und streiche achtsam die schwarzen Strähnen aus seiner Sicht, dann lächle ich ansatzweise. Er genießt diese Art von Zuneigung und schließt wohlselig das Regenmeer.

„Das hier ist aber nicht Midgard oder eine Welt der Neun, die ihr kennt." Ich blicke zum violetten Sternenhimmel mit den saphirblauen Schleiern und den zwei Halbmonden, und es fühlt sich so an, als wäre ich in einem wunderschönen Traum gefangen. „Das hier ist mein Königreich. Das Reich der Himmelsflüsterer."

„Wie?" Er blinzelt vor Verwirrung und seine Muskeln spannen sich über mir an. Etwas regt sich in seinen Augen. „Woran hast du gedacht, als du dem Portal begegnet bist?"

Ich sehe ihn an, fahre mit Acht die feinen Konturen seiner Wangenknochen nach und die Antwort fällt mir leicht, denn sie ist wie ein weiterer, freudiger Herzschlag. „An meine Heimat, meine Mutter und wie ich Königin hätte werden können. Ich träume, nicht wahr?"

Loki wischt mir sachte die fließende Träne von der Wange, und ich kann es an seinem gequälten Gesichtsausdruck erkennen, wie ungern er mich loslässt. Aber er rollt sich geschwind von mir und stützt sich schnell auf, um sich schließlich umzusehen.

„Alles ist eine Lüge", meint er plötzlich und, obgleich er einen dicken Kloß im Hals hat, ist sein Zorn laut, „dein Planet ist niemals zerstört worden. Man hat lediglich dein ganzes Volk ausgelöscht. Das erklärt dann auch, warum die Himmelsliteratur nicht in der Bibliothek Asgards aufzufinden ist. Die Himmelsflüsterer sollen vergessen werden; und Odin ist darin verwickelt! Wie kann ich all die Jahre so blind gewesen sein? Wie? Warum habe ich nie bemerkt, in welcher Grausamkeit du mitspielst? Warum... Warum hat Odin mir immer die Hoffnung gemacht, eines Tages König von Asgard werden zu können, wenn er schon die ganze Zeit über Thor auf seinem Thron gesehen hat? Ich bin mir sicher, mich hat er dort nie gesehen. Nie. Ich..."

„Loki..." Der aufgebrachte Prinz blickt mich verwundert an, weil er muss den Schmerz in meiner Stimme erkannt haben. „Ich...", setze ich an und sehe zu meinem linken Bein. Direkt daneben liegt Mjolnir. „Ich kann nicht mehr gehen." Zur Demonstration hebe ich das rechte Bein, welches sich einwandfrei bewegen lässt, doch will ich das andere anheben, passiert nichts. Es tut nur unheimlich weh, sodass ich es gar nicht nochmal versuchen möchte. Ich schnaufe angestrengt, um dem Schmerz entgegen zu wirken, und ich glaube, jede Vene und jeden Knochen schmerzvoll pochen zu spüren. Es ist schrecklich. Ein Schmerz, der beinahe an Herzgebreche nahekommt.

„Sternenkind." Loki setzt sich vor mich und zögert nicht, den bereits zerrissenen, blauen Stoft meines Kleides von meinem Bein zu nehmen. Vorsichtig geht er mit der Hand über die pochende Haut, begutachtet es streng, und ich stütze mich mit den Händen auf, um einen besseren Blick darauf zu erhaschen. Es ist fast genauso blau wie mein Kleid, von trockenen Blut und anderen Flecken besäht, aber die tiefen Wunden haben sich schon beruhigt. Sie bluten nicht mehr. „Der Hammer muss es vollkommen zertrümmert haben", meint er und lässt seine Hand dort ruhen, „innerlich. Es muss jegliche Nerven eingeklemmt haben, die zur Bewegung dienen."

Ich nicke mühevoll. „Ich glaube auch..."

Er konzentriert sich plötzlich auf etwas, und für einen Moment leuchtet ein bläulicher Schimmer in seinen Händen auf. Doch kaum sprüht er Funken, erlischt er schlagartig. Er versucht es ein zweites Mal, seine Finger klammern sich an mein zerstörtes Bein, aber nun passiert überhaupt nichts. Geschockt schnappt er nach Luft, die Muskeln sichtlich angespannt. „Ich kann hier keine Magie verwenden", stellt er mit rauem Ton fest und ballt seine Hand zur Faust, während er die nächsten Worte zwischen den zusammengebissenen Zähnen herauspresst „ich kann dich nicht heilen, mein Sternenkind. Dieser Ort scheint mir all das genommen zu haben, wofür ich stehe."

„Du bist albernd", schnaube ich, als er niedergeschlagen die Schultern hängenlässt und sich direkt neben mich setzt. Er sieht mich mit einem Regenmeer an, das all das verloren hat, was es so stürmisch und mächtig gemacht hat, und da ist nichts von dem gerissenen Loki, den ich als meinen König bezeichne. Ich unterdrücke meinen Seufzer, stattdessen nutze ich diese Gelegenheit seines Frusts, um sein schönes Gesicht in meine Hände zunehmen. Dann schaue ich ihm mit einer zweifellosen Überzeugung in die traurigen Regenaugen, versuche eine warme Hingabe in meinem Blick zu bringen, indem ich ihm meine ganzen Gefühle offenlege. „Du bist nicht der Gott der Magie, du bist der Gott der List und der Gott meines Herzens. Und es ist mir egal, ob du mich nun heilen kannst oder nicht. Aber mir ist es nicht egal, dass du so über dich redest. Es muss einen Grund haben, warum uns das Portal ausgerechnet hierhergeführt hat."

„Wie willst du die Schlange besiegen, wenn weder du noch ich kämpfen können?", entgegnet er mir bissig, und ich habe es noch nie gemocht, dass er auf diese bittere Weise versucht, seine Gebrechlichkeit zu verbergen. Er weiß, dass ich nicht sein Vater bin und er sich vor mir nicht verstecken muss. Aber ich bin ihm nicht böse, weil ich es kann in seinem Regen sehen, wie ihm das alles schmerzlich leidtut und wie gern er sich wünscht, so stark zu sein wie ich ihn kenne. Doch ich kenne ihn genauso, nicht anders. Er ist nie so stark gewesen, und doch bewundere ich ihn für so vieles.

Sein Regenmeer wird weicher, als ich ihm einen kleinen Halbmond auf die Wange male. „Wo ist all dein Hass? Odin hat dich betrogen. All die Jahre lang schon", will er noch wissen und seine Verständnislosigkeit ist deutlich, aber er will es verstehen, will mich in diesem Moment verstehen. „Und nun hat dich Thors Hammer verletzt und du kannst deine Aufgabe nicht länger erfüllen."

„Doch", antworte ich ihm sofort und starre für einen Augenblick zurück in den Himmel, um die blaue Sonne anzusehen. Sie scheint wie zuvor, warm und herzlich. Ein Himmelskörper der Macht und Geborgenheit. „Ich habe keine Zeit, um jemand zu hassen. Oder darum zu trauern, dass mich mein Ziehvater hintergangen hat. Oder zu hinterfragen, warum ausgerechnet er am Völkermord meiner Familie beteiligt gewesen ist. Ich habe immer noch meine Aufgabe zu erfüllen und das Universum möchte, dass ich es hier tue. An dem Ort, wo alles begonnen hat. Mit dir." Sein Regenmeer verliert sich in meiner Zuversicht, kleine Sonnenstrahlen schimmern durch die düsteren Wolken einer Wunde, die nie geheilt werden kann. Aber wir beide haben verstanden, dass manche Wunden einfach nicht heilen werden.

Manchmal bleiben sie dort, um uns zu erinnern. Nicht an den Schmerz, sondern daran, wie unheimlich stark wir sind. Trotz des Schmerzes gehen wir aufrecht, lassen weitere Wunden zu und geben nicht einfach auf, und das macht uns alle zu einzigartigen Kämpfern.

Loki blickt mich erstaunt an und meine Hände lassen sein Gesicht los, als er näher rückt. Ein vertrautes Flackern im Regenmeer zieht mich in seinen schattig-schönen Bann, seine Mundwinkel zucken leicht, als hätten sie vergessen, wie es ist, wenn er sein typisches, verräterisches Grinsen grinst. Ich bin fasziniert davon, zu beobachten, wie der verlorene Prinz vor mir wieder an neue Hoffnung und Kraft erlangt. „Das ist einer der Gründe, warum du meine Königin bist", flüstert er mit seinem warmen Atem gegen meine Lippen, und unsere hingebungsvollen Blicke haben sich bereits ineinander verschlungen, „du gibst nicht auf, selbst wenn du ein Bein weniger hast."

Ich muss in den Kuss hineinlächeln.

Dann lässt er mich seine Zweifel der letzten Sekunden schmecken und lehnt seine Hand gegen meine glühende Wange. Für einen Himmelsflüsterer ist es fast unmöglich, zu vergessen, aber Loki schafft es mal wieder. Er lässt mich vergessen. Alles. Nur ihn nicht. Ich kann ihn schmecken, fühlen, riechen. Er nimmt all meine Sinne, meine Gedanken drehen sich bloß um ihn, wie schön und tapfer er ist, wie gern ich ihm mein Herz schenke, und mein Herz schlägt in einem Takt, der den Silben seines Namens gleicht.

Er ist überall.

Er ist das Universum, zu diesem ich gehöre.

Ich muss Luft holen, als er für einige eifrige Herzschläge lang von mir ablässt.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich dir den Atem stehlen werde, wenn ich wieder bei dir bin." Ein weiteres Mal versiegeln sich unsere Lippen zu eins, während unsere Herzen eine Melodie zusammenschlagen, die an Schönheit nicht übertroffen werden kann. Sie ist ebenso schön wie der junge Prinz vor mir.

Und sehe ich erst in sein funkelndes Regenmeer, erblicke den Schattenkönig wahrhaftig vor mir. Er ist noch ein bisschen angeknackst, aber es wird besser. Ich bin froh, dass er sich an mir festhält, denn ich möchte ihm all das zurückgeben, was er mir so bedingungslos schenkt. Es sind nicht nur seine Zuneigungen von Liebe und Verbundenheit, es sind auch seine Worte des Trostes und des Vertrauens und ganz besonders sein unbändiger Wille, mein König zu werden. Er mag vielleicht die Krone Asgards nicht bekommen, aber es gibt noch eine andere, die in seiner Reichweite liegt. Ich bin die einzige, die von ihrer Existenz weiß.

Noch bin ich es.

„Glaubst du, wir schaffen es bis in das Schloss?"

Loki vergräbt sein Gesicht an meinen Hals und hinterlässt dort einen zarten Kuss, welcher mein Herzschlag beschleunigt. Das Kribbeln der Sterne in mir ist wahnsinnig. „Ich werde nicht von deiner Seite weichen, meine Königin."

Vorsichtig schlinge ich meine Arme um seinen Hals und atme lange aus. Ich merke, dass ich meine eigene Nervosität nicht aufhalten kann. Wie auch, wenn mein Königreich einfach aus dem Nichts auferstanden ist? Ich habe die restlichen Jahre meines Lebens mit dem Gedanken verbracht, ich würde nie mehr in meine Heimat zurückkehren, weil sie ausgelöscht worden ist, und nun hebt mich Loki in seinen Armen hoch, sodass ich die silberne Stadt der Himmelsflüsterer direkt vor uns entdecke. Sie glänzt wunderschön, ganz gleich, dass sie verlassen ist. Überall kann man die bunten, schimmernden Staubwolken von gefallenen Himmelsflüsterer in der Luft tanzen sehen, als wären sie noch irgendwie lebendig. Selbst der Tod hat ihnen nicht an Schönheit genommen.

Die drei riesigen Türme des fernen Schlosses ragen weit in den Horizont hinaus, dass ihre saphirblauen Dächer von vorbeiziehenden Wolken bedeckt werden. Mehrere Häuser liegen um das Schloss herum wie ein Kreis. Sie funkeln so silbern wie alles andere in diesem Königreich. Auch die vielen Felder von Korn und orangefarbenen Chrysanthemen tragen einen zarten Schimmer von Sternenstaub.

„Ich habe schon mal davon gehört", sagt Loki mit staunendem Ton und schreitet mit mir in seinen Armen los. Seine Arme liegen unter meinen Kniekehlen, dabei ruht mein Kopf gegen seine Brust und meine Ohren lauschen seinem stürmischen Herzschlag sowie ich es von seinem Regenmeer kenne. „Der silbernen Stadt, verborgen in den Weiten des Universums. Dort sollen die Kinder des Universums leben und uns alle hüten."

„Ja. Das ist einer von vielen Versuchen gewesen, um die Existenz unserer Art bekanntzumachen", erkläre ich ihm bedacht und die Hülle meines Herzens ist mit Sehnsucht erfüllt, als meine Gedanken in die Vergangenheit reisen, „uns Himmelsflüsterer ist es verboten, mit anderen Wesen in Kontakt zu treten. Nur der Königin ist es erlaubt gewesen, wenn es in ihren Augen von Nöten gewesen ist. Damit ist gemeint, wenn sie oder andere Himmelsflüsterer gesehen haben, dass eine Atmosphäre von einer Auslöschung bedroht ist. Deshalb haben wir immer wieder Zeichen in den Himmel gesetzt, Gedichte und Geschichte über uns schreiben lassen. Aber viele haben nur in den Himmel geschaut und ihre drei Himmelskörper gesehen. An uns ist selten gedacht worden."

„Ich habe es immer für eine Legende gehalten", gesteht er mit einem kleinen Ton von Verlegenheit, „eine Gute-Nacht-Geschichte, die man Kindern erzählt, damit sie nicht aufhören zu träumen. Nichts ist magischer gewesen als die Vorstellung von Wächter, die das ganze Universum behüten, die alles und jeden kennen und wissen, wann die Sonne untergeht und wann sie aufgeht. Sie wissen, wann die Dunkelheit wieder endet. Ich habe mir gewünscht, dass ich es könnte, nur um mit einem Lächeln dem Ende meiner eigenen Finsternis entgegentreten zu können." Seine Stimme sinkt im letzten Satz, erneut spielt Trauer mit seiner Geschmeidigkeit. „Und sie hat bis jetzt noch nicht geendet. Nein. Sie ist sogar noch dunkler geworden."

„Eines Tages wird die Sonne wieder aufgehen. Daran glaube ich fest." Meine Hand findet wie von selbst sein schmerzverzerrtes Gesicht und mit dem Daumen zeichne ich ihm den Bogen einer aufgehenden Sonne auf die Wange. „So ist das nämlich mit der Sonne, Loki. Sie geht zwar unter, aber sie kehrt ständig zurück."

„Ich brauche keine aufgehende Sonne. Ich habe dich an meiner Seite", grinst er verstohlen und funkelt mich mit seinem stürmischen Regenmeer an, aber es bringt mich nicht zum Lächeln. Es ist nicht so frei wie früher, es wirkt mehr gefangen und verloren. Ein Regen von Trübheit und Leere, genau wie sein Lächeln und sein Herzschlag. Alles spricht von Kummer und einem Schmerz, der ihn vollkommen überstürzt. Er ist nicht dazu fähig, gegen ihn zu gewinnen, und ich habe Angst davor, was passiert, wenn er sich fallenlässt.

„Es tut mir leid..." Ich blicke schuldbewusst auf die silberne Stadt, weg von seinem verletzten Antlitz. Aber festzustellen, dass selbst ihr Anblick mich nicht länger glücklich macht, lässt mich bemerken, welch starke Wirkung der verlorene Prinz tatsächlich auf mich hat. So mächtig wie das Universum selber. Er ist es wirklich. Mein Universum. „Es tut mir leid, dass Odin nicht dasselbe Potenzial in dir als König sieht wie ich es tue. Du hättest die Krone verdient."

„Das ist nur einer von vielen Schwertstichen", sagt er und die Ruhe in seiner Stimme ist unerwartet, sodass ich es nicht weiter schaffe, mich von seinem Regenmeer fernzuhalten. Es ist wild, aber sanft und seine ungestümen Wellen reißen mich mit sich.

Nun ist es er, der auf die Stadt vor uns blickt, während mich sein Regenmeer achtsam wiegt. Hier und dort schlägt es auf, um mir die tiefe Verletzung des Prinzen zu zeigen. Sie ist so schwer wie ich bis jetzt keine andere Verletzung gesehen habe, und der Schatten ist nicht weit von seiner Seele entfernt. Die Verletzung zieht ihn praktisch an.

„Ich habe nur immer versucht, gut über meinen Vater zu denken. In all den Jahren, wo er mich in Thors Schatten zurückgelassen hat, wo ich noch angenommen habe, irgendwie doch anstelle von meinem Bruder die Krone Asgards zu erhalten. Doch am Ende hat er lediglich das bestätigt, was ich so verzweifelt versucht habe zu verdrängen. Ich habe nie eine Chance als König Asgards besetzen. Und ich frage mich, was er in all den Jahren in mir gesehen hat, wenn nicht ein ehrwürdiger Thronanwärter?" Loki kneift sich die Lippen zusammen und der Regen scheint bald erneut über seine Wangen zu huschen. „Bin ich überhaupt ein Sohn für ihn? Hat er mir je geliebt sowie er... Thor liebt?"

„Natürlich!", unterbreche ich ihn energisch und Loki sieht mich so an, dass ich seinem tiefen Schmerz nicht ausweichen kann. Ich hole angestrengt Luft, überrumpelt von diesem emotionalen Ausdruck in seinen Augen. Es ist so, als hoffe er, wir könnten zusammen seinen Schmerz verkleinern, erträglicher machen, aber es gibt Dinge, die können wir einfach nicht. Ob Himmelsflüsterer oder Gott. Schmerz will gespürt werden. „Du bist sein Sohn, Loki", sage ich schließlich, nachdem ich mich etwas gefangenhabe, und versuche, den Schatten im Regenmeer nicht zu beachten, „und es spielt keine Rolle, ob du nun Thor oder einfach du bist. Du bist sein Sohn und ein Teil von ihm. Er zeigt es dir vielleicht nicht, aber tief in seinem Inneren liebt er dich. Ein Vater liebt seinen Sohn. Immer. Und vergiss nicht, es wird immer noch jemand anderes geben, der dich stets lieben wird, ob mit oder ohne Krone Asgards."

„Du hast mir nie von deinem Vater erzählt, Sternenkind." Es ist keine schlimme Sache, wenn er sich von seinem Schmerz ablenkt. Oder es zumindest versucht. Ich rede lieber über banale Dinge als noch einmal diesen fürchterlichen Schmerz in seinem Regenmeer zu begegnen. Ein zweites Mal werden mich die Wellen nicht über der Oberfläche halten können.

Eigentlich will ich mich nicht von dem Schimmern im Regenmeer abwenden, aber ich möchte wissen, wie weit wir bereits gekommen sind. Er trägt mich an den ersten Häusern vorbei. Ein Stechen weckt mein Herz aus seiner Traumwelt auf, als ich die vielen bunten Staubberge vor den Türen sehe. Stücke von Kleidung, die eins getragen worden ist. Sogar ein paar Teile von schimmernder Rüstung liegen herum. Auch die goldenen Mondsichelhelme, die jeder Krieger und Wächter so stolz getragen hat. Es werden immer mehr, umso weiter Loki geht. Bald ist es wie ein Weg aus Mondsicheln, Schwertern und bunten Staub.

Hier muss es stattgefunden haben. Der Kampf und das Ende meines Volkes.

„Himmelsflüsterer haben nicht direkt Eltern", jetzt muss ich mich von diesem schaurigen Anblick ablenken und sehe irgendwohin. „Das Universum sucht sich einen Stern aus, aus dessen Staub ein neuer Himmelsflüsterer entstehen soll. Dann wird er hier als ein kleines Licht geboren, bis es sich in einer Nacht in seine menschliche Form als Baby verwandelt. Nicht jedem Himmelsflüsterer wird ein Licht zu geteilt, das er großziehen muss. Aber die meisten sind glücklich mit dieser neuen Aufgabe, die ihnen das Universum gegeben hat. Meine Mutter ist die Königin gewesen, doch einen Vater habe ich nie gehabt."

„Warum nicht?", hinterfragt er neugierig und seine Stimme ist weich, weil er offenbar bemerkt hat, dass mich diese Grabstätte vor unseren Augen getroffen hat.

„Ich denke mal, je nachdem welches Geschlecht dem königlichen Licht gewidmet ist, wird dieser der nächste Thronfolger. Und da meine Mutter sowie ich weiblich geboren worden ist, ist sie zur Königin geworden. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob vor ihr je ein König geherrscht hat. Das..."

Loki bleibt plötzlich stehen.

„Was ist los?", frage ich nervös und wandere mit dem Blick zu seinem Regenmeer. Er hat es weit aufgerissen, Entsetzen lagert sich in diesem. Ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen, traue mich deswegen nicht dazu, nach vorne zu sehen.

„Man hat sie in einen Hinterhalt geführt", antwortet mir Loki und in seiner Stimme liegt kein einziger Ton, als wüsste er nicht, wie er mit dieser Situation umgehen soll.

„Wer?"

„Die Krieger. Sie alle sind hier versammelt worden und dann..." Er muss den Satz nicht beenden, damit ich das Unausgesprochene verstehe. „Es muss schrecklich gewesen sein. Ein Akt von Mord, zudem selbst ein Gott nicht fähig wäre. Ich glaube allmählich, dass Odin nicht..."

„Nein. Das hätte er niemals getan", schneide ich ihn ab, als ich so mutig geworden bin und endlich den Blick hingewandt habe, „das hier ist das Werk eines anderen."

Es ist ein Berg. Nicht ein gewöhnlicher Berg wie in Asgard oder auf Midgard. Es ist ein Berg aus unendlichen Mondsichelhelmen. Goldschimmernd, trockenes Blut haftet überall und ein eigenartiger Nebel von Blau und Violett leuchtet um sie. Es sind vereinzele Staubflocken, die in der Luft fliegen und an diesem Ort gefangen sind. Schwerter und Schilder sind kaum noch zu erkennen, zu viel altes Blut klebt daran, und liegen wild verstreut herum. Das hier ist eindeutig eine Grabstätte.

Und ich weiß nicht, warum alles so auf einmal schwer ist, aber ich glaube, mein Herz ist gerade zerbrochen.

„Bring mich bitte näher", flüstere ich, und es interessiert mich nicht, wie leise ich mich anhöre. Es ist nicht von Bedeutung. Jedenfalls nicht in diesem Augenblick, wo das ganze Universum ein einziger Fluch für mich ist.

Lokis Regenmeer schenkt mir einen gequälten Blick, als er auf den Haufen zu geht.

„Lass mich bitte herunter."

„Sternenkind", wispert er besorgt.

„Bitte, Loki."

Kaum spüre ich die grüne Grasfläche unter einem Bein, humple ich die restliche Distanz bis zum Haufen hin. Ich verspüre keinen Schmerz im anderem Beingelenk, weil sich all der Schmerz der Welt in meinem Herzen angestaut hat. Ich schniefe, warme Flüssigkeit rollt über meine Wangen hinfort, und der Weg scheint endlos zu sein, auch wenn er sehr kurz ist. Es ist nicht leicht, mit einem Bein zu laufen. Es ist überhaupt nicht leicht, irgendetwas zu tun, wenn du es weißt und siehst.

Die Grausamkeit dieses sonst so einzigartigen Universums.

„Ich habe sie alle gekannt", sage ich fast erstickend und es ist eher an mich und mein verletztes Herz gewandt als an Loki, „jeden einzelnen von ihnen. Sie sind meine Freunde gewesen. Meine Familie. Jeder von ihnen hat sein Leben gegeben, um uns zu schützen."

„Wir werden herausfinden, wer das gewesen ist." Sein Herz ist mittlerweile leichter geworden, seitdem er weiß, dass Odin doch nicht für das hier verantwortlich ist. Das erkenne ich daran, dass er weniger Sorgen in seiner samtigen Stimme trägt. Er kommt entschlossen zu mir hinüber und legt seinen Arm noch rechtzeitig um mich, um mich zu stützen, ehe ich hätte fallen können. „Und dann wirst du dich rächen können. Ich werde dir helfen. Ich werde alles für dich tun, was du von mir verlangst, mein Sternenkind."

Ich habe Glück, dass mich Loki festhält, als ich versuche, mich hinzuknien. Zuerst bin ich furchtbar wackelig und wäre beinahe nach vorne gekippt, aber dann kann ich mich halten. Meine Hand greift schnell nach einem Mondsichelhelm und zieht diesen in meine Arme. Er ist ganz kalt. Kälter als ich jemals etwas angefasst habe. Nur mit Lokis Hilfe schaffe ich es zurück auf ein Bein und muss vor Anstrengung feste ausatmen.

„Es durstet mich nicht nach Rache", gebe ich dann offen zu und reibe mit meinem Umhang den blauen Staub vom goldenen Helm, „Rache wird mir nicht das zurückgeben können, was man mir genommen hat. Aber wenn ich mich rächen würde, könnte ich noch das einzige wichtige verlieren und das möchte ich keinesfalls riskieren. Nicht für diesen Preis." Ich wende mich zu ihm um und lächle ihn mit Tränen in den Augen an. „Ich will dich nicht auch noch verlieren, Loki, Odins Son, Gott der List und der König meines Herzens."

„Niemals, meine Königin." Er erstickt mit einem Schritt die letzte Lücke zwischen uns und wischt mir achtsam mit dem Finger die Tränen von der Wange. Dann legt er seine Hand unter mein Kinn und stützt vorsichtig dieses auf, als ich ein neues Schluchzen niederpresse. „Ich werde immer bei dir bleiben. Von heute an. Das ist mein zweites Versprechen an dich", sagt er mit einer Entschlossenheit, die nur von einem mächtigen Gott kommen kann. Dieses Versprechen wird er so pflegen wie sein eigenes Löwenherz. Mit allem, was in seiner Macht und seinem Willen liegt.

Ich nehme eine Hand vom Helm und lehne sie gegen die Stelle an seiner Brust, wo sein Herz ganz verrückt hämmert. Da ist sein Löwenherz, der Schlag meines einzigartigen Universums und das Machtwerk, das ihm erst ermöglicht, so gütig und aufopferungsvoll zu sein.

„Wenn wir im Schloss sind..." Mit der Hand nehme ich nun seine von meinem Kinn weg und lasse meine Finger in die Lücken seiner gleiten, während ich ihm tief in das funkelnde Regenmeer blicke. Es steht völlig ruhig, nur ein klarer Schimmer von Zuneigung und Wärme leuchtet darin, und dieses Mal kann ich kein Regen darin erkennen. Es sind Sterne. Tausende. Sie funkeln wunderschön, und die Wellen sind da, um mich sanft im Sternenwasser zu wiegen. Es ist nicht über mir oder hinter dem Sternenhimmel versteckt. Es ist direkt vor mir. Das einzige Universum, das für mich wichtig ist. Er ist alles davon.

„Wenn wir im Schloss sind", beginne ich nochmal und lächle ihn mit all der Liebe an, die das Herz eines Himmelsflüsterer aufbringen kann, „möchte ich, dass du mein König wirst. Der König vom Königreich der Himmelsflüsterer."

„Das ist wahnsinnig, Sternenkind", wispert er fassungslos und sein Regenmeer wird ganz hell.

„Nein. Es ist unser Schicksal." Ich drücke seine Hand fest, damit er einsieht, dass ich das vollkommen ernstmeine. Ich will ihn, habe es schon immer getan und werde niemals damit aufhören – denn er ist das einzige Universum, das ich schützen und lieben will. Außerdem ist er mein König und ich bin sein beschützendes Löwenherz, das alles auf sich nehmen wird, den zerreißenden Schatten niemals durchzulassen.

Er grinst mich an, so schattig-schön wie er nur kann, und das ist das schönste für mich. Das ist der Grund, warum aufgeben nicht fassbar ist.

Solange die Sterne noch zwischen seinem Regen strahlen, solange werde ich kämpfen.

~*~

Es ist ungewohnt nach all der Zeit im Königssaal meines Schlosses zu stehen. Den riesigen Kronleuchter an der hohen Decke zu betrachten. Die Decke, die das ganze Universum mit all seinen Planeten, Monden und Sternen widergibt. Die silbernen Säulen mit den goldenen Ringen, der lange, dunkelblaue Teppich, der bis zum Thron am Ende des Raumes führt. Seine Ränder sind ebenfalls in Gold getaucht. Ich sehe zum Thron und erinnere mich zäh daran, wie ich als kleines Kind dort gesessen bin. Damals bin ich zu klein gewesen, um auf dem Marmorstein zu sitzen, jetzt hätte ich die perfekte Größe dafür. Die Lehne ist ein halber Mond und überall sind Sterne in den Stein gemeißelt, die leicht golden schimmern, wenn das Licht sie trifft.

Meine Mutter hat mir zu gesagt, dass ich eines Tages dort sitzen werde und dieses Reich regieren werde. Ich werde zwar nicht regieren, aber die Krone annehmen, die mir sie vererbt hat.

„Wunderschön." Loki steht plötzlich neben mir, als er mich vor wenige Minuten alleine in den Saal gelassen hat.

Ich habe immer noch den Helm in meinen Händen und drehe mich mit einem sanften Lächeln zu ihm um. Es ist so sanft, dass sich meine Augen leicht schließen. „Es ist dein Thron", sage ich weich und gewähre es ihm, seine Hand mit meiner zu verschränken.

„Nein", widerspricht er und doch behält sein Regenmeer an Hingabe, „das ist unser Thron, Sternenkind."

Mein Bein macht einen Ruck nach vorne, sodass es weniger kompliziert ist, mein Kopf gegen seine Brust zu drücken. Sofort hüllt mich der vertraute Geruch von Asgards Wäldern ein, als er seine Arme um mich schlingt, und mir wird bewusst, dass nicht der Wald mein Zufluchtsort ist. Es ist Loki.

„Aber zuerst müssen wir uns einander versprechen", murmle ich gegen den weichen Stoff seines grünen Gewands, bevor ich zu ihm hinaufblicke und mich auf Zehenspitze stelle, um die Größendistanz zwischen uns zu verringern. „Natürlich nur, falls du die letzte Himmelsflüsterin möchtest."

Sein Regenmeer schimmert fasziniert auf. „Mehr als ich je etwas in meinem Leben gewollt habe", sagt er rau zurück und zieht mich an sich, obwohl der Helm noch zwischen unseren Körpern liegt. Aber er scheint uns nicht zu stören – oder es fällt uns gar nicht auf, weil wir uns schon zu weit ineinander verloren haben. Nichts wird uns mehr aufhalten können, König und Königin zu werden. Wir stehen nun hier vor einander, gewilligt den anderen für immer zu lieben, und es zerbricht mir fast das Herz, weil es so schön ist. Loki ist so schön und die Tatsache, dass er mich will, dass er die eine Liebe für mich empfindet.

Es ist das wohl schönste und befreiendeste Gefühl zu wissen, dass dich derjenige dich genauso innig liebt wie du ihn lieben tust. In dem Augenblick, wo man sich haltlos ineinander verliebt, riskiert man einfach alles. Und es ist unglaublich.

Und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich für diesen jungen, verlorenen Prinzen vor mir entschieden habe.

Er ist mein Universum, mein König und mein Frieden.

„Müssen wir jetzt dieses langweilige Königsgelabber von uns geben? Oder können wir einfach sagen, dass wir nun offiziell ein Königspaar sind?", hake ich ungeduldig nach und Loki muss etwas lachen. Er lacht schön. Alles an ihm ist schön. Auch seine Gebrochenheit, seine Makel und seine Selbstzweifel. Das ist Loki und das ist er sowie ich ihn liebe.

„Ich denke schon, dass ein paar Formalitäten dazu gehören", meint er mit einem neckischen Ton und lockert seinen Griff um mich.

„Mhm, ich verstehe. Der geehrte Loki möchte natürlich nur das Beste." Ich rücke einen Schritt zurück.

„Sonst hätte ich wohl dich nicht als Königin auserwählt."

Selbst in diesem Moment schafft er es, meine Wangen zum Glühen zu bringen. Er lächelt mich aufgeregt an, das Regenmeer funkelt ausnahmslos, und dann atme ich einmal tief ein und aus.

Nun blicke ich ihm in das hübsche Gesicht und sehe mein ganzes Universum vor mir in all seiner Schönheit vor mir stehen. Das hier ist richtig. Das einzige, was nicht unsere Herzen brechen wird. Es ist unser Traum, aber nun mit einem Unterschied: Es ist alles echt.

„Ich, die Königin des Reiches der Himmelsflüsterer, frage dich nun, Loki Odinson, ob du die Ehre annimmst und der erste König dieses Reiches wirst? Ob du auf Ewig auf dieses Reich und mein Herz achten möchtest, mit allem, was in deiner Macht steht? Es schützt, als wäre es dein eigenes. Es pflegst und behütest, als wäre es dein eigenes. Es in seiner Vollkommenheit liebst und niemals auch nur versuchen wirst, es zu hintergehen. Wirst du, Loki Odinson, mein König und meine höchste Priorität, werde ich dich stets lieben. Jeden Tag. Und nie damit aufhören. Das ist meine Pflicht als deine Königin." Wir beide müssen breit grinsen, als wir uns so glücklich in die leuchtenden Augen sehen. Dieselben Worte habe ich ihm damals schon als Kind gesagt, als wir noch zu jung gewesen sind, um die wahre Bedeutung hinter diesen zu kennen. Heute wissen wir es, und endlich können wir es richtig tun. „Wie lautet deine Antwort, Loki, Gott der List?"

Er schließt wieder die Lücke und mein Herz schlägt so eifrig wie noch nie gegen meine Brust. Jeder Stern der Welt glüht in seinen Augen auf, als er die Hand hebt und sie sachte gegen meine Wange legt. In seinem Blick kann ich all das wiedersehen, was ich in meinem Herzen verspüre, und es tut unheimlich gut, zu erkennen, wie ich auch alles für ihn bin, das er braucht und will. Sein einziger Halt in Dunkelheit, sein Sternenlicht und sein Löwenherz.

„Ich, Loki Odinson und Gott der List, nehme dich, Sternenkind, zu meiner Frau und Königin. Ich werde dich auf Ewig lieben und stets an deiner Seite bleiben, ganz gleich, was geschieht. Mit Freude nehme ich die Krone deines Reiches an und werde alles opfern, um diesem gerecht zu kommen." Ich bin atemlos, als seine Augen klarer werden und sich überraschend Tränen am Rande dieser bilden. „Ich, Loki Odinson, werde dein König und es gibt nichts Schöneres als dich zur Frau zu haben. Du bist meine Sternenkönigin und die einzige, die mich wirklich sieht. Ich bin dir so dankbar dafür. Für alles. Nicht für das hier. Das hier hat mir nur wieder einmal bewiesen, in welch wundervolle Frau ich mich verliebt habe. Du machst meinen größten Traum wahr, denn du bist es selbst. Schon immer. Es gab kein Tag, an dem ich dich nicht geliebt habe, mein Sternenkind und zukünftige Königin."

Meine Lippen fangen die erste Träne auf seiner Wange auf, die hinunterperlt. „So sei es. Die Worte sind gegeben worden. Der König und die Königin haben sich das Wort gegeben. Nun dürfen sie die Krone dieses Reiches tragen. Wir wünschen ihnen alles Gute und hoffen..."

Er unterbricht meine albernden Worte, indem er mich einfach stürmisch küsst. „Jetzt gehörst du vollkommen mir, meine Königin."

„Mein König", flüstere ich und nichts hält mich auf, ihm den Mondsichelhelm in meinen Händen auf den Kopf zu setzen, „es ist vielleicht keine richtige Krone, aber du könntest auch die mächtigste Krone dieser Welt tragen. Sie würde bloß allen im Universum zeigen, dass du ein König bist, aber nur wir beide wissen, dass du in deinem Herzen der größte und stärkste König bist. Selbst ohne Krone."

„Ich bin der glücklichste König im ganzen Universum, weil ich dich meine Königin nennen darf." Alles wird noch perfekter, als er mich nochmal küsst.

Es ist nicht einfach ein Kuss von vielen. Er ist das Ende eines Schmerzens und der Beginn eines neuen Versprechens. Er versiegelt all unsere Empfindungen und Hoffnungen und unsere Seelen sind auf einmal weniger gebrochen. Einige Wunden können sich schließen, andere bleiben, um uns daran zu erinnern, dass wir jede einzelne von ihnen auf uns genommen haben, um nun zu eines zu werden. Wir beide wissen, dass die vergossenen Tränen und der bittere Herzschmerz diesen einen Augenblick wert sind. Alles ist das hier wert gewesen, und es gibt nichts wertvoller, als dieser Moment, in dem man bemerkt, dass man endlos ist.

Wir sind endlos.

Und letztendlich sind wir auch eins.

Verräterin. Du hasssst mich belogen!

„Geradeaus und dann die Treppen hoch. Dort ist der Pendel nach Asgard."

„Was?" Loki blinzelt mich verwirrt an, aber ich kann mein trauriges Lächeln nicht verbergen.

„Du musst gehen. Sofort."

„Was? Warum?" Er packt mich aufgeregt an den Schultern und schüttelt mich etwas. „Was ist los, Sternenkind? Erzähl es mir! Warum soll ich auf einmal gehen, nachdem wir einander versprochen haben?"

Meine nächsten Worte brechen nicht nur ein Herz. „Weil ich die Schlange freilassen werde, damit sie dieses Königreich zerstören kann."

Er zieht scharf die Luft ein, und der Ton seiner Stimme ist leer wie das Innere meiner Brust. „Ist das dein Plan? Dein Königreich von einer Schlange vernichtet zulassen und dabei zu zu sehen?"

„Nein." Ich schüttle heftig den Kopf und strenge mich an, um nicht schwach zu werden. Etwas spinnt sich um mein Herz, wie eine schützende Schicht, um mich daran zu hindern, dumme Dinge zu machen. Dinge wie mich in Lokis Armen zu werfen und mit ihm diesen Ort zu verlassen. Das wäre unser Happy End, doch für uns ist keines vorhergesehen. Nur ein kleiner Funke davon, dessen Magie wir vor kurzem haben spüren können. Sie ist so wundervoll gewesen. So einzigartig. Das werde ich niemals vergessen können.

Aber mit einem Mal ist die ganze, kinetische Magie zwischen uns erloschen.

„Ich werde mit ihr sterben, Loki."

„Nein!" Er schlingt seine Arme um mich, drückt vor Verzweiflung sein Gesicht gegen meines. „Du musst diesen Gedanken aus deinem Kopf befreien. Bitte. Bitte, mein Sternenkind. Du kannst mich nicht einfach verlassen, nachdem du mir meinen sehnlichsten Wunsch erfüllst hast! Das ist nicht richtig!"

Niemand kann in solch einer tragischen Situation starksein. Auch nicht das stärkste oder kälteste Herz. Es ist tragisch, zu tragisch für eine Geschichte wie unsere.

„Du hast versprochen, bei mir zu bleiben! Du bist doch meine Königin..." Etwas in seiner Stimme verrät mir, dass er bald weinen wird. Ich halte meine Tränen nicht länger zurück. Es tut weh, ihm so nahe zu sein und dabei zu spüren, wie fest er mich an sich presst. Wie der letzte Halt vor dem Sprung in den Schatten. Diese Umarmung sollte nicht so unangenehm und erstickend sein, aber sie ist es. Sie ist unerträglich mit dem Gewissen, dass es die letzte sein kann.

Das letzte Mal, wo mich das Regenmeer in seinen Armen wiegt.

„Es ist der einzige Weg, Loki."

„Du hast das alles schon gewusst, oder? Deshalb hast du unbedingt ins Schloss gewollt, um mir zu sagen, dass du Selbstmord begehen wirst. Ist es nicht so?!" Er schreit gegen meine Schulter, als wolle er seinen Schmerz hinausschreien, und es ist gleichzeitig wie das Aufreißen meines Herzens.

„Ja", gestehe ich und dabei interessiert mich nicht das Brechen meines Herzens. Ich nehme sein feuchtes Gesicht in meine Hände und zwinge ihn dazu, mit seinen verletzten Regenaugen in meine zusehen. Er schnieft, während Zorn und ein unleugbarer Schmerz einen wilden Kampf im Regen bestreiten. Es ist akzeptabel für mich, würde er mich nun fortan hassen, weil ich... ich würde ihn immer lieben. Das weiß er, und es ist das, was ihn wohl gerade am meisten quält. Das Gewissen, dass es eine Entscheidung aus Liebe ist.

„Ich wollte nicht sterben, ohne dir mein Herz auf die schönste Art und Weise zu schenken wie es allen Wesen des Universums möglich ist. Dich nun als meinen König vor mir zu haben ist ein Wunder. Mein lang ersehnter Traum. Ich bin glücklich, Loki. So glücklich wie ich es schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen bin. Und ich bin deinetwegen so glücklich, weil du mein König bist und es bleiben wirst."

Loki blickt mich mit einer unvergleichlichen Trauer an.

„Auch wenn ich sterben werde, wirst du es bleiben. Für immer. Dafür habe ich dir mein Herz und meine Krone gegeben."

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