Hüte dich vor leeren Nächten, in denen sich Tikky-Tikky versteckt. Denn wenn der Stern der Nacht nicht wacht, passieren komische Dinge.
Majinesische Weisheit
***
Lamduan kniete sich neben den am Boden liegenden Mann und legte ihre Finger an seinen Hals. »Er lebt.«
Auf ihr Zeichen hin trat eine kräftige Frau mit einer Tiger-Zeichnung am Arm zu ihnen. »Wie geht es ihm?«
»Er wird wieder.« Langsam stand die Wächterin auf und schaute sich im engen Gang um. »Wie konnte der Junge entkommen?«
Die Frau zupfte an ihrem Gürtel. »Charek hier hat ihm die angeordneten Schläge verpasst. Der Junge hat kein Wort gesagt und ist am Ende zusammengesunken. Dann hat Charek geflucht und gemeint, er würde ihn zur Zelle tragen, ich solle einen Heiler holen. Als er nicht kam bin ich ihn suchen gegangen und fand ihn hier.«
»Ich habe Niran schon so oft gesagt, dass diese langen Wege in seinem Palast ein Problem sind.«
Die Tiger-Frau beugte sich hinab und zog den bewusstlosen Wächter auf die Beine. Mit einer Drehung schwang sie sich den Mann auf den Rücken. Ihre filigrane Hammer-Zeichnung glühte und sie nickte Lamduan zu. »Das Gute daran ist, dass ja der Heiler schon in der Zelle wartet. Mit deiner Erlaubnis bringe ich ihn gleich hinunter.«
»Erteilt.« Kopfschüttelnd entließ Lamduan die kleinere Frau.
Als sie wieder alleine waren, haute die Wächterin ihre Faust gegen die Steinwand. »Bei Makeas Flammenaugen, was für ein Pech!«
Der Gang wurde nur noch von einer Wandfackel erleuchtet und die Dunkelheit drückte auf Saris Lieder. »Was bedeutet das?«
Lamduan verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Stinkfrucht gebissen. »Wir werden es Niran sagen müssen.«
Entsetzt riss Sari die Augen auf. »Jetzt?«
»Ja.«
Sie zögerte. »Wir?«
Für einen Moment wirkte Lamduan, als müsste sie lachen, dann verschloss sie ihren Ausdruck wieder. »Natürlich Keiki. Ich möchte dir nicht die aufregenden Details am Wächterdasein vorenthalten.«
Ihr Hals war staubtrocken. »Wie nett von dir.«
Lamduan verbeugte sich. »Nach dir.«
Nebeneinander schritten sie den Gang entlang. »Das wird ihm nicht gefallen, oder?«
»Das Wecken oder der Verlust des Jungen?«
»Beides?«
»Unwahrscheinlich.«
»Und es ist wirklich wichtig, es ihm jetzt zu sagen?«
Lamduan legte eine breite Pranke um Saris Schultern und drückte sie. »Weißt du, vor vielen Jahren, als die Fürsten ihn aufsteigen ließen und zu einem der ihren machten, hat mir Niran drei Befehle übermittelt.«
»Warum drei?«
»Weil er schon immer auf dramatische Auftritte stand und nun hör zu. Erstens: Ein Fürst muss immer wissen, was in Majin vorgeht. Ob es für seine Gilde eine Relevanz hat, entscheidet nur er. Zweitens: Ein Fürst ist nur so gut, wie die Menschen, die ihm dienen. Ihre Auswahl und Förderung muss immer mit bedacht erfolgen.«
Durch ein Fenster fiel schwaches Licht in den Gang und Sari konnte am Horizont bereits die Morgendämmerung erahnen. Am Himmel verdeckte Nebel die Sterne. Eine Nacht ohne den Schutz von Tikky-Tikky. Das konnte nichts gutes bedeuten.
Sie nährten sich der Tür von Nirans Schlafzimmer. Sari schluckte, um die Trockenheit in ihrem Hals zu vertreiben. Wie viele Hiolas war es wohl her, dass sie mit Jayse hier gestanden hat. Drei? Vier? »Und drittens?«, frage sie leise.
»Ein Fürst muss jederzeit in der Lage sein, eine Entscheidung zu treffen. Ob ich meinen Dienst gut oder schlecht versehe, werde ich am Ende eines Heonas merken, je nachdem ob ich belohnt oder bestraft werde.«
Sie hob ihre Faust, um gegen die Tür zu klopfen, doch Sari stoppte sie mit einer Hand. »Bitte, nur ganz kurz. Wie oft schon wurdest du bestraft?«
Für einen Moment sah ihr Lamduan direkt in die Augen. Von einer unguten Vorahnung erfasst, glitt Saris Hand zu ihrem Hals und umfasste die Münze.
Aus dem Gang hinter ihnen ertönten Schritte. Anstatt zu antworten drehte sich Lamduan um. Sari konnte im Zwielicht nicht mehr als eine Gestalt erkennen, doch die Wächterin grinste breit. »Heute nicht, Keiki. Heute ist ein guter Tag.«
Ihre Faust schlug gegen das Holz der Tür. Von Ihnen ertönte erst ein Rumpeln, dann ein Schrei. »Was ist?«
»Der Ausländer wünscht, vorgelassen zu werden.«
Sari fuhr herum und tatsächlich trat Paschuk aus dem Gang hervor. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er sie. Obwohl sie ihn erst einmal gesehen hatte und sich kaum ein Urteil erlauben konnte, wirkte er angespannter, als das letzte Mal. Seine Schultern waren hochgezogen und seine Haare zerwühlt. Die Nacht schien auch für ihn ein paar Überraschungen bereitgehalten zu haben.
»Lass ihn rein«, knurrte Niran, jedoch nicht ganz so scharf wie zuvor.
Lamduan drückte die Tür auf und deutete eine übertriebene Verbeugung an. Schulterzuckend schlenderte der Ausländer an ihnen vorbei.
»Du kommst spät«, begrüßte ihn der Fürst.
»Eigentlich eher früh.«
Niran schnaubte. »Dir ist nichts passiert, wie ich annehme?«
»Nein.«
Nun trat Lamduan ebenfalls ins Innere und Sari blieb nichts weiter übrig, als ihr zu folgen. Paschuk wollte sich gerade das Hemd aufbinden. Seine Haut wirkte im grauen Licht des Morgens noch fahler als sonst. Ihr fürst hingegen trug nur eine lange Hose, die ihm tief auf den Hüften saß und stand mit verschränkten Armen mitten im Raum.
»Mein Fürst.«
»Lamduan. Ist noch etwas?«
»Ja, mein Fürst. Leider muss ich dir mitteilen, dass der Junge geflohen ist.«
Ruckartig richtete wandte sich Niran ihnen zu. »Geflohen?«
»So ist es.«
Paschuks Blick wanderte von Niran zu Lamduan, dann zog er sich hinter einem Paravent zurück und überließ sie der Laune ihres Fürsten.
»Wie konnte das passieren?«
»Er nutze einen Moment für sich, als sie sich in einem der Gänge zwischen Schreckenskammer und Kerker befanden.«
Niran legte den Kopf schief und musterte seine Wächterin. »Auf dem Hin- oder Rückweg?«
»Rückweg.«
»Soso.«
Es schien, als ob Lamduan noch etwas sagen wollte, doch der Fürst hob mahnend die Hand. »Sag es nicht.«
»Was denn, o mein Fürst?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht einen Hinweis darauf, dass du bereits mehrfach die Sicherheit der Gänge in Frage gestellt hast?«
»Das würde mir nie einfallen, mein Fürst.«
Nirans Schnauben drückte Unglauben aus. Dann schaute er zu Sari. »Was macht sie hier?«
»Lernen, mein Fürst.«
»Ich verstehe.« Sein dunkler Blick schien Sari zu durchbohren. Gab er etwa ihr die Schuld an den Ereignissen? »Nun, nachdem sie schon einmal da ist, kann sie auch gleich einen Auftrag für mich erfüllen.«
Saris Beine wurde schwer. Das Lager neben ihrer Schwester rückte in weite Ferne. Doch sie richtete sich neben Lamduan zu ihrer vollen Größe auf und neigte ihr Haupt. »Mai Hinai, mein Fürst. Was soll ich für dich tun?«
»Ich habe hier zwei Nachrichten. Eine an Kamon, den Zeichner der Erpresser, eine an Sumire von den Kopfgeldjägern. Überbringe sie. Du musst nicht auf eine Antwort warten.«
Sari nickte und nahm die beiden Umschläge, die Niran ihr reichte. Auf dem schweren Pergament waren die genannten Namen in schön geschwungenen Buchstaben vermerkt.
»Du kannst lesen?«
»Ja, mein Fürst.«
»Dann weißt du alles, ws du wissen musst. Ab mit dir.«
Mit einer Hand an ihrem Hals verbeugte sich Sari erneut, bevor sie das Gemach und Niran hinter sich ließ. Dieses Mal konnte selbst die Aussicht auf einen weiteren Auftrag sie nicht über den Wunsch hinwegtrösten, einfach nur zu schlafen zu wollen. Mit einem Seufzen verstaute sie die Umschläge in einer Innentasche und machte sich auf den Weg.
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