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Am nächsten Morgen wacht Alana mit unheimlichen Kopfschmerzen auf und schaut sich erst einmal um. Sie ist nicht Zuhause. Dann erkennt sie, wo sie ist und kann sich an den gestrigen Tag erinnern. Sie hat sich benommen, wie ein Idiot. Emma schläft noch. Sie schreibt eine kleine Notiz, um sich bei ihr zu bedanken und macht sich schließlich auf den Weg in die Stadt, zu dem Ort, wo der Zirkus steht, doch sie wird enttäuscht, denn sie sieht nirgends Plakate und der Zirkus ist auch nicht aufgetaucht. Sie sind schon um einen Tag verspätet. Es kann nicht sein. Sind sie nun für immer weg? Hat es etwas mit ihr zutun? Weiß sie zu viel? Sie hatte eigentlich vor, Mandrik von ihren Gefühlen für ihn zu berichten und fragt sich, ob es etwas damit zutun hat. Vielleicht sind sie abgereist, weil aus den beiden sowieso nie etwas werden können würde. Sie würde so gerne jemandem von dem Zirkus erzählen, aber sie kann es nicht. Alle würden sie für verrückt halten und die, die ihr glauben würden.. Damit würde sie ihre Freunde in Gefahr bringen. Inzwischen betrachtet die die Artisten zumindest als Freunde, denn sie sind ihr in den letzten Monaten sehr ans Herz gewachsen. Wenn man das mit Geistern könnte. Immerhin sind sie tot. Aber dann würde bestimmt an ihnen geforscht werden und sie haben auch Gefühle. Das weiß Alana inzwischen.
Sie fährt nach Hause und hat schlechte Laune. Auch am Montag ist der Zirkus noch nicht wieder aufgetaucht. Inzwischen ist schon eine Woche vergangen, in dem der Zirkus aufgetaucht hätte sein sollen und Alana verliert langsam die Hoffnung, weshalb sie wieder schlechte Laune bekommt. Emma sieht sie schon von weitem und Alana kann an ihrem Gesicht ablesen, dass sie merkt, dass Alana schlechte Laune hat. Die beiden wollten sich eigentlich heute Nachmittag sehen, worauf sich Alana eigentlich sehr gefreut hat, aber sie überlegt, abzusagen. Niemand müsste ihre schlechte Laune ertragen und am allerwenigsten Emma, denn sie kümmert sich immer so gut um alle und hat es nicht verdient.
"Emma, hör zu. Ich muss dir für heute Nachmittag leider absagen" , versucht Alana ihrer Freundin nach der Schule zu erklären. Die beiden sind die einzigen, die noch auf dem Schulhof sind, weil sie mit dem Fahrrad fahren und noch einen freiwilligen Kurs zusammen belegen.
"Schon wieder, Alana?" , fragt sie. Inzwischen ist ihr Geduldsfaden gerissen.
"Hör zu. Es reicht mir. Ich habe keinen Bock mehr darauf. Ich hab keinen Bock auf dich und deine scheiß Stimmungsschwankungen. Du sagst mir andauernd ab und hast noch nicht einmal eine vernünftige Erklärung. Das lasse ich nicht mehr mit mir machen! Melde dich bei mir, wenn du dich wieder einigermaßen eingekriegt hast" , schmeißt sie Alana an den Kopf.
"Warte, Emma. Was?" , fragt Alana und hält ihre Freundin fest, die sich eigentlich schon aufs Rad geschwungen hat und verschwinden wollte. Sie steigt noch einmal ab und geigt Alana die Meinung.
"Scheinbar musst du es jetzt einfach Mal hören. Du weißt, ich hasse Streitsituationen und du hast es mir echt nicht einfach gemacht! Alana, was ist los mit dir? Ich scheine dir völlig egal zu sein. Seit einigen Monaten hast du Stimmungsschwankungen, die kein Ausmaß mehr nehmen. Du sagst mir ständig aus heiterem Himmel ab oder bist gar nicht richtig da, wenn wir uns treffen. Dann können wir es auch gleich lassen. Du scheinst von irgendetwas besessen zu sein, was du mir aber nicht verraten willst. Okay, aber dann halte mich ganz raus. Ich hatte echt Angst, dass unsere Freundschaft zerbricht, aber an dem Punkt sind wir jetzt wohl angekommen, denn ich halte das keine Sekunde länger mehr aus. Ich hab auf den ganzen scheiß kein Bock mehr. Melde dich, wenn dein Quatsch vorbei ist." , erwidert sie und zischt ab. Sie düst mit ihrem Fahrrad davon. Sie tritt so schnell in die Pedale, dass Alana das Gefühl hat, dass jeden Moment die Kette reißen könnte.
Alana bleibt völlig verblüfft stehen. So sauer hat sie Emma noch nie gesehen. Sie würde Emma von ihrem Chaos erzählen müssen, wenn sie ihre Freundschaft retten will. Vielleicht könnte diese ihr helfen. Sie hat Angst vor dem Gespräch. Heute würde sie Emma allerdings in Ruhe lassen. Sie war so sauer, Alana will sie sich erst einmal abreagieren lassen.
*
Am nächsten Tag sehen die beiden sich in der Schule und Emma ignoriert Alana gekonnt. Alana kann es verstehen, sie hat es definitiv verdient. Emma hat sich super schnell neue Freunde gesucht. Alana hätte das nicht gekonnt. Emma ist im Gegensatz zu ihr selbst total extrovertiert und kann sehr gut auf andere Menschen zugehen. Das bewundert sie total an ihr, denn sie schließt wirklich mit jedem sofort Freundschaften. Umso beschissener wäre es, sie als Freundin zu verlieren. Emma ist Alanas einzige Freundin in der Schule und auch sonst hat sie nicht wirklich viele Freunde. Sie überlegt sich etwas und schwänzt dafür Mathe. Eigentlich hätte Emma sie darauf angesprochen, denn sie können es sich nicht leisten, kurz vor dem Abi, noch Fehlstunden zu kassieren. Alles in diesem Jahr zählt ins Abiturzeugnis rein und es macht keinen guten Eindruck, wenn darauf unentschuldigte Fehlstunden stehen. Noch dazu, unentschuldigte. Alana wirft einen kleinen Zettel in Emmas Spind.
Nach der Schule macht Alana sich auf den Weg zu ihrem Platz. Alanas und Emmas Platz. Sie fragt sich, ob Emma überhaupt auftaucht. Tatsächlich ist diese schon da, als Alana ankommt. Sie hat eine kleine Geschenkschachtel unter dem Arm.
"Meinst du, hier findet uns jemand?", begrüßt sie Emma. "Ich werde dir alles erklären, aber uns darf niemand hören"
"Ich glaube, niemand außer uns kennt diesen Ort. Und hören kann uns hier sowieso keiner. Außer vielleicht die Ratten"
Die beiden sitzen in einem dunklen Tunnel, der zur Kanalisation führt. Es ist ein alter Tunnel auf einem Kinderspielplatz, der früher einmal überschüttet wurde, um neue Sachen zu bauen. Nur die beiden kennen ihn noch aus ihrer Kindheit und irgendwann ist es ihr gemeinsamer, heimlicher Ort geworden, wenn niemand die beiden finden sollte. Alana kommt immer noch manchmal hierher, wenn sie alleine sein will und niemanden sie finden soll. Der einzige negative Aspekt ist, dass es hier unten ein wenig stinkt. Sie drückt Emma die kleine Schachtel in die Hand. Emma öffnet diese langsam und heraus kommt ein kleines Zuckerarmband.
"Es tut mir wirklich Leid" , erklärt diese. Emma muss lächeln, als sie es auspackt und sich um den Arm bindet. Es ist eine kleine Tradition zwischen den beiden, sich so zu entschuldigen und das schon seit ihrer Kindheit. Emma hatte einmal damit angefangen und seitdem ist es nicht mehr umgeändert wurden. Nun hatte Alana Angst, denn sie musste Emma alles erklären. Sie hatte Angst, dass sie ihr alles nicht glauben würde. Denn wer würde das schon, wenn jemand ihr erzählen würde, dass es Geister gäbe? Die Hälfte von euch würde Alana wahrscheinlich nicht glauben. Ist aber auch Wahnsinn, wenn auf einmal etwas existieren soll, was wir nicht kennen, was neu ist. Sie setzt an einer Erklärung an, aber sie weiß nicht so recht, wie sie beginnen soll. Emma unterbricht sie sowieso.
"Warte. Ich will wirklich eine ehrliche Erklärung, okay?", fragt sie. " Keine Ausreden" Alana atmet noch einmal tief durch und beginnt dann zu erzählen, auch wenn sie nicht damit rechnet, dass Emma ihr glaubt.
"Okay. Was ich dir jetzt erzähle, dass darfst du wirklich niemandem sagen, okay? Niemandem. Du musst es mir hoch und heilig versprechen, verstehst du?"
"Alana, was zur Hölle willst du mir sagen?", fragt Emma entgeistert, denn es klingt wirklich ernst. Als wenn sie einen Mörder decken würde. Emma reimt sich einige schlimme Sachen in ihrem Kopf zusammen.
"Ich will dir sagen, dass es Geister gibt. Sie existieren" , erläutert Alana. Eigentlich will Emma sofort widersprechen, denn es kann nicht sein, dass Geister existieren. Aber sie will ihre Freundin ausreden lassen. Es wird einen Grund geben, weshalb Alana davon ausgeht, dass es welche gibt.
"Und ich kann mit ihnen reden. Also zumindest mit einem davon. Die anderen kann ich nur sehen"
Nun kommt Emma sich noch veräppelter vor.
"Okay, Alana. Und jetzt sag mir die Wahrheit"
"Es ist die Wahrheit. Ich wusste, dass du mir nicht glauben würdest"
"Hast du irgendwelche Beweise?" , fragt sie.
"Nur, wenn sie da sind. Wenn sie verschwinden, lösen meine Beweise sich ins Nichts auf. Die, die ich habe, reichen wahrscheinlich nicht aus, um dich zu überzeugen"
"Versuch es doch einfach. Was kann denn das schlimmste sein, was passiert, wenn du es mir zeigst?", fragt sie.
"Dass du mir nicht glaubst und anderen trotzdem davon erzählst. Es haben mich sowieso schon alle für verrückt gehalten"
"Warum das denn?" , fragt Emma.
"Es hat damit angefangen, als der Zirkus das erste mal aufgetaucht ist. Ihr habt ihn alle vergessen und die Geister darin. Ich nicht"
"Ich kann mich wirklich nicht an einen Zirkus erinnern. Es soll einer in der Stadt gewesen sein?" , fragt Emma und Alana nickt.
"Okay, ich habe hier einige Sachen, die ich dir jetzt zeigen werde. Und ich werde einige Zeit lang reden. Du musst mir zuhören, okay?", fragt sie.
"Okay" , sagt Emma und nickt. Alana holt die Zeichnungen, die Akten und alles was sie bisher gesammelt hat und nicht verschwunden ist, aus ihrem Rucksack.
"Das ist echt eine abgefahrene Geschichte. Aber meinst du nicht, dass da deine Fantasie mit dir durchgeht? Vielleicht hast du die Sachen im Internet gelesen und dann alles gemalt und dir zusammen gereimt" , versucht Emma eine Erklärung für das Verhalten ihrer besten Freundin zu finden.
"Wie hätte ich mir denn diese abgefahrene Story ausdenken können?"
"Stimmt, du hast wenig Fantasie"
"Hey!"
"Entschuldigung" , grinst Emma.
"Vielleicht glaubst du mir oder kannst dich erinnern, wenn ich dir eine ganz bestimmte Zeichnung zeige" , sagt Alana und holt die Zeichnung heraus, die sie von dem Plakaten abgezeichnet hat. Nachdem sie wusste, dass auch diese wieder verschwinden werden, hat sie einfach eines abgezeichnet, denn die Zeichnungen sind das einzige, was nicht verschwindet, wenn der Zirkus dies tut.
"Und?" , fragt sie.
"Nichts" , antwortet Emma. Sie erinnert sich nicht, dieses Plaket schon einmal gesehen zu haben oder an einen Zirkus, der in der Stadt gewesen sein soll. "Es tut mir leid, ich erinnere mich an nichts daran. Das soll ich schon einmal gesehen haben?"
"Ja, wir haben die Plakate gemeinsam angesehen und auch darüber gesprochen"
"Es muss echt seltsam sein, wenn nur du dich an Sachen erinnern kannst, die du und andere Menschen erlebt haben, oder?"
"Es ist scheiße"
Die beiden schauen sich die ganzen Sachen noch einmal genauer an. Die Zeichnung des Plakates und auch die Zeitungsartikel nimmt Emma nun noch einmal genauer unter die Lupe.
"Und du willst wirklich noch die anderen Todesarten rausfinden? Was, wenn die genauso heftig sind, wie die von den beiden?" , fragt Emma und zeigt auf die Akten, die vor ihnen liegen.
"Sie wollten es alle auf jeden Fall wissen. Stell dir Mal vor, du stirbst und weiß einfach nicht, wer du davor gewesen bist. Muss komisch sein, oder? Also, wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, was ja offensichtlich der Fall ist"
"Aber warum sind ausgerechnet diese toten Menschen in diesem Zirkus und reisen scheinbar um die Welt? Wo sind all die anderen Toten?" , fragt Emma.
"Das frag ich mich eben auch. Vielleicht kann ich es dir beweisen, dass ich mir keine Lügengeschichten ausdenke, wenn sie das nächste Mal auftauchen und du mir ein bisschen beim recherchieren hilfst. Ich will ins Darknet und du kennst dich doch so gut mit Technik und so aus"
"Das heißt aber nicht, dass ich im Darknet unterwegs bin"
"Ich hab die Hoffnung, dass ich dort etwas finde. Bitte Emma. Ich kann wirklich Hilfe gebrauchen."
"Okay, okay. Ich helfe dir. Aber willst du nicht noch all das andere Zeug herausfinden, weshalb der Zirkus existiert, wieso ausgerechnet diese Menschen und all die anderen Details?" , fragt sie.
"Erstmal muss ich die Todesursachen herausfinden. Das habe ich ihnen versprochen. Vielleicht können sie mir dann auch noch ein paar Fragen beantworten. Sie wussten ja auch nicht, ob sie mir vertrauen können. Immerhin bin ich der erste Mensch, der mit ihnen reden kann"
"Heißt, ich kann nicht mit ihnen reden?", fragt Emma enttäuscht.
"Nein. Mandrik ist aber auch der einzige, der mit mir reden kann. Er hat die Tickets verkauft. Aber du wolltest eh nicht in die Vorstellung. Du fandest den Zirkus unheimlich"
"Zurecht!" , beschwert sich Emma. "Es ist ein Geisterzirkus" , betont sie extra noch einmal.
"Und es tut mir Leid, dass ich in den letzten Wochen so besessen war. Vielleicht verstehst du die Faszination jetzt ja?", fragt sie.
"Erst wenn ich die Geister mit eigenen Augen gesehen habe" , sagt sie lachend. Alana weiß, dass Emma sie alle nicht sehen können wird. Was hat sie nur getan?
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