Kapitel 127 - Das Boot

Das Wochenende kam, und sie überraschten ihre Kinder. Sie fuhren mit etwas Gepäck zum Hafen, was die Kleinen verwunderte, betraten das Boot, was die Kleinen zum Lachen brachte.
„Klauen wir jetzt ein Schiff?" fragte Annika. Moritz schwante schon etwas, als die Eltern so vollkommen ungeniert die Taschen unter Deck brachten.

„Nein, aber wir klauen zwei wunderbare Kinder und entführen sie ganz einfach!" erklärte Felix und seine Augen blitzten vor Vergnügen und auch vor grenzenloser Liebe.

Sie legten den Kindern die Schwimmwesten an, Felix startete den Motor und sie fuhren aufs offene Meer hinaus.

Annika stand fassungslos an der Reling im Fahrtwind, Moritz juchzte vor Begeisterung.
Maja nahm die beiden in den Arm. „Euer Papa ist der Hit!" rief sie laut, damit er es hören konnte.

Felix hob nur den Daumen, ließ die Glückstränen wieder einmal einfach laufen.

„Ich liebe euch!" flüsterte er, und der Wind holte seine Worte von seinen Lippen und trug sie übers Meer.

Er drehte richtig auf, das Boot schoss übers Wasser, er fühlte das Leben und eine unheimliche Lust am Leben in sich. Das hätten wir schon längst machen sollen! dachte er

Es hatte ihm schon damals unheimlich Spaß gemacht, durch die Wellen zu pflügen! Warum hatte er nicht früher daran gedacht, mit Maja ein Boot zu kaufen? Wie leicht hätte es zu spät sein können!

Er nahm sich fest vor, sich in Zukunft alle Wünsche und auch die seiner schönen Frau und seiner süßen Kinder zu erfüllen. So schnell konnte alles vorbei sein!

Sie ankerten weit draußen, schwammen, tollten im Wasser, gingen wieder an Bord. Alle vier waren vollkommen aufgedreht vor Glück.

Moritz' Blicke hingen voll Liebe an seinem Vater.
„Dir geht es wieder richtig gut, oder?" fragte er.

Felix nahm ihn in den Arm, drückte ihn fest an sich. „Ja, Sohn! Mir geht es verdammt gut, besser als je zuvor!"
„Verdammt sagt man nicht!" schimpfte Annika.
„Ich weiß, Süße! Aber manchmal gibt es kein anderes Wort dafür, wenn man so verdammt glücklich ist!" antwortete er und nahm sein Töchterchen in den anderen Arm.

Maja zückte ihr Handy und machte eine Reihe von Fotos von ihrem umwerfenden Mann, der die reizenden Kinder im Arm hatte, alle drei mit vom Wind zerzausten Haaren und strahlend vor Glück!

Nie in ihrem Leben hatte sie etwas Schöneres gesehen.

Als sich Felix' Magen hungrig meldete, holten sie den Anker ein und nahmen Kurs auf das nächste Hafenstädtchen.

Sie fanden ein kleines Lokal mit Blick auf das Meer von der Terrasse aus, bestellten sich Berge von Tapas, fütterten sich gegenseitig mit den Leckereien, klauten sich gegenseitig Essen von den Tellern. 

Die Eltern genehmigten sich ein Glas Wein, die Kinder tranken Saft.
Der Besitzer nahm Platz bei ihnen, diese glückliche, schöne Familie zog ihn einfach an.
Er scherzte mit den Kindern, die sehr gut Spanisch konnten, beglückwünschte die stolzen Eltern zu ihrem Nachwuchs, beglückwünschte aber auch Felix zu seiner schönen Frau.

Er spendierte einen üppigen Nachtisch, was Felix sehr entgegen kam.

Sie bestellten noch ein paar Kleinigkeiten zum Mitnehmen, falls der Papa eine Heißhungerattacke während der Nacht bekam.
Der Chef packte  ein wenig mehr ein, vermutetete, dass der Deutsche einige Kalorien verbrennen würde mit so einer Schönheit an seiner Seite.

Schließlich bummelten sie noch ein wenig durch den Ort und zurück zum Boot. Die Kinder legten sich gerne in die kuschelige Kajüte, Moritz erzählte seiner süßen Schwester  eine Geschichte von einer Meerjungfrau, die ihm heute eingefallen war.

Felix und Maja räumten das Essen in den kleinen Kühlschrank und fanden eine Flasche Champagner, die der Vorbesitzer für sie dort deponiert hatte. Am Flaschenhals hing ein Brief.
Felix holte Plastikgläser aus der Kombüse, trug sie mit der Flasche nach oben.

Maja hatte einstweilen das Kuvert geöffnet und las ihm den Brief vor, während er einschenkte.

Liebe Familie Steiner,

ich bin überglücklich, dass auf meinem Boot die Liebe wieder eingezogen ist.
Meine Frau und ich haben die Yacht vor fünf Jahren gekauft, als wir beschlossen haben, mit dem ewigen Arbeiten und Geld scheffeln aufzuhören und nur noch unser Leben zu genießen. Leider hatten wir nur noch vier Jahre dafür Zeit. Dann bekam die Liebe meines Lebens Leukämie, und es gab keine Rettung für sie. Ihr Bruder wäre ein 100prozentiger Knochenmarksspender gewesen, aber er weigerte sich, ihr Leben zu retten. Den Erlös für die Yacht spende ich für die Leukämiehilfe, wie auch einen Großteil unseres Vermögens.

Ich wünsche Ihnen alles Glück dieser Welt!

Peter Fröhler

Maja und Felix hielten sich weinend im Arm. So nah waren sich überschäumendes Glück und tiefste Verzweiflung!
Es war eine Handynummer angegeben. Spontan wählte Maja sie.

„Peter Fröhler!" meldete sich eine Stimme.
„Maja Steiner!" antwortete sie. „Wir ankern in Corallejo. Wenn Sie in der Nähe sind, würden wir uns freuen, wenn Sie vorbeischauen würden!"

„Ich bin um die Ecke vom Hafen!" erklärte der Mann, und sie hörte das Lächeln in seiner Stimme.

„Gut! Dann bis gleich!"

Felix sah sein Bienchen bewundernd an. Ohne nachzudenken hatte sie genau das Richtige getan, die richtigen Worte gefunden. Ihre Spontanität war etwas, was er besonders an ihr liebte!

So spontan, wie sie damals seine Nummer gewählt hatte, so spontan hatte sie sich von ihm lieben lassen. So spontan hatte sie seinen Heiratsantrag dann doch noch angenommen, so spontan hatte sie seinen Wunsch nach den beiden Kindern erfüllt.

Zehn Minuten später kam Peter an Bord. Felix schenkte ihm ein Glas ein, sie rauchten zusammen eine Zigarette.

Dann erzählte Maja von Felix' Erkrankung und dem Wunder seiner Heilung.
Peter konnte die Parallelen kaum fassen. Aber das Schicksal ging oft seltsame Wege.

Sie saßen lange an Deck, es war eine ungewöhnlich laue, windstille Nacht.
„Haben Sie schon etwas gegessen?" fragte Maja nach einer Weile.

„Nein, ich hatte heute keinen rechten Appetit, wie so oft in den letzten Monaten!" gestand der Besucher.

„Wir haben Tapas mitgebracht. Ich hole schnell etwas rauf!" Schon war sie unterwegs. Ihr Ehemann konnte sicher auch etwas vertragen mittlerweile.

„Danke, Bienchen!" rief Felix ihr nach.
Peter erstarrte. „Sie nennen Ihre Frau Bienchen?"
„Ja, wegen der Biene Maja!" erklärte Felix lachend.
„Meine Frau hieß Sabine! Haben Sie nicht gesehen, wie die Yacht heißt?" fragte Peter mit Tränen in den Augen.
„Nein, darauf habe ich gar nicht  geachtet!" gestand Felix.

Maja kam mit einem großen Teller zurück.
„Sie heißt Bienchen!" flüsterte Peter.

In diesem Moment stürzte eine Sternschnuppe ins Meer. „Sie ist bei uns!" stieß der Gast hervor. „Mein Bienchen findet es gut, dass du und dein Bienchen auf unserer Yacht glücklich werdet!"

Die drei hielten sich im Arm, weinten um verlorenes Glück, weinten aber auch wegen des Glücks, das nicht verloren war.

Peter fühlte sich seltsam getröstet. Der Schmerz war auf ein erträgliches Maß geschrumpft angesichts des Glückes dieser beiden fantastischen Menschen. Sie blieben beim du, leerten die Champagnerflasche, leerten den Teller mit den Tapas.

Gegen Mitternacht verabschiedete sich ihr Gast, lud sie für den nächsten Tag in seine Villa zum Frühstück ein.

Felix hielt Maja im Arm, sah mit ihr gemeinsam in die Sterne.

„Schon seltsam, dass wir eine Yacht gekauft haben, die Bienchen heißt, oder?" flüsterte er in ihre Locken.

Sie schüttelte nur den Kopf. Das alles war einfach unfassbar!

Sie gingen nach unten, kuschelten sich in der engen Kajüte aneinander. Es war total gemütlich, und sie waren sich unendlich nahe. Sie genossen ihre Nähe und schliefen selig lächelnd ein.

Am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg zu Peters Villa. Es war ein großartiges Anwesen etwas außerhalb der Stadt. Die Haushälterin servierte Berge zu essen. Sie plauderten und lachten, die Kinder waren brav wie immer.

„Kinder haben wir leider nicht bekommen!" bedauerte Peter. „So vieles war immer wichtiger! Dabei wäre nichts wichtiger gewesen!"

Felix hielt seine Süße im Arm. Kinder! Ja! Wie verquer hatte er damals gedacht! Ein Kind würde ihm ihre Liebe nehmen! Voll verrückt war er damals gewesen!

Aber woher hätte er denn wissen sollen, wie die Liebe zu Kindern war?

Damals war sie das Zentrum seines Universums, der Fixstern, um den sein Leben sich drehte.

Heute hatte er drei Fixsterne, und es war wunderbar.

Sie verabschiedeten sich schließlich von Peter, der das Gefühl hatte, ein wenig von seinem übergroßen Schmerz überwunden zu haben, das Gefühl, dass er weiterleben konnte, nachdem er diese wunderbare Familie kennengelernt hatte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder gelächelt, etwas Ähnliches wie Glück empfunden.

Maja hatte eine spontane Idee, und wie immer setzte sie sie gleich in die Tat um.

„Hättest du Lust, Weihnachten mit uns und unserer Familie zu feiern? Die Verwandten kommen alle.
Oder Silvester? Dann kommen die Freunde! Oder beides?"

Peter sah sie dankbar an. Ihm graute vor diesen Festen, wenn alle Menschen um sich hatten, die sie liebten, nur er saß alleine in seinem riesigen Haus.

Er hatte sich von der Familie seiner Frau losgesagt, nachdem ihr Bruder ihr die Hilfe verweigert hatte. Er selbst hatte keine näheren Verwandten mehr, auch keine engen Freunde. Er und Sabine waren sich immer genug gewesen.
Doch jetzt spürte er immer öfter die erdrückende Einsamkeit.

Vielleicht war es ein neuer Anfang, den ihm diese liebenswerten Menschen ermöglichten?

„Ja, danke! Das wäre wunderbar! Wenn ich euch nicht störe?" Er wollte Maja in den Arm nehmen, sah aber noch rechtzeitig die Plakette, merkte auch, wie sie zurückwich. „Sorry!"

Sie gaben ihm ihre Adresse, verabredeten sich für Heiligabend.


Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top