2.Kapitel
Ein Ruck riss mich aus dem Schlaf fahren. Erschrocken öffnete ich meine Augen. Ich musste wohl eingeschlafen sein, was mich ärgerte.
,,Fuck", hörte ich plötzlich meinen Vater durch die weiterhin dröhnende Musik und sah ihn auf sein Lenkrad hauen.
Überrascht nahm ich meine Kopfhörer aus den Ohren. Dieses Wort war bei uns wegen Emma zu Hause verboten und ich blickte zu ihr. Sie schlief trotz der plötzlichen Bremsung tief und fest. Mein Vater schien sich für seinen Ausrutscher auch überhaupt nicht zu interessieren. Er blickte angestrengt auf die Straße. Ich folgte seinem Blick. Vor uns stand ein riesiger Stau. Überall, an allen Seiten waren Autos, Kleinbusse und sogar Lastwagen. Als ich genauer auf den Lastwagen vor uns blickte, erkannte ich in ihm Menschen, die wie Tiere eng zusammengepfercht waren. Erschrocken blickte ich auf das Bild. Weiter vor uns erblickte ich auch weitere Menschen, die aufgeregt am Diskutieren waren, mitten auf der Straße. Andere stiegen aus ihrem Auto aus und begannen zu rennen. Deren Fahrzeuge blieben jedoch stehen.
,,So kommen wir nie voran", schimpfte mein Vater.
Verzweifelt blickte er sich nun zu mir um. ,,Taylor, wir steigen aus. Wir müssen Mama finden."
Sobald er das Buch zuklappte, fühlte er sich in der Realität fremd. Er konnte einfach nicht wahr haben, dass das keine ausgedachte Geschichte war. Es war seine Geschichte.
Vor vier Wochen hatte ihnen eine Frau dieses Versteck gezeigt. Das Versteck war ein Bunker. Es war eiskalt und die Luft war feucht. Sie hatten wenigstens ein paar Decken bekommen, die Taylor jedoch alle Emma schenkte. Sie sollte es wenigstens warm haben.
Neben den Beiden lagen weitere Flüchtlinge. Viele hatten ebenfalls traurige Schicksale und auch lange gebraucht, um es hier hin zu schaffen. Sie wirklich verarbeitet, hatte niemand. Um niemandem die Vergangenheit berichten zu müssen, redete man einfach mit niemandem. Außer Emma. Manchmal, wenn sie nicht kurz vor dem verhungern oder vor dem erfrieren war, spielte sie etwas mit anderen Kindern. Sie sprachen alle nicht viel. Einige jedoch besaßen Murmeln und Emma besaß noch den kleinen Stoffhasen. Das waren die einzigen Spielsachen hier, doch die Kleinen sahen sie trotzdem mit großen Funkeln in den Augen als das Schönste der Welt an. Taylor fand es schön zu sehen, wie wenigstens ein paar Kindern Hoffnung geschenkt wurde, durch etwas wie Freundschaft. Diese hielt jedoch nie lange.
Außerdem gab es Helfer, die dafür sorgten, dass alle Menschen das Nötigste, wenn auch nur in kleinen Portion bekamen. Sie sagten, man könnte ihnen alles erzählen, aber Tay glaube nicht daran. So genau wollte niemand, die doch so traurigen Schicksale der Mitflüchtlinge wissen. Die Helfer baten ab und zu Tee oder Brötchen an, was irgendwie zu einem der größten Anlässe in diesem großen Raum gehörte.
Normalerweise wurden sie von trockenem Brot und Wasser ernährt, obwohl Taylor bis heute nicht weiß, woher das ganze Essen kam.
Große Anlässe gab es eigentlich nicht wirklich. Oft wartete jeder einfach, bis man wieder schlafen konnte, bis der verdammte Tag endlich rum war. Viele der Menschen waren sowieso kaum noch in der Lage sich zu bewegen. Sie waren geschwächt oder krank und niemand konnte einem mehr helfen.
Erst da fiel Tayor auf, dass Emma ihn erwartungsvoll ansah. Ihre Augen vielen ihr fast zu, doch sie hielt den Blick stand. Ihre langen blonden Haare waren strubelig und ihr Gesicht war voller Dreck. Im Arm lag ihr Hase versteckt, den sie nie aus den Augen gelassen hatte. Durch den Schmutz konnte man die Farbe des Tieres kaum mehr erkennen. Dass das Stofftier mal rosa war, konnte man höchstens erahnen. Sie sah traurig aus, hatte aber ihr Funkeln in den Augen nicht verloren. Taylor lächelte sie an. Lächeln tat er nicht oft. Es war genau so befremdlich, wie diese erschreckende Realität.
Es fühlte sich falsch an.
Doch er wusste, was sie wollte.
Er streichelte ihr sanft über die Haare. Sie lächelte ebenfalls leicht.
Anschließend kuschelte sie sich an ihn und schloss die Augen.
Taylor begann zu erzählen:
,,Es war einmal ein kleiner Planet", begann er seine Geschichte.
,,Dort gab es viele Blumen und Pflanzen. " Blumen und Pflanzen waren auch fremd. Es gab sie auch auch kaum mehr. Die Meisten waren von der heißen Sonne verbrannt worden und kein Mensch brauchte mehr Blumen, um sich zu beschäftigen.
,,Es gab riesige Bäume, die sich fast bis zu einem anderen Planeten erstreckten.
Sie besaßen farbenfrohe Früchte von denen jeder Mensch tagelang satt werden würde. Dann konnten auch winzige Pflanzen entdeckt werden, die aber fast schwerer waren, als die riesigen Bäume."
Taylor erzählte noch etwas mehr über den Planeten mit den Pflanzen und den Blumen. Er ließ seiner Fantasie freien lauf.
Es war sein Vater, der ihm früher Geschichten erzählte.
Sie handelten oft von fremden Ländern oder weit entfernten Orten, an denen alles möglich war.
Es begann damit, dass sein einst so geliebter kleiner Hamster starb. Damals war er für ihn sein bester Freund gewesen und er blieb Wochenlang traurig.
Eines Tages kam sein Vater Abends zu ihm ins Zimmer und er las Taylor aus einem Buch vor. ,,Der kleine Prinz" wurde sein Lieblingsbuch und sein Dad fügte am Ende immer noch eine eigene Geschichte hinzu, über ferne Welten, die wir uns kaum erträumen könnten.
Das kleine Mädchen schien bereits zu träumen, als Taylor aus seinen Erinnerungen erwachte.
Für ihn blieb sie der einzige Grund bestehen zu bleiben. Er musste kämpfen, um ihr am Ende ein schönes Leben zu ermöglichen.
Wenn er sich im Raum umsah, blickte er auf einfache, kahle Wände und eine schwere Eisentür.
Es war kalt. Taylor wusste nicht mehr, welche Jahreszeit sich draußen in der Welt anbot. Er wusste nicht einmal, wie lange sie schon hier waren. Vielleicht eine Woche oder doch schon ein Monat? Hier drin blieb ihnen wenigstens eine einfache, gestrickte Decke, mit denen sich alle zufrieden stellen mussten.
Es war nicht viel, was die beiden hier hatten. Aber es reichte, um sich und die Meisten der vielen weiteren Flüchtlinge am Leben zu erhalten.
Taylor und Emma wussten nicht einmal mehr, wie spät es war, welcher Tag sich darbot oder ob es Tag oder Nacht war.
Aber hier war es sicherer, als draußen.
Plötzlich wurde Taylor durch lautes Klopfen geweckt.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er blickte auf Emma. Sie schlief tief und fest. Etwas Erleichterung machte sich in ihm breit. Vielleicht bekam sie hier von ja nichts mit und es klärte sich alles, hoffte er.
Normalerweise bekam man keinen unangekündigten nächtlichen Besuch, so dass Taylor es sogar für relativ sicher hielt, zu schlafen.
Selten klopften hilfesuchende Menschen an dieser Tür. Sie baten dann um Verständis, um eine Obhut und um Hoffnung.
Taylor hoffte inständig, dass es Menschen waren, mit denen jeder eine ähnliche traurige Geschichte verbinden konnte.
Trotzdem war bei jedem Klopfen die Angst in der Luft unerträglich. Schon jetzt spürte er die Anspannung um sich herum. Zu Groß war die Angst entdeckt zu werden.
Er versuchte Emmas Körper sanft weg zu schieben, um aufzustehen. Es klopfte nocheinmal, noch lauter. Auch andere wurden wach. Als Taylor aufstand, sah er einer der Helfer, ein Freiwilliger, der sich langsam und deutlich, müde auf den Weg zur Tür machte. Freiwillige fand man heutzutage nicht oft. Doch sie waren es hier, die Hoffnung verbreiteten und sich vor das Leben anderer warfen. Ohne sie, wäre diese Unterkunft schließlich nicht imstande gewesen, so viele Menschen zu beschützen und zu helfen.
Daher überlegte Taylor wieder schlafen zu gehen, doch die Müdigkeit in den Augen des Mannes, ließ ihn etwas zweifeln.
Er bewegte sich nun doch in seine Richtung, um mitzubekommen, was passierte. Der Mann war bereits an der Tür. Er öffnete eine Klappe und schaute hindurch. Taylor kam näher und nun konnte auch er den Umriss einer Person erkennen. Draußen war es dunkel und der Mond erleuchtete den Mann vor der Tür. Er trug eine warme Decke um seinen Körper umschlungen und wirkte zimlich mitgenommen.
,,Ich brauche Hilfe", sagte der Mann von draußen. Es schien so, als würde er frieren.
,,Wer sind Sie und sind Sie allein?"
Auch die Stimme des Freiwilligen wirkte angespannt. Doch Taylor nahm ein Funke Verständnis in seiner Stimme war.
,,Ich heiße Jonathan Willkoy und habe bereits meine Kinder und meine Frau verloren." Der Fremde schluchzte. Taylor wusste jedoch nicht, was er damit anfangen sollte.
Die Meisten der Flüchtlinge, die er kennenlernen durfte, wirkten so terrorisiert, dass sich niemand mehr traute, seine Trauer preiszugeben.
Für ein Flüchtling wirkte er ebenfalls etwas zu sauber. Sein Gesicht und auch seine Haare schienen geflegt zu sein. Seine schwarzen Haare glänzten im Mondlicht.
Der fremde Mann fing an zu weinen.
Dennoch wollte Taylor ihm kein Vertrauen schenken. Dieses schreckliche Gefühl des Vertrauenschenkens und die Enttäuschung danach, wollte er nie wieder erleben.
Der Helfer wirkte jedoch weiterhin eher müde und mitgenommen, als ob es ihm gleichgültig war, solange er gleich weiter schlafen konnte. Er sah so aus, als ob er mittlerweile mit dem Mann mitfühlte.
Die Anspannung, die bereits lange in der Luft lag, spürte Taylor in seinen Fingern. Er traute dem Mann nicht, zu groß war die Angst.
,,Mir ist auch total kalt, würden sie mich reinlassen", bat der Fremde.
,,Also, Sie sind alleine", fragte der Helfer vorsichtshalber nochmal.
,,Ich habe keine Kinder und keine Frau dabei", dabei fing der Mann wieder an zu weinen.
Sein Weinen aber machte Taylor noch unsicherer.
Niemand weinte hier vor den Anderen. Nur manchmal hörte man gewimmer neben sich. Viele träumten von ihren Verlusten und krümmten sich dementsprechend zusammen.
,,Aber sicher, ich mache Ihnen jetzt einfach auf." Der Helfer schloss die Klappe und wollte die schwere Tür öffnen, als Taylor endlich auf ihn zutrat.
,,Ich würde die Tür nicht aufmachen. Ich glaube ihm nicht. Ich habe Erfahrung. Sie haben ihn doch auch nicht wirklich überprüft. Vielleicht hat er Waffen dabei oder ist nicht allein. Normalerweise prüfen Sie doch alle genau", versuchte er es.
Er wusste, dass seine Worte nicht viel anrichten konnten, aber er hoffte auf etwas Verständnis und, dass seine Angst in seiner Stimme deutlich wurde.
,,Hör mal, Junge! Ich weiß, was richtig ist und möchte jetzt auch weiter schlafen. Du kannst dem freundlichen Mann ja gerne noch eine Decke geben und ihm einen Schlafplatz zuweisen."
Taylor versuchte dem Freiwilligen seine Verzweiflung zu zeigen.
,,Sie verstehen nicht", begann er abermals. Doch es war zu spät. Der Helfer drückte einen Knopf und die schwere Schiebetür öffnete sich. Während der Helfer sich wieder schlafen legte, tritt der Fremde ein und sah sich um.
Jetzt wirkte er überhaupt nicht mehr hilflos. Er wirkte eher belustigt und sehr selbstsicher.
Seine davor eher gekrümmte Haltung, veränderte sich zu einer stammigen und selbstbewussten Art.
Dann begann er zu lächeln, ein eher grausames lächeln.
Taylors Nackenhaare stellten sich auf, er spürte die Gefahr.
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