KAPITEL 2 | EIN ESSEN UNTER FREUNDEN

Auch am Abend war die Anspannung noch immer deutlich spürbar. Umso dankbarer war Alloy dafür, nicht alleine zu Abend essen zu müssen. 

Kurz nachdem der Gebetsruf vom Eddina-Tempel verstummt war, klopfte es auch schon an die Tür ihrer Wohnung, die sich über der Werkstatt befand.

»Ich mach auf!«, rief Jaxon, wischte sich die Hände am Spültuch ab und hastete in den Flur.

Im nächsten Moment hallte auch schon Vipers viel zu laute Stimme durch die Wohnung. »Das riecht aber gut! Was ist das?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Jaxon. »Frag meine Schwester.«

Alloy schmunzelte. Die meisten Menschen besaßen Küchenmaschinen, die aus einer undefinierbaren Masse namens Essenssubstanz beinahe jedes Mehrgängemenü zubereiten konnten. Doch da die Versorgung mit Essensubstanz in den ersten Jahren auf Nova Kauri schwierig gewesen war und weil Alloy gelesen hatte, dass die Menschen ihres Volkes traditionell lieber frisch gekocht hatten, hatte sie sich schon früh fürs Kochen interessiert und sich so manches selbst beigebracht. Sie konnte zwar nicht mit den meisten höherpreisigen Essensmaschinen mithalten, aber es reichte, um ihrer Familie und ihren Freunden ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.

»Ally ... du kleine Küchenfee«, säuselte Viper, trat hinter Alloy und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Was hast du heute Feines für uns?«

Alloy, die sich im Vergleich zu Viper immer wie eine Zwergin vorkam, hob den Topfdeckel an und ließ den heißen Dampf entweichen. »Das ist ein Erbsencurry mit Feroca und Joghurt.«

»Joghurt?«

»Die Milch ist von den Everton-Kühen draußen bei den Ruinen. Galen hat uns gezeigt, wie man daraus Joghurt macht.«

»Milch. Von Kühen«, sagte Jaxon mit hochgezogenen Augenbrauen, als wäre daran irgendetwas Besonderes.

»Ja. Da kommt Milch nunmal her«, erwiderte Alloy scharf. 

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Bishop, der in der Tür zur Küche stehengeblieben war. Wie immer war die rechte Hand des Patrons vom Vasilesko-Clan makellos gekleidet. Er trug einen perfekt sitzenden schwarzen Anzug, der mit zwei goldenen Salamandern rechts und links des Revers bestickt war. Darunter trug er ein ebenfalls schwarzes Hemd und eine gold-grün gemusterte Krawatte. Sein hellblondes Haar war geglättet und akkurat gescheitelt. 

Doch das Auffälligste an ihm waren zweifellos die deutlich sichtbaren Körpermodifikationen. Der ganze untere Teil seines Gesichts, bis hinauf zu den Ohren, bestand aus Carbon- und Palladium-Bauteilen, die sich mattschwarz und silbern gegen seine blasse Haut abhoben. 

Der Anblick wirkte auf die meisten Menschen bedrohlich und Alloy erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie sich als Kind vor Bishop gegruselt hatte. 

Und es gab vermutlich auch genug Anlass, sich vor ihm zu fürchten. Alloy wusste nichts Genaues, aber der Vasilesko-Clan war kein harmloser Wir-wollen-unsere-Stadt-schöner-machen-Verein, auch wenn sich viele Mitglieder durchaus auf ihre Weise für die Stadt engagierten. 

Doch ganz egal, was Bishop beruflich machte, er war ein Freund der Familie und Alloy vertraute ihm mit ihrem Leben. 

»Hey, Bishop. Schön, dass du gekommen bist.«

Bishop nickte bloß. Er war kein Mann vieler Worte.

»Ihr könnt schonmal den Tisch decken«, sagte Alloy. »Es ist gleich fertig.«

Jaxon und Viper machten sich an den Schränken zu schaffen.

»Denkt ihr, sie werden Prinz Cassian bald kriegen?«, hörte Alloy ihren Bruder fragen.

»Klar«, erwiderte Viper. »Die ganze czarische Flotte, die Armee und so ziemlich alle planetaren Milizen suchen nach ihm.«

»Und nicht nur die«, ergänzte Bishop mit seiner dumpfen, mechanisch klingenden Stimme. »Jeder Bewohner der Neuen Welt hält nach ihm Ausschau. Er hat keine Chance zu entkommen.«

»Gut so«, kommentierte Jaxon. »Geschieht ihm ganz recht. Ich hoffe, sie machen mit ihm dasselbe, was er mit seinem Vater gemacht hat.«

»Gar nicht unwahrscheinlich, dass er gelyncht wird«, meinte Viper, während sie die Teller durch den Perlenvorhang in den Nebenraum hinübertrug.

»Ich weiß auch, was ich mit ihm machen würde, wenn ich ihn die Finger bekommen würde«, grollte Jaxon und folgte Viper mit dem Besteck.

Alloy schmeckte das Curry ein letztes Mal ab. Als sie damit zufrieden war, packte sie den Topf an den Henkeln und wollte ihn ins Nebenzimmer hinübertragen. Dabei vergaß sie, wie schwer und heiß das Gefäß auf der Kochplatte geworden war.

»Schei-«

Im letzten Moment packte Bishop zu und nahm ihr den Topf ab. Seine Handprothesen spürten weder Hitze noch Schmerz. Wortlos spazierte er mit dem Topf ins Esszimmer hinüber.

Alloy atmete tief durch und zog sich das Zopfband aus den Haaren, sodass ihr die dunkelbraunen Locken offen über die Schultern fielen.

»Komm schon, Ally«, drängte Viper aus dem Nebenraum.

Alloy schlang sich das Zopfband ums Handgelenk und ging zu ihr. Viper klopfte mit der flachen Hand auf die gepolsterte Sitzfläche des Stuhls, der neben ihr stand. »Setz dich.«

Jaxon öffnete das Fenster, sodass der Geruch des frisch gekochten Essens auf die Straße hinausziehen konnte. Am Abendhimmel leuchteten bereits die beiden Monde des Planeten, Maia I und Maia II. Weit in der Ferne hatte sich eine Wolkenfront aufgestaut. Vermutlich eines der heftigen Unwetter, für die der Pluvian bekannt war.

»Und? Genießt du deine Ferien?«, fragte Viper, nachdem sich alle gesetzt und reichlich Curry auf ihre Teller geschaufelt hatten.

»Also ... bis heute schon«, antwortete Alloy.

»Wenn ihr wüsstet, wie sehr ich es genieße«, platzte Jaxon heraus.

Alloy warf ihm einen bösen Blick zu. »Du freust dich doch nur, weil du jetzt eine Dumme hast, die dir was zu essen kocht.«

Jaxon grinste verschmitzt.

»Und wie ist das Leben in Alanthi?«, wollte Viper wissen.

Alloy wühlte mit der Gabel in ihrem Curry herum, damit das Erbsengemisch schneller auskühlte. »Keine Ahnung ... um ehrlich zu sein, kriege ich davon nicht viel mit.«

»Das liegt daran, dass meine Schwester eine kleine Streberin ist«, bemerkte Jaxon.

»Ich laufe buchstäblich nur von einem Kurs zum anderen«, erklärte Alloy. »Das Studium an der Flottenakademie ist wirklich was anderes als das, was ich hier gemacht habe.«

Viper nickte, als wüsste sie, wovon Alloy sprach. Und vielleicht stimmte das ja auch. Vielleicht hatte es in ihrem Leben eine Zeit gegeben, in der sie mehr gewollt hatte, als ihr jetziges Dasein als persönliche Fahrerin der burdiner Unterwelt, doch der Große Exodus musste ihre Pläne gewaltig über den Haufen geworfen haben. Fragen nach ihrem Alter wich Viper zwar immer geschickt aus, aber Alloy schätzte, dass sie zu Beginn der Massenflucht mindestens ein Teenager gewesen sein musste. Bestimmt hatte sie da schon eine Vorstellung von ihrer Zukunft gehabt.

Raschelnd zog Bishop eine Serviette aus der Innentasche seines Jaketts und breitete sie über seinem Schoß aus. »Und willst du immer noch Schiffsmechanikerin werden?«

Alloy nickte nachdrücklich. Ihre Pläne hatten sich nicht geändert. Schon immer war es ihr großer Traum gewesen, einmal auf einem der riesigen Raumkreuzer zu arbeiten, die sie in die Neue Welt gebracht hatten. Auch heute noch flogen einige dieser Schiffe zwischen den beiden Sonnensystemen hin und her, um nach Materialien und Rohstoffen zu suchen. 

Alloy bedauerte es, dass sie nicht früher geboren worden war. Dann hätte sie alles daran gesetzt, auf den Schiffen der Scouts mitzufliegen, die damals die Neue Welt entdeckt hatten. 

Was musste es für ein fantastisches Gefühl gewesen sein, zu wissen, dass man ein ganzes Sonnensystem mit Trilliarden Menschen darin gerettet hatte?

»Und wie funktioniert das?«, fragte Viper.

»Na ja ...« Alloy malte mit ihrer Gabel Schleifen in die Luft. »Wenn ich mein Studium an der Flottenakademie in Alanthi abgeschlossen habe, muss ich noch für ein Semester nach Neo Patria. Dort werde ich nochmal gründlich geprüft und wenn alles klappt, werde ich anschließend einem Ausbildungsschiff zugeteilt.«

»Für wie lange?«

»Drei Jahre. Dann kann ich meine endgültige Zulassung als Flottenmechanikerin beantragen.« Alloy zuckte mit den Schultern. »Und danach muss ich darauf warten, dass eine Stelle auf einem richtigen Schiff frei wird.«

»Klingt ganz schön aufwendig«, kommentierte Viper.

»Meine Schwester macht das schon«, erwiderte Jaxon.

Der hörbare Stolz in seiner Stimme machte Alloy ganz verlegen. Ihr Bruder konnte ein ziemlicher Trottel sein, aber er war immer auf ihrer Seite. Das zu wissen, war ein verdammt gutes Gefühl. 

Gleichzeitig fühlte sie sich schuldig. Jaxon schien damit zufrieden zu sein, die Werkstatt ihrer Eltern zu übernehmen, aber manchmal fragte Alloy sich, ob er diese Zufriedenheit nur vortäuschte, weil von Anfang an klar gewesen war, dass sie nicht vorhatte, ihr Leben lang auf Nova Kauri zu bleiben.

Doch der Neoczar hatte jedem Bewohner der Neuen Welt eine Ausbildung zugesagt. Jaxon konnte die Werkstatt jederzeit schließen und stattdessen an die Akademie gehen. Nichts und niemand hielt ihn davon ab – außer vielleicht das eigene Verantwortungsgefühl.

»Was ist mit euch?«, fragte Jaxon an Viper und Bishop gewandt. »Irgendwas Neues von der anderen Seite der Stadt?« Er senkte verschwörerisch die Stimme. »Irgendwas im Gange? Irgendwas am Laufen?«

Viper und Bishop tauschten über den Tisch hinweg Blicke.

»Nein«, sagte Bishop anschließend.

»Ach, kommt schon ...«

Viper deutete mit der Gabel auf Jaxons Teller. »Kümmere du dich um die Werkstatt.«

»Es läuft doch gut, oder?«, fragte Alloy, um ihren Bruder zu unterstützen.

Jaxon blies die Wangen auf. »Kann nicht klagen.«

»Aber du könntest den Saustall, den du Büro nennst, mal aufräumen«, bemerkte Viper spöttisch.

»Als ob es bei dir besser aussehen würde«, konterte Jaxon.

»Bei mir?« Viper fasste sich empört ans Schlüsselbein.

»In deinem Gleiter sieht's aus als würde da ein Obdachloser drin wohnen.«

Vipers Gesichtszüge wurden schlaff. Sie presste die Lippen zusammen und legte die Gabel weg.

»Vi...«, hauchte Alloy.

Jaxon hielt verdutzt inne. »Ich ... ich hab's nicht so gemeint.«

Alloy warf ihrem Bruder einen bösen Blick zu. »Schnallst du's nicht, Jax?«

»Tut mir leid«, stammelte Viper und schob ihren Stuhl zurück. »Ich muss mal an die frische Luft.« 

Schnellen Schrittes stakste sie zur Tür und kurz darauf hörte Alloy, wie sie die Stufen zur Straße hinuntersprang.

»Was ist denn los?«, fragte Jaxon irritiert.

Alloy sparte sich eine Antwort und wandte sich direkt an Bishop. »Wusstest du davon?«

Bishop faltete seine Serviette wieder zu einem akkuraten Quadrat. »Nein. Sie hat nichts davon gesagt.« Er schob ebenfalls seinen Stuhl zurück, stand auf und knöpfte sein Jackett zu. »Ich werde mal nach ihr sehen.«

Nachdem Bishop gegangen war, beugte Jaxon sich über den Tisch und flüsterte: »Denkst du, Viper wohnt in ihrem Gleiter?«

Alloy zupfte an ihrer Halskette herum. »Ja, ich glaub schon.«

»Aber wieso? Hat sie nicht dieses Haus unten am Fluss?«

»Keine Ahnung, Jax.«

»Warum hat sie denn nichts gesagt?«

»Keine Ahnung.«

»Sie hätte doch bei uns wohnen können.«

»Vielleicht ist es ihr peinlich.«

Jaxon schwieg. Ein oder zwei Sekunden starrte er blicklos vor sich hin, dann sprang er auf und hastete zur Tür.

»Jax!« Alloy fluchte und folgte ihm.


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