PROLOG




Die lauten Geräusche des Motors zerreißen die Luft wie Blitze, während der Regen auf das Visier des giftgrünen Helmes prasselt und meinen Kopf umhüllt wie eine Schliere schweren Nebels.
Meine Leder-behandschuhten Hände umschließen die Griffe meines Bikes fester und ich gebe noch mehr Gas. Der Motor heult auf und ich fliege dahin.
Meine Beine presse ich fest an mein Gefährt während ich mich in eine enge Linkskurve lege und dabei fast die Fahrbahn mit meinem Knie streife.
Der Fahrtwind umspielt meinen Körper wie Wasser und für einen Augenblick fühle ich mich wie als würde ich schwimmen.

Der Regen prasselt auf den schwarzen Asphalt, übertönt die Geräusche meiner Maschine allerdings nicht, ich lächele. Das Adrenalin vereinnahmt mich und unwillkürlich muss ich an mein erstes Rennen denken.

Damals war ich 13 Jahre alt gewesen, unerfahren, naiv. Jetzt bin ich 23, nicht mehr unerfahren, dafür aber genauso naiv.
Als ich einen scharfe Rechtskurve mache und mich nur mit Mühen in der Spur halte, weiß ich wieder was sich außerdem noch verändert hat; ich bin risikobereiter geworden, andere würden es auch als lebensmüde bezeichnen.

Grinsend drehe ich kurz den Kopf und blicke hinter mich. Auf der Straße erkenne ich die Spuren meiner Reifen vom Regen.
Ich schaue wieder nach vorne, warte darauf, dass ich die vertraute Stimme in meinem Ohr höre, die mir Anweisungen gibt.

„Fahr rechts, die Straße wird enger."
Ich gehorche, schwenke aus und befinde mich auf der rechten Fahrbahn.
Gerade früh genug, um nicht in den Abgrund zu stürzen.
Andere Leute hätten jetzt Angst verspürt, doch ich kenne keine Angst, geschweige den habe ich welche. Warum sollte ich auch? Solange ich die rotierenden Räder unter mir spüre, fühle ich mich sicher und mächtig.
Ich grinse und blicke auf den Tacho.

160 km/h.

Das ist nicht wenig, aber es geht immer mehr. Ich lehne mich ein Stück nach vorne, während die Landschaft an mir vorbeirauscht und beschleunige noch mehr.

170, 180, 190, 200.

Geschmeidig lege ich mich in die nächste Linkskurve und dann ein paar Sekunden später in die darauffolgende Rechtskurve.
Der Motor heult zwischen meinen Beinen, ich spüre die Vibration am ganzen Körper.
Das Leder meines Schutzanzugs schmiegt sich an meinen Körper wie eine zweite Haut und ich fühle mich eins mit allem. In dem Moment gehört mir die Welt, das gesamte Universum unterliegt meine Führung, zumindest fühlt es sich so an.

Vor mir tut sich eine kleine Unebenheit im Asphalt auf und ich reagiere blitzschnell und reiße den Vorderreifen hoch, kurz bevor ich bei ihm ankomme. Die Vorderseite der Maschine hebt sich wie ein steigendes Pferd und für den Bruchteil einer Sekunde stehe ich in der Luft. Wenn ich könnte, würde ich noch die Arme ausstrecken, doch da ist der Höhenflug schon wieder vorbei und ich komme mit einem lauten Geräusch auf dem schwarzen Asphalt auf. Der sich dort ansammelnde Regen spritzt zu allen Seiten, doch ich lasse mich davon nicht beirren.

Nun trete ich leicht auf die Bremse, die nächstes Kurve ist enger als die andern, wenn ich Jessica Glauben schenken möchte und das werde ich auf jeden Fall tun.
Ich selbst bin die Strecke noch nie gefahren, aber sie hat eine Karte vor sich, sie weiß genau wo ich bin.

Das alles ist Teil meines – ich gebe es zu – nicht ganz ungefährlichen Sports, den ich betreibe.
Aber das hier ist nur eine normale Trainingseinheit, das richtige Rennen wird schneller, härter und vor allem für mindestens die Hälfte der Teilnehmer tödlich.
Dort wird keine Rücksicht auf deine Gegner genommen, nur das Gewinnen zählt, für jeden.
Man kämpft mit allen Mitteln mit Tricks, sowohl mit unfairen, als auch mit fairen und die Gefährte werden extra für diese Rennen angefertigt, mit allerlei tödlichen Waffen und mit allerlei Spielereien.

„Noch drei Kurven, dann bist du durch."
Ihre Stimme klingt so als würde sie über ein langweiliges Buch reden, doch es ist besser so, für mich. Dadurch bleibe auch ich ruhig, denn sobald Jessi hektisch wird, überträgt sich das unbewusst auf mich und das ist gefährlich – lebensgefährlich um genau zu sein.

Im nächsten Moment fahre ich durch eine Pfütze und das Wasser spritzt mir bis in die Kniekehlen und ich spüre in der nächsten Sekunde wie mein Hinterreifen außer Kontrolle gerät und wegrutscht.
Wieder regiere ich blitzschnell, trete auf die Bremse und lehne mich leicht in die entgegensetzte Richtung, während ich nach links lenke.
Eine Sekunde später hab ich mein Motorrad wieder unter Kontrolle.
Mein Herz rast und pumpt schnell Blut durch meinen Körper, ich atme schnell und flach, doch ich habe keine Angst, ich spüre nur das Adrenalin, das mich berauscht, es ist besser als jede Droge, besser als alles auf der Welt.

Dann sehe ich zwischen den Regentropfen hindurch das Ziel.

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