10 | Der geheime Tempel

Die Gruppe bahnte sich ihren Weg, weiter durch das grüne Dickicht, das immer mehr von seiner Undurchdringlichkeit verlor und sie schließlich auf einen ausgetretenen Pfad führte, der auf einer kleinen Lichtung endete.

Urplötzlich ragte ein alter Tempel gegen das Licht der hellen Sonne empor, der bis hoch über die Bäume reichte und dessen Spitze im Schein des fortgeschrittenen Tages seltsam glänzte. Der Tempel selbst war ein beeindruckendes Bauwerk aus grauem Felsgestein, das von Hand gehauen und von der Zeit gezeichnet war. Seine Türme und Säulen erstreckten sich majestätisch in den blauen Himmel und schienen die Geschichten und Geheimnisse vieler Jahrhunderte in sich zu bergen. Die terrassenförmig angelegten Ebenen stiegen steil empor und waren durch breite, aber steile Treppen miteinander verbunden. Moos und Ranken hatten sich über die Jahre an den Wänden festgesetzt, und die Schatten, die der Tempel warf, verliehen ihm ein noch mystischeres Aussehen.

»Das ist es«, flüsterte Yan, als sie in der Silhouette der Ruine die Umrisse auf der Rückseite ihres Kompasses erkannte. Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie hatten ihr Ziel erreicht.

»Es ist wirklich beeindruckend«, murmelte Ronan, während er den Tempel bestaunte. Auf seinen Reisen hatte er schon viele Wunder gesehen, doch eine verlassene Ruine mitten im Dschungel war ihm bisher noch nicht begegnet.

»Ein Ort voller Geschichte und Magie«, ergänzte Hannah, die ebenso von der imposanten Präsenz des Tempels beeindruckt war. Die Fassade des Tempels schmückte eine kunstvolle Verzierung aus Reliefs und Skulpturen, die mythologische Szenen und Götterdarstellungen zeigten. Die Bewegungen der Blätter im dichten Dschungel warfen Schatten auf die Bilder und verliehen ihnen fast den Anschein von Lebendigkeit.

»Lasst uns hineingehen«, preschte Darrel vor, doch Yan hielt ihn zurück. »Wir wissen noch gar nicht, wonach wir überhaupt suchen.«

»Ich wette, unser Ziel ist ganz oben, auf der Spitze des Tempels! Wenn ich etwas verstecken würde, dann dort!«, meinte Hannah. Ihr Blick wanderte die behauenen Steine entlang, an deren Rissen und Fugen man sicherlich Halt finden würde, müsste man dort hinaufklettern. Doch wozu hatten sie eine Wandlerin dabei?

»Schon gut, ich werde nachsehen«, meinte Yan, ohne auf Hannahs Frage zu warten. In Kreisen umflog der rote Vogel den höchsten Turm des Tempels und landete schließlich auf der obersten Zinne. Nur wenig später war Yan wieder bei ihnen gelandet. »Dort oben ist ein Spiegel angebracht. Wenn man direkt davorsteht, kann man in die Ferne sehen. Was sich dort befindet, kann ich nicht sagen. Am besten, einer von euch klettert mit einem Fernglas und der Karte nach oben, damit wir wissen, wo wir als nächstes hinmüssen.«

»Ich gehe!« Hannah und Darrel sahen sich an. In ihren Augen funkelte es. Jeder von ihnen wollte das nächste Rätsel lösen und keiner von beiden war bereit nachzugeben. »Wir haben die Karte, die den Teil in dieser Himmelsrichtung zeigt!«, argumentierte Hannah.

»Ich habe mein Fernglas dabei«, konterte Darrel und zeigte auf seine Tasche.

»Wieso geht ihr nicht zusammen?« Ronans Vorschlag erntete nur ein leises Lachen von Darrel und ein trotziges Schnaufen von Hannah.

»Ich kann da ganz allein hochklettern. Gib mir einfach dein Fernglas!«, forderte sie Darrel mit einer Geste ihrer Hand auf.

»Wieso gibst du mir nicht deine Karte?«, gab er zurück.

»Ich mache uns schon mal was zu essen«, meinte Yan amüsiert. »Worauf hast du Lust, Ronan? Du darfst dir ruhig etwas Aufwändiges wünschen, wir haben ja Zeit. Das wird sicher noch eine Weile dauern!«

»Och ja, dann«, meinte Ronan und rieb sich die Hände. »Ich glaube, so ein Wildschwein am Spieß wäre fein. Das braucht sicherlich ein paar Stunden, bis es gar ist.«

Hannah verzog ihre Mundwinkel. Sie erkannte den feinen Spott, dem ihre Freunde sie aussetzten. Auch Darrel entging der Hohn in den Worten nicht. »Na schön«, sagte er und sah Hannah versöhnlich an. »Gehen wir gemeinsam!«

Die Sturmtochter nickte geschlagen. »Meinetwegen. Aber danach trennen sich unsere Wege!«

»Natürlich!« Darrel ging zu einer Stelle des Tempels, die sehr vielversprechend aussah, um daran hochzuklettern. Die Steine waren uneben und es rankten sich Lianen an den Felsen empor. Hier würden sie viele Möglichkeiten zum Klettern finden.

»Klettre du zuerst hoch«, bot er Hannah an. Wenn sie fiel, konnte er sie vielleicht noch auffangen.

»Wieso, damit du mir auf meinen Hintern glotzen kannst?«, gab sie neckend zurück. Darrel grinste amüsiert. Vielleicht war dies auch mit ein Grund gewesen, ihr den Vortritt zu lassen.

»Wieso sollte ich das tun? Als ob ich noch nie einen Hintern gesehen hätte«, wich er aus. Ein selbstgefälliges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, während sein rechter Mundwinkel sich leicht nach oben zog. In seinen Augen funkelte eine Spur von Überheblichkeit, was Hannah erneut bestätigte, dass Darrel ein eingebildeter Nichtsnutz war.

»Hast du?«, spottete Hannah mit einem herausfordernden Blick und einem schiefen Lächeln, das ihre provozierende Haltung unterstrich.

»Okay, ich gehe vor.« Darrel zog den Riemen an seiner Tasche fester und begann mit dem Aufstieg. Eine Hand immer am Felsen und die Füße stets den Körper sichernd, kam er langsam, aber sicher nach oben. Hannah, die ihm folgte, ging das zu langsam.

»Was ist denn los da oben? Geht das auch schneller?«, fragte sie ungeduldig.

»Kein Stress da unten. Genieß doch lieber die Aussicht«, grinste er.

»Auf deinen Hintern?«, feixte sie.

»Auch« ließ sich Darrel nicht nehmen zu antworten.

»Wie weit ist es noch?« Darrel sah nach oben. Gleich würden sie einen schmalen Vorsprung erreichen, auf dem sie kurz zu Kräften kommen konnten und von dem sie einen Weg an der glatter werdenden Wand nach oben finden mussten.

»Wir sind fast da!«, rief er Hannah zu und kletterte kurz darauf auf die schmale Plattform. Wenige Sekunden später ließ sich die Sturmtochter neben ihm nieder, ihre Beine locker über dem Abgrund baumelnd. Während die Kapitäne versuchten, ihren durch das Klettern beschleunigten Puls wieder zu beruhigen, schweiften ihre Blicke in die Ferne. Am Horizont, hinter dem dichten Blätterdach des Dschungels, ragten die spitzen Felsnadeln empor, die Hannah in der letzten Nacht erfolgreich umfahren hatte. Darrel nickte anerkennend, als er nun selbst sah, wie gefährlich und schmal der Durchgang gewesen war.

»Reife Leistung, diesen Weg gewählt zu haben«, lobte er beeindruckt. «Das war sicherlich keine einfache Passage!«

»Hat sich angefühlt wie eine Kleinigkeit«, erwiderte Hannah zunächst. Dann wurde ihr bewusst, wie überheblich das klingen konnte, und sie korrigierte sich: »Ohne Yan hätte ich das nicht geschafft. Sie war meine Navigatorin.«

»Ohne Ronan wäre ich dir wohl blind gefolgt und auf das Riff aufgelaufen. Seine Erfahrung hat mir den Arsch gerettet.«

»Darrel!«, lachte Hannah amüsiert. »Wo sind denn deine Manieren geblieben? Die hast du wohl mit deinem feinen Anzug auf dem Schiff gelassen, was?«

»Glaubst du, ich laufe immer so vornehm herum? Diese Stiefel haben mich fast umgebracht! Beim nächsten Mal warte bitte, bis ich geeignetes Schuhwerk trage!«, erwiderte Darrel schmunzelnd.

»Ich werde es mir merken«, grinste Hannah und tätschelte zur Betonung ihrer Worte Darrels Knie. Darrel fühlte sich von Hannahs unerwarteter Geste überrascht und wusste für einen Moment nicht genau, wie er darauf reagieren sollte. Trotz ihrer ständigen Streitereien mochte er Hannah auf eine eigentümliche Art und Weise und schätzte ihre Unverblümtheit und ihren Mut. Die plötzliche Nähe irritierte ihn, obwohl sie ihn zugleich auch ermutigte.

Während Darrel noch darüber nachdachte, wie er mit dieser unerwarteten Zuneigung umgehen sollte, stand Hannah bereits auf und inspizierte den Felsen genauer. »Ziemlich glatt hier«, bemerkte sie, ein Detail, das Darrel ebenfalls aufgefallen war. »Aber es ist nicht hoch. Du könntest mir eine Räuberleiter machen und mir beim Hochklettern helfen. Das sollte doch genau dein Fachgebiet sein«, fügte sie mit einem schelmischen Grinsen hinzu.

Darrel legte den Kopf schief und sah zu ihr hinauf. »Wie lange hast du darauf gewartet, diesen Spruch loszuwerden?«, fragte er schmunzelnd. Die Tatsache, dass er als Dieb zu ihrer Gruppe gestoßen war, hatte bei ihrem letzten Abenteuer bereits für neckische Bemerkungen gesorgt.

»Ich habe nur auf den richtigen Augenblick gewartet«, zwinkerte Hannah und auf ihrem Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. »Also, was meinst du?«

Darrel raffte sich auf und stellte sich neben Hannah. Dann verschränkte er seine Hände und Hanna platzierte ihren Fuß auf seiner Handfläche. Ihre Hände griffen nach seinen Schultern. So nah konnte sich Darrel einen Kommentar nicht verkneifen. »Und wenn ich dich gleich hochschiebe, werde ich dir bestimmt auf den Hintern starren.«

»Davon bin ich ausgegangen. Du solltest die Aussicht genießen. Es wird das letzte Mal in deinem Leben sein!« Mit diesen Worten drückte Hanna sich hoch und Darrel nutzte den Schwung, um die zierliche Frau auf die nächste Ebene zu befördern. Dann Griff er nach der Liane, die ihm von oben gereicht wurde und zog sich selbst nach oben.

»Ob die beiden sich auch überlegt haben, wie sie da wieder herunterkommen?« Ronan hatte den Aufstieg zusammen mit Yan interessiert beobachtet. Über dem Feuer, dass sie entzündet hatten, drehte er einen Spieß, auf dem die gehäutete Schlange steckte, vor der Hannah Darrel gerettet hatte.

»Ich hoffe doch«, grinste Yan und beobachtete die beiden Kapitäne, wie sie auf der Spitze des Turmes standen und den Spiegel inspizierten. »Ansonsten müssen wir wohl unser Nachtlager hier aufschlagen.«

»Keine Angst«, meinte Ronan zuversichtlich, »denen wird sicherlich etwas einfallen!«

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