Eiskaltes Training

Felix Pov:

Ich wurde fast schon ein bisschen nervös, als ich gerade neben meiner Mama auf der Couch saß und mir mit ihr eine Zusammenfassung der Katastrophen ansah, die sich in den letzten beiden Tagen auf der ganzen Welt verteilt ereignet hatten. Jedoch schienen die Vulkanausbrüche und die auftretenden Flutwellen ebenso schnell abzuflauen, wie sie gekommen waren.

Die Nervosität kam daher, dass ich auf einmal wieder das Bedürfnis verspürte, dem sanften Summen in meinem Kopf zu folgen. Es war wie das erste Mal, als mich mein Vater gerufen hatte. Aber diesmal war ich nicht allein und wie ich mein Verhalten erklären sollte, wusste ich auch nicht richtig. Immerhin hatte ich Mama noch nicht einmal von dem ersten Treffen berichtet. Nicht, dass ich es nicht wollte. Aber ich fühlte mich so unsicher, ob sie diese Neuigkeiten gut vertragen würde.

Doch schließlich wurde das Gefühl stärker, eindringlicher und ich bewegte mich unruhig auf der Couch hin und her.

Schlussendlich blickte sogar meine Mama auf und lächelte mir entgegen. „Geh ruhig, Felix. Ich sehe dir quasi an der Nasenspitze an, dass du noch eine Verabredung hast."

Wie vom Blitz getroffen saß ich auf der Couch und starrte sie an. Hätte ich mich etwas weniger unter Kontrolle gehabt, hätte mein Mund wohl offen gestanden. Doch so blinzelte ich nur und fragte dann geistreich. „Wo-woher?"

„Also bitte Liebling, ich bin deine Mutter. Ich kenne dich besser als du glaubst. Also geh schon zu deinem Dämon und pass auf, dass du danach noch laufen kannst." Sie kicherte und verscheuchte mich mit einer Handbewegung, während ich tatsächlich leicht rot wurde und schnell den Raum verließ, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, ihr tatsächlich zu erklären, dass ich mich nicht mit Changbin treffen wollte. Aber es war besser, sie für den Augenblick in diesem Glauben zu lassen und mich dem wirklich Wichtigen zuzuwenden.

Ich verließ das Haus eilig und lief den Weg zum Wald in Rekordzeit. Selbst wenn ich ging, hatte ich das Gefühl, schneller voranzukommen als sonst. Und nach fünf weiteren Minuten stand ich auf der Lichtung, auf der ich diesmal bereits erwartet wurde.

Mein Vater stellte seine Flügel leicht auf, als er mich erblickte, als würde er sich freuen. Dann leuchteten mir auch seine Augen strahlend blau entgegen und er begrüßte mich.

„Felix. Da bist du ja. Hat dich etwas aufgehalten?"

„Hallo Papa. Naja, Mama und ich haben eine Dokumentation zusammen angesehen", erklärte ich und der blonde Mann vor mir senkte leicht den Kopf. Es wirkte fast so, als hätte die Erwähnung meiner Mutter einen Schleier der Melancholie über den Engel gelegt.

„Hast du ihr erzählt, dass du mich getroffen hast? Hat sie nach mir gefragt?" Es klang ganz danach, als würde er sich darüber Gedanken machen und ich schüttelte entschuldigend den Kopf.

„Nein, sie weiß es noch nicht. Sie hat in letzter Zeit zu viel von alledem mitbekommen. Ich versuche, sie noch ein paar Tage zu schonen."

Das schien dem Engel dann auch recht zu sein, denn er wechselte rasch das Thema und musterte mich stattdessen mit einem beinahe strengen Ausdruck.

„Wo wir gerade davon sprechen... Dir kann ich nicht so viel Nachsicht und Schonung zuteilwerden lassen. Ich muss dich auf das Kommende vorbereiten... denn es wird kommen, früher oder später. Und im Moment scheint die Situation sowieso sehr heikel zu sein. Deshalb werde ich dich selbst trainieren."

In meinem Kopf mussten die Informationen erstmal verarbeitet werden, doch dann verstand ich. Er wollte mich ausbilden, meine Fähigkeiten schulen. Aber eine Frage brannte mir nach seinen Worten noch dringender auf der Seele.

„Vater? Weißt du etwas über die Naturkatastrophen, die sich vorgestern hier auf der Erde so zahlreich ereignet haben? Das kann doch kein Zufall sein, oder?"

Man sah dem Engel förmlich an, dass ich mit meiner letzten Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte. Dennoch schien er mit seiner Antwort zu zögern.

„Ich weiß auch nicht viel. Wir haben bereits einige Engel ausgesandt, die uns Neuigkeiten übermitteln sollen. Doch wir sind uns einig, dass diese Störungen des Gleichgewichts aus der Hölle kommen." Den nächsten Satz sprach er leiser, so als sollte er eigentlich ungesagt bleiben. „Vermutlich gibt es gewaltsame Auseinandersetzungen."

„Und diese sind so stark, dass sie auf unsere Welt wirken?", fragte ich alarmiert. Mein Gegenüber nickte andächtig und schien mich dann aber beruhigen zu wollen.

„Aber wie mir scheint, ist das Schlimmste vorbei. Schon gestern sind die für uns spürbaren Energiewellen langsam abgeebbt. Sicherlich hat es sich bald wieder beruhigt."

Ich beschloss ihm zu glauben und dachte nochmal kurz an die Nachrichten, die ebenfalls davon gesprochen hatten, dass die Vulkanausbrüche und Flutwellen wieder schwächer wurden.

„Nun, lass uns nicht noch mehr Zeit vergeuden. Beginnen wir mit deinem Training und ergründen erst einmal, was dir besonders liegt. Nebenbei kann ich dir sicher noch das ein oder andere Nützliche erklären."

Neugier breitete sich in mir aus. Er wollte mir also mehr über meine himmlische Natur verraten und mir zeigen wie man als Naphil kämpfte. Eine seltsame Euphorie strömte durch meinen Körper und ich fragte mich, ob es normal war diese zu verspüren. Deshalb fragte ich auch.

„Ja, das ist normal. Du stammst von den Kriegern Gottes ab, mein Sohn. Dein natürlicher Instinkt will, dass du kämpfst, dass du dich behauptest und deine Feinde vernichtest."

Normalerweise sollten mich diese direkten Zuschreibungen frösteln lassen. Ich sollte mich fragen, ob das falsch war. Stattdessen rauschte Adrenalin durch meine Adern und ich nickte zustimmend. Meine Hände ballten sich zu Fäusten und mein Körper war angespannt wie eine Feder.

Mein Vater hatte ein kühle, fast schon belehrende Miene aufgesetzt. „Ich werde dich nicht schonen, nur weil du mein Kind bist. Ich werde alles tun, was nötig ist, damit du dich verteidigen kannst."

Nichts anderes hatte ich von dem Engel vor mir erwartet und mein knappes Nicken signalisierte ihm, dass ich die Bedingungen verstanden und akzeptiert hatte.

„Gut, aber zunächst brauche ich einige wichtige Informationen und dann sehen wir, womit wir beginnen. Also, was hast du bis jetzt alles mit deinen Kräften bewirkt? Hast du bereits Stärken festgestellt?"

Dafür musste ich nicht zu lange überlegen. Auch wenn mir meine Fähigkeiten bisher eher schwach vorkamen, so versuchte ich sie in Worte zu fassen, um meinen Vater wissen zu lassen, wo mein derzeitiger Ausbildungsstand war.

„Ich habe eine kleine Wunde heilen können und besser sehen und hören kann ich auch." Mein Vater nickte lediglich, so als sei dies selbstverständlich.

„Natürlich kannst du andere und dich selbst heilen. Das Blut, das durch deine Adern fließt, kann jegliche Krankheiten dieser Welt kurieren, Felix. Es ist stark genug, um einen Todgeweihten von seinem letzten Lager aufstehen zu lassen. Doch diese Gabe hat ihren Preis. Sie wird nur die erreichen, die deine reine, himmlische Seele für würdig erachtet. Außerdem mischen sich sowohl Engel als auch Nephilim nicht in die Geschicke der Menschen ein. Wir sind Hüter des Friedens aber keine Samariter. Auch wenn wir Gott geschworen haben, den Menschen zu dienen, so gilt das nicht für jeden gleich." Kurz schien ihn diese Tatsache zu verärgern, doch dann fokussierte er sich auf die weiteren Eigenschaften, die ich ihm genannt hatte.

„Auch die verbesserten Sinne sind ein sehr typisches Signal. Dein Körper wird stärker und ausdauernder. Er ist widerstandsfähig und flexibel. Schließlich kämpft ein Naphil normalerweise gegen die Dunkelheit der Hölle und gegen die Schrecken der Nacht. Gibt es sonst noch etwas, dass du an dir bemerkt hast?"

Diesmal überlegte ich länger. Ich ließ mir Zeit, einige Szenen nochmal Revue passieren zu lassen.

„Ich kann das Böse spüren. Ich muss mich nicht nur auf meine Sinne verlassen. Ich kann fühlen, ob jemand anderes Böse ist oder etwas Schlimmes plant. Es ist wie eine Vorahnung."

Neugierig betrachtete mich mein Vater. „Kannst du mir ein Beispiel nennen?"

Jetzt musste ich nicht nachdenken, denn die Worte sprudelten nur so aus mir hervor. „Letztens in der Schule habe ich eine dunkle Aura am Schultor wahrgenommen. Als ich das Wesen oder die Person näher betrachten wollte, hat sie sich meinem Blick entzogen. Aber kurz darauf ist ein Dämon aufgetaucht und er hat diese Energie ebenso wahrgenommen. Ich bin mir sicher."

Mein Vater nickte andächtig und schien diesem Detail doch mehr Bedeutung beizumessen als von mir angenommen. „Nimmst du auch die Aura der Dämonen wahr? Haben diese sich anders angefühlt?"

Hastig nickte ich und versuchte dann in Worten zu beschreiben, was ich bei Changbin gefühlt hatte. „Ja, die Dämonen kann ich auch wahrnehmen. Ich habe aber noch Schwierigkeiten, mich auf mehrere Quellen gleichzeitig zu konzentrieren. Aber diese Dunkelheit hat sich anders angefühlt. Es war eine viel akutere Gefahr, als würde jeden Augenblick etwas passieren. Das hatte ich bei Changbin nicht."

Der Engel schien zu wissen was ich meinte. „Wirklich interessant. Aber damit können wir arbeiten. Also bist du sensibel für die Energien und Absichten von anderen Wesen, vor allem wenn es um Bedrohungen geht. Und da du es schon halbwegs einzusetzen weißt, können wir diese Fähigkeiten trainieren."

Dankbar blickte ich ihn an und fragte dann. „Wie genau wird dieses Training aussehen?"

„Heute werden wir erstmal feststellen, wie deine Verteidigungsstrategie aussieht und welche Techniken dir im Angriff liegen. Also bist du bereit?"

Etwas verunsichert legte ich den Kopf schief und sah hinüber zu dem Engel, dessen ganzer Körper nun sanft glühte. Er war definitiv bereit für einen Kampf. Aber war ich es auch?

Doch ich wollte ihn nicht enttäuschen, außerdem spürte ich die Euphorie in mir ansteigen. Es schien eine Art Verbindung zwischen uns zu herrschen, die auch meine Risikobereitschaft steigerte.

„Los geht's."

Ich drückte meinen Rücken durch und verfolgte mit den Augen ganz genau die Bewegungen, die mein Vater machte. Um überhaupt eine Chance zu haben, musste ich all meine Konzentration aufbringen.

Als dann der entscheidende Moment kam, ging alles so schnell, dass ich lediglich ausweichen konnte. Ein kalter Lufthauch zog direkt nach den Eissplittern knapp an mir vorüber. Erschrocken riss ich die Augen auf und drehte mich dann zu dem Engel um.

„Ich habe dir gesagt, ich werden dich nicht schonen." Meinte dieser mit einem leichten Zucken der Mundwinkel und wartete, bis ich mich erneut aufgestellt hatte.

Bei der nächsten Attacke reagierte ich auch wesentlich schneller. Immerhin wusste ich jetzt, womit ich rechnen musste. Die Splitter aus Eis waren etwa so lang wie Dolche und sie schimmerten gläsern im Mondlicht. Zunächst fragte ich mich warum sie das taten, aber vermutete dann, dass es doch eine Art Vorsichtsmaßnahme meines Vaters war, damit ich keinen davon übersah.

Diesmal wich ich einigen Geschossen geschickt aus, lehnte mich zurück und schlug dann mit meiner Hand nach den beiden letzten Splittern. Deren Flugbahn hatte ich gut nachvollziehen können und so schienen sie beinahe in Zeitlupe auf mich zuzukommen. Und so schaffte ich es erstaunlicherweise, beide zur Seite zu schlagen, sodass sie einige Meter weiter auf dem Boden landeten.

„Das war doch schon besser."

Bevor ich mich jedoch über den Fortschritt freuen konnte, erreichten mich weitere eisige Bruchstücke. Nun waren sie jedoch zeitlich und räumlich so versetzt, dass ich nicht mehr so leicht ausweichen konnte. Bei den ersten paar versuchte ich es noch, doch merkte schnell, dass es mir nichts brachte, die Konfrontation zu scheuen. Deshalb kickte ich einen großen Teil der heranrasenden Eisnadeln mit einem geschickten Tritt meines Fußes aus der Gefahrenzone, drehte mich blitzschnell, um den restlichen Schwung zu nutzen und sprang in die Höhe. Für einen Moment fühlte es sich wie Fliegen an, doch dann landete ich schon wieder auf dem Boden und griff den letzten Splitter aus der Luft.

Instinktiv drehte ihn meine Hand und schleuderte ihn dorthin zurück, woher er gekommen war. 

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Ich bin noch nicht sicher, ob die Updates am Freitag pünktlich kommen werden. Wir haben Besuch und da ist es immer schwer einzuschätzen, wie stressig alles wird. 🙃 

I love you. 💖

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