Die Hingabe einer Mutter
"Ja, ich werde antworten."
Endlich ließ mich Minho los und Hyunjin trat zur Seite, um gleich darauf auffordernd zu Changbin zu sehen.
"Ich denke, du solltest dieses Gespräch führen. Immerhin wissen wir nun, dass sie nicht der übernatürliche Part ist... Ein Engel würde nicht auf meine Kräfte reagieren."
Es beruhigte mich etwas, dass Changbin meine Mama befragen sollte. Ihm vertraute ich immerhin so weit, dass er ihr nicht wehtun würde. Hoffentlich...
Dennoch würde es unangenehm werden. Das wurde mir schon bei der ersten Frage klar.
"Wussten sie, dass ihr Sohn kein Mensch ist?"
Changbin kam gleich zum Punkt und seine Augen begannen wieder weiß zu leuchten, während meine Mama ziemlich schockiert den Kopf schüttelte.
„Wovon sprechen sie da? Wer sind sie überhaupt und was haben sie mit Felix zu tun. Er ist ganz normal. Das weiß ich", sprach sie mit einer solchen Überzeugung, dass ich ihr gern geglaubt hätte.
„Ich spreche davon, dass Felix das Kind eines Engels ist." Die anderen Fragen ignorierte Changbin zunächst gekonnt und beobachtete die Reaktion meiner Mutter. Diese schüttelte erneut vehement den Kopf und lachte dann ungläubig.
„Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen."
„Ganz sicher nicht", meinte Changbin kühl und sah kurz zu Chan, der ebenfalls kaum merklich den Kopf schüttelte. Ich vermutete, dass er sich gerade vergewissert hatte, ob meine Mutter nicht doch log. Und da Chan laut Seungmin Gedanken lesen konnte, war er wohl die perfekte Absicherung, dass meine Mom die Wahrheit sprach.
„Ok, versuchen wir es anders. Wissen sie, dass Dämonen und Engel existieren?"
Nun wirkte meine Mama zunächst verwirrt, dann blickte sie zu mir und verneinte die Frage mit einem Kopfschütteln. Doch diesmal war sie nicht mehr ganz so überzeugt und ich wusste, dass sie wohl offensichtlich einige Male darüber nachgedacht hatte.
„Also wussten sie auch nicht, dass ihr Mann, Felix Vater, ein Engel war?"
Jetzt erkannte ich deutlich den Schock in Mamas Augen. Dann kamen die Tränen. Sie sah Changbin verletzt an. „Das-das kann nicht sein. Er- er ist tot."
Sie schluchzte leise auf und das war der Moment, in dem ich mich endgültig an Minho vorbeidrängte, zu meiner Mutter lief und sie fest in die Arme schloss. Ich drückte sie zärtlich an mich, streichelte ihren Rücken und lauschte gequält ihrem Schluchzen. Ich hasste es, sie so traurig zu sehen. Ich wollte das nicht. Noch fester schlang ich meine Arme um sie und spürte dann eine geborgene Wärme, die mich beruhigte. Ich schloss meine Augen, versuchte diese Wärme auf meine Mama zu übertragen und summte ganz leise.
„Alles wird wieder gut. Hörst du Mama. Ich bin da. Ich bleibe immer bei dir. Ich gehe nicht weg. Egal was passiert. Ich bin immer noch dein Felix."
Kurz öffnete ich die Augen, da das Schluchzen leiser wurde und langsam ganz verebbte. Erst da sah ich, dass meine Haut erneut stärker glühte und ein helles, strahlendes Licht meine Mutter und mich umgab. Scheinbar löste ich es aus und konnte damit die Geborgenheit auf sie projizieren. Sanft streichelte ich sie weiter und drückte ihr dann einen Kuss auf die Stirn.
„Ich bin da Mama."
Sie sah mich aus leicht geröteten Augen an. Versuchte offenbar zu ergründen ob ich die Worte ernst meinte.
„Felix. Du... du bist ihm so ähnlich", hauchte sie kaum hörbar und legte ihre Hand auf mein Haar. „Ich vermisse ihn so sehr."
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen und ich lächelte traurig. „Das tue ich auch, Mama. Aber ich werde nicht gehen. Ich bin bei dir."
Sie schniefte leise und nickte. „Danke." Dann betrachtete sie mich. „Ich weiß zwar nicht ob das alles stimmt, was ich gerade gehört habe... aber wenn es so ist, dann bist du etwas ganz besonderes, Felix. Und wenn ich ehrlich bin, dann ergibt jetzt so vieles einen Sinn, was dein Vater damals gesagt hat."
Nun schienen auch die Dämonen hellhörig zu werden, denn Changbin trat wieder näher, während Minho uns ebenfalls genau im Blick behielt. Bevor jedoch jemand anderes die Frage stellen konnte, tat ich es.
„Was hat er dir gesagt Mama?"
Sie lächelte schwach. „Nicht viel. Er meinte nur immer wieder, dass du außergewöhnlich sein würdest. Dass du Wunder vollbringen kannst und er dich schützen muss. Er war so vernarrt in dich. Er wollte dich kaum aus den Augen lassen und meinte, dass er dir ein unbeschwertes und glückliches Leben ermöglichen wolle. Ich habe es nie verstanden... aber jetzt sehe ich es." Sie blickte auf meine Haut, die immer noch leicht glühte und dann drückte sie mich an sich.
„Felix. Es ist egal was du bist. Ich liebe dich so sehr." Ein kleines Schniefen drang doch noch an mein Ohr und meine eigenen Emotionen wurden doch wieder stärker. Ich spürte auch auf meinen Wangen die Tränen und wischte sie rasch ab, bevor sie herabtropfen konnten.
Als ich mich schließlich von meiner Mama löste, war es seltsam still im Raum. Alle standen noch am exakt selben Platz.
Doch wieder einmal kam die Neugierde der Lee Familie in meiner Mutter zutage. Zunächst überblickte sie meine Freunde, lächelte Jisung kurz zu, da sie ihn immerhin von allen am besten kannte und nahm dann auch die Dämonen in Augenschein.
„Wer sind diese Jungen?" Ihre Stimme klang ungewohnt fest vielleicht sogar ein wenig abweisend. Verständlich, wenn man bedachte, dass sie sie zu ihrer Aussage gezwungen hatten.
Gebieterisch trat nun auch noch Chan vor und raunte Hyunjin etwas zu, der nickte und zu meiner Mama sah.
„Ich sollte ihr die Erinnerungen an dieses Gespräch nehmen. Ich kann sie vergessen lassen, dass sie je hier war und dass sie erfahren hat wer du bist", sagte er an mich gewandt. Doch sogleich schüttelte meine Mutter den Kopf.
„Nein. Ganz sicher nicht. Ich will das nicht vergessen." Erneut erkannte ich die starke, selbstbewusste Frau in ihr und war unglaublich stolz. Deshalb hob ich ebenfalls entschlossen das Kinn.
"Wenn sie das nicht möchte, dann wird das auch nicht passieren", sagte ich autoritär und stellte mich fast schützend vor sie. Ich würde sie verteidigen wenn es sein musste und sicher konnte ich das mit meinen neuen Fähigkeiten. Selbst wenn ich noch nicht richtig wusste wie, ich würde es schaffen.
Hyunjin zog fragend die Augenbraue nach oben und drehte sich kurz in Chan und Minhos Richtung, die sich ebenfalls zu unterhalten schienen. Aber dann zuckte er die Schultern. „Meinetwegen. Auf einen Menschen mehr kommt es nicht an..."
„Einen Menschen?" Mama musste aber auch immer so scharfsinnig sein und der silberhaarige Dämon lächelte kühl und überlegen.
„Ja... Menschen... Dachten sie etwa wir sind der Pizzaservice von der nächsten Straßenecke?"
Mama drehte sich wieder zu mir um und ich sah ganz deutlich die Frage in ihren Augen, die ich ihr so ungern beantworten wollte. Aber es musste wohl sein.
"Felix, woher kennst du diese Jungen? Wer sind sie?"
Ich tauschte einen raschen Blick mit Jisung und meinen anderen Freunden und erhielt nur ebenso zerknirschte Blicke zurück. Ihnen war auch nicht wohl bei der ganzen Sache aber ich wollte oder konnte es meiner Mutter nicht verschwiegen oder sie anlügen. Dazu war ich nicht fähig.
"Mama, bitte, hör mir erst zu und sei nicht sauer auf mich... Ich also... Jeongin, Seungmin, Jisung und ich haben eine Beschwörung ausgetestet... Eine Beschwörung für Dämonen." Ich lächelte etwas gequält. "Naja, und sie hat funktioniert." Vage deutete ich zu den vier Dämonen, die nun ebenso die Reaktion meiner Mutter abwarten.
Diese stieß zunächst einen ungläubigen kleinen Laut aus, doch als keiner von uns Anstalten machte, diese Worte als schlechten Scherz zu entlarven, starrte sie von mir zu den Dämonen. Dann zu meinen Freunden und wieder zu den höllischen Wesen. Dann sah sie zurück zu mir.
"Lee Felix. Was hast du getan?"
Es war eine Mischung aus Erschütterung und Resignation, die aus ihren Worten sprach und sie ließen mich kurz zusammenzucken. Ich kam mir wirklich wie ein totaler Narr vor.
"Das heißt, dieser Junge von dem du letztens nicht viel erzählen wolltest, ist in Wahrheit ein Wesen der Hölle?" Fasste sie die Fakten leider wieder einmal erschreckend treffend zusammen. Ich nickte lediglich und sie seufzte, dann rieb sie sich über die Schläfe und sah zu den wartenden Dämonen. Sie musterte sie der Reihe nach und ihr Blick blieb länger an Changbin hängen.
Sie wusste es. Ohne Zweifel.
"Du bist derjenige, der meinen Sohn verführt hat?"
Ich sagte es ja, sie war einfach zu clever.
Changbin beantwortete die direkte Frage mit einem kleinen Grinsen. "Sehr scharfsinnig... Sie haben wirklich nur die besten Gene an ihren Sohn vererbt... Hoffentlich kommt er nicht zu sehr nach seinem Vater. Es wäre eine Schande so viel Talent zu vergeuden."
Mama schnaubte unwirsch und ich wusste sogleich, dass sie es nicht toll fand, dass Changbin meinen Vater gerade indirekt beleidigt hatte. Doch dann drehte sie sich zu mir um.
"Felix. Ich-also das ist mir gerade etwas zu viel. Ich würde gern wieder nach Hause." Ich verstand sie bestens und ihre Augen sagten mir, dass sie ziemlich erschöpft sein musste. Sogleich nickte ich und diesmal war es Chan, der sprach.
"Eine gute Idee. Ich schlage vor, du bringst die beiden nach Hause und klärst das, soweit es möglich ist." Er hatte während des Sprechens Changbin angesehen und dieser stimmte ihm nach einem Blick zu mir zu. Schneller als erwartet trat er zu uns und griff Mama und mich am Arm, bevor uns schon die Helligkeit verschluckte.
-------------
Wie sieht es aus meine lieben Leser*innen? Habt ihr Lust auf eine Lesenacht nächsten Freitag? Wenn alles läuft wie geplant, dann bekommt ihr auch mal mehr als vier Kapitel... 😈
Bis dahin wünsche ich euch ein tolles verlängertes Wochenende und schöne Pfingsten. 💕
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top