Der gestürzte Heroe
Felix Pov:
„Das Ritual könnte selbst den Herrscher über die Hölle so weit schwächen, dass er Gott um die Gnade eines Lebens anfleht. Um das Leben seines Geliebten."
Die Worte hingen wie ein scharfes Schwert, das jederzeit herabstürzen konnte, in der Luft. Sie waren so ungemein hinterhältig und verrückt, dass man sie einem himmlischen Wesen insbesondere Gott eigentlich nicht zutraute. Doch ich war mir sicher, dass mein Vater mich nicht anlog. Er hatte mir die Wahrheit versprochen und ich wusste rein instinktiv, dass sie es war. Jedoch räusperte ich mich nun.
„Ich dachte immer, dass Lucifer über die Hölle herrscht, dass er den Teufel verkörpert und den Thron für sich beansprucht. Wer also ist der wahre Herrscher der Finsternis und der Hölle?"
„Nein, Lucifer hat den Thron nie an sich gerissen, zumindest soweit mir bekannt ist. Er war zufrieden damit, dass sein neuer engster Vertrauter regierte und sich um die Belange der Unterwelt kümmerte. Ihm war die Herrschaft über den Himmel weitaus wichtiger als die über die Hölle. Aber deine zweite Frage ist etwas kompliziert zu beantworten, denn wer in diesem Augenblick die Macht über die Hölle hat, ist selbst uns Engeln verborgen geblieben. Damals allerdings war der wahre Herrscher und Lucifers neuer Verbündeter Satan selbst."
Ich blinzelte überrascht und neigte dann langsam den Kopf. „Oh- okay... In der Bibel und anderen religiösen Schriften wird dieses Wort doch einfach nur als Synonym für den Teufel oder eben Lucifer verwendet. Und in der Realität ist es also so, dass Satan und Lucifer sich verbündet haben, um den Regeln Gottes zu trotzen und ihn womöglich am Ende zu stürzen? Oder wollten sie einfach gemeinsam in der Hölle bleiben?"
„Richtig, sie sind Verbündete... aber womöglich hat sich daraus auch eine tiefere Freundschaft entwickelt." Michaels Stimme war etwas leiser geworden und er berührte gedankenverloren die Rune auf seiner Brust. „Es würde erklären, warum ich ihn kaum noch spüren konnte." Als er merkte, dass er kurz abgelenkt gewesen war, schüttelte er unwirsch den Kopf und fügte dann hinzu. „Allerdings habt auch ihr Menschen längst erkannt, dass Satan und Lucifer unterschiedliche Dämonen sein könnten. Und so beschreiben es auch teilweise eure irdischen Glaubensrichtungen. Beide Dämonen haben ganz verschiedene Fähigkeiten. Während einer immer noch hell und ehrgeizig strahlt, so soll der andere durch seine pure Stärke und strategische Präzision herausgestochen haben. Ich selbst kannte Satan. Ich habe seine charismatische und vor allem machtvolle Ausstrahlung erlebt. Er war ein Wesen von überwältigender Schönheit und doch wohnte in ihm ein unbändiger Zorn, eine Dunkelheit, von der ich glaubte, dass niemand sie je soweit aufbrechen könnte, dass er dazu fähig ist, etwas oder jemanden zu lieben. Nun ja, und am Ende habe ich wohl recht behalten."
Ich runzelte die Stirn, verlagerte mein Gewicht auf das andere Bein und fragte dann geradeheraus. „Wieso hast du recht behalten und warum sprichst du von Satan immer in der Vergangenheitsform?"
Der Engel neben mir streckte seine Finger nach mir aus, berührte zaghaft meine Wange und lächelte stolz. „Oh mein Sohn, du bist wahrlich das Kind deiner Mutter. Auch sie hat ständig so viele kluge Fragen gestellt. Ich musste ja so aufpassen, ihr nicht zu viel anzuvertrauen."
Ein kleiner Wärmeschauer lief durch meinen Körper und ich ließ die zarte Berührung zu, lehnte mich sogar leicht in sie. Gleichzeitig wartete ich geduldig, bis Michael bereit war, mir auf meine ursprüngliche Frage zu antworten. Die Antwort jedoch überraschte mich.
„Satan ist tot. Er existiert nicht länger. Gott hat ihn umgebracht."
Nun verstand ich gar nichts mehr. „Aber hast du nicht gesagt, er wollte ihn so unbedingt unfassbare seelische Qualen durch das Ritual leiden lassen und ihn nicht nur umbringen? Wieso hat er es dann doch getan? Oder hatte er sein Ziel irgendwie erreicht? Und wie tötet man den Teufel oder Satan? Verbrennen? Erstechen?"
Plötzlich tat mein Vater etwas sehr Untypisches. Er ließ sich langsam auf das weiche Moos der Lichtung sinken und saß nun beinahe entspannt auf dem Boden. Er sah zu mir auf, strich über das kurze, dünne Gras, das den Untergrund der Lichtung bedeckte und forderte mich stumm auf, mich zu setzen. Eilig tat ich es ihm nach und platzierte mich neben ihm.
„Das wird wohl die zweite Nacht der Offenbarungen für dich. Diese Geschichte muss ich dir wirklich noch erzählen, da sie einen wichtigen Punkt beinhaltet, der auch für dich und deine Beziehung zu Lucifer entscheidend sein könnte. Vor allem im Hinblick auf dieses vermaledeite Ritual."
Das klang ja nach rosigen Aussichten. Aber ich wollte mich nicht beschweren.
„Zunächst einmal... einen Drachen kann man nicht mit Feuer töten, Felix. Satan zu verbrennen wäre, wie eine Flamme mit Benzin löschen zu wollen. Drachen sind Feuer. Und um einen Lindwurm zu erstechen, muss man wirklich geschickt und sehr stark sein."
Ich neigte verstehend den Kopf und kam mir selbst etwas blöd vor, dass ich eine so dumme Frage gestellt hatte. Meine fehlende Belesenheit in einigen Bereichen machte mich etwas verlegen.
„Nachdem Lucifer nun in der Hölle war und sich Satan angeschlossen hatte, ersann mein hoher Vater seine Rache, um seinen verletzten Stolz zu lindern. Er nahm das Schicksal in die eigene Hand und formte den Zauber, der Dämonen und Menschen aneinanderbinden kann. Er ließ ihn den Menschen zukommen, in der festen Überzeugung sie würden ihn anwenden und einer wäre stark genug, Satan selbst an sich zu ketten. In dieser Zeit jedoch wuchsen auch die Pläne der Vergeltung in meinem Bruder Lucifer. Er wollte für seinen Sturz in die Hölle und seine erlebte Schmach ebenso Rache üben. Er wollte Gott noch immer vom Thron stürzen und diesen selbst in Besitz nehmen. Da er nun mächtige Verbündete hatte, ersann er einen Plan und wollte gemeinsam mit seinen Getreuen den Himmel erobern. Doch Satan riet ihm davon ab. Er wollte vermutlich, dass Lucifer seine Kräfte weiter sammelte und auf den richtigen Augenblick wartete – er war schon immer vorausschauend und seine Art Ränke zu schmieden suchte ihresgleichen." Mein Vater warf mir einen kurzen Blick zu, so als wolle er sichergehen, dass ich immer noch gebannt lauschte. „Natürlich hörte Lucifer nicht auf ihn. Er griff mit seinen gefallenen Engeln und einigen Dämonen den Himmel und somit auch Gott selbst an."
Meine Augen weiteten sich, als ich daran dachte, dass der Changbin, den ich kannte, der meistens so ruhig und besonnen wirkte, Gott angegriffen hatte, um diesen umzubringen und auch noch seinen Platz einzunehmen. Aber noch bevor die Komplexität der Erzählung wirklich in meinem Verstand ankam, wurde ich schon mit weiteren Worten abgelenkt.
„Seine Kräfte waren stark – stärker als jemals zuvor. Auch ich musste an jenem Tag kämpfen und ich kann zugeben, dass er sich tapfer schlug. Er gab selbst nicht auf, als viele seiner Getreuen gefallen waren. Und sogar als er nur noch allein gegen uns rang, konnte er länger standhalten, als erwartet. Satan hörte von seiner Not und eilte ihm zu Hilfe. Ja richtig, der Teufel selbst verteidigte einen gefallenen Engel, den er erst wenige Jahre kannte. Er wollte ihn dazu bringen, mit ihm in die Hölle zurückzukehren. Jedoch blieb Lucifer stur und schlachtete weiter Engel ab, die nichts für seine Lage konnten... bis Gott sich entschied, selbst einzugreifen und seine einst liebste Schöpfung zu töten. Aber seine Macht traf den Falschen. Satan opferte sich an diesem Tag für Lucifer."
Hätte mein Vater nicht so ernst gesprochen und wäre um uns herum nicht alles gespenstisch leise, so hätte ich genau in diesem Augenblick laut gelacht und es für einen dummen Witz gehalten.
Der Teufel selbst hatte sich geopfert? Ein Wesen, das keine Nächstenliebe oder Zuneigung kannte, hatte sich für einen anderen umbringen lassen?
Jetzt wo ich es so durchdachte, klang es sogar noch absurder.
„Es ist schwer zu glauben. Aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen", versicherte mir der Erzengel, drehte mir seinen Oberkörper zu und griff nach meiner Hand.
„Wenn du willst, kann ich dir diese Erinnerung sogar zeigen. Da ich dabei war, kann ich sie dir übermitteln." Er schien auf meine Einwilligung zu warten und sah mich weiterhin mit seinen strahlenden blauen Augen an.
„Okay", murmelte ich etwas unsicher und wusste nicht so recht, was ich gleich sehen würde.
Mir wurden zwei kühle Fingerspitzen frontal an die Stirn gedrückt und dann stürzte für kurze Zeit nur grelles Weiß und ein Gewirr aus Geräuschen und Eindrücken auf mich ein. Alles fühlte sich überwältigend und gleichzeitig so real an, dass ich mich erst zurechtfinden musste. Plötzlich wurde meine Sicht klarer und nun hatte ich das Gefühl, tatsächlich in der Haut meines Vater zu stecken; zumindest sah ich alles durch seine Augen und blickte somit auf das Geschehen direkt vor mir. Dann wurde mir bewusst, dass ich zum ersten Mal den Himmel sah.
Alles war hell und klar, strahlend weiß und sauber. Nun, beinahe sauber, zumindest bis dahin wo das Schlachtfeld anfing und der weich aussehende weiße Untergrund mit Blut besudelt und von Leichen übersäht war.
Kleine Rauchfetzen hingen in der Luft und vermischten sich mit dem Weiß der Schäfchenwolken. Immer lauter drang nun auch der Kampfeslärm zu mir herüber. Es war wie bei einem Radio, das man kontinuierlich lauter drehte.
Durch die scharfen Augen des Engels erblickte ich nun auch die kleine Schar an Dämonen und gefallenen Engeln, die sich einen Weg durch die Reihen der strahlend schönen Engel kämpfen wollte. Ganz vorn inmitten der Angreifer erkannte ich einen glänzenden Engel, dessen Federn bereits dunkle Male aufwiesen. Seine Flügel waren drohend gespreizt, sein rabenschwarzes Haar fiel wie ein Kranz um sein Haupt und die Augen glühten weiß. In einer Hand hielt er ein langes schillerndes Schwert, dessen Klinge eben und schwarz im Licht badete. Die Waffe schien der neuen Identität des einst so reinen Engels perfekt angepasst zu sein – düster und tödlich, um sich an jedem Feind zu rächen.
Auch wenn der unerschrockene Krieger so übernatürlich und etwas fremd aussah, identifizierte ich ihn als Changbin. Allein sein spitzes Kinn und die entschlossen funkelnden Augen, die das Ziel nie aus dem Blick verloren, waren Beweis genug. Dann erfolgte ein erneuter Angriff.
Ich beobachtete aufgeregt, wie der Dämon mit seiner Armee im Rücken vorwärtsstrebte und die vorderste Reihe der Engel mit nur einem einzigen Flügelschlag einen guten Meter zurückdrängte. Seine Kraft schien in diesem Augenblick unermesslich und sein Stolz ungebrochen.
Ich sah, wie sich die Szenerie minimal änderte, die Bilder verschwammen erneut und rasten blitzschnell vor meinen Augen vorüber, so als würde man einen Film viel zu schnell durchlaufen lassen. Dann klärte sich meine Sicht wieder und nun war das Schlachtfeld unter uns mit noch mehr Leichen übersäht. Auch Michael hatte offenbar seine Position geändert, da wir uns jetzt ein ganzes Stück näher am Kampfgeschehen befanden. Die Dramatik der Situation war nicht zu leugnen. Changbin rang gerade verbissen mit mehreren Engeln, während er vollkommen ohne Deckung dastand. Seine letzten beiden Mitstreiter wurden in diesem Augenblick von den übermächtigen Heerscharen des Himmels in Fetzen gerissen.
Für einige Minuten erkannte ich nur dann und wann das Aufblitzen des dunklen Schwertes, das Changbin fest in den Händen hielt oder das schwarze Haar kam zwischen den weißen Gewändern der Engel hervor. Mein Dämon kämpfte verbittert und wusste doch, dass er verloren hatte. Seine Niederlage konnte sich Lucifer aber wohl nicht eingestehen. Noch nicht zumindest.
Und plötzlich ertönte ein lautes Brüllen und dann vibrierte die Luft um mich herum. Sogar die Engel hatten auf einmal Mühe, sich in ihrer Position oder überhaupt auf den Beinen zu halten und Binnie noch zu Leibe zu rücken.
Dann schoss ein riesiger roter Drache durch die Wolken empor und schraubte sich immer höher in die Luft. Majestätisch spannte er schließlich seine Flügel auf und segelte wie ein Falke auf der Jagd über das Feld der Toten. Unvermittelt legte er die Flügel an, stürzte hinab auf die Kämpfenden zu und spie glühend heiße Flammen über den Engeln aus. Sogar ich spürte den Feuerstrom auf meiner Haut prickeln aber sah weiterhin unverwandt zu, wie der Drache zum Landen ansetzte und sich noch während dem Aufsetzen auf den Boden zu einer menschenähnlichen Gestalt formte. Seine Umrisse waren dennoch unscharf, so als wäre er in größter Eile. Nur die spitzen Hörner und das flammende Haar, das ihm wie eine wehende Mähne folgte, waren deutlich auszumachen.
Dann sprintete Satan unvermittelt los und warf sich mitten unter die kampfbereiten Engel. Einfach so, vollkommen ohne Waffen und ohne weiteren Schutz. Offenbar hatte er das nicht nötig, denn seine Gestalt tanzte förmlich hin und her, zu schnell für ein menschliches Augen und immer noch sehr schnell für das eines Erzengels. Gerade als es so aussah, als hätten sich die beiden Angreifer genügend Luft verschafft, tönte eine Stimme befehlsgewohnt über den Kampfschauplatz.
„Hör auf, Lucifer. Kehre mit mir zurück in die Hölle. Gib deinen irrwitzigen Plan auf. Den Himmel kann man nicht an einem Tag erobern, außer du willst noch heute sterben."
Die Worte klangen eindrucksvoll und gleichzeitig eindringlich. Sie sollten Changbin zur Vernunft bringen und ihn zum Einhalten zwingen. Dieser jedoch nutzte die Bresche, die sein Verbündeter geschlagen hatte, aus, um weiter vorzudringen und sich seinen ehemaligen Brüdern und Schwestern entgegenzustellen.
So sah sich Satan wohl ebenso gezwungen, erneut einzuschreiten. Er wirbelte umher, tötete Engel, sprang über die Berge aus Leichen und deckte dem rachsüchtigen Engel den Rücken. Für weitere Minuten kämpften die beiden Seite an Seite, so erbittert und so geschickt, dass ich sogar in Michaels Erinnerungen die Bewunderung und Faszination lesen konnte. Und es schien fast so, als hätte auch der Erzengel ein wenig Furcht davor, dass sie ihr Ziel tatsächlich erreichen könnten.
Ich merkte, wie sich mein Vater nun bereitmachte, selbst in das Kampfgetümmel einzugreifen. Doch da grollte plötzlich ein mächtiger Donner durch die Luft und ein gleißend heller Lichtstrahl raste auf Changbins Brust zu. Für den Bruchteil einiger Sekunden schien die Zeit langsamer zu vergehen, denn ich konnte nun beobachten, wie sich Satan zu dem Schwarzhaarigen umwandte, die Gefahr auf ihn zukommen sah und dann mit einem übermenschlichen Sprung und einem kurzen Sprint den Todgeweihten erreichte. Er warf sich ohne zu überlegen vor Lucifer und der Lichtblitz traf ihn mittig in die Brust.
Sofort hörte man einen verzweifelten Schrei von Changbin, der selbst aus dieser Position ungläubig auf den Rücken seines Verteidigers starrte, der vollkommen reglos vor ihm stand.
Doch nach gefühlten Ewigkeiten, die wahrscheinlich nur Sekunden waren, erloschen plötzlich die tiefroten Flammen um den Teufel. Sein Haar bäumte sich ein letztes Mal auf, dann lagen nur noch dunkle Haarsträhnen an seinen Schläfen. Die Hörner verschwanden ebenso und dann sackte der Getroffene auf die Knie, bevor er seitlich wegkippte und tot am Boden liegenblieb.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können – Jean Paul
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Meine Lieben, heute muss ich euch leider auf ein Kapitel vertrösten... und auch in der nächsten Woche wird nur eines kommen. Ich hab alle Hände voll zu tun und bin so froh, wenn der März vorbei ist.
Love you and stay safe. 💕
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